Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 36 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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M Rr. H des fan&furfet Ifmetitifien #amitiea6[attes. Eine Anregung. Von Dipl.-Jng. M. Hecker. „Schon Wider ein Sammelfonds", seufzten die Mitglieder der Jahreskonferenz, als Professor Marburg die Schaffung eines Palästina-Kulturfonds in Anregung brachte. „Schon wieder ein Sammelfonds", werden mit ihnen viele Zionisten seufzen, die einen in der bangen Ahnung eines neuen Angriffs auf ihren Geldbeutel, die anderen, weniger Selbstischen, indem sie sich den Kopf zerbrechen, wie man es anstellen soll, gegen die spröden Herzen und noch viel spröderen Taschen der Außenstehenden dieses neue Geschütz mit Erfolg auffahren zu lassen. Doch Marburg hat, wie immer ein liebevoller Vater, dem neugeborenen Kiudlein so viel gute Sprüche mit aus den Weg gegeben, daß wir nichts anderes tun können, als uns jeden unfruchtbaren Debattierens zu entschlagen und alles aufzubietcn, um den überaus wertvollen Gedanken in die Wirklichkeit umzusetzen. Marburg hat bereits darauf hingewiesen, daß einem solchen Palästinasonds eine viel größere Werbekraft in nichtzionistischcn Kreisen innewohnen würde als unseren sonstigen Sammelzwecken. Das ist unzweifelhaft richtig, und hier nmß darum angesetzt werden. Es mag bei dieser Gelegenheit überhaupt festgestellt werden, daß bisher aus unserem wertvollen Schatze, Palästina, für die Agitation viel zu wenig Kapital geschlagen worden ist. Die idealen Momente, die in ihm liegen, sind — selbst von den Juden des Ostens ganz abgesehen — auch bei einem großen Teil der deutschen Judenheit, und nicht dem schlechtesten, noch heute stark wirksam. Dazu kommen die nicht mehr bestreitbaren realen Tatsachen, daß der Aufschwung des Landes selbst, eigentlich ohne unser Zutun, für die Richtigkeit unserer Argumente die beste Bestätigung gibt, und daß auch die Arbeit anderer (cf. Hilssvereinh je jüdischer sie sind, sich desto mehr m' Palästina konzentriert. In die rechte Beleuchtung f ickt, können solche Tatsachen mit der Zeit auch aus!>• ii nüchternsten Verstand ihren Eindruck sicher nicht v. rsehlen. Nachdem der achte Kongreß schärfer und unzweideutiger als einer der früheren die Devise „Palästiuaarbeit" ausgcgeben hatte, hätte die Agitationstätigkeit schon im letzten Winter viel mehr unter diesem Zeichen stehen müssen Das ist jedoch nicht geschehen, die günstigsten Chancen, die in der Betonung des Faktors „Palästina" lagen, blieben unausgenutzt, und nicht zum wenigsten ist diese Unterlassungssünde schuld an der geringen Expansion des Zionisinus im vergangenen Jahre. Hierbei ist die Zentralleitung nicht von Vorwürsen freizusprechen, denn sie hat es versäumt, die Agitation in die rechten Wege zu leiten und ihr in dieser Richtung kräftige Impulse zu verleihen. Das zur Verfügung gestellte Material war sehr spärlich und propagandistisch wenig geeignet. Abgesehen von der bereits größere Vertrautheit voraussetzenden Broschüre „Wirtschaftliche Tätigkeit in Palästina" bleiben eigentlich nur ein sehr trockenes Flugblatt, das obendrein später wieder eingezogen wurde,. und ein Lichlbildervortrag über Palästina, der aber erst am Ende des Winters in die Oeffentlichkeit kam und nur wünschen läßt, daß die Bilder besser sind als der sie begleitende Text. Und Vorträge — die Klagen hierüber sind schon zu sattsam bekannt, um noch einmal hier wiederholt zu werden. Doch die Fehler der letzten Winterkampagne lassen sich in diesem Jahre wieder gut machen, wenn die Arbeit rechtzeitig und mit besseren Mitteln energisch begonnen wird. Hierbei ist der neugeschaffene Palästinafonds, statt schreckend auf uns zu wirken, wohl geeignet, als Ansporn und Hebel sür eine kräftige, zielbewußte Agitationsarbeit zu dienen. Sein Ziel, die Förderung jüdischer Bildungsstätten in dem wieder