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Neue jüdische Presse · 1908-09-25 · Heft 38 (25.9.1908) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 38 (25.9.1908)
Date
1908-09-25
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. dazu noch Rabbiner, die Vertreter des Judentums — in eines internen jüdischen Angelegenheit die Regierung anrufen können. Frankfurter JfraelitMes Familienblaü. Eine versunkene Welt. Roman von Jakob Lev y. (Fortsetzung). Sein Vater schüttelte mißbilligend den Kops. „Sage das nicht, Mendel. Im Saufen wollen wir uns nicht auszeichnen. Im Trunk kommt Streit und alles Böse." Der Metzger rief: „Oho, Vater Moses, Du.darfst das uns sagen, aber sonst keiner. Wir mögen einen festen, tiefen Schluck, aber das Bier macht uns nicht zu Zankteufeln. Oder sind wir so schlimm, wenn wir einige Kannen Bier im Leibe haben?" Ein Männchen mit schneeweißem Haar und rotem Gesicht schrie iu Fistelstimme: „Und der Wein, den das Kloster St. Agatha keltert, hei! wem: wir den trinken, halten wir alle Menschen für Brüder." Moses sagte: „Ihr lieben Leute, wenn alle Menschen so wären, wie Ihr, dann würden Bier und Wein kein Unglück bringen, denn Ihr Hört auf zu trinken, wenn Ihr sehr vergnügt seid. Dann singt Ihr und lacht uird schlvätzt, aber alles in Gemütlichkeit. Wer andere, die im Trunk streitsüchtig werden, — mit wem fangen die an, an wem kühlen die ihr Mütchen?" „Nun ja, Moses, Euch Juden wird dann das Fell gegerbt, und Ihr armen Schlucker könnt Euch nicht wehren. Aber die so tun, das sind Schufte, und bei uns im hilligen Köln könnt Ihr Euch doch nicht beklagen. Wenn übrigens alle Juden so wie Ihr wäret, dann stände es besser um Euch." Moses erwiderte ernst: „Ihr irrt, Nießen. Ich und mein Sohn sind nicht besser, als die anderen Juden. Aber wollte Gott, alle Christen dächten wie Ihr, die Ihr auch im Juden den Menschen achtet und ihn nicht herabwürdigt." Nießen .sagte treuherzig: „Ihr habt mir einmal geholfen, und das vergesse ich Euch nicht. Damals fand ich bei keinem Christen Hilfe. Und seit der Zeit bin ich Freund von Euch Juden und bleib, es. Darauf könnt Ihr Euch verlassen." Er schüttelte den beiden die Hand. „Jetzt müsse» wir gehen, cs wird Zeit." , Moses und sein Sohn erhoben sich und ent feinten sich unter freundlichen Grüßen, die von den anderen ebenso freundlich erwidert wurden. Die beiden schritten wacker drauf los, freudig erhoben durch das herzliche Entgegenkommen ihrer Mitbürger, nur verdüsterten sich ihre Mienen, als sie den Galgen erblickten, den der Rat den Juden zum Schimpf an ihrem Friedhof errichtet hatte. Sie gingen durch die schmalen Pfade der Mein gärten, durch die engen, volksreichen Straßen der Stadt und achteten nicht aus die höhnischen Schimpfworte, die ihnen hier und da nachgerufen wurden. Nachmittags, als die Sonne noch hoch stand, kamen sie nach Hause. Mit den Wasserfluten, mit denen sic der Arbeit Staub von ihrem Körper wuschen, wurde auch der Druck des Alltags sortgespült, und als der Vater in der sabbatliche» Kleidung aus der Giebelstube trat, um sich mit den Söhnen zu» Synagoge zu begeben, hatte er die aufrechte Hckltung und die Würde des Hausherrn, des Hauptes der Familie. In der sabbatlich erleuchteten Synagoge trafen sich die Männer. Sic trugen lange Röcke, oder modische Mäntel, von den Schultern rückwärts fallend, aus der Brust mit einer kostbaren Spange zusammengeheftet. Auf dem Kopf den runden Hut