Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 34 (28.8.1908)
- Date
- 1908-08-28
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Nr. 34. Aus -er zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Montag Vormittag 10 Uhr wurde im Saale des Börsenrestaurants eine Misrachi-Versammlung eröffnet. Professor W e y l begrüßte die Versammlung namens des Vorstandes der Misrachi - Ortsgruppe Frankfurt a. M. und begrüßte insbesondere die Herren Rabbiner Rcines-Lida, Fischmann-Ungheni, Kah»-Eßlingen, Kaplan-Newyork und den bekannten jüdischen Gelehrten Herrn Jawitz-Bcrlin. Neben den genannten Herren und neben den hiesigen Msrachisten sind u. a. anwesend: Dr. Bamberger-Nürnberg, Ch.' I. Eis-Zürich, Dr. med. Franck-Altona, Arnold Wicner- Kattowitz, Otto Simon-Mannheim, Jsaac Nobcl- Halberstadt, Emanuel Kaufmann-Stuttgart, Bertram Stern-Wiesbaden, Rüben Cohn-Antwerpen, Lehrer Roscnbcrg-Bierstadt, Braun-Basel. Proiessor Wehl gibt der Hoffnung Ausdruck, daß sich die Beratungen friedlich gestalten, ohne in der Sache etwas nachzugeben. Die heutigen Meinungsäußerungen können bestimmend für das künftige Verhalten des Misrachi- Zentralbüros sein. Es gibt kein nationales Judentum ohne die Pflege des religiösen Momentes. In diesem Sinne zur Sache und im versöhnlichen Geiste zu allen persönlichen Fragen möge der Ton der Versammlung sich halten. Es folgt dieKonstituierungdcsBüros, und zwar wie folgt: Rabb. Reines (Ehrenpräsident), Prof. Wehl (1. Vorsitzender), Dr. Franck (2. Vorsitzender), Jawitz und Dr. Fcuchtwanger (Beisitzer), Braun und Hackenbroch (Schriftführer). Ein Bcgrüßungstelegramm an das zion. Zentralbüro in Köln wird beschlossen und dann berichten Rabb. Reines über das Büro in Lida und Dr. Feuchtwanger über das Büro in Frankfurt. Rabb. Fischmann fügt zum Bericht Reines den Bericht über die Jeschiwah in Lida hinzu und fordert die Msrachisten auf, diese Jeschiwah zu unterstützen. Ein Antrag Bambcrgcr, Stern usw., Herrn Dr. Feuchtwanger vor der Dccharge eine Vertrauenskundgebung zu 'machen, wird einstimmig angenommen. Rabbiner Fis chm an n spricht über das Thema „Unsere Aufgaben in Palästina". Er schließt seine Ausführungen mit folgenden resümierenden Vorschlägen: 1. Es soll eine misrach. hebräische Monatsschrift für Palästina geschaffen werden. 2. Die „Tachkemauni"-Schulc in Jaffa ist, wenn irgend möglich, für die gedachte Misrachi-Schule zu übernehmen. 3. Gründung einer Schule für Mädchen.. 4. Die Jeminiten und die portugiesischen Jude» für den Misrachi zu gewinnen zu suchen. 5. Der Misrachi soll einen Repräsentanten in Palästina haben, solcher könnte auch der Leiter der unter 1. erwähnten Monatsschrift sein. 6. Die Chassanowitsche Bibliothek in Jerusalem zu unterstützen. 7. Zurücknahme des Cherem der Rabbinen auf Anlage von Fabriken, Versicherungsgesellschaften usw. Die Versammlung beschließt die Drucklegung des Referates Fischmann. * Die Nachniittagssitzung debattiert über die drei Referate des Vormittags. Martin Levigard überbringt die Grüße der Franks. Zion.