Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 32 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Nr. 32. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Kunst «nd Literatur. »Ewen Pinno" — Predigten, exegetische Erläuterungen und Erklärungen zu talmudischen Stellen — von Rabbiner Eliahu Kljatzkin, Majampol, Gouv. Suwalki. (Schluß). (22. Absch.) „Jede Not, die den Juden und den übrigen Nationen gemeiiisain ist, ist eine Not, diejenige aber, die nur für die Juden da ist, ist keine Not. Darauf sagte Rabbi Jochanan: Z. B. die Not der Juden in Schuschan ha 'Birah, die galt nur den Juden, denn da heißt cs: „Ewel godaul la'Jehudim" (Esther 4. K.): gleichdarauf folgte daher die Rettung, denn so heißt es: „la 'Jehudim hojßv Aura w'Simcho" (Midrasch Woeschanan 2. Ab.). Nun ist cs schwierig zu verstehen: Gab es denn wenig Nöte, die die Juden zu erdulden hatten? Ja Rabbi Jechanan selbst sagt doch an anderer Stelle (Gittin S. 57): „Er (Gott) riß rzicder in seinem Zorn jegliches Horn Israels — 'das sind .die achzig Kriegshörner, die einzogen in Bethar, als die Feinde die Stadt eroberten, und mordeten Männer, Frauen und Kinder, so daß ganze Blutströme sich von hier nach dem großen Meere ergossen." Und wieviel hatte das jüdische Volk seitdem zu erdulden, ohne daß ihm Heil wurde in seiner schrecklichen Not! Wieso' konnte also R. I. aus dem einzelnen Fall Mordechai und Esthers schließen, daß eine Not, die spezifisch jüdisch ist, keine Not ist? Dieser schwerverständliche Ausspruch ist jedoch folgendermaßen zu erklären: Wir wissen, daß der nationale Haß, worunter die Juden am meisten zu leiden haben, nichr nur gegen die Juden gerichtet ist, sondern ein ganz allgemeines Ucbcl ist. Alle Nationen haben vom nationalen Angonismus sehr viel zu leiden; sogar dir zivilisiertesten Völker sind von dieser traurigen Erscheinung nicht befreit, und sie suchen immer den Haß gegeneinander zu schüren und ihn zum Durchbruch zu bringen. Diese Erscheinung ist durch eine verkehrte Erziehung entstanden, indem den Kindern die Ueberzeugung beigebracht wird, daß alles, was frcind ist, verächtlich und nichtswürdig sei. Es lomint das daher, weil die Schriftsteller sich die größte Mühe geben, die fremden Nationen und ihr Leben und ihre Sitten in wahrheitswidrigen Zerrbildern darzustellen, so daß die eine Nation die Söhne der übrigen Nationen für durchwegs verdorbene und verkommene Subjekte hält, wie sic in der schwarzen Phantasie der gottlosen Schriftsteller gemalt sind. Dasselbe sehen wir leider auch zuweilen bei uns Juden, daß beispielsweise die Bewohner der Weichselländer sich mißtrauisch verhalten zu den Litauischen Juden, obwohl sie doch allesamt in ihrem religiösen Empfinden, in Sitten und Gebräuchen, in ihrem Leben und Denken vollständig mit einander übereinstimmen, geschweige denn, daß die Juden verschiedener Länder einander entfremdet sind und zu einander sich ungerecht verhalten.