Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 30 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter ZsraelWHeZ FamEenblaÜ. Nr. 30. dachte wohl in diesem Augenblicke an die Gutmütigkeit der Menschen, insbesondere derjenigen, ans deren Kosten er sich mm daheim gütlich tun konnte, die für ihn arbeiteten und ihn in so generöser Weise an den Erträgen dieser Arbeit teilnehmen ließen! Mit diesen Gedanken beschäftigt, ging er an den Wandschrank, holte ein Kästchen hervor und trug es auf den Tisch. Er öffnete es, und seine Augen leuchteten, als sie die schmucken Rollen und Röllchen erblickten, die es enthielt. Wahrlich, es war eine ganz erhebliche Summe, die da wohlgeordnet vor ihm lag, und sie sollte jetzt noch um das vermehrt werden, was er heute heimgebracht hatte. Und das war nicht wenig. Mer auch nach einer anderen Richtung hatte Fortuna Herrn Raphael Blütcnsticl ihre besondere Gunst bewiesen. Was er seit Jahren gesucht hatte, glaubte er jetzt gefunden zu habe», und zwar denjenigen Mann, den er als den zukünstigeu Gatten seines einzigen Kindes ins Haus zu nehmen , für würdig hielt. Er hatte längst den verschiedensten Schadchonim den Auftrag erteilt, sich nach passenden jungen Männern nmzusehen. Und nun hatte er einen solchen kennen und schätzen gelernt. Derselbe lvar gebildet, hatte aber eigentlich keinen bestimmten Berns, und es schien, als sei er ein Zunftgenosse modernen Kalibers. Bis heute hatte er hierüber noch nichts Bestimmtes erfahren könne». Was ihm den jungen Mann besonders schätzenswert erscheinen ließ, war, daß er ihn außerordentlich geeignet dazu hielt, dereinst sein Geschäft in seinem Sinne und Geiste weitcrzuführen. Um eine Annäherung herbcizuführen, hatte er den jungen Heiratskandidaten eingeladeu, während der kommenden Festtage sein Gast zu sein. Alles dieses wollte er nun den Seinen 'verkünden, und sein Lächeln ward noch verstärkt bei dem Gedanken, welche große Freude diese Glücksbotschaft bei seiner Frau, namentlich aber bei seiner Sidouie Hervorrufen werde. „Ziere!! Sidouie!" Also rief jetzt Herr Blütenstiel mit. kräftiger Stimme. Alsbald erschienen die Gerufenen. „Zierel! Sidonie!" sprach Herr Blütcnstiel jetzt zu den Eingetretenen mit frohbewcgter Stimme. „Hört, was ich Euch zu erzählen habe. Gott, der Allgütige, ist mit uns gewesen und hat uns in seiner unaussprechlichen Gnade geholfen. Er hat meiner Arbeit seinen Segen verliehen, denn wisset, 'wir sind jetzt wohlhabende Leute." Dann fuhr der Sprechende, auf das vor ihm stehende Kästchen deutend fort: „Seht dieses Kästchen hier! Es ist voll, cs birgt unser Vermögen! Und dieses ist gottlob nicht gering! Sieh', Sidonie, Kind, das ist Deine Mit- . gist! Im Besitze einer solchen Mitgift kann man wählen unter den Männern. Auch das habe ich bereits getan, denn als fürsorglicher Vater sagte ich mir, daß zu einer Mitgift auch ein Heiratskandidat gehöre. Ich verfahre nicht, wie andere Väter, die sich erst nach Männern für ihre Töchter umsehen und dann erst bemüht sind, die erforderliche Mitgift zu beschaffen. Ich sorgte erst für die Mitgift und dann sah ich mich nach einem passenden Bräutigam für Dich, meine Tochter, um. Nun habe ich-auch einen solchen gefunden!" Wenn Herr Raphael Blütcnsticl geglaubt hatte, durch seine letzten so verheißungsvollen Worte einen Sturm der Freude zu erregen, so irrte er sich gar sehr. Stumm standen Mutter und Tochter ' vor ihm und. er blickte sie im höchsten Grade verwniidert an. Die eben vernommene Ankündigung .war den Frauen gar zu überraschend gekommen, sie hatten nicht erwartet, daß der Vater schon so