Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 38 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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zu ilt. 38 des üranfefuctet IJmetitifnieti fttmi[ien6[attes. Berthold Auerbachs Jugend. (Schluß». Und der Epilog seiner Jugend? Ter innere und äußere Nachhall derselben? Die Fortsetzung seines Lebens? Von Stuttgart, wo er zu Füßen von David Friedrich Strauß und von Ludwig N h l a n d saß und wo ein Kreis hochgestimmtcr Genossen schlummernde reine Triebe in ihm weckte, wänderte er nach Heidelberg unter die Führung des markigen Geschichtsschreibers Schlosser. Zeitgemäße Tcmagogenriecherei mutmaßte auch in ihm einen Revolutionär und brachte ihm zwei Monate Festungshaft Hohenasperg. August Lewald, der Herausgeber der Zeitschrift „Europa", witterte mit seiner feinen journalistischen Spürnase seine kritische Begabung und machte sie sich ausgiebig dienstbar. Gelesenes und Geschautes, falsch Gelesenes und mangelhaft Geschautes verdichtet sich zu dm beiden Judcnromanen „Spinoza" und „Dichter und Kaufmann". Zwischen beiden liegt ein episodischer Aufenthalt in Frankfurt, der ihn in nachwirkende Beziehung zu GabrielRießer und zu A b r a h a m G e i g e.r bringt. Dann, Herbst 1843, konimt der große Wurf der „Schwarzwälder Dorfgeschichten" und führt ihn mit einem Male aus der Tiefe der Selbstzerfleischung auf eine ansehnliche und sichere Höhe reifen, berühmten Glückes. Von da ab ein stetes Vorwärts und Aufwärts, nicht immer der Leistungen, wohl aber immer der Geltung. F r eilig r a t h entbietet durch die „Kölnische Zeitg." in wundervollen, unvergeßlich Ivarmen und reichen Strophen den „Schwarzwälder Dorfgeschichten" einen weithin hallenden Gruß, späterhin senkt außer vielen anderen Friedrich Theodor Bischer,' der tapfere, tiefgründige Kämpe der „Kritischen Gänge", diese Heller Begeisterung nicht minder wie bärbeißigen Humors fähige Kernnatnr, ehrerbietig den Degen vor dem Dichter. Der Cottas che Verlag alt- und neuberühmten Angedenkens, nimmt ihn unter seine Fittige und trägt ihn damit über die ganze Welt. Hin- und herirrlichteliercnd, bald in Berlin, bald in Leipzig, bald an der Stätte klassischer Andacht, Weimar, sich zum Literaturkenner und Beurteiler ersten Ranges entwickelnd, überall beliebt, nmschwärmt, verhätschelt, sich dabei allerdings etwas viel ausgcbend, der gesammelten Kraft entrückend, aber auch bei den Besten seiner Zeit wohlgelitten und wohlakkreditiert, verliebt er sich 1846 in Breslau in A u g n st c S ch r e i b e r und hei-> ratet Mai 1847. Glückselige Flitterwochen oder richtiger Flittcrmonate sühren das Paar im September ins Heidelberger Heim. In jauchzender Ncberschwänglichkeit, die die ganze reiche Innigkeit seines Wesens entfaltet, kann er März 1848 die Geburt eines Sohnes melden. Einen Monat später sitzt er gebrochen an der Leiche seines Frau. Zusaniincngcraffte Energie heißt ihn für sein Kind und für seine Muse weiterleben. In Wien geruht ihn Hebbel, mehr noch Titan in der Einbildung als Titan durch die Tat, gnädig zu empfangen, gesellen sich ihm u. a. der feingeistige, liebenswürdige Badenstedt, der klirrende Freiheitsdichter Karl Beck und — am bedeutungsvollsten für sein ferneres Dasein — Hieronymus Lärm (Landesmann), der dichterische Naturphilosoph mit seiner herben und doch tröstlich beruhigten Lebensauffassung. Er geht mit Lorms Tochter, Nina Lande s m a n n, eine zweite — übereilte — Ehe ein, die bei einer im Grunde entgegengesetzten Naturveranlagung niemals harmonische Gestalt gewann. Sie siedeln sich 1849 in Dresden an, umringt und gefeiert von einem sympathischen und geistigen bedeutenden Kreise, unter ihnen der Bildhauer Riet schel, der Maler Re in ick und der Dichter der knorrigen, wuchtigen Erbförster- Tragödie, Otto Lud ewig. Jnr Jahrzehnt Dresden wird ihm Hofgunst von Weimar und Gotha aus zuteil, literarische Gunst durch die 1855 angebahnte Verbindung mit Cotta und seine herzig-herrliche Dorfgeschichte „Barfüßele". 