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Neue jüdische Presse · 1908-09-04 · Heft 35 (4.9.1908) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 35 (4.9.1908)
Date
1908-09-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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" " M lit. W des Jmnfcfttttec WMslkm fmiMtatfes. Inhalt der Beilage: Artikel: NationalfondsarÜeit. — Eine bedeutsame Lehrerpflicht — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus den Vereinen. — BunteChronik. — Kunst und Literatur. — Aus der Geschäftswelt. — Briefkasten. — Vereins-Kalender. — „Jüdische Jugend." Nittiormlsondsarbeit. IV. Budget, Buchs ü h r u n g und Kontrolle. Selbstverständlich unterliegt die G e b a h r u » g der S. St. für Oesterreich den drei unbedingt notwendigen Ordnungsfaktoren d. i. einem Voranschlag, der Registrierung der Kassabewegnng und der Kontrolliernng. Im Budget nimmt die Druckerei (Kosten des Ausweises, Agitationsschriften, Flugblätter) und das Portokonlo den größten Raum ein. Die Kontrolle über die Portobeträge ist dadurch möglich, daß in einem AuSlaufbuch, fortlaufend numeriert, alle Postsendungen der S. St. vernierkt sind. Das Gehalt zweier Hilfskräfte mit zusammen monatlich 120 Kr. bildet den zweiten großen Posten. Lokalmicte Beleuchtung und Heizung werden gemeinsam mit der Jüdischen Zeitung und dem (leider beinahe ganz toten) zionistischen Zcntralvcrci» getragen. Da die Kosteil der Betriebsführung die aus den bewilligten 10o/o des N.-F.-Geldcs resultierenden Einnahmeil überschreiten, haben sich einige Gesinnungsgenosse» zur Leistung eines Regicbeitrages verpflichtet, so daß die Balance zwischen E i n n a h m e n und A u s g a b e n d e r S a m in e l st e l l e als solcher hergestellt erscheint. Die Mrechnung mit der N.-F.- Zentrale in Köln erfolgt wöchentlich, die mit der Zentrale für die Palästinagelder in Berlin (Oelbänme, Developement-Aktien, Bczalel usw.) allmonatlich, doch werden in Mrze auch mit Berlin die Abrechnungen wöchentlich erfolgen. Wird einmal der Einlauf der N.-F.-Gelder deir Betrag von 6000 Kr. im Monat überschreiten (wir halten jetzt beim Durchschnitte von 4600 Kr.), so wird die S. St. nicht nur die freiwilligen Regiebeiträge entbehren können, sondern auch einen kleinerr Ueberschuß an den 10o/o erzielen, der dann wieder dem N.-F. zufließen wird.Z V. Nationalfoudsmarken, Telegrammbla n k e t t s, Sammelbüchsen, Sammclbogen. Verhältnismäßig im Argen liegt die Verbreitung und infolgedessen der Gebrauch der N.-F.-Marken und Telegrammblanketts. In diesem Falle ist die Zentralisation schädlich, und die S. St. trug und trägt noch dafür Sorge, daß diese beiden Artikel denjenigen Kaufleuten in jeder Stadt, die Sitz eines Vereins ist, zum Verkaufe übergeben werden, die sonst mit ähnlichen Artikeln handeln. In Betracht kommendabei am ehesten Papierwarenhändler. Die Verkäufer beziehen von der S. St. eine bestimmte Provision, die mit dein Umsätze steigt. Die Artikel gehen hierbei nicht in das Eigentum des Kaufmanns über, sondern bleiben Konsignationsware, über die der Betreffende allinonatlich dem von uns ernannten Vertrauensmaune Rechnung zu legen hat; ebenso ist jeden Monat der Verkaufserlös an die S. St. abzuführen. Auf diese Weise wurden bis jetzt in Graz, Teschen, Tamopol, Mäh risch- O st r a u und K o l o m e a Verkaufsstellen eingerichtet. Einen verhältnismäßig günstigen Erfolg weisen die S a in m e l-b o g e n ans. Der Gesinnungsgenosse, der sich um einen solchen bewirbt, hat seinem