-Vercinigung. Die Abendsitzung wird mit einem Referat Dr. Franck' s über „Organisatio u" eröffnet, dem sich eine Diskussion anschließt. Zur Illustration der Stimmung der Versammlung geben wir hierniit diese Dislussion wieder: Levigard: Der Misrachi muß anfangcn zu verlangen. Als hauptsächlichstes hat er nach de» Worten „öffentlich-rechtliche Heimstätte" im Baseler Programm die Worte „auf traditioneller Grundlage" zu fordern. Kaufmann-Stuttgart: Der Misrachi ist bisher nicht ernst genommen worden, weil er nur in negativer Richtung tätig war. Es muß eine positive Tätigkeit eingesetzt und ein positives Mindestprogramm ausgestellt werden, — und wen» dieses Mindest-Programm nicht zur Durchführung komnrt, — dann muß der Misrachi seine eigene Wege gehen. Cohn-Antwerpen: Jeder einzelne fromme Jude, der der Bewegung beitrat, ist ihr doch auf Grund des bestehenden Programnies beigctretcn. Wem also die zionistische Idee damals gut war, dem müsse sie doch auch noch heute trotz der kulturellen Bestrebungen recht sein. Dürfen wir nach so kurzer Zeit schon verzweifeln? Unbestreitbar ist, daß sich die zionistische Masse in jüdischer Beziehung gebessert hat. Dr. Bamberger -Nürnberg: Der sozialwirtschastliche Notgedanke hat uns zusammengeführt, heute stehen wir aber vor der Kulturfrage. Man darf für die Dauer freudiger Hoffnung sein, denn das jüdische Gesetz erringt sich mit der fortschreitenden Gesittung und Wissenschaft immer mehr Merkennung. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. B. Stern: Die Hauptfrage ist, wie der Misrachi in Zukunft organisiert sein wird. Die Einrichtung eines regelrechten Büros mit einem bezahlten Beamten ist da das erste Erfordernis. Louis Kahn: Je mehr man sich gefallen läßt, desto weniger erreicht inan. Der Misrachi muß, wenn man ihm nicht zu willen ist, mit dem Austritt drohen. Der Allstritt schadet nichts, denn in der neuen Gesamtorganisation aller Orthodoxen hat die Orthodoxie die meiste Aussicht auf erfolgreiche Tätigkeit. Eiß-Zürich: Der Zionismus hat, wie die Verhältnisse im Osten beweisen, mehr geschadet als genützt. B. Stern: Wir Misrachisten stehen auf dem Boden des Gesamtheitsgedanken. Selbst als wir noch einen politischen Staat hatten, waren die die Thora Beobachtenden in der Minderheit. Die Zustände in Osteuropa würden sich auch ohne den Zionismus verschlechtert haben. Es möge auch nicht vergessen werden, daß viele Unterlassungssünden seitens der Rabbonim an der Verschlechterung schuld tragen. Cohn-Antwerpen: Der Vorschlag der Abänderung des zion. Programms wäre das Extremste was wir verlangen können und würde die Gegensätze nur verschärfen. In der Misrachileitung kam bisher zu sehr die Frankfurter Killc-Politik zur Geltung. Dr. Fcuchtwanger verwahrt sich lebhaft gegen letztere Behauptung. Dr. K ahn- Eßlingen: Der Misrachi steht auf dem Boden der Gesamtheit und des Zusammenhaltes. Es handelt sich darum, ob ein strammeres oder gemäßigteres Vorgehen zweckmäßig sei; ein strammeres Vorgehen erscheint opportun. In das zion. Programm müssen die Worte „anf traditioneller Grundlage" hinein. Herr Cohn irrt mit seiner Frage, denn die bösen Erfahrungen haben wir erst jetzt gemacht. Otto Simon - Mannheim: In kulturellen Fragen läßt sich kein neutraler Boden finden, deshalb müßte eine Möglichkeit gesucht werden, die kulturellen Fragen aus dem Zionismus anszuscheiden. Der AntragStcrn: „Die Versammlung bittet das misrachistische Zentral - Komitee, eine Finanz k v m missio n einzusetzen, die baldigst durch Garantiezcichnungen