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Neue jüdische Presse · 1908-07-03 · Heft 26 (3.7.1908) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 26 (3.7.1908)
Date
1908-07-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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M Ir. 26 des Imnlifnctec IsmeliWm Famlimklams. Der Gaon. Glossen zu einem Literaturstreit von Maxime le Maitrc-Bern. Zwölf Dezennien sind in die Ewigkeit hinabgerollt, seitdem der Gaon seine Augen für immer geschlossen. Das Jahr 1788 bildet ein gewichtiges Datum in der Geschichte, denn es bedeutet einen Wendepunkt im Werdegang des jüdischen Geisteslebens: einen Wendepunkt, weil zwei große Geistesrichtungen innerhalb des ost-europäischen Judentums ihre Geschichte und ihren Ursprung bis auf jenes Jahr zurückführen: Misnagdismus und Chassidismus. Misnagdismns, die Religion vermittelt durch das Medium des Intellekt und des Gewissens, Chassidismus, die Scheu vor dem Unbekannten, vermittelt durch das Medium der Phantasie und des Gemütes. — Und der Gaon war für den Misnagdismns, lvas Immanuel Kant für den Kritizismus lvar. — Warum ich jetzt auf den Gaon zurückkomme? Nicht Langeweile und Hnndstagshitze, nicht historisches Klügeln noch Lust zum Polemisieren haben mich an diese verklärte, von Sagen und Legenden umwobcnc Gestalt erinnert und mich veranlaßt, den Geist dieses Genius heraufzubeschwören. Die Literaten zanken, streiten und Händeln, als gälte cs; nicht eine historische Wahrheit festznstellen, sondern einen historischen Aberglauben zu beweisen. Um des Gaons willen wird gestritten: war er bedeutend? war er unbedeutend? hat er nur Bücher hinterlassen, oder hat er gleich jedem Volksgenius ganzen Generationen das Siegel seiner Persönlichkeit aufgedrückt? So ward gefragt hundertzwanzig Jahre, nachdem die Mutter Erde die letzten irdischen Ueberreste des Großen in ihren Schoß ausgenommen. So treiben manche Geschichte.- Mer weil so gefragt wird und jetzt gefragt wird, erscheint es mir zeitgemäß, die Frage meinerseits zu wiederholen, denn nur auf das Fragen kommt es'hier an, nicht auf das Antworten. Die Art des Fragens wird die Antwort sein. War der Gaon bedeutend? war er unbedeutend? war Kant bedeutend? war Kant unbedeutend? Die Frage könnte höchstens lauten: hat Kant die Philosophie gelehrt, denn man kann auch im Irren groß sein. Tut es dem Ruhm, der Persönlichkeit und der Bedeutung Spinozas Abbruch, weil er geirrt hat? — Also muß die Frage lauten: ist des Gaons Lehre die Aeußerung des jüdischen Genius oder eines jüdischen Genius? Wie Druck und Gegendruck, Stoß und Bewegung die form- und gestaltlosen Massenklumpen der Materie zu Körpern bilden, so bestimmen und formieren die Lehren und Systeme der großen Geister das Leben und Treiben, das Denken und Empfinden von Geschlechtern, ja von ganzen Völkern, denn der Geirius ist die Zweckursache im Reiche des Geistes. Der Gaon von Wilna hat tatsächlich während seines Lebens nur Bücher geschrieben, — hat er aber auch nur Bücher hinterlassen, ober hat er das Schicksal der jüdischen Geistesentwickclung für Jahrhunderte antiegriert, das Volk durch das Prisma seines Geistes denken gelehrt, ihm Wege gewiesen, seinen Charakter gebildet, sein Empfinden bestimmt, kurzum das Volk wie das Individuum ganz in die Gewalt seines Geistes gebracht? Es gibt zwei Arten, sich religiös auszuleben, kürzer gesagt — und