weit gehen würde, über die Hand seiner Tochter zu verfügen. Frau Blütcnstiel sah schon die ersten dunklen Wolken Heraufziehen, die ein häusliches Ungewitter auküudeten. War schon ein Widerspruch gegen einen gehegten Plan ihres Mannes überhaupt . geeignet, seinen ganzen Zorn zum Ausbruch zu bringen, um wie viel heftiger würden die Zoruesansbrüche sein, wenn dieser Plan durch den Sohn seines Erzfeindes vereitelt werden sollte. Es kam ihr jetzt schon zmn Bewußtsein, daß ihre Bemühungen, ihren Mann von seinem Vorhaben abzubriugen, und ihn dem Pflegesohn Nattens geneigt zu machen, völlig erfolglos bleiben werden. Diese Erivägungen lähmten ihr fast die sonst bewegliche Zunge,' sodaß sie keines Wortes mächtig war. Wer auch Sidonie, die bei den letzten Worten ihres gestrengen Vaters jäh erblaßte und sich eines Zitterns nicht erwehren konnte, ergriff Verzagtheit, denn auch sie erkannte nun die Aussichtslosigkeit ihrer Hoffnungen auf das erträumte Liebesglück. Als Herr Blütcnsticl eine ganze Weile auf die von ihm erwarteten Freudenausbrüche der vor ihm stehenden. Frauen vergebens wartete, lagerten sich tiefe Furchen auf seine Stirn; ein unheimliches Leuchten der dunklen Augen kündete an, daß sein Zorn sich zu regen begann, und er sprach mit grollender Stimme: „Ihr schweigt? Ihr freut Euch nicht beim Vernehmen einer so großen Freudenbotschaft?" — ' Nun hielt cs Frau Blütenstiel für geraten, das Schweigen zu brechen, und sie entgegnete zaghaft: „Gewiß, lieber Mann, freue ich mich, und Du bist gewiß auch erfreut, liehe Sidonie," fügte sie hinzu, dieser zuwinkend, auch ein Wort zu sprechen. Die Tochter sprach daher mit fast tonloser Stimme: „Ja, liebe Mutter, ich freue mich sehr." „Nun, das wollte ich auch meinen!" entgegnete Herr Blütenstiel. „Ganz Aurich soll und wird sich mit mir freuen. Nur einer soll sich ärgern, das ist der Narr und Bettler Natten. Er mag vor Neid platzen, daß ich cs nun so weit gebracht habe." die letzten Worte hatten Herr Blütcnstiel wieder freundlicher gestimmt, den» mit Behagen gedachte er der Gunst des Schicksals, das ihn nun so hoch beglückt hatte. „Mag der Narr und Bettler doch auftveisen, was er während der lauge» Jahre sich erworben hat," fuhr er fort, „ich glaube kaum, daß er eine Mark jn seinem Besitze hat. Ja, er wird ein Schnorrer bleibe,:, bis er stirbt." Mit diesen Worten erhob sich der Sprechende, um den Geldkasten seinem bisherigen Aufenthaltsorte, dem Wandschranke, zuzusühren. Als er diesen geschlossen und den Schlüssel in die Tasche gesteckt hatte, wandte er sich an seine Frau mit den Worten: „Mährend Ihr nun das Wcndbrvt vorbereitet, habe ich noch eine sehr wichtige Besorgung zu machen. Ich möchte nicht gern das viele baare Geld im Hause nutzlos liegen haben, es soll mir Zinsen bringen. Unterwegs habe ich mich bei mehreren Freunden erkundigt, in welcher Weise man heutzutage am vorteilhaftesten Geld anlcgen kann. Man hat mir mehrere Papiere genannt, die als empfehlenswert gelten. Ich will nun nach einem christlichen Bankhause gehe», und dort noch näher mich informieren. Ich könnte ja auch zum Bankier Cohen gehen, doch brauchen jene Leute nicht zu wissen, daß ich so viel Geld besitze." Herr Blüteusticl ergriff Zylinder und Schirm und entfernte sich. Frau Zierel und Sidonie aber blickten sich ratlos an, als sie allein waren, Sidouie warf sich an die Brust der Mutter und begann schluchzend: „Mutter, was beginnen wir?" — „Sei still und weine nicht, liebes Kind," beruhigte Frau Zierel ihre Tochter, „der Vater wird gewiß nachgeben, wenn er erst Deinen Oskar näher kennen lernt." — „Ach, liebe