Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 27 (10.7.1908)
- Date
- 1908-07-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisch^ FaonlieMatt. Sti. 26. ,Mickeln Sie mir den Torf aach in Papier ein. Jungferchen," fügte Natten noch hinzu. Nun erhob sich Natten endlich von seinem Sitze, nachdem er das Tischgebet verrichtet hatte. Bepackt mit den verschiedenen Paketen schritt er der Küchentüre zu. Hier aber blieb er stehen, unausgesetzt auf Frau Heymann schauend. Diese bemerkte ihn erst nach einer geraumen Weile. Dann sprach sie voll Verwunderung, als er sich noch immer nicht zum gehen anschickte: „Nun, Natten, haben Sie noch besondere Wünsche, oder haben Sie "etwas vergessen?" „Ich hob nix vergessen, obber die Frau Vorsteherin." Bei diesen Worten streckte er der Fragengenden die geöffnete Rechte hin und fügte hinzu: „Die Frau Vorsteherin werd sich doch woll - nit von Natten eppes schenken lassen? Ich. hob mei Geld noch nit gekriggen." Eiligst griff Frau Heymann in die Tasche und reichte Natten ein Geldstück hin. Dieser betrachtete kopfschüttelnd die Münze. Dann sprach er:' „Frau Vorsteherin, Sie hobben sich tacket geirrt. Das ist man a „Fifthalb" (25 Pfennige), sunst hob ich „nein Stieber" (50 Pfennige) bekommen." „Entschuldigen Sie, lieber Natten," erwiderte geduldig Frau Heymann, „ich habe mich geirrt. Und nun muß ich gehen." „Gott los; Sie gesund und Ihren Mann und Ihre gebenschten Kinder. Un leben Sic mer alle Wohl, bis ich widderkunun 's andre Mol." Mit diesen Abschiedsworten verließ Reb Natten das vorsteherliche Hans, das nun acht Tage lang wieder seiner harren mußte, che cs einen Gast, wie Reb Natten für kurze Zeit aufnehmen konnte. Am folgenden Montag hatte das Haus des Kaufmanns Salomon Seckels die besondere Ehre, Reb Natten bewirten zu dürfen. Hier fand er weniger Freigebigkeit. Doch verstand cs Natten, durch die Anwendung einer andren Taktik das zu erlangen, wonach sein Begehren stand. Die Portionen, die «ms den Tisch kamen, waren eben hinreichend, den Hunger zu stillen, und an ein Mitnehnren war hier nicht zu denken. Daher mußte Natten nach einer anderen Richtung seine Aufmerksamkeit lenken. Im Seckels'schen Hause räumte man ihm einen Platz am Familientische ein, und er scheute sich nicht, ab und zu an den Gesprächen der Tischgenossen sich zu beteiligen, indem er durch ein lebhaftes Kopfnicken ausgestellte Behauptungen des Hausherrn oder der Hausfrau bestätigte, und sein obligates: ,AAraftig, sau is es," oder: „Oßer nit" anknüpste. Im Seckels'schen Hause manövrierte Natten dahin, Latz er ab und zu verschiedene Wäschcgegenständc erhalle. Er benutzte stets eine passende Gelegenhell, um an eine Aeußerung des Hausherrn anknüpfen zu können. Diese Gelegenheit bot sich jedoch nur zu gewissen Zeiten dar. Herr Seckels, der cs durch seiner Hände Fleiß zu etwas gebracht hatte, liebte es, mll seinem Reichtum zu prunken und seinen Hausgenossen all die Neuanschaffungen für Haus und Geschäft aufzuzählen, die er für schweres Geld .gemacht habe. „Nun, ja, ich kann es mll ja leisten; ich habe ja die Mittel dazu." Mit diesen Worten pflegte Herr Seckels seine Aufzählungen zu schließen. Diese Worte bildeten aber auch in der Regel das Signal für Natten, in die Arena zu lleten, um sich ein Hemd oder ein Untcrbeinkleid zu erkämpfen. Sich geräuschvoll räuspernd knüpfte er an die Worte des Hausherrn folgendermaßen an: ,Mie is der Reiche doch glicklich! Gott loß Sie dabei, guter Herr Seckels! Der Reiche kann sich gleich allens anschaffen, was ihm abgeiht. Was kann obber der arme Mann