*) So sehen wir, daß bas National- und Stammesgefühl, das doch im rechte» Maße sehr wichtig und nützlich ist, zu cincin ungeheucreir Unglück für die Menschheit wird, wenn es in einen zügellosen Chauvinismus ausartet. Danrit sehen wir aber auch, daß dieses Uebcl nicht eine spezifisch-jüdische . *) Dieser Absatz ist gekürzt wiedcrgegcben. Not ist, sondern ein Uebcl, das allen Völkern gemeinsam ist und worunter die ganze Menschheit ungemein viel leidet; nur leiden die Juden darunter viel mehr, als alle anderen, da sie schivächer sind und von allen Nationen zugleich aufs stärkste angegriffen werden. Eine allgemeine Not, die die Juden ivie die übrigen Umauß ho' Aulom niederdrückt, ist auch das soziale Elend. Bei jedem Volke gibt cs arme Leute, die materiell auf der niedrigste» Stufe stehen und die sozial-ökonomische Frage macht allen Nationen viel zu schaffen. Selbstverständlich leiden auch an dem sozialen Elend die Juden am meisten, wegen ihrer eigentümlichen, anormalen Existenzvcrhältnissc. Es ist also klar, daß ein großer Teil der Leiden des jüdischen Volkes nicht seinem bestimmten, geistigen Wesen, sondern seiner nationalen Einheit zuzuschreiben ist, worin die Inden das allgemeine Los teilen. Zwar tönntcn die Inden das Maß dieses Leids verringern, indem sie sich hüten, die neidischen Blicke der Völker auf sich zu lenken, nicht. mit ausfallendem Luxus protze», sich nicht bei jeder Gelcgeicheit hervortun, sich von allem Schmutz des Lebens fern halten nsw., da wir dock, wissen, daß die Völker das ganze jüdische Volk für einen Einzelnen und seine Taten verantwortlich machen, wie der moderne Judenhaß in Europa unter dem Namen „Antisemitismus" dadurch entstanden ist, weil der Jude Lasker schroff gegen Bismarck auftrat und damit den Zorn des „eisernen Kanzlers" gegen alle Juden entfachte. Aber cs gibt eine Zoro, die eine spezifisch-jüdische Not ist — das ist das Leid, das die Juden wegen ihrer Thora ausznstrhen haben; wie unsere Weisen den Vers „Golso Jehudo ma' Anni" erläutern: „Das Golns der Juden, die vom Brote der Völker nicht essen und von ihrem Weine nicht trinken dürfen, das ist ein wirkliches Golus". Denn dadurch, daß die Inden sich in die Schranken ihrer Thora zurückziehc» und mit den übrigen Bewohnern des Landes nicht in Berührung kommen, entstehen die Feindseligkeiten und Bedrückungen, die die Juden zu erdulden haben. — Nun wissen wir aber, daß ein Mensch, der für eine hohe Idee kämpfet, und leidet, alles Leid und Ungemach viel leichter ertragen kann als derjenige, der nicht weiß, wofür er leidet. Deshalb finden wir in unseren bittersten Leiden Trost und Ermunterung im Judentum und seinem Geist, ioährend diejenigen, denen der Geist des Judentums fremd ist, verzweifeln müssen. Damit erklärt sich der Unterschied zwischen den verschiedenen Zorauß, den der eben zitierte Midrasch macht. Eine Not, worunter nur das jüdische Volk zu leiden hat, d. h. wenn es wegen seiner Tauro, seiner Sitten und Gebräuche verfolgt wird, ist keine wirkliche Zoro, denn da findet cs Trost und erhofft eine baldige Errettung; das war auch der Fall bei der Purim-Geschichte, Ivo die Juden der Tauro wegen in die größte Gefahr kamen, wie es heißt: „W 'doßehcm schaunauß mikol Om", und deshalb kam auch bald die Hilfe — „la ’ Jehudim hojßo Auro w'Simcho". Dagegen eine allgemeine Not, wie das nationale, soziale nnd sonstige Leid, worunter auch die übrigen Völker zu leiden haben, ist eine Ivirkliche Not, da diese weder durch moralische Genugtuung noch durch