Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 34 (28.8.1908)
- Date
- 1908-08-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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zu Nr. Z4 ites Jtomfcfutfet IjmMWm lamitienfitattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Ellul. — Personalien. — Aus der Lehr er Welt. — Aus derzionistischen Bewegung. — Bunte Chronik. — Briefkasten. — Vereins-Kalender. Ellul. Von dem Augenblick an, da sie am Schlüsse des Jauin Kippur befreit und feierlich das Bekenntnis ablegte, daß nur Gott Gott sei, war die Seele das ganze Jahr über auf der Wanderschaft. Rastlos und ruhelos schritt sie hin, schritt sie her, hatte keine Muße, sich aüf sich selbst zu besinnen, hatte keine Neigung, keinen spornenden Antrieb, zum Gelübde und zur Tat zu verdichten, tvas ihr damals an ernsten Vorsätzen genaht war. Nun, am Beginn des Ellul, gebietet ihr ein mächtiges Hornsignal Halt, nun macht sie Pause auf den endlos betretenen Wegen, nun ruht sie ein Weilchen, ein kurzes Brnchteilchen der langen Zeit von ihren Streifzügen und schlägt einmal rückblickend ihr Wanderbnch auf. Und sie starrt scheu, mit erstaunten, erschrockenen Augen hinein und möchte fast Blatt nin Blatt herausreißen, fast Seite für Seite vernichten können. Aber sie weiß zu gut, daß droben auch ein Wanderbuch für sie und über sie geführt wird, in dem mit großen, unauslöschliche» Zügen ihre Irrfahrten und ihre Hochfahrten verzeichnet sind. Sie liest niit trüben, brennenden Blicken ihr Jahres-Wanderbnch. * Da ist ein großes, goldgerändertes Blatt mit dicken, kräftigen Schriftzügen, das von der Hoffahrt erzählt. Erzählt, wie sie, die Seele, sich hinaushob über einen Teil der Menschheit, lute sie starr, unbarmherzig, nahezu leblos wurde vor Eigendünkel, wie ihr Stolz ihr die Demut vor Gott raubte, wie sie nur auf sich selbst vertrauen lernte, wie sie dann meinte, auch ihr Geschick nur auf sich selbst gründen zu können, und tvie sie darob der einzigen Allmacht vergaß. Und ein zweites, angereihtcs Blatt mit Buchstaben kalt wie Dolche kündet von der I ch s u ch t, von der Eigenliebe, die sich, nur sich, als Mittelpunkt, als Inbegriff der Welt betrachtet, die beiseite schiebt, was ihrer Entfaltung hinderlich ist, die dem Nebenmenschen keinen Fußbreit Boden, kistn Atom Recht läßt und damit Widersacher wird dem heiligen Kerngebote der Thauro: Du sollst Deinen Nächsten lieben gleich Dir selbst. Von den Wildwassern des Zornes weiß ein drittes Blatt zu berichten. Wie sie die reine, ruhige Seele, die doch rein und ruhig zum Himmel emporwachsen wollte, die dem Schöpfer von Himmel und Erde rein und ruhig dienen wollte, mit schmutziger Flut umspült haben, wie sie das friedliche Glück des Hauses, wie sic das friedliche Gedeihen der Kindcrscelcn zerstört haben. Ein vergrämtes, düsteres Blatt starrt der sinnenden, der sich ihres besten Selbst erinnern- ’ den Seele dann entgegen. Sie , hat danials an der Bahre ihres Reichtums und an der Bahre ihres Liebsten gesessen und hat gehadert mit der göttlichen Weltordnung, kurz nur, aber doch gehadert, und hat gezwcifelt an der göttlichen Gerechtigkeit, vorüberfliegend nur, aber doch gezweifelt. Und wie Flammen lodert's ihr von den folgenden Seiten entgegen, wie schwüle, rauchnmhüllte Flammen. Die Macht des Willens, des klaren, hochstrebenden, eisenstarken jüdischen Willens ist unterlegen der Macht des Gemüts, der Macht der Sinnlichkeit, die Macht der feinen, zarten, keuschen Seele der Macht der rohen, physischen Krastnatur. Und die Seele ist abgeirrt, weit abgeirrt von dem Wege der Heiligkeit, von dem ain meisten auflvärts führenden Wege der sittlichen Heiligung in finstere Klüfte voll brodelnder Nebel, und sie weiß noch heute nicht zurück und hinaus aus dem Qualm. Sie blättert weiter in ihrem Wanderbuch, lets qualvoller, stets angstvoller und entsetzter. Da spritzt der Geifer der B ö s r e d c