Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 35 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. entbehrt lebet Grundlage. Sie ist aber charakteristisch für die hooliganische Gesinnung des Jsprawnik, der die Christen gegen die Juden aufzuhetzen und auch die Brandkatastrophe zu antisemitischen Zwecken auszubeuten suchte. Da das Stadthaupt mir die obigen Mitteilungen gemacht hat, sind sie als unbedingt zuverlässig anzusehen. Türkei. Lonstantinopel. In Kürze findet in Phanaraki ein großer Ball statt, dessen Reinertrag für die Allianceschule in K u stundschuk bestimmt ist. Das Patronat dieser Veranstaltung hat Marschall F u a d Pascha, der Sieger von Elena, übernommen, der vor einigen Jahren, weil er sich mit Offenheit als Gegner des damaligen Regimes bekannt hatte, nach Damaskus verbannt worden war. Fuad Pascha, der bei seiner Mckkehr aus der Verbannung mit unbeschreiblichem Jubel von der Bevölkerung der Hauptstadt empfangen worden ist, will nur noch als Privatmann tätig sein und sich gänzlich der Förderung der Bildungsstätten in der Türkei widmen. Die Uebernahme des Patronats für die zugunsten einer Miauceschule zu veranstaltende Festlichkeit ist seine erste Handlung auf diesem Gebiet. Personalien. Berlin. Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Eduard He noch, der Altmeister der deutschen Kinderheilkunde, beging das 50jährige Jubiläum als außerordentlicherProfessor. Daß der Gelehrte es niemals bis zum Ordinarius gebracht hat, dafür waren lediglich die Gründe maßgebend, daß er Jude war und blieb. Der Jubilar ist in Berlin geboren und hat' auch hier studiert; er wurde wie von selbst auf die Medizin gewiesen, war doch der ausgezeichnete Kliniker Romberg sein Onkel. Sein ganzes Wirken als Forscher, Lehrer und Arzt galt gleichfalls seiner Vaterstadt. Bereits acht Jahre nach Beginn seiner akademischen Tätigkeit wurde er außerordentlicher Professor. Ueberaus reich war seine literarische Tätigkeit; seine pädiatrischen Schriften stellen die Grundlage der modernen Kinderheilkunde dar. Ebenso anregend und beftuchtend hat der Jubilar auch durch das Wort als akademischer Lehrer gewirkt und mit seinen klaren, lichtvollen Vorträgen Tausende dantbarer Schüler heraugebildct. Auf gleicher Höhe stehen seine Verdienste als Arzt von ausgedehnter Praxis, als Direktor der Kinderklinik in der Charite. iv-Jü brr reichen Fülle seines Wissens vereinte sich die wohlwollende Milde seines Wesens. Der Zauber von Heuochs Persönlichkeit aber liegt in schlichter liebenswürdiger Einfachheit. Dem 82jährigen Jubilar möge in seinem jetzigen Wohnort Dresden ein glücklicher Lebensabend beschieden sein. Berlin. Rechtsanwalt Siegmund Rosenthal ist zum Notar ernannt worden. 'Berlin. Amtsgerichtsrat Pollack ist in den Ruhestand getreten. — Rechtsanwalt und Notar Justizrat Albert Joachim, Verfasser der „Gebührenordnung für Rechtsanwälte", eines der eiftigsten Arbeiter des B'nai Brith-Ordens, ist im 60. Lebensjahre gestorben. Breslau. Der jüngst geadelte Fideikommißbesitzer Kurt G u r a d z e ist der Enkel von Abraham Guradze, der ein streng frommer Jude war. Glelwitz. Gerichtsasseflor Poznanski wurde zum Amtsrichter in Nicolai ernannt. (L.) Rogasea. " Einen entsetzlichen Flammentod erlitt die 70jährige Witwe L. C r o n durch unvorsichtiges Hantieren mit einer Spirituskanne. Prag. Anden Folgen einer Operation verschied- Hofrat Professor Dr. Horaz Krasnopolsri, Präses der rechtshistorischen und Mitglieds der judiziellen