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Neue jüdische Presse · 1908-07-17 · Heft 28 (17.7.1908) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 28 (17.7.1908)
Date
1908-07-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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p 1t. 28 des IfcMfuttet lfmetiftffa #amitiefl6Cattes. Juhatt der Beilage: Artikel: Der Präsident der zionistischen Organisation beim russischen Premierminister und beim ruff. Minister des Auswärtigen. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Aus der zionist. Bewegung. —Sprechsaal. — Kunst und Liter atur. — Briefkasten. Der Präsident der zionistischen Organisation beim russischen Premierminister nud beim russischen Minister des Auswärtigen! Am Freitag den 10. Juli wurde der ,Präsident der Zionistischen Organisation, Herr David Wolfssohn, vom russischen Premierminister, Herrn P. A. von Stolypin, im Elagin'schen.Palais empfangen. Im Laufe einer längeren Unterhaltung, die während dieses Empfanges stattfand, wurden die wesentlichen Punkte der zionistischen Bewegung, ihre allgemeine Ziele, die Tätigkeit ihrer Institutionen und die zionistische Arbeit innerhalb Rußlands eingehend erörtert. Zum Schluß gab der russische Premierminister seiner vollsten Sympathie für das zionistische Ideal Ausdruck und erklärte, die russische Regierung beabsichtigenicht,dcn Zion.iZen Rußlands Hindernisse in den Weg zu legen, sofern ihre Arbeit der Verwirklichung ihres programmatischen Bestrebens gewidmet ist, — eine öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zu schaffen. An demselben Tage hatte Herr David Wvlffsohn eine längere Konferenz mit dem Minister der Auswärtigen Angelegenheiten, Herrn A. P. Jswolsky. Aus «Mer Wett. Frankreich. Paris. Die jüngst verstorbenen Baronin Adolphe de Rothschild hinterließ 9 Millionen Fr. für wohltätige Zwecke. Eine Million erhält das Komitee des Säuglingsheims, eine halbe Million das Frauenentbindungsinstitut, eine halbe Million ist für Frauen bestimmt, die aus dem Krankenhaus St. Lazare entlassen sind, eine Million erhält der Arbeiterinnennnterstühungsverein, 200000 Fr. das Findelhaus, 200000 Fr. die Gesellschaft für Kinderschntz, die gleiche Summe erhält die Association Valentin-Hauy für das Wohl der Blinden. 150000 Fr. hat die Millionärin der Gesellschaft zur Unterstützung schiffbrüchiger Seeleute vermacht, 150000 der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, 300000 Fr. der Gesellschaft für Jugendfürsorge und 200000 Fr. dem Unterstützungsverein für Blinde. Mit dem Betrag von zwei Millionen Fr. ist das Israelitische Wohltätigkeitskomitee in Paris bedacht worden. Eine halbe Million erhielten ferner die Greise und Unheilbaren des „Hospital Rothschild" und 350000 Fr. verschiedene Schulen für verwaiste Kinder. Außerdem vermachte die Baronin Rothschild fast eine halbe Million Fr. den Schulen, Hospitälern und Wohltätigkeitsanstalten in Genf, Bellevue und Grand Sacconays in der Schweiz. Rußland. Radomisel bei Kiew. Sommerleben — Chikanen. — Nach dem unendlich langen Winter ein heißer Sommer. . . Fast alle Kiewer reiche Juden sind auf die „Datsche". Längst ist draußen in den Swietoczner Wäldern ein einfaches oder ein eleganteres Holzhaus gemietet worden, in dem die Familien ihren Sommeraufenthalt aufschlagen. Eine Datsche zu besitzen, gehört zum guten Tone der oberen jüdischen Gesellschaftsschichten; andere wieder, deren Verhältnisse den kostspieligen Aufenthalt in einem Luxusbade gestatten, reisen nach Karlsbad, Marienbad, Italien, Schweiz. Trotz des vielen Kummers, der vielen erschütternden Ereignisse und endlosen Beunruhigung, welche dieses Jahr für uns Juden bereits gebracht hak, geht es in der Sommerfrische fröhlich her. Die Reichen leben da in Ruhe uyd Behagen und denken nicht der Armen, die in den Städten vor Hunger und Not umkomme». Das ganze Personal der bekannten Brozki'schen Dampfmühle lebt in architektonisch reizvoll gehaltenen kleinen Billen, ähnlich den Schweizerhäuschen mit Balkonen, Veranden und Terrassen