Distriktskomitee Meldung zu inachen, das der S. St. dann den Auftrag weiter gibt. Durch diesen Instanzenweg wird ein Mißbrauch erschwert, da das Distriktskomitee nur verläßlichen Gesinnungsgenossen Sammelbogen zukoimnen läßt. Besonders in Galizien hat sich die Institution der Sammelbogen gut bewährt, da bei den hier in Betracht kommenden kleinen Spenden (bis zu 1 Krone) der längere Zeit in den Händen des Sammlers bleibende Betrag durch die Unterschrift des Spenders genügend unter Kontrolle ist und bei der speziellen Sammelart, die in Galizien (d. h. überall wo ärmere Juden wohnen) üblich ist, inimer nur kleinere Beträge von jedem einzelnen Geber zu erwarten sind und sonst kein Sammelmittel erdenklich ist, das gleichzeitig eine Kontrolle erlaubt und Portospesen erspart. Nicht ganz so befriedigend sind die Ergebnisse der Sammelbüchsen. Abgesehen davon, daß die S., St. bei ihrer Errichtung einen höchst mangelhaften Kataster vorfand, so daß der Verbleib einer ziemlich großen Zahl von Büchjen nicht zu erforschen ist, r) Die Ausweise erscheinen allwöchentlich detailliert in der „Jüdischen Zeitung" (deutsch), summarisch in der „Welt"; speziell die aus Galizien einkommenden Beträge werden außerdem im Wschod (polnisch) und im ,/Lemberger Tagblatt" (Jargon) ausgewiesen; während die Selbstwehr in Prag die beim N.-F.-Kommissär für Böhmen einlaufenden Gelder provisorisch verzeichnet. ist auch bei den neuen Büchsen die Möglichkeit einer mißbräuchlichen Geldentnahnie (z. B. durch Kinder und Dienstboten) nicht ausgeschlossen; andererseits verschwindet die Gabe des kleinen Mannes im Meere der Anonymität, so daß der Anreiz zur Spende bei einer Sammelbüchse kleiner ist als beim Sammelbogen. Außerdem ist die Büchse eher böswilligen und auch verschicdentlichen Beschädigungen ausgesetzt. Alle diese Umstände sprechen für die größere Popularität des Bogens. Nur in einer Hinsicht sind die Büchsen nicht zu ersetzen — in den Ratsstnbe n der 51 u l t u s - gemeinden und in den Synagogen. Mit dem zunehmenden Einflüße unserer Parteigenossen in den einzelnen Kultnsgemeinden, wird es sich erreichen lassen, daß neben anderen Sammelbüchsen auch die N.-F.-Sammelbüchse im Beratungssaal der Kultnsgemeinden angebracht wird. Der erste Erfolg, dem bald andere folgen werden, ist in Pilsen zu verzeichnen, wo sowohl in der Synagoge, als auch in der Natsstubc unsere Sammelbüchse — glänzt. Kleinere Gemeinden haben einzelnen Parteigenossen, die sich über neue Ersuchen in dieser Angelegenheit bemühten, ebenfalls die Erlaubnis erteilt, Sammelbüchsen des N.-F. entweder im Beratungssaalc oder in der Synagoge anznbringen. Ein anderes Wirkungsfeld der Sammelbüchse tritt bei Leichenbegängnissen ein; da mögen nach Art der Chewramänner unsere Parteigenossen mit der klingenden Büchse sammeln: „zum Andenken an den Toten für die Zukunft des jüdischen Volkes" — vorausgesetzt, daß die Genieinde ihre Erlaubnis dazu erteilt. Von einem schlichten Zionisten aus einer Kleinstadt Galiziens ging der S. St. ein Vorschlag zu, der der weitesten Oesfentlichkeit unterbreitet zu werden verdient. Der betreffende Gesinnungsgenosse ging au den Tagen, die durch Gebrauch bei uns zu Fricdhossbesnchstagen wurden, mit einer Sammelbüchse auf den Friedhof jener kleinen Stadt; so saminelte er am Tischo be Aw vorigen Jahres in zwei Stunden 20 Kronen. Organisiert, müßten diese Sammlungen einen ansehnlichen Betrag ergeben. Die S. St. für Oesterreich trifft die nötigen Vorbereitungen, um am nächsten Tage (bei uns der erste