einen Fonds von je 3000 JL zunä ch st für 3 Jahre herbeischasft, der zur Unterhaltung eines Büros mit sestangestcllten Beamten verwendet werden soll" wird angenommen. * Dienstag früh referierten Dr. Bamberger über „Argitation und Propaganda" und Rüben Cohn über „P reff c". Es wird eine Preß komm ifsion (Prof. Sulzbach, Professor Wehl, B. Stern, Levigard, Dr. Feuchtwanger, Hackcnbroch-Franksurt, Struck und Jawitz-Berlin) gewählt. Diese Kommission soll nur unter bestimmt fcstzulegenden Bedingungen ein bereits bestehendes Wochenblatt als offizielle Misrachi-Zeitung übernchmcn (Das Frankfurter Israelitische Familienblatt hatte von vornherein eine Subventionierung oder eine Einschränkung der Freiheit in seiner Leitung abgelchnt). - * Die Nachmittagssitzung debattierte zuerst in Angelegenheit der Verweigerung von Schekelblocks an Misrachisten-Vereine in Galizien und Rußland. Es wirb folgender Antrag angenommen: Das Zcntralbüro soll ein Memorandum betr. die Schckelfragc ausarbcitcn, welches das Verhältnis des Misrachi zum Präsidenten des Engeren A.-K. in allen Punkten klarlegt. Dieses Memorandum soll persönlich von einer Deputation in Köln überreicht werden. Rabb. Reines berichtet nochmals über die L i d a c r I e s ch i w a h. Die Jeschiwah sei vom Misrachi nicht genügend unterstützt worden, trotzdem der Misrachi fiir deren Gründung seiner Zeit >var. 230 Schüler umfasse die Jeschiwah, und Größen au Thorawisscn seien schon aus ihr hervorgcgangen. Aber auch profane Wissenswaften werden gelehrt. Nicht nur rabbinijchc Gelehrte, auch Männer wie Baron David Günzburg haben ihrer Bewunderung hierfür Ausdruck gegeben. Die Versammlung möge zu Protokoll geben, daß die Misrachisten aller Orten diese Jeschiwah unterstützen sollen; sonst erwecke cs in Rußland den Anschein, als meine cs der Misrachi mit seinen Absichten nicht ernst. Für die aus dem Zcntralbüro ausgetretenen Herren Jakob Posen und Saly Geis werden neu cooptiert: Prof. Sulzbach, Prof. Wehl, Barn ch Stern, Hermann Struck. In das Zentralkomitee des Misrachi lvcrden gewählt: für Oesterreich-Ungarn und Galizien: Herren Austerlitz, Faden Hecht L e i b o w i t s ch; für R'u ß l a n d: Herr G u r l a n d- Berliu und Rabbiner Fischmann in Wilna nnd ein noch zu nominircnder Herr in Grodno. Auf eine Anregung des Herrn Rabb. Reines wurde noch ein Antrag -von weittragender Bedeutung angenominen, welcher jedoch vorerst nicht veröffentlicht werden soll. — — — Es werden folgende Anträge Dr. Franks angenommen: 1. Der Misrachi anerkennt die Entwicklungsmöglichkeit des Baseler Programms inr Sinne des gesetzestrenen Judentums und formuliert den Hauptsatz seines Programms „Der Zionismus erstrebt die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina auf der Grundlage des überlieferten Judentums." 2. Das Zentralbüro möge die Einrichtung der Föderation auf Grundlage des in Preßburg festgesetzten Programms veranlassen. Für diese Föderation sind in den einzelnen Ländern Zentralstellen zu errichten, die zunächst die Sammlung der Schekel nnd die Gründung der Ortsgruppen in die Hand zu nehmen haben. 