Staatsprüfungskommission. Prag. Die Bestattung Hoftats Professor Dr. Srasnopolski's fand unter überaus großer Beteiligung der ersten Persönlichkeiten der christlichen und jüdischen Bevölkerung Prags statt. Nachrufe hielten: Rabb. Dr. Schwarz, Rektor der Universität Prof. Dr. Sauer, Hofrat Prof. Dr. Ulbrich, Dr. Otto Prazibram als Obinann des deutschen Juristenvereins in Prag, Dr. Rosenbacher für die israel. Kultnsgemeinde usw. M Teplitz-Schöna«. Dr. med. Rudolf Hirsch würde zum Ordinarius des Teplitzer israel. Badehospitals an Stelle seines jüngst verstorbenen Vaters, Geh. Sanitätsrat Dr. Hirsch, ernannt. Konstantiaopel. Staatsrat Bohor Effendi Askanazi wurde zum Unterpräfekten von Konstantinopcl ernannt. Askanazi ist ein hervorragender türkischer und hebräischer Literat. Rew-Aork. Der Tabak-Jmvorteur Sigmund Rofenwald, der dem Verwaltungsrate des Jüd. Waisenhauses und der Vereinigten Jüd. Wohltätigkettsgesellschaften angchörle, verschied im 57. Lebensjahre. _ Aus der Lehrerwelt. Fraukfurt a. M. Am 28. Auguit beging Herr H. Plaut, Kantor der Israel. Religionsgesellschast, seinen 70. Geburtstag. Frankfurter Jsraelitistsses Familienblatt. Nr. 35. Herr Plaut ist einer jener wenigen unserer Tage, dciie» eine echt jüdische Erziehung iin elterlichen Hause für den hohen Beruf, als Scheliach Zibbur vor Gott zu treten, die würdige Vorbereitung gab. Sein Vater wünschte für ihn nicht einen einträglichen Beruf, sondern jüdisches Wissen als erstes, — und so bezog er als Vierzehnjähriger die Jeschiwah zu Zell bei Würzburg, ging von da nach Würzburg und bildete sich später in Altona zu Füßen Oberrabbiner Jakob Ettlinger's s. A. weiter aus. Oberrabbiner Jakob Ettlinger s. A. war es auch, der ihm die „Chower" verlieh. Seines Amtes als Kantor der Jsr. Religionsgescllschaft waltet Herr Plaut feit mehr als 29 Jahren. Frankfurt a. M. Vakanzen. Hofgeismar (5000 E., 80 j. S.); Rcligionslehrer, Vorbeter und Schächter per 1. Oktober; 1000 JLr freie Wohnung, 500 Jk Nebeneinkommen. — Greifswald (24 000 E„ 95 j. S.); Rcligionslehrer, Vorbeter und Schächter per sofort; 1200 Jk, Wohnungscntschädigung und Nebeneinkommen. — Villmar a. Lahn (2000 E., 65 j. S.); Rcligionslehrer, Vorbcter und Schächter per bald; 1200 Jk, freie Wohnung. Frankfnrt a. M. Ein israel. Lehrerinnenheim wird hier anfangs Oktober eröffnet werden, und zwar in dem zu diesem Zwecke von Frau Clara Bermann testanlentarisch vermachten Hause. Aufnahmebcwerbungen sind an Dr. Martin Meyer, Stein- Weg 5, zu richten. Berlin. Auf Grund der vom Verein jüd. Religionslehrer in Berlin entworseneu Prüfungsordnung hatte» sich drei Lehrerinnen einer Prüfung behufs Erlangung eines Zeugnisses über die Befähigung als Religio nsle hierin bei den Herren Prediger Dr. I. Bleich,rode, Schulleiter Dr. M. Hildesheimer, Rabbiner Dr. E. Munk und Dozent Dr. I. Wohlgemuth unterworfen. Die Prüfung hat am 18. und 19. August (schriftlich) sowie am 20. August (mündlich) stattgefunden und erstreckte sich über sämlliche in der Prüfungsordnung angegebenen Gegenstände; sie sollte hauptsächlich den Nachweis einer gründlichen Durchbildung in den hebräischen Fächern erbringen. Den Kandidatinnen war der erforderliche Nachweis gelungen, teilweise konnte ihnen sogar die Befähigung zugesprochen werden, auf den obersten Stufen der Religionsschule Unterricht zu erteilen. Emmerich. Hauptlehrer und Kantor I, Carsch feiert am 8. Scptbr. seinen 70. Geburtstag. Rahden (Reg-Bez Mindens. Den wiederholten Eingaben der jüdischen Gemeinde ist es