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Neue jüdische Presse · 1908-07-10 · Heft 27 (10.7.1908) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 27 (10.7.1908)
Date
1908-07-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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" " „ M Ur. 27 des fanfefuttec ~ JFami[iea6[attes. Inhalt -er Vellage: Artikel: Kopf und Herz im religiösen Leben. — Zur Geschichte der Schlafkrankheit — Der jüdische Kalender. — Die jüdische Nationalbibliothek „Midrasch Abrabanel" in Jerusalem. — Aus der zionisl. Bewegung. — Bunte Chronik. — Briefkasten. Kops «nd Herz im religiösen Leben. In unserer niatcrialistischen Zeit blickt der „Kopf" mitleidig auf das dumme „Herz" herab. Aber das „Herz" lächelt über den dummen „Kops", der nicht eiusieht, daß er schließlich doch im Dienste des „Herzens" steht. — Es gibt ein Gebiet, wo der Kopf frei ist, frei sein soll: Das ist die Wissenschaft. In der Wissenschaft ist das Denken alles. Prüfung der Tatsachen, Erklärung ihres Zusammenhanges: das ist alles Sache des Kopfes. Da muß das Herz schweigen. Tonst richtet es Schäden an. Z. B. in der Frage: Dreht sich die Sonne um die Erde, oder die Erde um die Sonne? Das Herz spricht für die egozentrische Ausfassung: der Mensch, der Herr der Erde, ist Mittelpunkt des Sonnen-Systems! Copernicns durfte sich von seinem Herzen nicht beirren lassen, sondern er mußte ohne jedes Vorurteil den Kopf urteilen lassen und dem Herzen Schweigen gebieten. — Außerhalb des Gebietes der Wissenschaft, a u f allen Gebieten des Lebens, herrscht in erster Linie das Herz, und erst im Dienste des Herzens regt sich die Tätigkeit des Kopfes. Das Leben ist das Gebiet der Werte, und alle Werte ivurzeln im Gefühl, oder populär ausgedrückt im „Herzen". Der Kaufmann mag noch so nüchtern rechnen: all sein Rechnen steht im Dienste des Gefühls. Er will die Bedürfnisse des Lebens errechnen, und alle Bedürfnisse, sie seien sinnlicher, ästhetischer, moralischer oder intellektueller Natur, sind Kinder des ... . „Herzens". — Der Selbstherrscher mag herzlos seine Lage beurteilen und den Interessen seines Thrones, dem Triebe seiner Herrschsucht sein Herz zuin Opfer bringen: er folgt nur seinen! Herzen. Der Strom der Süchte und der Interessen entspringt aus dem Herzen. Der Streber, der Ehrgeizige, der Patriot mögen mit .dem ganzen Rüstzeug der Staatswissenschaften und der Statistik ihr Denken und Sinnen zum Wohl des Vaterlandes oder zur Befriedigung ihres Ruhmdurstes am Leitseil des kühlen Verstandes zum Ziele führen: Vaterland, Ehrgeiz, Ziele sind in der Zone des reine» Verstandes nicht möglich. — Alle Wissenschaft des Rechts und der M o r a l, so gewiß der Jurist den starren Paragraphen und der' Ethiker seine philosophischen Formeln anbetet, setzt Herz und Gemüt voraus, und selbst die kühle Schlauheit der Diplomatie, welche geschichtliche Fragen und Probleme zu lösen hat, ist im letzten Grunde Dienerin des Herzens. — Nehmt dem Menschen das Herz, und Geschichte ist eine Unmöglichkeit. — Wie ist es nun in der Religion? Ist Religion ein Kind des „Kopfes" oder des „Herz ens"? Ist Gott zuerst geliebt oder gedacht worden? Ja gibt es einen Gott, der rein mit dem Kopfe ohne das Herz erfaßt werden kann? Gott ist die höchste Liebe, die höchste Barmherzigkeit, die höchste Langmut, die höchste Gnade, die höchste Gerechtigkeit, die höchste Güte: kann der Kopf ohne das Herz diese Eigenschaften fassen? Fromm sein, heißt Gott lieben, verehren, den Willen Gottes erfüllen, seinen Nebenmenschen lieben.... Liebe, Verehrung, Gehorsam: sind das Blüten des K o p s e s oder des Herzens? Wie kommt der Kopf zur Wahnvorstellung, daß im religiösen Leben das Herz schweigen müsse? Wenn die Religion zur Kirche wird! Wenn der Pigmän „Mensch" sich zum „Statthalter Gottes" auf Erden aufbläht; wenn der Priester zum Hierarchen wird; wenn die Schwärmerei der