das, um niemandem unrecht zu tun — zwei religiöse Temperamente. Das eine Temperament äußert sich durch das Gewissen, das andere durch die Phantasie. Diese zwei Temperamente sind die möglichst schärfsten Gegensätze, und wenn man loill, bildet ihr Kampf den Inhalt der Weltgeschichte. Als.Luther mit der Bibel in der Hand gegen Rom sich erhob, zum Kampfe rief, war in dieser Erhebung und in diesem Kampfruf die Willensäußerung des Gewissensmenschen gegen die Gewalt des phantasiereichen Römers und des heißblütigen Südländers. Der kühle Nordländer mit seinem gestählten Gewissen konnte sich die Herrschaft des Südens nicht gefallen lassen. Er rief zum Kampf, mit welcher Waffe? Mit der Bibel in der Hand, — und der Kampf galt dem antibiblischen Rom. Ich hätte noch ans andere historischen Erscheinungen Hinweisen können, aber ich glaube, dieses Exempel genügt. Aus diesem Exempel haben lvir etwas gelernt, nämlich, daßmanmitderBibel, d. h. mit der Lehre des Gewissens und der reinen Erkenntnis Rom niedergernngen hat. Und da die Bibel das Buch des Judentums ist, der einzige Born, aus dem wir seit Jahrtausenden schöpfen, die einzige Macht, die unseren Knlturkredit für alle Ewigkeit begründet, so beweist es doch, daß das religiöse Temperament des Juden sich durch das Medium des Gewissens äußert, daß er seine Weisheit nicht aus dem Quell des Gemütes und der Phantasie schöpft, sondern aus dem der reinen Erkenntnis.'„Erkenne deinen Gott, und verehre ihn" wird uns gelehrt, „Und die Welt wird voll von Erkenntnis, wie die Wasserfülle das Meer bedeckt" prophezeiet uns Jesaja. Erkenntnis und Gewissen sind die zwei Grundmerkmale des Mischen Geistes, und aus diesem Grunde haben uns die romanischen Völker ausspeien müssen, und nur mit dem Germanen, mit dem Nordländer, dessen Streben Gewissen und Erkennen, dessen Geistesführer Luther und Kant sind, — nur mit ihm können wir zusammen Hausen. Was diese geschichtsphilosophischen Klügeleien wohl mit dem Gaon zu tun haben? Nun wohl! was Kant die Deutschen gelehrt — Gewissen und Erkennen —, das lehrte uns der Gaon. Bezeichnend ist für Rabbi Elias aus Wilna, daß er eine Geometrie geschrieben hat, und in seinen Reisebriefen an seine Familie hat er den ganzen Kerngehalt der jüdische» Ethik rekapituliert. . Und gegen wen wird der Gaon ausgespielt? Gegen den „Balschem", den Begründer des Chassidismus. Und der „Balschem" lehrte das Gegenteil von dem, was der Gaon gelehrt hat: nicht Gewissen, sondern Gemüt, nicht reine Erkenntnis, sondern Extase und Jrrwischtanz der Phantasie. Mer, um kurz die Differenz hervorzuheben: auf den Gaon geht das produktive Studium des gesamten jüdischen Schrifttums des letzte n I a h r h u n d e r t s z n r ü ck. Er ist der eigentliche Begründer der Talmudhochschule zu Wolosin, aus der später die ganze neujüdische Wissenschaft des Judentums hervorgegangen. Was heute die osteuropäischen Juden an literarischer Bildung, an literarischen künstlerischen Werten haben, verdanken sie den Jüngern der Talmndstätte Wolosins; und was die russischen Juden heute an talmudischen Kenntnissen besitzen, danken sie ebenfalls den mächtigen Nachwirkungen des Gaonischen Einflusses. Im ganzen Umkreise seines geistigen Wirkens bemerken wir eine Tendenz: faustischer Wissensdrang und reine Erkenntnis. Aber im gesamten Umkreise des Einflusses des „Balschem" — tiefste Ignoranz, Verwilderung der Sitten, Vernachlässigung