gelungen, die. Umwandlung der bisherigen Privatschulc in eine öffentliche jüdische Volksschule zu erlangen. Der bisherige Lehrer Rhein ist nach löjährigcr Dienstzeit im Privasichnloienst nunmehr in den öffentlichen Schuldienst übernommen worden, allerdings nach den bestehenden gesetzlichen Vorschriften für die ersten 4 Jahre nur mit den Bezügen eines einstweilig angestellten Lehrers. Die Schule war zuletzt von 22 Kindern besucht. (ll.) XtonS (Posen). Die2 hiestge jüdische Volksschule ist aufgelöst worden. Die Gemeinde hat sich so verringert, daß die Gemeindesteuer 400°/o und die Schulsteuer 200% betrugen. Herr Lehrer Locb wird nach Birnbaum versetzt. Konstanz. Ctodtrabviner Dr. Hannes ist vom Synagogenrat des Amtes enthoben worden; er wird beschuldigt, sich gegen § 175 vergangen zu haben. Prag. In Chotiebor verschied Rabbiner Philipp Böhm und in Gablonz der Rabbiner a. D. Leop. E. Lederer. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Bei der Expedition des Jsr. Familienblattes gingen für den Nationalfonds ein: N. N. stiftet einen Oelbaum 6,— Jk Staniol von Leo, Ernele und Liesel Halle, Mannheim. Wien. In einer großen Versammlung ln Cairo hielt ein Araber eine zündende Rede, in der er für den Zusammenschluß aller semitischen Böller Propaganda niachte. Am Schlüsse seiner Rede bediente er sich der hebräischen Sprache und crllärte, der Wiener „Jüd. Ztg." zufolge, alle semitischen Völker müßten die zionistische Bewegung fördern, well die Juden derzeit als der kulturell höchststehende semitische Stamm berufen erscheinen, an der Spitze der semitischen Bölkcrfamilic zu marschieren. Die pansemitische Idee mag manchen sonderbar anmuten, gewiß aber ist es, daß der allgemeine Kulturzustand der semitischen Völker einen ungeahnte» Aufschwung erfahren muß, sobald die zionistische Bewegung ihr Endziel erreicht hat. Die Araber haben tatsächlich ein eminentes Interesse daran, den Zionismus nach Kräften zu unterstützen. Das wissen sie denn auch, wie aus der angeführten Rede hervorgeht, sehr gut. Uebrigens ist die pansemitische Idee durchaus nicht mehr so neu. Sie wurde bereits vor mehr als einem Jahrzehnt, in den Anfängen der politisch-zionistischen Bewegung sehr lebhaft diskutiert und schwand nur infolge des zunehmenden Glaubens an den „Verfall der Türkei" ans dem Gesichtskreis. Naturgemäß taucht sie jetzt sofort wieder auf. Ans den Vereine«. ' Frankfurt a. M. Der Vergnügungs- Club junger Leute, gegr. 1907 feierte letzten Samstag den Tag seiner Gründung in den Räumen seines Vereinslokals „Hotel König von England". Der Präsident, Herr Karl R o s e n t h a l begrüßte die zahlreich erschienenen Herren und Damen mit dem Hinweis auf die Bedeutung' des Tages und brachte unter begeistertem Beifall der Erschienenen ein Hoch auf das lveitere Gedeihen des Vereins aus. Mit teils gesangliche», teils deklamatorischen Vorträgen unterhielten die Damen Frau G l ü ck s m a n n und Maier, sowie die Herren Bergmann, Ruellenery, Cohn, Hermann und Siegmnnd Janusch, Maier und Reis die Teilnehmer, deren Vorträge lebhaften Beifall ernteten, wie dies auch den musikalischen Darbietungen des Herrn Bergmann zu Teil wurde. Die Leitung des Abends lag in den Händen des Herrn Josef Maier. Ein kleines Tänzchen, das die Gäste und Mitglieder noch lange zusammenhielt, schloß die Feier, nachdem noch Herr Niklas im Namen der Gründer des Vereins all denen dankte, die am Emporblühen des Vereins gearbeitet haben. Bnnte Chronik. DieJuden inBagdad. Ueber die Juden in Bagdad