aufstrebenden Lande unserer Väter, vermag auch in vielen uns ferner stehenden Kreisen Sympathie und Verständnis zu finden und so eine Brücke zu schlagen zu einer weitergehenden Beeinflussung in zionistischem Sinne. Der oberschlesische Gruppenverband hat beschlossen, einen dahin gehenden Versuch in größerem Umfange anzustellen und dazu die Zeit vor den hohen Festtagen zu benützen, wo manches jüdische Herz empfänglicher sein mag. Dieser Versuch soll sich nicht nur aus die Städte beschränken, die bereits Ortsgruppen besitzen, sondern auch eine Reihe kleinerer Gemeinden einbeziehen, in die bis jetzt Wohl selten ein Hauch zionistischen Geistes eingedrungen ist. Der Zweck ist in erster Linie die Sammlung von Beiträgen sür den Kulturfonds unterZionisten und Nichtzionisten; darüber hinausgehend wird aber, vornehmlich in den letztgenannten Orte», beabsichtigt, wo sich die Möglichkeit zeigt, über den Zionismus aufklärend zu wirken und den Boden für eine weitereBearbeitung vorzubereiten; so stellt sich dieser Versuch als erster Schritt sür die eigentliche Wintertätigkeit dar. Er ist nur mittels persönlicher Einwirkung durchzusühren, für die eine Reihe freiwilliger Kräfte, Studenten und junge Karfleute, gewonnen worden sind. Zuerst wird folgendes, vom Schreiber dieser "Zeilen verfaßtes Flugblatt versandt: „Es naht die Zeit der hohen Feste. In diesen Tagen wird das erhebende Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, daß die Juden aller Welt aneinander kettet, in unseren Herzen wieder lebendiger denn je. Es erwacht die Erinnerung an die Vergangenheit unseres Volkes; das Bild unseres alten Landes ersteht wieder vor der Seele und überall, wo Juden wohnen, wird im Gebete die Sehnsucht wach, es zu neuem Glanze aufgerichtet zu sehen. Doch nicht mehr wehmütiges Sehnen, unerfülltes Hoffen, sondern Wahrheit ist die Verjüngung des Heiligen Landes. Es ist aus seinem Jahrhunderte langen, bleischweren Schlaf erwacht. „Die Wüste wird wieder zum Fruchtgesilde", und wo das Todesschweigen der Unkultur herrschte, sprießt aller Orten neues Leben empor. Mit Stolz dürfen wir feststellen, daß vor allem jüdische Kraft dies Wunder bewirkt hat. Nachdem der Zionismus auf die große Bedeutung des Landes hingewiesen hatte, flieht ein immer stärker werdender Strom von Juden ins Land, Juden, die nicht blos beten, sondern arbeiten und schaffen wollen. Tausende, die durch des Lebens Not und rohe Gewalt in alle Welt hinausgetrieben worden waren, haben im Lande der Väter eine ruhige Heimstatt gefunden. Trotz der größten Widrigkeiten hat jüdischer Hände Arbeit unter unendlichen Mühen 80 landwirtschaftliche Kolonien geschaffen und den Beweis erbracht, das Palästina noch heute ein Land ist, wo „Milch und Honig fließt." Industrielle Unternehmungen find ins Leben gerufen worden, welche die reichen natürlichen Anlagen des Landes auszunützen beginnen Handel und Wandel, die in überraschendem Aufschwung begriffen .sind, werden durch Juden stark gefördert. Ein großer Teil des Grundbesitzes ist bereits in jüdischen Händen und überall macht sich unser Einfluß in steigendem Masse geltend. So beginnt Palästina, durch friedliche, wirtschaftliche Eroberung tatsächlich wieder ein jüdisches Land zu werden. Doch würde dem Körper die Seele fehlen, wollten die ungeheuren Anstrengungen sich allein auf die Schaffung materieller Güter beschränken. Wie sie selbst nur aus idealen Antrieben erwachsen sind, so muß aus ihnen wiederum ein Höheres entstehen. Mit dem wirtschaftlichen muß auch ein geistiger Aufschwung Hand in Hand gehen, der nicht nur den Bedürfnissen einer bald das erste Hunderttausend erreichenden jüdischen Bevölkerung genügen, sondern auch, darüber hinaus, einer größeren Zukunft wirksam Vorarbeiten soll. Die Fundamente hat bereits die Gegenwart geschaffen. Das Schulwesen ist gefördert und auf eine neue Grundlage gestellt worden. Während man früher