Religion zum „Fanatismus" entartet; wenn der „Besen", in der Unzufriedenheit über die Erfolglosigkeit vor der eigenen Türe in dem Fegen vor fremden Türen seine Zufriedenheit zu retten sucht; wenn die Frömmigkeit zur Politik, zur Diplomatie sich verwandelt, dann vergißt der Kopf, daß er in der Religion nur der „Riese" auf den Schultern des Herzens ist, daß sein ganzer Inhalt aus dem Herzen stammt und ohne Herz er leer ist. In der Religion muß das „Herz" dem „Kopse" zuvorkommen, so gewiß wie in der Optik das Auge, in der Akustik das Ohr dem Kopfe zuvorkommen muß. Was das Auge fürs Licht, das Ohr für den Schall ist, das ist das Herz für die Religion: das spezifische Organ. Welche Torheit des Kopfes, wollte er in der Wissenschaft des Lichts dem Auge, in der Wissenschaft des Schalls dein Ohre zurufen: Ihr habt zu schweigen! Dem Verstand allein gebührt das Wort! — In der Religionsgeschichte"hat es eine Institution gegeben, die dem Gefühle zu schweigen gebot: das war der I e s u i t i s in u s. Aber wir wissen, das ivar nicht Religion, sondern religiöse Herrschsucht. Und was waren die Folgen dieser Usurpation des Kopfes, dieser Verdrängung des Herzens vom Herrscherthrone? Ketzergerichte und Scheiterhaufen! — Im Judentum ist das Herz König; das „jüdische Herz" (Lew) ist unser schönster Ruhmestitel. Das Herz darf nie schweigen: ivenn alles schläft, muß das Herz wacheu — aut jeschew welibi er. Das Herz Muß den Kopf immer kontrollieren, ob er sich stets bewußt ist: ewed Awrohom onanchi, ich bin nur ein Diener Abrahams. Wenr es ernst ist ntit seiner Frömmigkeit, der sei mißtrauisch gegen seineit „Kopf", besonders, wenn dieser das „Herz" verleumdet. — emesz weemuno. Zur Geschichte der Schlafkrankheit.*) Int Hinblick auf die neueren Forschungen über die Ursachen der mörderischen Schlafkrankheit, deren tötliche Erreger bekanntlich durch eine Art Tse-Tse-Fliege übertragen werden, und auf die durch Robert Kochs erfolgreiche Expedition nach Ostafrika die allgemeine Aufmerksamkeit gelenkt ist, dürfte es von Interesse sein, die Stelle aus deni Pentateuch, Buch II, Kap. 23, Vers 28 zu beachten: „Und ich werde die „Zirah" dir voraussenden, welche (die dort aufgezählten Völker) vertreiben (vertilgen) wird," wozu „Naschi" erklärt: „Zirah ist eine Art Insekt, welches in die klugen der Menschen sticht, das tötliche Gift überträgt und sie so tötet." Des Ferneren bin ich bei meinen Forschungen hierüber auf eine Talntudstelle (Traktat Sotah, pag. 36) gestoßen, welche die „Zirah" folgendermaßen charakterisiert: „Sie blendete ihre Angen oben, und machte sie unten impotent." Da die Schlafkrankheit einerseits das Zentralnervensystem (Hirn und Rückenmark) vornehmlich ergreift, andererseits die Aehnlichkcit der Schlafkrankheit mit manchen Rückenmarkskrankheiten experimentell nachgewiesen wurde, so muß man doch bei „Zirah" an die Schlafkrankheit denken, wenn auch bis jetzt Kon der Verbreitung dieser Krankheit in Palästina nichts bekannt war. Uebrigens heißt .es an ^derselben Talmudstelle, daß die „Zirah" mit den Kindern.Israels nicht über den Jordan gekommen, also vielleicht nur in Aegypten sie begleitete, also doch auf Afrika beschränkt blieb. Auf die kuriose Lautähnlichkeit zwischen Zirah und Tse-Tse sei noch hingewiesen! Dr. Ratner, Wiesbaden. Der jüdische Kalender. Unter dem Titel „Der jüdische Kalender vor seiner Reform" brachte vor einiger Zeit das „Prag. Tgbl." einen bemerkenswerten Artikel, der jedoch mancher Richtigstellung bedarf. Derselbe lautet: „Man besaß bisher keine genaue Kenntnis davon, in welcher Weise die Juden ihren Kalender vor dessen Reform im 4. Jahrhundert n. Chr. regelten. Die Entdeckung einer Anzahl von aramäischen Papyri Tn Syene, die von Professor Sayse und Mr. Cowley übersetzt wurden, gestatten einen Einblick in den jüdischen Kalender 800 Jahre vor seiner Reform. Es befinden sich unter den Papieren Kontrafte, die