Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 24 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Gelte 10. Nr. 24 Frankfurter JsraüiWhes FamilienLlatt. Satz wird mir dann wieder das Kompliment „geistvoller Kopf" gemacht! Man sieht ganz klar: der Korrespondent hat mein Buch überhaupt noch nicht gelesen. Er kennt mein Buch nur aus dem Schluß-Teil, den die letzte Nummer der „Allgcni. Ztg. des Judentunls" — die „grüne Zeitung" — in ihrem Leitartikel anführt. Aus diesem Schlußteil kann der Kern meines Gedankcngangcs nicht erraten werden. Daher das Mißverständnis, das dem Korrespondenten mit dem „formalen Unterschiede" passiert. Wenn er mein Buch gelesen haben wird — lächelt er selber über seinen Vergleich mit dem „Irrsinnigen, der sich für den Zaren hält". Zum Schluß also: Die Orthodoxie bekämpft den Liberalismus — das ist ihr gutes Recht. Sie behauptet, das liberale Judentum ist kein Judentum — das ist ihr Standpunkt den sie cinnimmt. Das liberale Judentum verteidigt sich dagegen und kämpft für sein „Judentum" : das ist ein Verteidigungs-Kampf, ein Kampf gegen die Angriffe der Orthodoxie, aber nicht gegen — — die Orthodoxie. Unser Kampf ist die Selbstbehauptung unseres jüdischen Selbstbewußtseins. Wir wollen niemand aus dem Vaterhause ausschließen, aber wir lassen auch uns nicht durch unsere Brüder ausschlicßen. Es muß jeder geborene Jude am besten selber wissen, ob er noch Jude ist: welcher Frenrde will hier Richter sei»? Wir bekämpfen die Ansprüche der Orthodoxie auf dieses Nichteramt. 40. Jahresversammlung der israelitischeu Lehrerkonserenz im Regierungsbezirk Cassel. So oft die Jahresversammlung nach Kassel berufen wird, ist eine reiche Beteiligung zu erwarten, denn die ineisten Lehrer suchen gern den Ort auf, in welchem sie ihre Ausbildung erhalten haben. So waren auch dieses Mal eine große Anzahl Kollegen aus allen Teilen der Provinz herbcigeeilt, um neue Anregungen zu empfangen und die Bände der Kollegialität zu erneuern — es war ein Arbeitslust, Festtag. Kollege A m r a m, der Vorsitzende, begrüßte die Der,amm!ung, die Anwesenheitsliste führt 67 Teilnehmer auf. Als Gäste sind gekommen: die Herren Landrabbiner Dr. Doktor-Cassel, Dr. Munk-Marburg, Blumenthal als Vertreter des Vorsteheraintcs zu Cassel, Rabe-Cassel vom Hauptausschnß des.Hessischen Lehrervereins und Rechtsanwalt Dr. Katzenstein als Delegierter der jüdischen Gemeinde Cassel. In seiner Begrüßung wirft der Vorsitzende einen Rückblick auf die 40 jährige Geschichte der Konferenz, gedenkt des Wehrenpfennig, des Dr. Prager und des Dr. Stein, deren Verdienst um die Konferenz und die jüdischen Schulen hervorhebend, und erstattet dann den Jahresbericht, in dem er die Ausführung des Schulunterhaltungsgesetzes, die Jubiläen, den Heimgang Emmerichs-Rhina und des Konsul Adolf Baer-Goldschmidt-Frankfurt, Vorsitzenden'der Achawa, berührt. Nach einer kurzen Pause hält Kollege K"atz, um Vr12 beginnend, seinen Vortrag: „Die sabbatlichen Vorträge." Gediegen nach Inhalt und Form, umfassend und interessant, daher fesselnd bis zum Schlüsse gegen Uhr. Reicher Beifall wurde Idlem Referenten zu teil. Kollege Stahl als Korreferent konnte nur noch Weniges hinzufügen. In einzelnen Punkten glaubt er vom Referenten abweichen zu müssen. So möge man Vorkommnisse in der Gemeinde nicht öffentlich behandeln. Er verwerfe den Witz, da er die ernste Stimmung der Hörer verdränge. Als Ort des Lernens werde die Synagoge am geeignetesten sein. Der Referent stellte zu hohe Anforderungen an die Hörer und an die