versuchte, fremde Kultur in die Jugend hineinzutragen, lehnt sich die Erziehung jetzt an die Bedürfnisse des Landes an und soll vor allem von echt jüdischem Geiste erfüllt werden. Die hebräische Sprache ist an der Stätte ihrer Geburt wieder zu neuem Leben erstanden und hat auch in die Schule ihren sieghaften Einzug gehalten. Das Gebäude des Schulwesens wird immer höher geführt und reicher ausgebaut. Bon Kindergärten erhebt es sich über den Dorfschulen der Kolonien und den Elementar- und Mittelschulen der Städte zu den Fachschulen, die für die Vorbereitung zum praktischen Leben bestimmt sind, und den Lehranstalten, die höheren Zwecken dienen, dem Lehrerseminar in Jerusalem und dem Gymnasium in Jaffa. Gute Schulen bieten die beste Gewähr für die Zukunft des Landes, denn sie schaffen die Jugend, die es braucht. Doch noch höhere Ziele hat sich das geistige Streben im Lande bereits gesetzt. Die Kunstgewerbeschule Bezalel arbeitet, abgesehen von ihrer großen wirtschaftlichen Bedeutung, an der hohen Aufgabe, für eine jüdische Kunst und Kunstgewerbetäligkeit den Boden zu schaffen. In Jerusalem ist eine Nationalbibliothek schon zu stattlichem Umfang gediehen und ein Museum gegründet worden. Und gegenwärtig wird zur vorläufigen Krönung des Gebäudes eine höhere technische Lehranstalt geplant, die berufen ist, für die bevorstehende Entwickelung des Landes die Pioniere aus dem Lande selbst zu erziehen. So finden wir auch auf geistigem Gebiete in Palästina reges Schaffen. Doch wenn das Geleistete auch schon viele Erfolge gezeitigt hat und für die Zukunst noch reichere verheißt, es ruht noch nicht auf einer genügend gefestigten und dauerden Grundlage Zwar haben sich viele Organisationen im gemeinsamen Streben gefunden, die Steine zur Errichtung des großen, umfassenden Bauwerks zusammenzutragen, doch allein reicht ihr Bemühen nicht aus, sie bedürfen der Unterstützung der gesamten Judenheit. Während die wirtschaftliche Arbeit in Palästina auch der Privatinitiative und dem Unternehmungsgeist Einzelner überlassen werden kann, muß die Förderung der geistigen Entwickelung Sache des ganzen jüdischen Volkes werden. De. Nathan, der Geschäftsführer des Hilssvereins Deutscher Juden, erklärte jüngst im Hinblick darauf: „Die Juden könnten sür die Hebung ihres Stammes im alten Judäa kein segensreicheres und dauernderes Denkmal setzen." Darum wenden wir uns an alle Juden. Helft mit, durch Eure Unterstützung das große Ereignis des Erwachens unserer alten Heimat zu fördern. (Gerade jetzt, wo im Türkischen Reiche alle den Fortschritt hemmenden Fesseln gefallen find, ist der geeignetste Zeitpunkt, alle Mittel aufzubieten, um Palästina zu einer neuen Blüte zu verhelsen. And deshalb ergeht angesichts der nahen Festeszeit, wo jedes jüdische Herz höher schlägt, unsere Bitte: Gedenket der hohen Ehrenpflicht, welche die Zukunft des Heiligen Landes Euch auferlegt. In der nächsten Zeit werden oft größere Summen für Glückwünsche aufgewendet, welche weniger ein Herzensbedürfnis als eine lästige Pflicht bedeuten. Löset sie ab, indem Ihr das Geld einem höheren Zwecke zusührt, der Förderung von Schulen und Bildungsstätten in Palästina. In einigen Tagen werden wir uns gestatten, eine Liste an Sie zu schicken, in welche wir Sie bitten, sich mit einem Betrage einzuzeichnen. Die Spenden werden öffentlich ausgewiesen werden." Inzwischen h aben sich unsere A g i t a t o r e n durch Begleilschreiben eingeführt, mit einflußreichen Persönlichkeiten der einzelnen Gemeinden in Verbindung gesetzt, welche dort für unseren Sammelzweck Stimmung machen, Adressen zur Verfügung stellen, unsere Abgesandten bei ihrer nicht leichten Arbeit unterstützen und, las, und least, wenn sie geeignet erscheinen, die ersten Pflöcke bilden sollen, an denen das Netz einer eventuellen, rein zionistischen Propagandaarbeit später angeknüpft werden kann. Nach einer Woche, in welchem