Hoffnung auf schnelle Errettung gelindert werden kann. — Es ist selbstverständlich unmöglich, auch nur das Allerwichtigste von diesem ca. 200 Seiten starken Buche hier wiederzugcben. Es enthält eine Fülle von Gedanken, zutreffenden Erläuterungen und originellen Anschauungen. Wie in seinen übrigen Werken zeigt Rabbiner Kljatzkin auch hier seine reichen Kenntnisse auf allen profanen Gebieten. Nur die Sprache und Ausdrucksiveise lassen zu wünschen übrig; denn die Gedanken werden meistens nur andeutungsweise geäußert nnd nicht ausgeführt, was bei der fast zu reichen Fülle der zitierten Stellen aus dem Talmud und dem Midraschim das Verständnis der tiefen Gedanken sehr erschwert. Jedenfalls gewährt die Lektüre einen geistigen Genuß. Freilich ist dem geehrten Verfasser, wie er cs mehrmals in diesem wie auch in den srühereil Werken geäußerr hat, die moralische Wirkung, die seine Mahnworte auf den Leser ausüben sollen, die Hauptsache; weshalb er auch im Nachwort zum „Ewen Pinnv" bedauert, daß er nicht auch die übrigen Arbeiten, Talmuderläuterungen, exegetische Erklärungen, halachische Abhandlungen usw., die sich bei ihm handschriftlich in Menge angehäuft haben, infolge materiellen Mangels an Drucke bringen kann. Es ist Wirklich schade darum. „Tauro inunachaß b'Kercn Sowiß". L. S. Briefkasten. Prag. Eine derartige Anstalt gibt cs nicht in Deutschland. Dr. G. Nach Erkundigung noch Jude. Aus der Geschäftswelt. Aus dem kunstgewerblichen Atelier des Juweliers Felix Horovitz stammt ein künstlerisch ausgeführter ans Bestellung angcsertigter großer dreiteiliger silberner Tasclaussatz, der für einige Tage in dessen Schaufenster zur Besichtigung ausgestellt ist. Bereins-Kalender. „Moutefiore"-Verein. Mittwoch, den 10. August, abends 9 Uhr: Herr Arthur Lanbau: ,/Oer stein". Verein Mekor-Chajim. Samstag, den 15. August: Mikro-Vortrag des Herrn Josef Bamberger. Israel. Metzger - Gesellen - Verein Frankfurt a. M. Dienstag, den 18. August, abends 9 Uhr, im Restaurant Jos. Scligmann, Klingerstr. 28: „Außerordentliche Versammlung". Vergnügnugs-Gesellschaft junger Leute. (Gegründet 1893). Samstag, den 15. August, abends 9Vs Uhr, Restauration Jos. Seligmann, Klingerstr. 28 (Bcreinslokal): „Versammlung". Bergnügnngs-Club junger Leute. (Gegründet 1997). Samstag, 15. August: Vereins-Versammlung. Hotel König von England, Battonstraße 701., abends 9% Uhr. Sonntag, 16. August: „Familienausflug mit Tanz, Konzert, Vorträge u>w„ abends Feuerwerk", in Neu-Isenburg, Restaurant „Bellevue". Gemeinsame Abfahrt 3 Uhr nachmittags mit der Waldbahn. Clfel*l ftrchCMaiB Süleil 3, Juwelen. Uhren. Soldu. SUhenoaren. 9 Telephon 6069. Auswahlsendungen gerne zu Diensten. iMlitta Männ-Mmii M Wilieil" E. v. Gegründet 1870. Prflilkflirt fl. M. Gegründet 1870. vergütet seinen erkrankten Mitgliedern Mk. 10. — wöchentlich, eine Mark für jeden ärztlichen Besuch oder Konsultation und freie Medikamente oder freie Yei’pflegung und Behandlung im hiesigen Israel. Gemeinde-Hospital. Anmeldungen, Statuten und Auskunft in unserem Bureau Kcdmcigrabeiislrassc 8, II-, von 2 Vs—3Vr Uhr. MÖBELFABRIK-NIEDERLAGE D_ nVH^G-ZEIER, FRANKFURT Ä. MAIN TELEFON No. 2815. 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