des Thorastudiums, Armut und Unwissenheit. Der Misnagdismus ist der Ausdruck des energischen Idealismus, des sittlichen Strebens und der Wille zur reinen Erkenntnis. Der Chassidismus — das Symbol von chaotischem Phantasie- und Gemütslcben, von verworrener mystischer Extase, die zur Verfinsterung des Geistes führt und die sittliche und geistige Kraft lähmt und tötet. Und der Gaon war der Begründer des Misnagdismus. Personalien. Frankfurt a. M. Herr Jsaac Dreykus wurde an Stelle des seligen Herrn Charles Hallgarten in den B e r w a l t n n g s r a t der „I c a" gewählt. Berlin. Geh. Kommerzienrat Emil Jacob erhielt das Komtnrkrcnz des österr. Franz Joseph-Ordens. Karlsruhe. Bankier Fritz Hamburger wurde zum L>tadtrat gewählt. — In Ludwigs Hafen feierte das Samuel Nctersche Ehepaar die goldene Hochzeit. Herr Neter ist der Seniorchef der Eisengroßhandlung Wolf Neter. Fürth. Rechtsanwalt Alfred Natban zu Reichenhall, Ehrenbürger der Städte Fürth und Reichenhall, erhielt den bayer. Verdienstorden vom heiligen Michael 4. Klasse. <b.) Straßburg. Nachdem nunmehr auch die Stichwahlen stattgefunden haben, sind folgende Herren in das israel. Konsistorium des Unter-Elsaß gewählt: Isidore Gentzbourger, Rechtsanwalt Dr. Georg Schmoll, Aron D u r - lach, Kommerzienrat K a u f f m a n n, Gustav Stein-Straßburg und Jules Klein-Bischheim. Nach langem Leiden verschied Herr Lazare Wolf, der die von seinem in gesegnetem 'Andenken stehenden Vater, Seligmann Wolf, geleiteten Wohltätigkeitsinstitutioncn so lange weiterführte, als es seine schwache Gesundheit erlaubte. Colmar.' Bankdirektor Lucien Mannheimer wurde in den Ge in ein berat gewählt. Nieöerbronn. Kaufmann Josef Loeb wurde in den Gemeinderat gewählt. Lingolsheim. Holzhändler Lazarus Oppenheimer ist in den Äemcinderat gewählt worden. Wie«. Kaiserl. Rat und Kommerzienrat Alois Lemberger feierte seinen 70. Geburtstag. Die Gemeinde Drösowitz ernannte ihn aus diesem Anlaß zu ihrem Ehrenbürger. Genf. Des verstorbenen Professors Rabbiner Wertheimers Wirksamkeit an der Universität wird vom nächsten Semester ab von Dr. Felix Falk ausgefüllt werden, der als Privatdozent über rabbinische und talmudische Literatur lesen wird. Amsterdam. Herr S M. Goudsmit, dessen Namen weit über Anisterdams Weichbild hinaus bekannt ist — besonders in Frankfurt a. M., wo er die Realschule der Jsr. Religionsgesellschaft besuchte, hat er zahlreiche Freunde —, feiert Samstag den 5. Tamns seinen 60. Geburtstag. Als frommer Jude alten Schlags wirkt Herr G. von jeher mit Liebe und Opfern an Zeit und Geld auf allen Gebieten tätiger Menschenliebe; gradezu hervorragend aber ist das, was er im Armenschulwesen geleistet hat. Paris. Reserveleutnant Lantz wurde zum Reservehauptmann und Leunant Dreyf u s - Montbrison zum H a u p t m a n n befördert. — Georges HalPhen wurde zum Laboratoriumschef im Ministerium des Handels und der Industrie ernannt. London. Dr. med. Bertram Abrahams, einziger Sohn des früheren Direktors der Jüdischen Freischule, bekannter 'Arzt und medizinischer Schriftsteller, verschied im 'Alter von 38 Jahren. Abraham gehörte dem Rate der „Jto" an und interessierte sich sehr für die sportliche Ausbildung der Juden. New-Aork. In Rochester starb. 