Lehrer. Es müssen auch in Cassel und den anderen Orten Fortbildungskurse eingerichtet werden. Die Generaldebatte gestaltet sich recht lebhaft und 'interessant. Kollege Hecht- Tann glaubt durch Verwendung recht jüdischer Erzählungen die Hörer fesseln und'belehren zu können. — Rabbiner Dr. Munk hebt die Schwierigkeiten der Errichtung von Ferienkursen hervor. Er wolle sich schon heute verpflichten, mehrere Dozenten unentgeltlich zu verschaffen.' Den Teilnehmern erwüchsen aber durch den Aufenthalt in einer größeren Stadt hohe Kosten, zu deren Deckung anderweitc Mittel nicht zier Verfügung ständen. — Kollege Amram teilt mit, daß der Schlesische Lehrervcrein die Hess. Lehrer zur Teilnahme der von diesem Verein zu Breslau eingerichteten und dieses Jahr ani 6. Juli ihren Anfang nehmenden Fortbildungskurse auf 'dem Gebiete der Religionswissenschaften einlade. Beihilfen werden den Teilnehmern in Aussicht gestellt. Landrabbiner Dr. Doktor richtet an die Seminaristen die Mahnung, recht fleißig auf dem besagten Gebiete zu sein, seine sabbatlichen Vorträge zu hören und sich an den Talmud-Schinrim tüchtig zu beteiligen. Auch er erkennt die Schwierigkeit an, reichlichen Stoff stets zu beschaffen, empfiehlt Midrasch' Rabbo von Wünsche, 'die Prager'sche Bibliothek, die in etwa L Monaten zur Benutzung in der Murhard'schen Bibliothek zur Verfügung steht, ferner „Bcth 'Hamidrasch" von Rabinowitsch. Die Frage: Wo soll gelernt werden? wird noch von mehreren Rednern erörtert. — Kollege A m r a in ist für die Synagoge beim Morgengottesdienst, macht jedoch auf die dagegen sprechenden Bedenken aufmerksam. Es könnten dadurch die anderen Zwecke der Chewcraus leiden, im Winter sei die Synagoge ungeheizt. Hierin anschließend bemerkt Rabbiner Dr. Munk, die Leute hingen so sehr an dem Lernen im Hause, daß cs sehr schwierig sei, das Lernen in die Synagoge zu verlegen. Jedenfalls'wäre es für den Lehrer, der dann nur einen Vortrag zu halten habe, sowie auch für die Gemeinde, da sich Männer, Frauen und erwachsene Jugend beteiligen könnten, von Nutzen. — Kollege Oppenheim- Treysa wünscht, daß gleich drin in Treysa bestehenden Fortbildungskursus auch in anderen Orten gelernt wird. Dem stimmen auch andere bei. — Der Vorschlag des Kollegen N o t h - schild-Hof, in Cassel einen solchen Kursus einzurichtcn, da verschiedene sich zur Teilnahme bereit erklärt hätten, wurde dem Ausschuß übertragen. — Kollege Oppenheim- Treysa gibt noch weitere Werke, die zur Vorbereitung zum Vortrag dienen könnten, an, Braunschweiger „Lehrer der Mischnah" Ehrmann „Durchs Jahr". Damit schließt die Debatte. Auf eine Spezialdebatte verzichtet man wegen der vorgerückten Tagesstunde und nimmt die Leitsätze des Referenten an: 1. Der sabbatliche Vortrag ist der Rest des >rnhcr in unsern Gemeinden emsig betriebenen Thorafludiums. 2. Der Vortrag soll bewirken, daß die Zuhörer gute Menschen und gute Juden Ivcrden. 3. Den Inhalt des Bortrages bilden: Die Ethik des Judentums, die Ritnalvorschristen, die 'Geschichte Israels und in der Gegenwart lebhaft erörterte Tagesfragen. 4. Den Stoff entnehmen wir: Der Thora, den Haftoroth, den Megilloth, der Peßach-Haggada, dem Kizzur und dem Siddnr. 5. Der Bortrag soll in der Regel frei gehalten werden. 6. Als Vorbild gilt der Form nach die Drasch«. 7. Die Sprache sei einfach und leicht verständlich. 8. Den Bortrag interessant zu gestalten, ist notwendig: ' a.) eine gewissenhafte Vorbereitung, b; eine reiche Verwendung des Midrasch und der Aggada, der Sentenzen aus Bibel und Talmud, cf eine nicht allzulange Ausdehnung desselben. 