mit aufrechtem eckigen Rand aus Pelzwerk oder Sammt; die ganze Tracht war ihnen außerhalb der Jubenstadt verboten. Der neue Chase» Israel aus Bacharach sang so künstlich, mit so feinen Trillern, daß die Männer vor Entzücken ihre Augen halb schlossen. Die Meschorerim waren vorzüglich geschult, der Baß tönte so dumpf, der Diskant so hell hinein, daß es schien, als, ob der liebliche Tenor des Chasens von der Begleitung gen Himmel getragen würde. Und am Schlüsse des Gottesdienstes, als die Knaben sich an die Väter zum Benschen drängten unv sich ihnen an die Hand hingen, . sagten sich die Männer mit strahlenden Blicken: „Das ist ein Chasen! Auf Roschhaschonoh haben sie in Frankfurt so keinen Gesang wie wir." Nur der Bassist, der Schuster Leiser, und der Diskant, ein blasser schmaler Schüler der Jeschiwoh, flüsterten sich zu: „Wenn er uns nicht hätte, iväre sein Gesang wie eine verrostete Wetterfahne." Moses Ems ging mit seinem Schwager Bär Kuchenheim die Straße hinauf. Dieser, ein behäbiger Mann mit Hellen, klugen Ilugen, trug einen langschößigen block und einen Dreispitz. An der Ecke der Engengasse sagte er: „Moses, also morgen nach Minchah kommt Ihr zu uns. Meine Schwester aus Emmerich, die heute eingetroffen ist, hat ihre Tochter mitgebracht. Dein Mendel kann sich mit ihr unterhalten, bei uns Alten langweilt sich das Mädchen." Und er zwinkerte ihn mit listigem Lächeln an. Moses sah zweifelnd zu chm hin. „Bär, bei Dir weiß man nicht, ob Di: ernst redest oder Deinen Scherz trechst. Wenn ich das gleich meinem Jungen erzähle und er kommt zu Dir, so ist das fünfjährige Evchen da." i Bär lachte. „Beruhige Dich. Moses, diesmal timmts. Es ist Blümchen, die unberufen achtzehn Jahre alt ist.-"- Und ernst fuhr er fort: „Ich habe wirklich das Mädchen für Deinen Mendel iin Ange. Mein Schwager Reiß hat Vermögen, und er würde sine älteste Tochter gerne nach Köln verheiraten, wo die Jude» unter gutem Schutze stehen. Vielleicht zieht er dann später auch hierher." „Bär, wir reden weiter darüber. Jetzt muß ich eilen, sonst wird die Brühe an dem Karpfen steif. Gut Schabbos." Und die Schwäger, trennten sich mit Händedruck. 2. Kapitel. Bär Kuchenheim war ein angesehener Mann in der Gemeinde. Er war ein Vorsteher, und wenn der Stadtrat mit der Judenschaft etwas zu verhandeln hatte, was durch die von ihr .angestellten Judcnmeister geschah, war er der berufene Mittelsmann. Mit Klugheit und Takt waltete er seines Amtes und wartete selten, bis bei außergewöhnlichen Gelegenheiten Forderungen an die Juden gestellt wurden. Wenn neue Ratsherrn gewählt ivurden, wenn die Stadt eine Deputation an den König schicken mußte, immer bot er ein Scherslcin der Juden an, die sich an dem Wohl der Stadt beteiligen wollten. Und es kam ihm nicht darauf an, einem der hochmögenden Herren ein Faß Wein oder einen silbernen Pokal zu verehreil, und deshalb war er sowohl bei den Ratsb^rren, wie auch beim Erzbischof beliebt und geachtet. Er lebte mit seiner Frau, die mit unbegrenzter Ehrfurcht zu ihm hinaufschaute, in glücklicher Ehe, der ein Mädchen Und zwei Knaben entsprossen waren. Am Sabbatnachmittag ging Bär in seinem Zimmer, eine Shnagogenmelodie bruinmend, auf und ab. Der Raum war reich ausgestattet. Der große, runde Tisch war mit einem kostbaren, bunteir Teppich bedeckt. Der Wand entlang aus der übermannshohen Täfelung war ein Bord angebracht, auf dem prachtvolle venetianische Gläser, silberne Kannen und