Sonntag zwischen Neujahrs- und Versvhnungsfest) die Sammlungen einleiten zu lassen. Eine bedeutsame Lehrerpflicht. Von Lehrer M. U ck o, Bad Ems. In letzter Zeit ist in Referaten, wie auf Konferenzen des öfteren darauf hingewiesen worden, jungen Leuten, die sich dein Lehrerberufe widmen wollen, energisch von diesem Schritte abzuraten. Die Gründe dafür sind mannigfacher Natur. Der Hauptgrund jedoch dürfte in der ungünstigen wirtschaftlichen Lage der jüdischen Lehrerschaft zu suchen sein. — Wir leben im Zeitalter des Materialismus. „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles!" (Goethe.) Es ist daher nicht zu verwundern, daß bei der Berufswahl von den meisten Eltern die Fragen aufgeworfen werden: Was verdient mein Sohn da jährlich? Muß er da nicht auf einem Dorfe verbauern und versauern? Ist die Arbeit nicht zu beschwerlich? Kann er sich da auch ein Vergnügen gönnen? Was bringt ihm dieses Amt an Ansehen, Ehre und gesellschaftlicher Achtung? Ob sich der Sohn zu einem Amte mehr oder weniger eignet, diese Frage spielt leider bei unfern jüdischen Eltern vielfach eine ganz untergeordnete Rolle. Die äußeren Verhältnisse sind meist ausschlaggebend. Es wäre töricht, diese Tatsache verschleiern zu wollen. Nun ist aber für den Lehrer-Kandidaten die Berufswahl von größter Bedeutung. Ein falsch gewählter Beruf bedeutet oft genug ein verfehltes, unzufriedenes Leben. Innerlich muß der Mann mit seinem Berufe verwachsen; denn nicht allein ein Mittel zum Broterwerb darf der Beruf, insbesondere der jüd. Lehrerberuf, sein. Es muh von dem Berufe des Mannes gelten: Sei was Du willst Nur sei es recht!" — Kein Lehrer' kann erfolgreich wirken, wenn er des Idealismus bar ist. Aber der Idealismus läßt sich dem Manne nicht anzüchten oder wie ein Edelreis auf einen Wildling aufpfropfen. Er lebt als gar zartes Pflänzchen schon im Kindesherzen und wird nur zu leicht von dem frostigen Weltgeist.getötet. In dem Augenblick, wo dieses Pflänzchen im jugendlichen Herzen zu trauern anfängt, wankt die Begeisterung sür Berufe, die nur auf dem Fundament des reinsten Idealismus glücklich gewählt und gedeihlich ausgeübt werden können. Wird dieses Pflänzchen nicht täglich begossen und befruchtet, so stirbt es ab. Jeder, der daher Lehrer aus Beruf ist, sollte sich durch unangenehme Erfahrungen nicht abhalten lassen, der Nachwuchsfrage geziemende Aufmerksamfeit zu schenken. Gerade das Standesbewußtfein müßte die Erfüllung dieser Lehrerpflicht jedem erlcichtern. Wer etwas für seinen Stand übrig hat, streut auch Saaten in die Zukunft! Es kann und darf dem Lehrer nicht gleichgiltig sein, ob nach ihm ein Hirt oder ein Mietling den Boden bebaut, der mit seinem Schweiße befruchtet ist. Darum, meine ich, ist jeder Kollege, der es ernst mit seinem Berufe meint, moralisch verpflichtet, soviel an ihm liegt, dafür zu sorgen, daß seinem Stande ein wirklich leistungsfähiger Nachwuchs zugeführt werde. — Kann es denn dem Lehrer schwer fallen, der Nachwuchsfrage seine Aufmerksamkert zu schenken und etwas zu ihrer Lösung beizutragen? Darauf ist zu antworten: Niemand vermag dies leichter zu tun, als der Lehrer. Er kennt die Jugend aus der Schule und kennt Geist und Wertgehalt der Familien. So gewinnt er bald ein Urteil über intellektuelle Veranlagung, über Fleiß und religiössittlichen Gehalt eines Jungen, er merkt leichter und besser, als irgend ein anderer, ob Neigung und Geschick zur Lehrerarbeit vorhanden ist. Besonders die Neigung ist sehr wichtig. Eine ausgesprochene Neigung für einen