9. Zur Vorbereitung dienende Hilfsmittel sind: Raschj, Mcnorath hamaor, Oleloth,-Ephraim, Zccno nreno, Simchath nephesch, Ohel Jaakob und Hirschs Werke. Tie Arbeitsleistung war für den Tag etwas zu reichlich, weshalb der Vorsitzende seinen Antrag: „Die Errichtung einer Präparande in Cassel" zurückzog. Der Vertreter des Vorsteheramtes Herr B l u m e n t h a l gibt über trotzdem über den Stand der Sache beim Vorstehcramt ausführliche Aufklärung, welche Bedenken und Schwierigkeiten noch einer Präparande im Wege 'ständen. Die ausgelosten Ausschußmitglieder Ivcrbcii wicdergcwählt (Oppenheim und Schwarzschi l d). Dem Ausschuß soll cs überlassen bleiben, den Vortrag ,Katz drucken zu lassen. Die nächstjährige Vcrsaminlung findet in Marburg statt. Das Thema, (vom Landrabbiner Dr. Doktor vorgeschlageu) lautet: „Minim allchrplau für den Religionsunterricht". Als Referent meldet sich' Kollege H c j l b r u n n - Mansbach. Es war wieder einmal eine Konferenz, Ivic in früheren Jahren. Lehrer und Rabbiner debattierten im schönsten 'Einvernehmen. Keiner konnte unbefriedigt davon gehen. Der Vorsitzende erntet daher am Schlüsse wohl verdiente Anerkennung für seine Mühe und mutvolles Auftreten. w Horwitz. Personalien. Frankfurt a. M., 16. Juni. Mit dem Hinscheiden des Herrn Jsaac Rapp, der in der Frühe des 11. Juni nach dem unerforfchlichen Ratschlüsse des Allmächtigen seine irdische Laufbahn im besten Mannesalter beendete, haben wir, wie Herr Wisloch an seiner Bahre namens der Bne- Brith-Loge mit gutem Recht.sagen konnte, einen guten, braven, edlen Bruder verloren. Speziell auf die Arbeitsnachweis- und Ilnterstützungsvcreine hätte er allezeit sein Augenmerk gerichtet, und mit der weiteren Ausgestaltung und Bervollkommung derselben beschäftigten sich unablässig seine Gedanken. Aber nicht Aur in Vereinen betätigte er seinen Drang, die Armen und.Bedrückten zu unterstützen, sondern er war, was unseres Erachtens weit höher anzuschlageu ist, zu feder Zeit bereit, jeden: Einzelnen, der sich an ihn wandte, und es waren ihrer gar viele, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen; für jeden von ihnen hatte er stets eine offene Hand und ein offenes Herz. Er war nicht der Mann, der seiner Pflicht damit genügt zu haben glaubte, daß er für alle Unterstützungs- und Wohltätigkeitsvcreiue regelmäßige Beiträge zeichnete. — Das war bei einem Manne von der Menschenfreundlichkeit Jsaac Rapps selbstredend —, er sah rictmchr in jedem Menschen seinen Freund und Bruder und scheute, selbst wenn er geschäftlich noch so sehr in Anspruch genommen war, weder Mühe noch Zeit, sofern er wußte, daß er Jemandem eine Gefälligkeit erweisen koünte. ' Fürchteten wir nicht, dem Sinne des uns leider so früh Entrissenen zuwiderzuhandeln, so würden wir in der Kennzeichnung seiner hohen Charaktereigenschaften sortsahren und würden zeigen, was er seinen Verwandten, was seinem Personale und seinen speziellen Freunden war, aber, wie gesagt, sein biederes, einfaches, jeder Ehrung seiner Person abholdes Wesen gebietet uns, zu schweigen. Bei all diesen edlen Vorzügen des Verstorbenen konnte es nicht ansbleiben, daß sich die Zahl derer, die ihn freundschaftlich verehrten, stetig vergrößerte, und wer es noch nicht wußte, welcher Beliebtheit er sich bei Reich und Arm erfreute, dein konnte es die zahlreiche Beteiligung an seinem Leichenbegängnis beweisen. Frankfurt a. M. Dr. med. Albert Ettlin her, dein Vorsitzenden des hiesigen Samaritervereins, wurde die E s