1863 sitzt Auerbach, der Schöpfer des gelvaltigen Romans „Diethelm von Buchenberg", am Sterbebett seines kongenialen Genossen, des Dichters der finster-packenden, Untermenschliches aufwühlenden und aufrollenden Erzählung „Zwischen Himmel und Erde", Otto Lndewi.g, und schüttet die ganze Fülle seiner Herzlichkeit und .Hilfsbereitschaft auf ihn ans. Berlin wurde 1864 die Geburtsstätte seines gefeierten Romans „Auf der Höhe". In Bonn imponiert ihm einige Jahre später die harmonisch gerundete, geistig vertiefte und geschlossene Persönlichkeit von Jakob Bernays, sozusagen in feiner Bereinigung von Thauro- und Weltwissen einem Genossen von Samson Raphael Hirsch. Die großen Ereignisse von 1870 führen ihn auf Berufung des ihm herzlich und freundschaftlich zugctauen GroßhcrzogsvonBaden ins Kriegslager, ohne daß der Aufenthalt dort sonderlich eigenartige und wohlgewachsene Früchte getragen hätte. Nach der vollendeten Gründung des Deutschen Reiches ein Hin und Her — Seßhaftigkeitsdrang hatte er so wenig wie einer seiner Vorfahren — in Baden-Baden, Heidelberg, Berlin. Aus inzwischen ehrlich erarbeitetem Reichtum durch den Finanzkrach von 1873 nahezu in Armut geschlendert, nimmt er aufs Neue das Schaffen aus und kehrt nach mehr als einem Menschenalter zu seiner ersten und gediegensten Liebe, den Dorfgeschichten, zurück. 1875 bringt ihm der plötzlich auflohcnde und auch wie ein Feuer um sich greifende Judenhaß, mit Billroth und Treitschke an der Spitze als Brandstiftern, schmerzende Wunden bei, unter denen er bis ans Lebensende ächzte. Dennoch oder vielmehr eben deshalb suchte er mit schon sich mindernder Kraft zu löscheu. Nun siel Blatt um Blatt vom Lebensbaum, Freund uni Freund schied von dannen und auch für ihn war das Ziel nicht allzuferne. Mitte 1881 schleppt sich der kranke Poet am Jahrzcitstage seiner Mutter noch einmal nach Nordstetten. Eine schwere Lungenentzündung im Oktober 1881 weckt rege Teilnahme vom .Kaiserthron bis zum Bariernheft. Februar 1882 stirbt er in Cannes, seinem eigenen Wunsche gemäß auf deni jüdischen Friedhof in Nordstetler Heimals, erde zur Ruhe gebettet. -I- Fürwahr, ein denkwürdiger Abschluß eines schickjals- und ruhmreichen Lebens. Ein Abschluß, bei dem man stillhalten und betrachtend verweilen muß. Denn es war eine Rückkehr ins Jugendland und in Jugendstimmung, die er damit vollzog. Und doch nicht eigentlich vollzog, sondern nur vollendete. Tenn die Jugend hatte gesenkt in ihn, hatte geprägt in ihm, was ihn menschlich liebenswert und dichterisch bedeutend niachtc, was ihm die Bauernhütten erschloß und die Fürstcnpaläste. Heimische Sitten hatte die eine Toppelseite seines Wesens ihn kennen lernen, heimische Bräuche und heimische Gestalten hatte er fest, markig, plastisch hingestellt, mit einem unerhörten Wirklichkeitsjinn, mit einer unendlich scharf cindringenden Beobachtungsgabe und mit eimnn schalkhaften, reizenden Humor. Das Lob des Bodens, das Glück des eigenen Bodens hatte er gesungen und die Reinheit und einfache Kraft der Natur hatte er, ein Roufseau-Fortsetzer und Rosegger-Vorgänger, mit warmen Zungen gepriesen. Und auf der anderen Doppelseite seines Wesens rieselte Mutterblut, rieselte Judenblut. Rieselte in der starken, energischen Lebensbejahung und in der leuchtenden, jubelnden Lebensfreude, in der mächtig betonten Wirkung erschütterter Büßfertigkeit, wie in dem mannhaft herben Gefühl der Selbstverantwortlichkeit für menschliches Tun dem Schöpfer gegenüber, rieselte nicht minder in der