Becher standen. j Frau Bär, eine breite Frau »rit sehr gutmütigen Zügen, saß auf einem Sessel, ein Zecnu Urcnn lesend, das sie auf dem Schooß liegen hatte. Auf dem Kopf hatte sie eine Haube mit breiten seidenen Bändern und war in farbiger Seide gekleidet, die bei jeder Bewegung raschelte. Die Brust schmückte eine goldene Brosche, an den Ohren und Fingern funkelte es von farbigen Steinen. In der,Judenstadt schmückte und kleidete man sich am Sabbat nach Herzenslust und störte sich nicht an die befohlenen Einschränkungen. An dem Fenster standen zwei junge Mädchen iu hellen Gewändern, sich leise unterhaltend und oft laut herauslachend. Die kleinere der beiden, ein hübsches, dunkeläugiges Mädchen, flüsterte: „Esther, ich habe hier in einer halben Stunde mehr Juden gesehen, als in meinem ganzen Leben zuvor." . Die andere, in gleichem Alter, eine Blondine, die ihrem Vater Bär ähnlich sah, lachte. „Das glaube ich gerne, Blümchen, bei den zehn Familien, die in Emmerich wohnen." „Dort gehen sie auch nicht so über die Straßen." „In Köln auch nicht, nur in der Judenstadt. Auf den anderen Gassen dürfen wir nicht lusttvandeln, sondern müssen sie ohne Aufenthalt durchschreiten." er „Wie schön war es in Schul' heute Morgen. Einen Gesang wie von Eurem Chase» habe ich noch nicht gehört. Aber weshalb hüpft Euer Schammes imnrer, wenn er auf dem Almemor die Mizwoth ausruft?" Esther lachte: „Damit man seine seidenen Strümpfe und die silberne Schnallen auf seinen Schuhen bewundert. Das Männchen ist sehr eitel." Blümchen meinte: „Er hat mich übrigens oft angesehen." „Entweder gefällst Du ihm dann, oder Du hast geplaiwert. Beides ist bei Dir möglich." Blümchen aber erwiderte entrüstet: „Ich habe nur bei der Thoravorlcsung mich ein bischen mit meiner Nachbarin unterhalten. Die Männer unten haben auch geschwätzt, bis der dicke Bal Sergen mehreremal „pscht" gemacht hat." „Ja, das ist der alte Reb Feibel. Der hat früher am meisten geplaudert, und weil alle Rügen nichts geholfen haben, machte man ihn zum Aufpasser. Seitdem ist er selbst ruhig und fürchterlich hinter Jedem her, der nur den Mund verzieht." Unterdessen war Frau Reiß, die Mutter von Blümchen, ins Zimmer getreten. Sie war eine kleine, runde Frau mit klugen Augen. „Ich glaube, ich habe ein wenig geschlafen. Die Mädchen kicherten. Blümchen aber sagte: „Goldige Mutter, daheim ruhst Du auch Mittags, auch wenn wir nachts ganz stille sind." , Das lustige Wortgeplänkel wurde durch eintreten den Besuch unterbrochen. Moses Ems mit der ganzen Familie trat ein, mit herzlichen Worten den.fremden Besuch begrüßend. Bär Kuchenheim zog Mendel an Rr. 38. der Hand in de» Vordergrund und sagte seiner Schwester: „Siehst Du, den hast Du zuletzt als kleinen Jungen auf dem Schoß gehabt." Frau Reiß sah an dem stattlichen Jüngling herauf und schüttelte den Kopf. „Ja, ja, an den großen Kindern sehen tvir, daß ivir alt werden." Bär rief weiter: „Blümchen, komme einmal her. Siehst Du Moses, das ist meine Lieblingsnichte. Einen Schalet kann Pas Kind machen-!" Und seine Augen verklärten sich, während sich seine Lippen spitzten. „Mendel, begrüße auch Deine Base." Der Jüngling trat befangen näher und reichte dem jungen Mädchen die Hand. „Hattet Ihr eine gute Reise?" Bär meinte gemütlich: „Kinder, duzt Euch, doch, Ihr seid ja Verwandte." Blümchen antwortete unbefangen: „Gerne, Mendel hat mir vor einigen Jahren auf,Chanukka ein schönes Trcndelchen geschickt, dafür bin ich ihm.heute noch dankbar."