Zeitraum die Versendung der Flugblätter erfolgt, erscheinen unsere Gesandten wieder, um, wenn möglich mit lokaler Unterstützung, die eigentliche Sammeltätigkeit vorzunehmen und, wo sich die Gelegenheit bietet, auch zionistisch werbend zu wirken. Vielleicht ist die Anregung, welche diese Zeilen bieten wollen, auch für andere Ortsgruppen und Gruppenverbände Veranlassung, unter Abnützung des günstigen Zeitpunkts einen ähnlichen Versuch zu inauguieren. Es. dürfte wohl manchen unter ihnen bei weitem leichter fallen, als uns, die wir ein sehr schwieriges, weit ausgedehntes und oft wenig zugängliches Operationsgebiet bearbeiten müpen, das einen so komplizierten lilpparat, wie geschildert, erforderlich macht und viele Mühen und Kosten erheischt. Die Ungunsten der Verhältnisse zeigt sich z. B. schon in der Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit, blos unsere Hilfskräfte zur Aussprache und Information an einem Orte zu versammeln Wie viel günstigere Auspizien müßten über einersolchenAgitationstätigkeitz.B.in Groß-Berlin stehen, das 130000 Juden, ein Viertel der gesamten Judenheit Deutschlands, von einer ungleich größeren pekuniären Leistungsfähigkeit, zusammengedrängt aus einem kleinen Umkreise, besitzt und sich auch einer ganz anderen Armee von Hilfskräften erfreuen könnte. Und wenn man dagegen hält, wie rückständig in jeder Arbeit sich unsere größte zionistische Gemeinde tatsächlich bis jetzt erwiesen hat, hätte man Grund, sehr kleinmütig zu werden Doch nicht in so trübseligen, pessimistischen Gedanken will meine Anregung ausklingen, vielmehr sei sie, das hoffe ich, ein kräftiger Ansporn, recht zahlreiche Anstrengungen in die gleiche Richtung zu führen — unter der Devise und zum Besten unseres neuen „Palästina-Kulturfonds"!*) *) Wir haben vorstehenden Zeilen Ausnahme gewährt. da in einem Momente, in dem die praktische Tätigkeit in Palästina aus dem engen Rahmen der Versuche in den weiten der realen, nach fortgesetzter Entwicklung drängenden Wirklichkeit getreten ist und bald der Kernpunkt alles zionistischen Interesses sein wird, eine Vertuschungspolitik das Verfehlteste wäre. Dieses Stadium in der Entwicklung des Zionismus, das nicht länger zurückzuhalten war, bat ja bereits zu einer gewissen Krisü geführt. Denn ein Teil der zionistischen Strenggläubigen ist kopfscheu geworden und steht im Begriff, sich jeder zionistischen Betätigung zu enthalten. Die Oelbaumspende hat man, in der Befürchtung, die Erträgnisse der Oel» bäume könnten für nicht genehme kulturelle Zwecke verwendet werden, schon aus den Index gesetzt. Wir hätten gewünscht, es wäre nicht zu dieser Situation gekommen; wir hätten gewümcht, daß die Maulwurfsarbeit einer gewissen anriziomstischen Seite nicht noch durch den Gang der Dinge begünstigt worden wä'e. Doch jetzt stehen wir vor Tatsachen, und Tatsachen muß man herzhaft ins Auge schauen. Da nützt es auch nichts, zu betlagen daß die Strenggläubigen als die Träger der jüdischen Tradition, iyrer Ausgabe, die Tradition in der zionistischen Masse lebendig werden zu lassen, nach keiner Richtung hin gerecht geworden sind, sondern es sich einzig und allein damit genügen ließen, darüber zu Wachen, daß nichts gegen das Interesse der Tradition im Zionismus geschehe. Der Zionismus ist also in die Phase der kulturellen Tätigkeit ringetreten. Welche Haltung soll da von der Zenrralieilung der Bewegung verlangt werden? Kann es akzeptiert werden, wenn die Zentialleitung sagt die kulturelle Tätigkeit selber ist nicht Sache der offiziellen zionistischen Organisation, sondern der einzelnen Zionisten. d.ch die offizielle zionistische Organisation hat die Pflicht, die von den einzelnen Zionisten geschaffenen kulturellen Institutionen z» subventionier en? Ist es nicht notwendig, daß diese kulturellen Institutionen, sobald sie von der oifiziellen Organsation subventioniert werden wollen, bestimmten