vor ihr auf, wie sie hämisch und zungenfertig Menschenehre damit besudelte, Mcnschenheil und Menschenglück vergiftete, wie sie der Liebe, der Illllicbc und der Nächstenliebe untreu wurde und der Selbstliebe, der eitlen, schnöden, prunkhasten Selbstliebe huldigte. „Genug!" schreit sie, „genug, wer kann mich retten?" Was getan, ist getan, >ocr hilft? * Und sie schlägt die Hände vors Gesicht, die arme, zerknirschte Seele, und beginnt bitterlich zu schluchzen. Aus dem schweren Schluchzen ringt sich, dämmerhaft erst, dann immer greifbarer, inmicr fester, immer leuchtender der Gedanke, daß cs doch noch ein Empor gebe, daß doch noch eine Hand da sei, die einenl gerade jetzt in der Ellulzeit des Erbarmens und des Wohlgefallens vom Himmel aus entgegcngestreckt werde, die der Seele, wie sie auch abgeschweift und irre gegangen sei, beim Ausstieg helfe. Und sie hebt das gebeugte Haupt und beginnt zu schreiben, neu zu schreiben in ihr Wanderbuch Seite für Seite, wohin sie fortan gehen will, was sie verlassen und was sie erreichen will. Schreibt nieder mit stets markigerer, stets hellerer Schrift zu ihrer eigenen Kräftigung und zur Kräftigung ihrer Vorsätze die Wege, die sie in den Ellul-Tagcn bis zum „Acharis Hajomim", bis zum Ende der Jahrestage, gehen wird. Seite auf Seite füllt sich. Da sind Blätter, die von aufrichtiger Reue sprechen, die sich bemüht, redlich, ernst und unaufhörlich zu erkennen, wohin die Seele gewandelt, >vas sie an Blüten aus den falschen Pfaden geknickt, wie weit sie sich von ihren: unsterblichen Ursprung entfernt hat und wie sie nun ihres unsterblichen Zielpunktes wieder eingedenk iverden und eingedenk bleiben will. Die abtnn will und wegwersrn die goldenen Krücken, mit denen sie einherstolzierte, und bescheiden der Herkurkft ihrer Körperhülle aus verwestem Keim, deren Hinwallen zn Staub und Wurm sich stets erinnern wird. Die gütig und nachgiebig ihren Nächsten zu behandeln vor hat, ohne Groll, ohne Neid, ohne Schwarzsehcrei, so gütig und so nachgiebig, wie sie selbst am Tage der großen Rechtsprechung aufgefaßt zu werden hofft. Die sich zu ihrer vollen Reinheit wieder Herstellen, in ihrer vollen Reinheit fürderhin erhalten will — trotz alledem und alledem, trotz allem Drängen und trotz aller Lockungen. Die der Habgier Grenzen setzen wird, die sie niemals um ihrer selbst willen, niemals mit unerlaubten Mitteln, niemals zu unedlen Zwecken befriedigen wird. Die zurückhaltend und sittig jüdisch-jungfräuliche und jüdisch-frauliche Würde wahren möchte. Die nicht einen Atemzug lang aufhöreu wird, in allen Schicksalen Gott zu preisen. Und in die aufrichtige Reue und in das weihevolle Zukunftsgelöbnis mischt sich das große, heimliche, ergriffene Weinen über das Vergangene, das nur Gott hörbare, von Ihm aber auch gewiß gehörte Weinen. Statt der dunkeln, zehrenden Flamme der Sinnlichkeit loht in einem anderen Blatte die strahlende Flamme der Sehnsucht nach Gott, der Sehnsucht nach Seiner Nähe und der von Ihn: ausgehenden Seligkeit auf. Die Seele schreibt und schreibt, jetzt vom freiwilligen und von Schuld freimachenden Wohltnn, vom Wohltun um des lieben Gottes und nur um des lieben Gottes, nicht um der lieben Menschen, um des Ansehens vor den lieben Menschen willen. Dann von der Arbeit an sich selbst, von der steten, harten, vom erwachenden Bewußtsein bis zum verschleierten Bewußtsein unablässig fortgesetzten Arbeit an sich selbst, dann von der geharnischten Tat, die nicht müde und verzagt' auf halbem Wege stehen bleibt, sondern rüstig ausschreitet, rüstig wirkt an sich, um sich, unter sich. Und allgemach wird die Seele, die Allseele des gläubigen Israel, ruhiger, allgemach stillen sich ihre Angst und ihre Hoffnungslosigkeit, und sie beginnt beglückt aufzuatmen im Gedenken an die gnadenvolle und liebereiche Zeit, die ihr bcvvrsteht, beginnt beglückt aufzujauchzen im Anblick der gesegneten Aufstiege, die im Ellul