berichtet die „Tour du Monde" folgendes: Die jüdische Kolonie ist nicht, nur zahlreich, sondern auch mächtig und hält sich abseits von der übrigen Bevölkerung, während die christlichen Chaldäer, Syrer und Armenier (etwa 10 000 in Bagdad) sich sozial mit der mohammedanischen Bewohnerschaft mischen. Bis ins vorige Jahrhundert hielten die häufigen Kriege und die Feindseligkeiten der umwohnenden Stämme die Juden innerhalb der Mauer ihres Stadtviertels eingeschlossen. Mit dem Falle der Mameluken wurden sie frei. Manche wurden Maller der Defterdare und mit der Fiiianzverwaltung der Provinz beauftragt. Ein Jude namens David Sussun verließ 1837 infolge eines Zwistes mit seinem Chef Bagdad, machte in Buschir und später in Bombay einen Laden auf und brachte es schließlich zur Gründung eines angesehenen Handelshauses in London. In neuerer Zeit erlangte der Jude Daniel Menahem einen großen Einfluß in Bagdad; er wurde mit seinem Getreide- Handel zum reichsten Grundbesitzer des Landes. Ermutigt durch die wiederkehrende Sicherheit haben mehrere Bagdadjuden in Manchester und Marseille Handelshäuser errichtet. Ein beständiger Abstrom findet auch nach Osten statt: die jungen Leute gehen nach Indien, nach Sangon, Singapore, Hongkong und Shanghai. Die von der Alliance Jsraölite in Bagdad gegründete Schule besteht seit 1865 und wird von Jm>en aus Bagdad, die draußen ihr Glück gemacht haben, reich unterstützt. Sie' zählt gegen 1000 Schüler, die erst später (1890). errichtete Mädchenschule 420 Schülerinnen. Ferner gibt es eine Talmud-Thora-Vorberettnngsschule, die von 1200 Kindern besucht wird. Obwohl nun auch Bagdadjuden sich in der Welt umsehen, verhalten sie sich dennoch äußeren Einflüssen gegenüber ablehnend. Sie tragen noch lange Kleider und einen besonderen Turban mit farbigen Mustern. Die Frauen gehen stets in den Jzaro eingehüllt, das Gesicht durch, einen langen Schirm verborgen, aus und empfangen keiue Besuche. _ Krmst und Literatur. Beiträge zur Geschichte der jüd. Gemeinde E i s e n st a d t. Nach archivalischen Quellen bearbeitet von Moritz Markbreiter, Wien 1908. 104 S. Oktav. Verlag des „Humanitären Vereines der Eisenstädter in Wien". Eiseustadt ist die bedeutendste der sogenannten „Schewa Kehillaus", der berühmten sieben Gemeinden, die nicht nur durch gemeinsame Abhängigkeit von der fürstlich Esterhazy'schen Oberhoheit, sondern aüch durch viele gleiche Minhagim geeint waren und sind. Die Blütezeit dieser 7 Gemeinden Eisenstadt, Mattersdorf, Frauenkirchen, Ritsen, Lakenbach, Deutschkreuz> Robelsdorf und Neufeld ist lange vorbei; doch die Bedeutung, die sie einst durch ihre Gelehrsamkeit und Frömmigkeit erworben haben, wirkt noch nach und Hält den leider unausbleiblichen Verfall gewaltsam zurück, indem sie das Solidaritätsgefühl ihrer Bewohner und ihre Liebe zu ihrer Muttergemeinde ganz bedeutend hebt. Diese Liebe bewog den'Verfasser der vorliegenden Schrift zu der mühevollen Arbeit, deren Resultate er uns unter dem bescheidenen Titel „Beiträge" vorlegt, obwohl er die einschlägigen Druckwerke und Archivalien ganz gründlich bearbeitet und sehr viel Material zusammengetragen hat. Als erster Versuch ist Markbreiters Geschichte Eisenstadts sehr erfolgreich, und es wird nun seinen Nachfolgern obliegen, diese Geschichte zu vervollständigen. Markbreiter fügt seinem Buche eine ganze Reihe eingehender Exkurse ein, wie z. B. über den Kuruzzenrummel, eine eingehende von persönlichen Erinnerungen getragene Biographie R. Israel. Hildes