m a r ch - M e d a i l l e verliehen. Berlin. Der Bürgerdeputierte in der städtischen Armendirektion Jakob B a u m a n n, ein Schwager des Reichstagsabgcordneten Paul Singer, ist im Alter von 63 Jahre» verschieden. Berlin. Der Kupferstecher Professor Louis I a c o b y, seit 1874 Mitglied der Akademie der Künste, feierte seinen 80. Geburtstag. Wie». Gleichzeitig mit dem üv jährigen Jubiläum des Levpoldstädtcr Tempels >vird der Chvrdirigent dieser Synagoge Julius Hey m a n n sein 60jährigcs Ämtsjubilänm feiern. Als 9jähriger Knabe trat Heymann in den Chor des damals eben eröffncten Leopvldstädtcr Tempels ein. Wie». Der Präsident der »Qestcrr. Israelit. Allianz" David Ritter von G n t t in a n n ivird demnächst seine Tochter mit einem christlichen Magnaten aus Ungarn verheiraten. Guttmanu war einst Jeschiwah-Jünger in Leipnik und aß Kosttage. Daß Guttmann wenigstens den Anstand hat, sein Amt als Führer der Oesterr. Israelit. Alliance niederznlegcn, darf mau ivohl nicht crwarken, den» die Wiener Kultusgemeindc hat 3 Vorstandsmitglieder, die' sich in der gleichen Lage befinden und ihre Führerschaft in der Judenheit, die ihnen ihr Geldbeutel verleiht, sehr gut mit christlichen Schwiegersöhnen vereinbar halten, da ihnen diese auch nur ihr Geldbeutel verliehen hat. Paris. Camille Block, Generalinspcktor der Bibliotheken und Archive in Frankreich, erhielt auf Grund der Abhandlung „L'assistance et l'Etat eit France ä la feilte de la Revolution" den Doktorgrad. Der Deputierte L. L. Klotz wurde znni Vizepräsidenten der Budgetkommission gewählt. Konstantinopel. Ermordung. Jsaac M o l h o, Direktor der Bank von Salonica und ein angesehenes Mitglied der jüd. Gemeinde zu Galata, wurde von einem Bedienten der Bank, dem er gekündigt hatte, durch einen Rcvolverschuß getötet. Molho war einer der angesehensten Finanzlente der Levante und genoß auch als Philanthrop einen Namen. Aus der Lehrerwett. Köln a. Nh. Der soeben in hübscher Ausstattung erschienene „Bericht über das I ü - dische Lehrerseminar in Cöln, die Zeit vom 1. Oktober 1904 bis 1. Oktober 1907 umfassend" enthält: Statistisches — Bücherei und. Inventar — Scminarbetrieb — Chronik — Stipcndiciikasse — Schlußwort. Der Bericht gibt über die Leistungen der Anstalt einen allseitigen und umfassenden Ucbcrblick und gewährt den Eindruck, daß die Anstalt musterhaft geleitet wird. Ljmburg. Verein isr. Lehrer im ehemaligen Herzogtum Nassau E.-B. — Am 7. Juni fand hier die Generalversammlung statt. Erschienen waren ca. 20 Kollegen und die drei Ehrenvorsitzenden des Vereins, die Herren: Rabb. Dr. Silber st ein - Wiesbaden, Dr. Landau- Weilburg und Dr. Weingarten-Ems. Kollege N u ß b a u m - Wiesbaden, der Vorsitzende, eröfsnetc die Versammlung mit einer Begrüßungsansprache und erstattete den Tätigkeitsbericht. — Sodann gab Kollege C a p c l l - Wiesbaden einen Ucbcrblick über die Ein- und Ausgaben und den zeitigen Vermögcnsbestand, welch' letzterer 10 237 JL betrügt. — Nach Verlesung des Protokolls 'der vorjährigen Generalversammlung, die am 23. Juni 1907 in Langenschwalbach stattfand, ergriff Herr Stadt- und Bezirksrabrabiner Dr. Silber st ein - Wiesbaden das Wort. Herr Dr. Silberstein, der am 1. Okt. in den Ruhestand tritt, verabschiedete sich in herzl. Worten von der Versammlung und wünschte dem Verein ein weiteres Wachsen, Blühen und Gedeihen. ,Bericht des Delegierten über den 4. Verbandstag" bildete den 2. Punkt der Tagesordnung. Kollege Capell-Wiesbaden sprach hierüber in äußerst interessanter und fesselnder Weise.