Mutter, ich bezweifle es, denn seine Abneigung gegen das Nattensche Hans ist zu groß, und hört er erst, daß ein Angehöriger dieses Hauses es wagt, die Augen zu seiner Tochter zu erheben, so wird sein Zorn grenzenlos sein. Er wird nun und. nimmermehr nachgcben." „Und er wird doch nachgeben, liebes Kind," entgegnete dje Mutter, „morgen iverdc ich cs versuchen, ihm die Sache in geeigneter Weise vorzutragcn." „Dank Dir, liebste Mutter!" rief Sidouie, diese innig küssend. Die Frauen begaben sich nun in die Küche, um die erforderlichen Vorbereitungen für den Abend zu treffen. L>ie boten alles auf, um eine behagliche Stimmung bei dem Vater zu wecken, und diesen planmäßig allmählich ihren Wünschen geneigter zu .machen. (Fortsetzung folgt.) Kunst «ud Literatur. .Ewen Pinno" — Predigten, exegetische Erläuterungen und Erklärungen zu talmudischen Stellen — von Rabbiner Eliahu Kljatzkin, Majampol, Gouv. Suwalki. (Fortsetzung). Man kann dies jedoch folgendermaßen erklären: Die Psychologie lehrt uns, daß wir eine in unserer Seele beobachtete schwache Seite nur durch eine starke extreme Gegenwirkung beseitigen können. Eitelkeit wird durch angehaltene Demütigung, Jähzorn und Leidenschaft durch äußerste Zurückhaltung besänftigt. Daher pflegten unsere Weisen, als sie eine'Schwäche in sich fühlten, ihre ganze Aufmerksamkeit auf dieselbe zu lenken und sie mit allen Mitteln unaufhörlich zn bekämpfen, damit die böse Neigung oder Leidenschaft ganz unterdrückt werde. Und damit erklärt sich das, was der Talmud sagt, daß manchmal ein Gebot dem andern vorgezogcn werden darf, wenn cs auf den Charakter des Betreffenden eine bessere Wirkung ausüben kann. Das ist auch der Sinn der Talmndstellc, wo es heiß: „Je größer der Manu, desto größer seine Leidenschaft," denn der Große versteht es besser, seine Leidenschaft zu bekämpfen und das uracht mit seine Größe aus. Nun wissen wir aber, daß die Priester sehr jähzornigen und zanksüchtigen Charakters waren, wie es im Propheten Josua Kap. 4 heißt: „W'Amche kimriwe Kauhen." Es war daher gerade fiir den Kanhcn von großem moralischem Wert, als ihm geboten wurde, den Gottesnamen des Friedens wegen abzuwaschen; sie sollten dabei sehen, wie wichtig der Friede ist, und.ihre Leidenschaft bekämpfen lernen. Und daher arbeitete auch Aron ha' Kauhen ins Extrem, ließ sich herab und wandte zuweilen auch List an .bei seinen. Friedensstistnngen zwischen'den Hadernden, um seine eigene Schwäche desto erfolgreicher zu bekämpfen. Moses dagegen brauchte dieses Gegenmittel nicht, da er Von Natur sehr friedfertig war; er mußte daher die Strenge des Gesetzes walten lassen. Dasselbe galt auch für Rabbi Simon, der sich im Talmudstudinm nicht stören lassen wollte, da die Abwaschung des Gottesnamens um des'Friedenswillen nur dann von besonderer Bedeutung ist, wenn.sie durch den Kauhen ausgeführt wird, an und für sich aber nicht so wichtig ist; man kann daher nicht schließen, daß man sich deswegen auch im Studium oer Gotteslehre stören lassen muß. (5. Abschnitt.) Im Traktat Sabbat, S. 21, wo das Anzünden der Chanukka-Lichter behandelt wird, heißt cs: Wie soll das Anzünden der Chanukka- Lichter geschehen? Beth-Schamai sagt, man müsse am ersten Tage acht Kerzen, dann jeden folgenden Tag je eine Kerze weniger; Beth-Hillel aber sagte, u,an müsse am ersten Tage nur eine Kerze anzünden, au den solgenden eine mehr. Beth-Schamai richtete sich nach den einziehenden Tagen, Beth-Hillel dagegen nach den fortgehenden." Um diese Meinungsverschiedenheit zu verstehen, muß man einen Blick in die Geschicke des jüdischen Volkes tun. Während