79 Jahre alt, der Millionär Nathan Stein, Chef der großen Kleiderfabrik Stein-Bloch Co. In Laredo verschied, 75 Jahre alt, Samuel Alexander, ein Veteran des Bürgerkrieges. Aus der Lehrerwett. Frankfurt a. M. Bund gesetzestreuer jüd. Lehrer Deutschlands. In den Sommerferien findet ein Kursus für Kantoren statt. Kollegen, die sich an demselben beteiligen wollen, werden ersucht, dies baldigst an Herrn Oberkantor Pesachowitz, Ostendstr. 29, zu melden. Reisezuschuß wird den Mitgliedern gewährt. Berlin. Demnächst erscheint im Aufträge des Verbandes der Deutschen Juden von Dr. Jsmar Freund: Die Rechtsstellung der Juden im preußischen Volks schulrech t. Das Buch behandelt die öffentlichen jüdischen Volksschulen, die Rechtsstellung der Juden hinsichtlich der öffentlichen nichtjüdischen Volksschulen und tzie jüdisch - christlichen Simultanschnlen und gibt im Anhang die auf die jüdischen Unterrichtsverhältnisse hezüglichen Gesetzesbestimmungen. Rabbiner und Lehrer, die ihre Bestellung bis zum 15. Juli an den Verband (Berlin W. 35, Magdebnrgerstr. 14) einsenden, erhalten das 401 Seiten umfassende und in Halbleinen gebundene Werk zum Vorzugspreise von 4 Jt Merzweiler i. Elsaß. Israel Mach, seit 50 Jahren Kantor und Religionslehrer der hiesigen jüdischen Gemeinde, erhielt den Kronenorden 4. Klasse mit der Zahl 50. Görlitz. Rabbiner Dr. Siegfried Freund, der bereits mehr wie 5 Jahrzehnte in der hiesigen jüdischen Gemeinde wirkt, feierte mit seiner Gemahlin das Fest der goldnen Hochzeit. Miskolc; (Ungarn). Der Halaser Rabbiner Dr. Samuel Spitzer wurde zum Oberrabbiner der hiesigen orthodoxen Gemeinde gewählt. Rew-Aork. Am diesigen Jüd - theolog. Seminar empfingen seitens des Direktors Dr. Schechter das Rabbinatsdiplom: Louis Jsaac Egelson, gebürtig aus Rochester im Staate Newyork; Moses Joseph Salomon, Abel Hirsch, Elias Nathan Rabinowitz, Hermann H. Rubenowitz, sämtlich aus Rußland; Joseph Hevesh und Samuel Klosinger aus Ungarn. Alexandria (Egyvten). Bechor Elijahn Hazzan, der Chacham Baschi von Alexandria, ist gestorben. Hazzan wurde 1845 in Smyrna geboren, lernte in Jerusalem, wo sein Großvater Chacham Baschi war, wurde Mitglied des Jerusalemer Beth-Din, 1874, 29jährig, Chacham Baschi von Tripolis und 1888 Chacham Baschi von Alexandria. Er veröffentlichte eine Anzahl hebräischer Bücher. Der Sultan zeichnete ihn verschiedentlich durch Orden aus. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Bei der Exvedition des Franks. Israelit. Familienbl. gingen ein: Bon einigen Frankfurter Freunden gestiftet zum 60. Geburtstag des Herrn S. M. Goudsmit-Amsterdam 1 Oelbaum 6,— J£ L. Schapiro für den zivn. Parteifonds 4,— ,, Ein Posten Marken und Staniol von Fräulein Lotte Wolpe, Bergerstr. 53, Geschwister Schwabacher, Mauerweg 12, N. N. Frankfurt a. M. Bei der Kommission für den jüd. Nationalfonds, Grünestr. 29 pt. gingen ein: Carl Rosenheimcr zum Geburtstage David Hamburgers 1 Oelbaum im Herzlwald 6,— jlL Caroline Hamburger anläßlich der Geburt ihrer Enkelin Henni Goldschmidt 1 Oelbamn im Herzlwald 6,— „ Herr u. Frau Isaak Goldschmidt anläßlich der Geburt ihrer Tochter Henni 1 Oelbmun im Herzlwald 6,— „ Auf der Hochzeit Samuel u. Betty Katz gesammelt von D. Baracker 1 Oelbaum im Herzwald 6,— „ Fraukfnrt a. M. Zionisten, die Amateur- Photographen sind, mögen ihre Amateur-Photographie in den Dienst des Zionismus stellen, indem sie ihre Bilder nicht verschenken, sondern sich für jedes ihrer Bilder einen Betrag für ihre Nationalsondsbüchse geben lassen. 4785

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