vor ihr liegen. Sie weiß: über Steine und Geröll, durch Gluten und durch Fluten, über Jrrpfade und Felsklüfte führt ein Weg zur Höhe. Mag man dann, am Rausch- Haschonoh, ihr Wanderbuch nur öffnen! U. Personalien. Frankfurt a. M. In den letzten Tagen weilte in unserer Stadt einer der populärsten und beliebtesten jüdischen Schriftsteller Rußlands, Herr I. Le - w i n s k i — unter dem Pseudonym „Rabi Korauw" bekannt —. Herr Lewinski weilte hier mit seiner 18jährigen Tochter, die erst vor 3 Monaten das Odessaer Gymnasium beendete und plötzlich _ schwerer krankte. Leider wurde ihr die ersehnte Heilung nicht zu teil; im hiesigen Königswarter Hospital erlag sie ihrem heimtückischen Leiden. — Biele Freunde und Verehrer des gefeierten Schriftstellers gaben der so jung Dahingerafften, die eine glühende Zionistin und eine gute Hebräistin war, das letzte Geleit. An der Bahre hielt Herr Rabbiner Dr. Jakob Horovitz einen warmen Nachruf, in dem er die Tugenden und die Jüdischkeit der Dahingegangenen pries. Auch Herr Schriftsteller Rabinowitz sprach einige Worte in hebräischer Sprache. Berlin. Sonntag, den 3. Mul feiert in geistiger und körperlicher Frische Herr S. Danziger, Große Hamburgerstraße 32, seinen 00. Geburtstag. Der Jubilar ist in Berlin eine bekannte Persönlichkeit. Seit über einein Menschenaltcr betätigt er sich als Mohcl mit außerordentlichem Geschick. Die Zahl derer, die er in den Abrahamsbund eingeführt hat. übersteigt die stattliche Zahl von 7000. Karlsruhe. Geh. Oberregierungsrat Dr. David Mayer erhielt das Ritterkreuz des Großherz o g l. Ordens. Weinheim. Unsere Gemeinde hat einen schweren Verlust erlitten: S i e g m u n d H i r s ch, unser hochgeschätzter erster Vorsteher und Mitglied der Israelitischen Synode, ist nicht mehr. 1815 in Neu-Kalm in Mecklenburg geboren, ging Hirsch schon früh auf die Wanderschaft und kan: als zünftiger Gcrbergcselle nach Heidelberg und bald darauf nach hier, wo er — erst 23 Jahre alt — eine Gerberei errichtete. Mit einem Gesellen fing er an, nach einem Jahre hatte er bereits 6 Gesellen, und heute beschäftigt seine Fabrik 260 Arbeiter. Zwischen ihm und seinen Arbeitern herrschte ein geradezu patriarchalisches Verhältnis. Für gute Zwecke hatte er stets eine osfene Hand. In unserem Weinheim ist sein Andenken ein dauerndes. Ans der Lehrerwett. Frankfurt a. M. Vakanzen. — Krotoschin (13000 E., 525 j. S.). 2. Kantor und Schächter per 1. November. 1500 JL garantiertes Einkommen und freie Wohnung. — Gosselmingen (Lothringen). Borbeter für die hohen Feiertage. 100 JL Meldungen an Abraham Levy. — Rixheim i. Elsaß (3100 E., 70 j. S.). Synagogendiener per sofort. Güttingen. Dr. Behrens-Breslau wurde zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde gewählt. Posen. Ihre 2. Quartalsfitzung hielt am 16. dss. die Vereinigung von Rabbinern der Provinz Posen zur Wahrung des überlieferten Judentums ab. Die Statuten wurden angenommen. Dr. Silbe r b e i2g referierte über „Die Behandlung des jüdischen Religionsunterrichts in den höheren Klassen des Gymnasiums". Dr. Cohn hielt eine» halachischen Vortrag. Den interessantesten und aktuellsten Teil der Sitzung bildete ein Bortrag über „Neue Medikamente und ihre rituelle Zulässigkeit", den Herr Dr. meö. Calvary -Posen in liebenswürdigster Weise übernommen hatte. Unter Vorzeigung einer ganzen Reihe von Präparaten führte Dr. Calvary aus, daß die sog. Nährpräparate teils zulässig seien, teils aber ersetzt werden könnten. Für die modernen Heilmittel, die sog. Organpräparate, die auch schon in der Mischna (Joma VHI, 6) angedeutet wären, gäbe es jedoch keinen zulässigen Ersatz; da sie aber wohl nur angewandt würden in Fällen, wo die Möglichkeit einer Lebensgefahr vorhanden ist, dürsten sie wohl benutzt werden. Aktkirch i. Ober-Eksaß. Unser verehrter Rabbiner, Herr Naphtali Levy. ist in Langenbrücken, wo er zur Kur weilte, einem Schlagansall erlegen. 48