! Es trat Besuch ein. (Fortsetzung folgt.) Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. M. - - - Gegen Gicht und Bbeumatismus bewährt. Hü Neubauten Umbauten Innendekoration. Wocheu-Kalerrver. (Zeitangaben nach dem Losch.) Samstag, den 26. September (= 1. Tiechri): Sabbatu. Festes-Anfang in Frankfurt 5 Uhr 30 Min. Festes-Ausgang in Frankfurt a. M. 7 Uhr — Min., in Berlin 6 Uhr 40 Min. Samstag und Sonntag (26. und 27. ,Scpt.): R a u s ch -- h a s ch o n o h. Es beginnt das bürgerliche Jahr. (Das Jahr der Feste geht am 1. Nissan ail.) Diesmal die Jahreszahl 5669. Nach der Tradition ist Rausch-haschonoh auch der Tag des Weltgerichts, Janm-Hadin, auch Jaum-Hasikoraun, Tag der Erinnerung,' in der Thora Jaum-Teruoh — Tag des Blasens. Am Rausch-haschonoh wird unser Urteil gleichsanr geschrieben, am Versöhnungstag versiegelt. Daher unser Ncujahrswunsch „Kesiwo-wachasimoh-tauwo", gute Einschreibung und Versiegelung. Mit Rausch-haschonoh beginnen die Asseres-jcmei- Teschuwoh — 10 Bußtage, mit Jaum-Kippur schließend. Ernst begehe man die Bußezeit, gebe sich am Rausch-haschonoh nicht wie sonst irdischen Genüssen hin. Löblich ists, ganz „Thillim" zu lesen. Beim Kiddusch am Abend Schehcchijonu, am 2. 'Abend eine neue Frucht dazu nehmen. Man genieße abends Honig und Süßapfel als Symbol eines „süßen" Jahres. Der Gottesdienst beginnt möglichst früh. (6 Uhr.) Die Festgcbete sprechen von der Huldigung Gottes a) als Schöpfer, b) als Richter. Das große Mussafgebct enthält 9 Brochaus, darin „Olenu". Nach den» Schacharis die inhaltreichen Bitten „Owinu Malkenu"; auch nach Mincho-Schmono-E., und so während der ganzen 10 Bußtage, Sabbat und Eref- Jaum-Kippur ausgenommen. Schofarblaseu göttlich .gebotene Pflicht. Tonarten traditionell. Nichts genießen vor dem Hören dieses Blasens, wie auch sonst itjcht vor dem Beten. (Frauen und Schwache aiisgenoininen.) Bedeutung: Zeichen der Huldigung, Weckruf zur Buße, Erinnerung an den Widder bei Jsaks Opferung, Erinnerung an die Offenbarung. — Der Blasende sei ein würdiger Mann. Das Schofar entspreche den gesetzlichen Vorschriften. Bis zur Dämmerung darf man's hören, wenn nicht früher möglich. Nach beendeter - Andacht morgens nochmals 30 Signale gebräuchlich. Weil heuer am 1. Tage Sabbat, verschiebt man auf den 2. Tag dos Schofarblaseu, das Beten der Owinu-Malkenu, endlich das „Taschlichinachen". — Nach dem Mincho-Gcbet ist's Gebrauch, an einem Bach, Fluß oder See mit Fischen zu gehen und das „Taschlich-Gebet" zu verrichten. Sinn: „Taschlich", du mögest werfen — unsere Sünden .— in Meercstiefe, daß man ihrer nicht mehr gedenke. Noch andere Deutungen existieren. — Montag (28. September): Zaum-Gedalja (Fasten Gedaljahs). Gemeindefasttag, also Pflicht für alle Erwachsenen. Erinnerung an die Ermordung des frommen Statt-' Halters Gedaljah, den Babylons König Nebuchadnezar nach der Zerstörung des 1. Tempels (581 vor -1) über den kleinen Rest der in Jerusalem Zurückgebliebenen anstellte. Zahlreiche fromme Männer fielen mit Gedaljah. Der Rest floh nach Egypten. So sank Israels letzte Stütze. — Vermehrte Selichausgebete. Wajchal-Lesen aus der Thora, morgens und nachmittags, wenn mindestens ein Minjan fastet. Offtnbacber Druckluft - Anlage Telefon 123. Offenbach a. H. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste To p’p IC hr 01 n I 3U n ff•

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