ausgestättet; aber die soeben entlassenen 150 jüdischen Arbeiter, die seit 15 Jahren in der Mühle arbeiteten, haben jetzt kein Stückchen Brot. . . . Es scheint, daß Reichtum herzlos macht. — In Kiew grassieren jetzt Judenausweisungen, und alle Rechte zum Besuche der Lehranstalten sind den Juden genommen; sogar die Schülerinnen, die das Shitomirer Mariengymnasium absolviert haben, erhalten nicht das Recht, in Kiew die Universität, ohne die nötigen Wohnnngsrechte vorzuzeigen, zu beziehen. — So geht's mir mit meiner Tochter, die Neujahr das Shitomirer Mariengymnasium mit der silbernen Medaille beendigt hat; als ich vorige Woche beim Rektor war und ihn um Aufnahme bat, erhielt ich die Antwort: „Wir sind von Judeumädchen überflutet, hier kann ihre Tochter keine Aufnahme finden, führen Sie sie nach Berlin oder nach der Schweiz." — Ich muß also jetzt, da ich die Mittel nicht habe, meine Tochter ins Ausland zu schicken, aus deren weitere Bildung verzichten. I. I. Braun. Großbritannien. London. Der „Manchester Courier" hatte Minister Churchill beleidigt und war zu 300 Lstr. Buße an den Minister verurteilt worden. Der Minister spendete diesen Betrag dem jüdischen Spital in Manchester, eine Handlung, die von der vorurteilslosen Gesinnung des Ministers ein glänzendes Zeugnis ablegt. Rumänien. Jasiy. lieber den infolge eines Formfehlers vertagten Monstreprozeß gegen die 88 jüdischen Schankwirte Jassys sei heute näheres mitgeteilt. Dr. Sumuleanu, der Direktor der hiesige» chemischen Untersuchungsamtes, ein bekannter Antisemit, hatte jaus schließlich die jüdischen Schankwirte inspiziert und die Getränke derselben, in denen das ganze Vermögen dieser Leute steckt, als gesundheitsschädlich auf die Straße gießen lassen. Die so um ihre Existenz Gebrachten richteten ein Memorandum an den Minister des Innern. Die Presse erfuhr den Wortlaut desselben und veröffentlichte ihn, — und daraufhin reichte Sumuleanu gegen die Unterzeichner des Memorandums die Verleumdungsklage ein. Amerika. Montreal (Kanabai. Eine Deputation jüd. Bürger sprach beim Bürgermeister vor, um über die Mißhandlungen, die die Juden in Montreal zu erdulden haben, Klage zu führen und sich darüber zu beschweren, daß der Schutz durch die städtische Polizei ein ungenügender ist; es seien Fälle vorgekommen, daß Juden, welche vom Pöbel auf offener Straße angegriffen wurden, vergeblich den Schutz der Polizei anriefen. Der Redner der Deputation gab der Ansicht Ausdruck, daß dieses inhumane und gesetzwidrige Verhalten der Polizei zum Teile ihrem Antisemitismus, zum Teile aber dem Umstande zuzuschreiben sei, daß die Polizisten sich besonders mit den neueingewanderteir Juden nicht verständigen können. Die Juden verlangen daher, daß in denjenigen Stadtteilen, welche hauptsächlich von Juden bewohnt sind, jüdische Wachleute angestellt werden. Der Bürgermeister gab die Richtigkeit der Beschwerde zu und teilte auch die Ansicht der Deputation, daß durch Anstellung jüdischer Wachleute dem Uebel zum Teile abgeholfen werden könnte. Er versprach, sich niit dem Polizeidirektor iils Einvernehmen zu sehen. Personalien. Berlin. Prof. Dr. Joachimsthal ist als Nachfolger Hoffas zum Direktor der Poliklinik für orthop. Chirurgie in der hiesigen Universität in Aussicht genommen. l - Berlin. Zu Mitgliedern der im 817 des Börsengesetzes vorgesehenen Berufungskammer in Börsenehrengerichtssachen wurden ernannt: Geh. Kommerzienrat Herz- Berlin, Kommerzienrat Lebrecht -München, Bankier Meyer- Leipzig und Bankier Warburg-Hamburg; ferner als Stellvertreter Kommerzienrat Seligmann- Köln. Birkenau i. Baden. Herr Zacharias Darmstädter u. Frau Henriette geb. Weinheimer feierten die goldene Hochzeit. . Breslau. Hermann Bielschowsky. früher Vorsteher der jüd. Gemeinde in Namslau, ist nach längerem Leiden gestorben. Erlangen. Dr Isidor Rosenthal. ordentl. Professor -an der hiesigen Universität, erhielt den Charakter eines Geheimen Hosrates. Grandenz. Bankier und Stadtrat Heinrich Belgard, Vorsteher der jüd. Gemeinde, erhielt den Charakter eines