nebbich tun in seinem Dalles? Des seh ich nu ein! As mei Elle und mei Memme vor dreißig Johren gestorben sennen, Gott loß sie in Gneidem ruh'n, do hobben sie mer a ganz Dutz nagelneie Hemden Hinterlossen. Wer wor da glickllcher, als ich! Ich brauchte Jahre lang nit zu waschen, finnef Johr hob ich sie nocheinander gellagen. Ich sag Ihne, Herr Seckels, ich sag' Ihne, sau schene Wäsch' giebts heit nit mehr. Nu hob ich noch an anziges davon/ und das is aach all schlecht." Belustigt hatte die Tischgesellschaft den Ausführungen Nattens zugehört. Die Berührung solch einer äußerst dislletcn Toilettenangelegenhell hatte doch ein klein wenig Verlegenhell bei dem weiblichen Telle der Zuhörer hervorgerufen. Frau Seckels wintte ihrem Manne zu, die Tafel aufzuheben. Natten hatte dies wohl bemerk, und er beeilte sich, zu dem Hauptzweck seiner Eröffnungen überzugehen, indem er mit süßem Lächeln sprach: „Bester Herr Seckels, hobben Sie nit a paar „verletzte" Hemder for mir, schenken Sie se mer, sie tun a grauße Mizwe." „Na," erwiderte Herr Seckels, sich erhebend, „kommen Sie, Natten, ich will nachsehen." — Nach wenigen Minuten verließ Natten das Seckels'sche Haus, unterm Arme ein Packet llagend. Was dieses enthielt, braucht wohl nicht erst verraten zu werden. — s) Wirklich. (Fortsetzung folgt.) Kunst und Literatur. Das Buch Joram" von Rudolf Borchardt. Im Jnselverlag, Leipzig, MDCCCCVII. 52 Seiten. In den an schönen Blüten so reichen Kranz der Bücher des Insel - Verlags reiht sich das „Buch Joram" würdig ein. Es ist fast ein Vorrecht dieses Unternehmens, besondere literarische Erzeugnisse hinauszusenden; das vorliegende Werk ist wohl der Eigenartigsten eines. Zu einem solchen stempelt cs schon die eigene Sprache. Es ist im Stile der Bibel verfaßt, die Erzählung selbst wird bezeichnet als herausgegrifsen aus dein Buche eines Rabbi Mordechai ben Gabriol, des Syrers, das den Titel führt: „Die Kränze der Sonderbaren Lebens-Beschreibungen." Die Sprache kann als Typ gelten für des ganzen Buchs Charakter. Einfach und kraftvoll. Ihrer starken fesselnden Art entspricht die packende Gewalt der grotzangelegten Bilder, entspricht der Bann, in den uns die Geschehnisse des Buches zwingen. Ihr widmet denn auch der Dichter ein besonderes Nachwort, das höchst interessante Streiflichter auf sein Streben und letztes Wollen wirft. Als „Andeutung eines einzigen Zusammenhongs von Gedanken und Geschichte" erllärt er uns hier, aus welchen Gesichtspunkten heraus er an die Anwendung des Bibelstils schritt. Nach eingehenden literarischen und historischen Erwägungen kommt er zu dem Schlüsse, daß der Art und Weise, auch die frischeste, eigenste, bewegendste Angelegenheit in archäischen Formen vorzutragen, Klassizität zuzuschreiben sei, vorausgesetzt natürlich, daß sie sich auf künstlerischer Basis bewege. In diesem Nachwort erhalten wir auch eine für das Verständnis des Wesens Jorams und seines Dichters sehr wertvolle Andeutung in dem Satze: „Eine speziellere Rechtfertigung dafür, daß er (der Dichter) eine Gestalt, die Blut von seinen; und unser aller Blute ist, ein Problematisches, das in unser aller ' Lebenslust liegt, bis zum wandernden Tobias und dem Jammer Hiobs von sich entfernt hat — eine solche Rechtfertigung in der Form der Motivierung statt der eines nachträglichen Sichbegreifens zu geben, hieße Schlimmeres als nur sich kommentieren." — Den „Jammer Hiobs" finden wir in Jorams Leben wieder: Joram, der Sohn des Pinchas und Jezebel, die Tochter des Zachri — Namen und Stoff sind nicht historisch — beide als auserlesene