3. Der Misrachi hält es für seine vornehmste Pflicht, an dem wichtigsten Punkte zionistischer G e g e n w a r t s a r b e i t, der Vorbereitung des Volkes, tätigen Anteil zu nehmen. Er erblickt die zwcckdienliche Ausführung dieser Arbeit in Gründung von Schulen, in der Sichtung methodischer Bcarbeitluig und Verarbeitung aller im altjüdischen Schrifttum niedergclegten, einer modernen Gesellschaftsform entsprechenden soziale», ethischen und politischen Ideen. 4. Das Zentralbüro möge die ordnungsgemäß laut § 17 des Orgauisationsstatutes aus. Delegiertenwahleil hervorzngchendc A l l g c in e i n e Mis - rachi-Koilfercnz innerhalb Jahresfrist möglichst im Anschluß an den allgemeinen zionistischen Kongreß vorbereiten. Kaufmann- Stuttgart dankt dem Vorsitzenden, Prof. Wehl, für seine gewissenhafte nnd umsichtige Tätigkeit. Der Vorsitzende schließt die Versammlung. Frankfurt a. M. Sonntag Abend fand hier eine Sitzung des Zentral-Komitee des Misrachi statt, an der die Herren Jakob S. Posen, Dr. Feuchtwanger, Saly Geis-Frankfurt, Rabbiner Reines- Lida, Rabbiner F i s chm a n n - Ungheni, Dr. Frank-Altona und Ch. I. Eiß- Zürich als Mitglieder und die Herren Professor Weyl,JosephHackenbroch, Lehrer Stern- Frankfurt, Braun- Basel und Rübe». C o h n - Antwerpen als Gäste teilnahinen. Die Herren Jakob S. Posen und Saly Geis teilten der Versammlung ihren Austritt aus dem Zentral-Komitee mit nnd erklärten, eine Wiederwahl ablehnen zu müssen. Die Versaniinlung beschloß, daß die an den nächsten beiden Tagen stattfindcndc Misrachisten - Versammlung als eine Art Vorkonferenz zu einer später statutengemäß einznbcrufciiden „Allgemeinen Misrachi-Konferenz" zil betrachten sei. ' Frankfurt a. M. Bei der Kommission für den Nationalfonds gingen ein: Frau Bertha Noscnhcimcr anläßlich der Jahrzcit ihrer sel. Mutter, Fanny Maier geb. Baer, 1 Oclbanm (im Herzlwald) 6,— JL Rudolf Roscnhcimcr, Philadelphia zum Andenken an seine sel. Mutter Sophie Rosenhcimer geb. Wachs, 1 Oelbaum (im Herzlwald) 6,— „ Köln a. Rh. Die Generalversammlung des I ü d. N a t i o » a l f o n d s faßte folgende Beschlüsse: 1. Das Direktorium wird ermächtigt, zur Abrundung des Besitzes des Nationälfonds in Bcs-Arif die 445 D u n a m L a n d in Lydda, die jetzt im Besitze der Anglo-Palestine Company sind, von dieser anznkaufen. 2. In Anbetracht der weittragenden nationalen Bedeutung der Errichtung einer Technischen Hochschule in Palästina soll der Nationalfonds das Zustandekommen der Errichtung eines Technikums in Palästina dadurch fördern, daß er ihm einen geeigneten hinreichenden Bauplatz aus den Mitteln des Nationalfonds zur Verfügung stellt. 3. Das Direktorium lvird ermächtigt, die freien Ländereien in Undjune den kaukasischen Bergj u d e n unter geeigneten Bedingungen zum Zwecke der Gründung einer Ansiedelung zu verpachten. 4. Das Direktorium wird ermächtigt, der Jüd. Nativnal-Bibliothek einen Fonds für die Vollendung des Hausbaues für die Nationalbibliothek zur Verfügung zu stellen, unter der Bedingung, daß das Land und Haus Eigentum des Nationalfonds werden. 5. Für Ken Fall, daß Herr Moser; der die Mittel für den Bau des Hebräischen Gymnasiums in Jaffa gegeben hat, au den Nationalfonds mit dem Ersuchen herantritt, dieser möge den erforderlichen Boden für den Hausbau hcrgebcn, soll das Direktorium des Nationalfonds ermächtigt werden, den Bauplatz für das Hebräische Gymnasium ans den Mitteln des Nationalfonds zur Verfügung zu stellen.