unzählige Völker und Nationen im Strudel der Zeiten uutergegaugen sind, steht das jüdische Volk und feine Lehre felsenfest. Allein gar vieles hatte es in seiner langen Lebens- und Leidens- Periode zu ertragen. Sturm und Sonnenschein wechselten in der jüdischen Geschichte unaufhörlich hintereinander. Haman, 'Antiochus und Torquemada standen zu jeder Zeit in den verschiedensten Formen auf. Je nach dem Bildungszustand der Völker, je nachdem Progreß oder Reaktion die Welt beherrschten, wechselte auch die Lage des jüdischen Volkes ab. Wer ebenso wie der Kranke alle Heilmittel anwendet, um die schlechte Winterzeit zu überleben, damit er den fröhlichen Sommer erlebe, der für seine Gesundheit sehr förderlich sein wird; so sammelte das jüdische Volk in den bitteren Reaktions-Epochen alle seine Kräfte, damit cs bessere Zeiten erleben könne. Und nicht nur in Bezug auf die nationale Existenz verlieh uns die Versöhnung die genügende Kraft, die schweren Zeiten zu überstehen, sondern auch in Bezug auf das Thora-Studium ward uns immer die genügende Kraft in der Zeit, da die Gefahr groß war, alles Schlimme zu überwinden und das Bessere zu erwarten. — Eine solche traurige Zeit war die des Antiochus Epiphanes. Der Untergang des jüdischen Volkes und seiner Thora schien unabwendbar zu sein, die Lage wurde immer schlimmer, die Thora schien mit jedem Tage.mehr und mehr zu erlöschen, die Träger der Thora, die Priester, verfielen in den Schmutz des Hellenismus. Jedoch die göttliche Vorsehung ließ noch ein Fünkchen glimmen, ließ cs endlich zu einem großen Lichte wieder aufflackern. Und zum Andenken dieses gewaltigen Ereignisses wurde das Anzünden der Chanukka-Lichter für alle Zeiten angeordnet. Denn es geschah: Als die siegreichen Häsmonäer in den entweihten Tempel zurückkehrten, fanden sie alles Oel verunreinigt und nur ein kleines Krüglein mit dem Siegel des Hohenpriesters blieb vom Feinde unberührt. Dieses Krüglcin jedoch, das für einen Tag bestimmt war, reichte für acht Tage. Das war ein Wunder, das als Symbol für das Geschick des jüdischen Volkes aufgefaßt werden muß. Denn als fast alles Oel int jüdischen Volksleben verunreinigt wurde, als der Mfall von der Thora die äußersten Grenzen erreicht hatte, fanden sich doch noch einzelne im Volke, die ihrem Gotte treu blieben, cs fand sich.noch ein Tröpfchen reinen Oels, das für acht Tage ansreichte, für acht Tage der Not und Unterdrückung, bis die Sonne wieder anfleuchtetc und das jüdische Volk und seine Thora vorn tiefen Elend zur Befreiung und'Erleuchtung gelangten. Welche Tage aber die Chanukka-Lichter in Erinnerung bringen, sollen, die der Not und Verzweiflung oder die der Befreiung, — darin gehen die Meinungen der verschiedenen Lehrhäuser auseinander: Beth-Schamai meinte, da das Hauptwunder in den schlimmen acht Tagen geschehen ist, wo das bißchen Oel sich im hellenischen Schmutz rein erhalten hat, müsse man daher am ersten Tage des Chanukkafestes alle acht Lichter ans einmal anzünden und mit der Abnahme der Tage sollen auch die Lichter abnehmen, wie es der Gang des, Nes war^ Nach Beth-Hillel dagegen soll die immer zunehmende Zahl der Lichter den Gang der Ausstrahlung des Lichtes der Befreiung, was doch 'dje Hauptsache in diesem Ereignisse ist,'darstellen. Im fröhlichen Lichte der acht strahlenden Kerzen kann der Jude mit Genugtuung auf die traurige Vergangenheit znrückschauen und in Trost und Hoffnung eine bessere Zukunft erwarten. (Schluß folgt). Kaiser Friedrich Quelle ■. — Offenbach a. M. , ■■ Gegen Gicht und Bhenmatismns bewährt. 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