Menschen geschildert, gehen eine Ehe ein, die kinderlos bleibt. Das Schicksal verfolgt sie auch weiter mit wuchtigen Schlägen. Tod des greisen Simchas aus Kummer, langjährige Trennung der Ehegatten durch Gefangenschaft Jorams, infolgedessen schließlich Ehebruch der sich nach dem Kinde sehnenden Jezebel. Die vielen Versuche Jorams, zu seinem Weibe zurückzugelangen, scheitern an dem direkten Eingreifen der Gottheit. Durch den Tod des Frohnherrn endlich freigeworden, findet Joram seine Gattin als eine Ausgestoßene der Gesellschaft wieder, weil sie von ihm kein Kind besitze. Da geht in Joram eine gewaltige Veränderung vor. In seiner Verzweiflung über die ihm — trotz seines frommen unslläslichen Wandels — versagte Nachkommenschaft „rechnet" er nun mit Gott. Und, auf bcn Tod getroffen, wächst er nun, ein zweiter Prometheus, um dem Himmel die Gerechtigkeit und die Unersorschlichkeit des Ratschlusses zu enlleißen. Und siehe! „Nah ist und schwer zu fassen der Gott. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch." (Hölderlin.) Gott beschert ihm ein Kind, es bedeutet aber den Tod Jorams und Jezebels. Von diesem Kind meint nun der Dichter, es sei ein Wunderkind gewesen und Gott habe sich ihm offenbart in der Stimme des Sturmes, des Wetters, der Abgründe und der Nacht „oder in der Stimme der Schwermut vor Abend", „Mit ihm zu weinen über die Welt." Seltsam: man meint, daß die Geschehnisse alle sich durch die einzelnen Ursachen entwickelt hätten, erst mit der Zeit ohne Vorherbestimmung: und siehe! Der Traum des alten Pinchas hatte bereits vor der Zeit alles gesehen, genau so, wie es später einllaf. Ein gewaltiges Schicksal ists, das an unserem Auge vorbeizog. Seine Mystik mutz zum Nachdenken anregen. Im Original und wiederholt gelesen überwältigt uns auch diese Stimmung. Wie überhaupt bei diesem Buche das bekannte Jbsen'sche Wort vom Mitdichten des Lesers wie selten bei einem andern zullifft. Es kann also dies Buch jedem empfohlen sein, der einmal, abseits vom grauen Einerlei des Alltags, über ein „Problematisches, das in unser aller Lebenslust liegt" zu sinnen bereit ist. Ganz besonders sei nochmals auf das Nachwort hingewiesen, von dem ein witziger Kopf behauptete, seinetwegen sei das ganze Buch geschrieben. Das ist denn doch nicht ganz richttg. Denn wir müssen doch auf jeden Fall dem Dichter glauben, der be-- merkt, daß das Nachwort erst zur Dichtung entstand. Das andre ist aber richtig. Die theoretischen Erörterungen des Nachwortes wären nicht so klar zu verstehen, wenn nicht sein Verfasser in dem Buche, das voraufgeht, eine so köstliche Probe aufs Exempel gemacht hätte, die uns in bester Weise zeigt, welch elementare Wucht in der einfachen biblischen Sprache steckt. In diesem Sinne bin ich vielleicht mit diesem Herrn einig, daß das „Buch Joram" zu seinem Nachworte geschrieben sei. Leopold Perlmutter. Systematische Bibliographie der Palästina-Literatur. Auf Veranlassung vcs Deutschen Vereins zur Erforschung Palästinas, bearbeitet von Dr. phil. Peter Thomse». 1. Band 1895—1904, 204 Seiten (5 Jf.) 1908. Leipzig und Newyork, Rudolf Haupt. Diese Bibliographie, die einem wirklichen Bedürfnis entspricht, will nicht nur nackte Titel bieten, sondern durch die Gruppierung, Keine Notizen und Verweisungen, auch durch ganz kurze Inhaltsangaben dem Benützer dienlich sein. Sie ist in folgende 7 Kapitel erngctellt: 1. Allgemeines, 2. Geschichte, 3. Historische Geographie und Topographie, 4. Archäologie, 5. Neue archäologische Fuudc, 6. Das moderne Palästina, 7. Geographie, denen sich ein alphabetisches Register anschlicßt. Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. M. ■ ■ Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. Bad Harzburg TO PenslonParkhaus 53 Salons n. Familien-Dependance Schloss Prinzenhof mit 28 Salons. Streng rituelle Häuser I. Ranges unter Rabbinats-Anfsicht an schönst. Waldlage. Ge5ff.l.Mai-1.0kt. Prosp.gratia. Max Hecht Wohack Dattloeu SSzzSxi* Inhaber: JVL. WdliaZZ. Porten, Juwelen, Gold waren. Auf Wunsch Auswahlsendungen. - Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Luach.) Samstag, den 11. Juli (=12. Tamus): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 45 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 35 Min., in Berlin 9 Uhr 25 Min. Wochenabschnitte: „C h u k a s" und „B o l o k". Das Gebot per „roten Kuh." Eine vollständig rote Kuh, durch den Hohenpriester als Sündopfer dargebracht, wird zu Asche verbrannt, und in den Brand wird Zedernholz, Usop und Karmesinwolle geworfen. Der opfernde Priester, ebenso wer sie verbrennt, wird dadurch tome (unrein). Die Asche der Kuh, die in Urnen aufbewahrt wird, dient aber zur „Reinigung" der Unreinen (unrein ist jeder, der einen Toten berührt, mit ihm unter einem Dache geweilt, ein Grab, einen Knoche» oder sonsttge Teile eines Toten berührt hat usw.). Man warf von der Asche in ein Gefäß mit lebendigem Quellwasser und besprengte die „Unreinen" damit am 3. und 7. Tage. Erst dann durften sie wieder in's Heiligtum treten oder verschiedene Opferteile genießen. (Dies Gesetz führt an das größte Problem unseres Daseins: den Gegensatz zwischen Leben nnd Tod. Es wird verschieden gedeutet, doch stets im Grunde uns rätsell;aft bleiben.) — Mirjams Tod in Kadesch. Dort murrt auch die Gemeinde wegen Wassermangels. Mosche soll dem Volke Wasser geben, indem er einen Felsen anredet. In seinem Zorn schlägt er jedoch zweimal den Felsen. Er verscherzt sich so die Erlaubnis nnd das Glück, in's gelobte Land Lu dürfen. Ebenso sein Bruder Ahron. — Ahron stirbt auf dem Berge Hör in Gegenwart Moses' und seines Sohnes Eleasar. Letzterer wird Nachfolger im Hohenpriesteramt. Das Volk betrauert Ahron. — Das Volk will durch Edom ziehen. Es erhält hierzu nicht die Erlaubnis und macht nun einen Umweg. — Das Volk murrt über den langen Weg. Gott schickt giftige Schlangen, deren Biß viele tötet. Mosche betet. Auf Gottes Befehl soll er eine kupferne Schlange fertigen und sie auf eine Stange setzen. Wer sie anschaute, blieb am Leben. (Sinn: Der Aufblick zu Gott schasst Leben!) Israel besiegt zwei mächtige Reiche: Emori und Basan. Siegeslied über die Kämpfe in Ostjordanien. — Die Sidra Balak trägt den Namen des Haupthelden der Erzählung, die in dem Wochenabschnitt mitgeteilt wird. Balak der Moabiterkönig, empfindet Grauen vor Israel, das die benachbarten Riesenkönige Og und Sichon schlug und deren Reich eroberte. Er sendet Boten zum heidnischen Propheten Bileam in Midjan, der durch seines Mundes Fluch Israel unschädlich machen soll. Gott verbietet, mit Balaks Gesandten zu gehen. Der Moabiterkönig sendet wiederum Boten. Unter Vorbehalt darf Bileam mit ihnen gehen. Ein Engel stellt sich ihm hindernd in den Weg. Die Eselin sieht ihn, weicht mehrmals aus, wird dafür von Bileam geschlagen. Gott öffnet ihren Mund, sie macht Bileam darüber Vorwürfe. Er erblickt nun den Engel, will umkehren, doch zu spät; seine Gewalt ist unterbunden. Balak hott voll Ungeduld den Bileam ab, führt ihn auf verschiedene Höhen, von denen ans er das Lager Israels sehen konnte. Balak opfert jedesmal, Bileam aber segnet Israel dreimal mit den herrlichsten