hochgesteigerten, wie in Seligkeit schwimmenden Empfindungsfähigkeit als in der süßen, in Sonnenlicht gebadeten Keuschheit der Darstellung. Mag aus der Krone seiner Romane, aus „Auf der Höhe", hier ein Diamant dafür als Beweis aufblitzen: Die Großmutter sitzt bei der schlafenden Mutter und deni ersten Enkelkinde. „Ein glänzender Stern steht über der Hütte. Er flimmert und glitzert, und drin in der Hütte liegt ein Glanz auf dem Antlitz einer Mutter, eine Wonne so unfaßbar wie der Glanz am Stern da droben. Ein Menschenkind ist Mutter eines Menschenkinds, und ein Auge wacht und sieht es, es ist das Zluge der, aus der dies Leben und das andere daneben hervorgesproßt. In der stillen Lust ist es wie Singen und Klingen aus ewigen Harfen, und in der Stube bis an die Decke ist es, als ob Engelsköpfe überall schwebten und lächelten. Die alte Großmutter sitzt, das Kinn in die Hand gestützt, in ihr Antlitz leuchtet der Glanz vom Sterne am Himmel, und zuni Stern hinauf leuchtet ihr Auge. Sie ist wie hinausgehoben über die Welt und hält den Atem an; die Glorie des Höchsten hat sich nitdergesenkt in die Hütte und umstrahlt das Haupt von Großmutter, Mutter und Kind." Verein zur Förderung des gesetzestreuen Judentums in der Schweiz. Für Verbreitung, Vertiefung, Verherrlichung und Beobachtung der Thoragesetze zu sorgen ist in Israel nicht nur "Aufgabe der Führer und Aeltestcn, sondern "Ausgabe des ganzen Volkes. Jeder für alle und alle zusammen haben dafür aufzukommen. Es geht nicht an, daß der Einzelne für sich selbst allerdings pflichtgetreu lebe, aber die Gesamtheit machen lasse, wie sie wolle. Er muß vielmehr in dem ganzen Kreise der Gesamtheit, zu der er gehört, dafür Sorge tragen, daß die Thoragesetze beobachtet werden. Durch solidarische Verpflichtung ist einer für den andern verantwortlich. Löblich war es deshalb, daß vor Jahresfrist eine Anzahl Männer zu einem „Verein zur Förderimg des gesetzestreuen Judentums in der Schweiz" (Sitz in Basel) zusammentrat. Die Statuten des Vereins beweisen zur Genüge, daß kein verborgener Nebenzweck irgendwelcher Art verfolgt werden soll, sondern daß Zweck des Vereins einzig ist, zur Förderung der Thorakenntnis und zur Beobachtung der Thorainstitutionen in unserem Lande sein Möglichstes zu tun. In 8 1 heißt es ausdrücklich: „Die inneren Angelegenheiten der Gemeinden und das amtliche Verhalten ihrer Angestellten entziehen sich der Einwirkung des Vereins". Nichts liegt dem Verein ferner, als sich in Gemeind Verhältnisse hineinzumischen und vielleicht Hader und Zwiespalt zu stiften, vielmehr will er nur jedermann zum Heile dienen. Die ordentliche G e n e r a l v e r sa m m l u n & die Sonntag, den 20. ds. Mts. im großen Saale des Züricher Kaufmännischen Vereins startfand, nahm einen imposanten Verlauf. Schon die Tatsache, daß der Verein im Laufe eines Jahres auf eine Mitgliederzahl von 370 gestiegen ist, von denen aus allen Teilen der Schweiz viele mit Freunden erschienen waren, gab dem Ganzen ein würdiges Gepräge. Der Tagesordnung voran ging ein Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. A. Cohn,Basel, über „Monismus und Judentum". Der Redner führte etwa aus: Der Monismus, in welcher Form er auch auftritt, sei es Spiritualismus, Materialismus, Energetik oder Beseelungstheorie, wendet sich mehr oder minder gegen alle Religion. Die Gründe, die diese verschiedenen Richtungen des Monismus Vorbringen, sind nun keineswegs überzeugender Natur. Hingegen sind die Gründe der Thorawahrheit von zwingender Ueberzeugungskrast. Schon aus der Tatsache der Schöpfung läßt sich 60 ipso auf einen Schöpfer schließen. Mögen die Naturalisten die Ursache aller Ursachen immerhin „Weltvernunft" nennen, wir nennen es „Gott". Auch wenn uns die Fähigkett abgeht. 4785