bestimmten Beruf ist ein so mächtiger Hebel des Strebens und Gelingens, daß man ihr womöglich freien Spielranm gewähren soll. Sie weist auch vielfach auf besondere Gaben hin, die als anvertraute Pfunde verwertet und nicht vergraben werden sollen. Nicht selten ist die Ignorierung der kindlichen Neigung schuld an dem späteren Mangel an Befriedigung und den Klagen und Anllagen wegen des verfehlten Berufes. Aeußerst wichtig ist ferner die Frage, ob auch religiös-sittlicher Gehalt in einem Jungen vorhanden ist. Wir leben ja in einer Zeit, in der viele unser alt-ehrwürdiges Judentum nicht mehr für zeitgemäß halten, es zu modernisieren suchen und damit antijüdischen Geist in die breitesten Bolkskreise und in die Herzen unserer Jugend hineiutragcn. Darum halte ich es für übermis notwendig, daß in dem zukünftigen jüdischen Lehrer vor allem der „Ruach Hakaudesch" vorhanden sein muß, daß der zukünftige jüd. Lehrer wirklich religiös ist, religiös fühlt und denkt. — Wer also mit wirllich innerer Befriedigung einem der Berufe obliegt, die heute vielleicht vielen weniger wählenswert erscheinen, der muß es auch als Pflicht betrachten, nach bestem Können dafür zu sorgen, einen Nachwuchs heranzubilden, der Beruf und Berufstätigkeit in gleich edler Weise auffaßt und ausübt. Es genügt aber nicht, daß allein die Zahl gefüllt wird. Mit der Quantität ist nie etwas gewonnen; die Qualität nur gibt den Ausschlag. Ein Beruf, wie es gerade der jüdische Lehrerberuf ist, der trotz der vielleicht weniger günstigen äußeren Verhältnisse eine große Anzahl qualitativ trefflicher Vertreter aufweist, wird eben durch diese Vertreter immer wieder bedeutende Anziehungskraft auf junge Leute ausüben. Darum, liebe Kollegen: „Stellet viele Schüler aus!" Aus aller Wett. Rrchlaud. Der vom „Hilfsverein der Deutschen Juden" nach T e l s ch i entsandte Berichterstatter meldet über das unglaubliche Verhalten des Jsprawnik bei dem Brande: Ich habe durch Zeugen festgestellt, daß der Jsprawnik Pleschkow die Löschapparate oft in sehr kritischen Momenten ohne ausreichenden Grund den Juden verweigerte. So nahm er zunächst die Feuerwehr für die Reichsbank in Anspruch, obwohl bereits alle Wertsachen aus ihr entfernt und in Sicherheit gebracht waren; später, als aus der benachbarten Stadt Plungjanum mehrere Löschapparate eintrafen, verhinderte der Jsprawnik ihre Anwendung bei brennenden Häusern und ließ sie um sein Haus aufstellen, das ganz außer Gefahr war. Als einige Juden sich um Hilfe an ihn wandten, schrie er sie barsch an und bedrohte sie mit Ohrfeigen. Als er einen abgebrannten Juden weinen sah, ahmte er ihm nach und belustigte sich über ihn in rohester Weise. Zu meinem Bedauern war. der Jsprawnik jetzt nicht anwesend. Ich wandte mich an das Stadt- Haupt mit den Worten: „Man munkelt, der Jsprawnik habe die Rettungsarbeit vernachlässigt, und den Juden die erforderliche Hilfe verweigert. Können Sie mir vielleicht Aufllärung gebend Darauf antwortete dieser: „Nun ja, unser Jsprawnik ist ein ausgesprochener Judenhasser. Er selbst sagte mir, er erblicke in diesem schrecklichen Brande einen Ersatz für einen Pogrom." Ich erwiderte: „Er beschuldigt demnach die Christen einer Brandstiftung, während die Juden selbst es ja nicht tun?!" und erhielt zur Antwort: „Der Jsprawnik beschuldigt sie gar nicht, im Gegenteil, er sagt, die Juden haben es verdient." Ich mutz bemerken, die Behauptung des Jsprawnik, wonach der Brand eine Art Pogrom darstellt.

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