Kommerzienrates. Gloga«. Amtsaerichtsrat Frankel ist nach Breslau versetzt worden. Jngersheim i. Elsaß. Der 66jährige Handelsmann Marx Judas rettete mit eigener Lebensgefahr ein Kind vor dem Ertrinken. Es ist das zweite Mal, daß Herr Judas ein Menschenleben rettete. Wlndesheim a. Nahe. Am SchabboS, den 4 Juli ist unser langjähriger. Vorsteher Herr Jacob Abraham im Mer von 74 Jahren verschieden. Am Grabe schilderte Herr Rabbiner Dr. Neuwirt h - Bingen in ergreifender Weise die edlen Eigenschaften, welche den Verblichenen auszeichneten. Hadersdorf (Oesterreich). Im Alter von 83 Jahren verschied die sich allgemein des höchsten Ansehens erfreuende Frau Eva Kafka, Tochter des in den 60er Jahren verstorbenen Budweiser und Taborer Kreisrabbiners Jakob Mahler und Schwiegertochter des in den 40er Jahren verstorbenen Mieskowitzer Rabbiners Ezechiel Kafka. Haag (Niederland). Philip Fuld und Frau Henriette geb. Cohen feierten die goldene Hochzeit. Bundenburg in Mähren. Gustav Elsner, Direktor der Kuffnerschen Zuckerfabriks - Aktiengesellschaft, Vorstandsmitglied der jüd. Gemeinde, feierte sein 40jähriges Dienstjubrläum. Wien. Ern st Brod wurde zum Oberingenieur der österr. Staatsbahnen befördert. Rom. Der König ernannte Giacomo Levi- C i v i t a, Syndikus von Padua, und Dr. Pro F o a, Professor an der Turiner Universität, zu Senatoren. Paris. Bataillonschef Raine wurde zum Oberstleutnant befördert. Paris. Die hiesige Universität steht seit Jahren mit der Hervard-Universität im Professorenaustausch. Diesmal wird Professor Samuel Montefiore Waxmann hierher kommen, um über englische Sprache und Literatur Vorlesungen zu halten. Aus -er Lehrerwelt. Wiesbaden. Dem Lehrer a. D. Josef Stern ist der Adler der Inhaber des König!. Hausordens von Hohenzollern verliehen worden. Pletz. Moritz Loew, der 40 Jahre als Kantor und Religionslehrer in unserer Gemeinde wirkte, feierte im Kreise seiner Familie in Königs- Hütte seinen 80. Geburtstag. Berlin. Im 76. Lebensjahre verschied Rabbiner Falk Anerbach, der „Plozker Raw". In Santomischel geboren, kam der Entschlafene im frühen Knabenalter nach Lenschitz in Russisch-Polen, wohin sein Vater als Rabbiner berufen wurde. Infolge seines hervorragenden jüdischen Wissens wurde ihm der altberühmte Rabbinatssitz in Plozk übertragen, auf dem er Jahrzehnte lang segensreich wirkte, bis er 1888 als Deutscher aus Rußland arlsgewiesen wurde. Seitdem wohnte er in Berlin. (b) Straßburg. Rabbiner G l a s e r, der geistige Leiter der religiösen Vereine und Brüderschaften in der jüd. Gemeinde, ist Samstag Abend feinem schweren Leiden erlegen. Der Verstorbene kam nach dem Kriege hierher und ernährte sich und seine zahlreiche Familie anfangs mühsam durch Kleinhandel, vernachlässigte aber auch damals nicht das Thorastudium und die Unterioeksung anderer im jüdischen Schristtum. Aus der zionistische» Bewegung. Frankfurt a. M. Bei der Expedition gingen für den Nationalsonds ein: E. E. aus Dank für Genesung 10,— J6. Geschwister K. 1 Oelbaum 6,— „ Frankfurt a. M. Auf die vorwöchentliche Notiz bezüglich der „Oelbaumspende" wird uns von maßgebender Seite mitgeteilt: Herr Goitein hat Herrn Professor Warburg offenbar völlig mißverstanden; ein Gegensatz zwischen den Zwecken des Vereins Oelbaumspende und des Pflanzungsvereins Palästina liegt nicht vor. Herr Professor Warburg hatte nur seine Ansicht dahin ausgesprochen, daß die traditionellen Kreise am ehesten die Pflicht fühlen müßten, dem Pflanzungsverein Palästina beizutreten, denn sie kämen dadurch in die Lage, die Ueberschüsse der Erträgnisse der Pflanzungen für ihre misrachistischen schulen zu verwenden. Daraus den Schluß zu ziehen, daß die event. Ueberschüsse der Oelbaumspende für antireligiöse Kulturzwecke bestimmt werden sollen, dürfte für jeden Unbefangenen doch eine etwas gewaltsame Deutung sein. Jaffa. Die Kolonie „Rischon l'Zron" ist mit dem Besuche des Paschas von Jerusalem in Begleitung der Spitzen der Behörden von Jaffa und Jerusalem beehrt worden. 4785

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