beide Daten, das egyptische und das jüdisch e, tragen.! Aus den Taten *) (Abgekürztes Referat aus den Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften, Verlag von Leopold Voß, Hamburg.) glaubt Herr Knobel, wie er in einem Bortrage vor der Königlichen Astronomischen Gesellschaft auseinandersetzte, das Prinzip des jüdischen Kalenders feststellen zu können. Den Schlüssel zur Lösung dieser Frage liefert der günstige Umstand, daß zwei der jüdischen Daten genau um dreißig Tage auseinanderlagen. Herr Knobel stellt fest, daß der alte jüdische Kalender, wie der heutige, ein Lunarkalender war, das heißt mit Monaten von Neumond zu Neumond rechnet. Um das Mondjahr dem Sonnenjahr anzupassen, wurde gelegentlich ein dreizehnter Monat eingefügt. Die Regel, nach der man diesen Monat einfügte, wurde nach ihrem vermeintlichen Erfinder Meton benannt. Herr Knobel weist mmmehr nach, daß die Juden bereits eine Generation vor der Zeit des Meton mit der Einfügung dieses Monats zu arbeiten verstanden. Das früheste Datum auf einem gefundenen Papyrus ist vom Jahre 471 v. Ehr., während Meton etwa um 433 gelebt haben soll. Herr Knobel weist sogar nach, daß der altjüdische Kalender zu noch früherer Zeit im Gebrauch war. In dem siebenten Jahre des Perserkönigs Kambyses fand eine teilweise Mondfinsternis statt, deren Datum nach jüdischer Berechnung überliefert wurde, und dieses Datum stiimnt mit den Kalenderdaten in den Papyri überein, die mmi in Syene fand. Es ist nicht zu bezweifeln, daß die Juden eine Zeitlang ihre Monate nach den tatsächlichen Beobachtungen des Neumondes bestimmten. Dies war möglich, so lange der Tempel stand und die Inden sich in ihrem kleinen Lande allein befanden. Ms Nebudkadnezar nach der Besiegung Judas die Juden über Babylon und Oberägypten zerstreute, mußten andere Methoden für die Berechnung der Zeit gefunden werden." Dazu ist zu bemerken, daß erstens dem Meton nur die Entdeckung des 19jährigen Zyllns zugeschrieben wurde. Gegenstandslos ist die Behauptung. daß erst durch den Fund in Syene (Elefantine) die Priorität der jüdischen Rechnung nachgewiesen sei, denn die Entdeckungen in Babylonien haben schon seft 50 Jahren über jeden Zweifel festgestellt, daß schon zu Abrahams Zeüen nach Mondbestimmung mit einem Schaltmonate, der merkwürdiger Weise Weadar heißt, gerechnet wurde. Es existiert ein Kaufkontrakt, datiert vom 26. Schebat, Regierung des Jriakn von Larsa (aus der Bibel bekannt als Arioch von Elassar), Zeitgenossen Wrahams. Nun hat im Jahre 1861 der berühmte neuhebräische Forscher Slonimski die Behauptung aufgestellt, die Juden hätten bis zu Esra nach egyptischen Sonnenjahren und Sonnenmonaten gerechnet. Gegen diese absurde und tendenziöse Irreführung hat der berühmte Talmudgelehrte Jacob Bacharach-Bialystok seinerzeit ein Werk verfaßt, in dem er mit Aufwand eines ungeheuren Apparates von Gelehrsamkeit mit Kanonen auf Spatzen schießt. Die Archäologie hat gesprochen, die Tatsachen haben über Slonimskis Ansicht den Stab gebrochen. Immerhin interessant ist es, daß dies mmmehr auch für die egyptischen Juden zu Jeremias Zeit nachgewiesen ist. Zu berichtigen ist ferner, daß die Juden nicht nur bis zu Nebudkadnezars Zeit, sondern bis 360 unter Kaiser Julian die Monate nach den tatsächlichen Beobachtungen des Neumondes bestimmten. Der mit diesem Kaiser eng befteundete Patriarch Hillel U. sah jedoch die dichte Finsternis des Golus mit dem Einflüsse der Christen am römischen Hofe herankommen und benützte den kurzen Freiheüsschimmer, um den Kalender durch feste Berechnung bis zum Jahre 6000 jüb. Aera im vorhinein zu regeln. In der Tat wurde im Jahre 415 unter Arcadius und Honorius das Patriarchat aufgehoben, welchem allein die Befugnis der Kalenderbestimmung verliehen war. Es ist somit nicht ganz richtig, von einer Reform des Kalenderwesens zu sprechen. 4785

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