Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 21 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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" ,fzu Nr. 21 des Frankfurter WekMim famitieafitattes. Inhalt rer Beilage: Artikel: Jüd. Frauen in der Zeit nach Mendelssohn. — Aus den Vereinen. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus der Lehrerwelt. — Bunte Chronik. — Kunst und Literatur. Jüdische Frauen in der Zeit nach Mendelssohn. Von E. B. (Schluß.) Wohl nie hat eine Frau mehr geschrieben, als Rahel, keine Abhandlungen, sondern Briefe, selbst Voltaire hat nicht so viel Briefe ausgehen lassen, als sie. In diesen sprudeln reich n. eigentümlich die Quellen ihres Geistes, freilich stilistisch schön sind sie nicht, noch nicht einmal einwandsfrei in bezug aus Ortographie und Interpunktion. Schriftstellerin im eigentlichen Sinne des Wortes war Rahel nie; sie ventiliert einmal die Frage, ob eine Frau überhaupt schreiben solle; ihre Antwort darauf, die übrigens ausfallend solide Ideen enthält, entgegen den sonstigen Anschamulgen der Salonkreise, ist in folgendem Reime verarbeitet und dürfte jeder Frauengeneration zu hören, ebenso interessant als lehrreich sein. „Soll die Frau wohl Bücher schreiben Oder soll sie's lassen bleiben? Schreiben soll sie, wenn sie kann, Oder, wenn es wünscht ihr Mann. Aber schreiben soll sie nicht, Wenn es ihr an Stoff gebricht, Oder an gehör'gcr Zeit, Oder gar an Fähigkeit. Schreiben soll sie früh und spät, Wenn es für die Wohlfahrt geht. Wenn sie sonst was Schlechtes tät. Aber schreiben soll sie nie, Wenn durch ihre Phantasie Leidet die Oekonomie. Und nun sag' ich noch zum Schluß, Lebt in ihr der Genius, Wird sie schreiben, weil sie muß. Neben ihrem Geiste und Verstände ragte Rahel durch die angeborene Milde ihres Herzens hervor- Güte war ein Grundzug ihres Wesens, und diese Charaktereigenschaft spricht sich auch in ihrer selbstversertigten Grabschrift aus: „Gute Menschen, wenn Ihr etwas Gutes tut, dann gedenket in Eurer Freude auch meiner." Sie hatte die 40 bereits überschritten, da entschloß sie sich, die in der Blüte ihrer Jahre so oft enttäuscht worden war, dem 14 Jahre jüngeren Varnhagen v. Ense die Hand zur Ehe zu reichen, und Rahel, die in ihren Briefen stets über die gleißnerische Neuliebe zur christlichen Religion gespöttelt hatte, warf sich gleich vielen andern in die Arme des Christentums. Aus ihrem Sterbebette hat sie es ausgesprochen, die Bedeutung des Judentums erkannt zu haben: „Mit erhabenem Entzücken denke ich an meinen Ursprung.und an den ganzen Zusammenhang der Geschichte, durch welchen die ältesten Erinnerungen des Menschengeschlechts mit der neuesten Lage der Dinge durch Zeit- und Raumessernen verbunden sind. Ich, eine Flüchtige aus Aegypten, bin hier und finde Hilfe; was Zeit meines Lebens mein größtes Unglück mir schien, der tiefste Schmerz meines Daseins, eine Jüdin zn sein, um keinen Preis möchte ich das jetzt missen." Rahel besaß einen Vorzug vor ihren sündhaften Schwestern, daß sie zu wahrhaft und zu klug war, um an dem Tandspiel des Tugendbundes teilzunchmen. Aber die Hausfreunde der Herz zählten auch zu den Besuchern ihres Salons, und Rahels durchdringender Geist bewahrte sie doch nicht vor dem Irrtum, sich manchen dieser berüchtigten Salonhelden geistesverwandt zu fühlen, so mit dem bodenlos verdorbenen von Gcntz, mit der schlimm beleumundeten Pauline von Wiesel. Von Rahel Lewin wurde Meist die Frage aufgeworfen und dafür plaidiert, die heute als „neue Ethik" so viele Gemüter bewegt und verwirrt, und die zu den Anschauungen des Judentums von der Heiligkeit der Ehe in grellstem Kontraste steht. Diese von Rahel entwickelte Theorie macht es uns aber begreiflich, warum Ellen Key kein Frauenbuch in der Welt schwerer entbehren könnte, als Rahels Briefe. Wenn wir — resümierend — die damalige- Zeit überblicken, so müssen wir sagen: Sitte und Tugend jüdischer Frauen, die in den Zeiten des Getthos ein unantastbares Heiligtum gewesen und auf denen der freudige Stolz, die schlichte Innigkeit jüdischen Familienlebens, die Würde und das Ansehen jüdischer Frauen beruhten — sie sind, als der äußere Druck sich zu lüften begann, im Umgang mit verderbten höheren Ständen in den Staub gezogen worden. Und ein weiteres trauriges Zeichen der Zeit: die Taufe. Alle Frauen, die etwa im Laufe unserer Geschichte schwach genug waren, das Beste, was sie besaßen, ihren Glauben, hinzugeben, sie taten es gezwungen durch bitterste Not, oft schon den lodernden Scheiterhaufen vor Augen. Ein solcher Zwang lag hier nicht vor. Und vor dem Haß, der Verachtung, den Mißhandlungen, die in früheren Jahrzehnten noch das Dasein der Jüdinnen vergiftet, hatte der Zeitgeist diese Frauen bewahrt. Er hat sie aber nicht zn schützen vermocht vor dem Rausche und der Trunkenheit schöngeistigen Erfolges. Der der Kerkerbanden entfesselte Geist hatte sich auf seinem Fluge in die junge Freiheit als zu schwach und zu haltlos erwiesen, und unter der Ueberfülle schöngeistiger Eindrücke war er — von Genüsse zu Genüsse taumelnd — gestrauchelt und gefallen. So hatte sich der Genesungstrank, den Mendelssohn seinem Volke hatte reichen wollen, ohne sein Verschulden in schädliches Gift verwandelt. Der Rückblick aber auf diese Epoche und die Erinnerung an Frauen, die das Bild dieser Zeit, gar lebhaft uns wiedergeben, sie mahnen eine junge Generation mächtig und stark an ihre jüdische Pflicht, doppelt stark in Tagen, in welchen auch ein Schreckgespenst schädlichen Zeitgeistes gewisse Kreise schon ergriffen hat und wo man in der volltönenden Schwesterphrase der neuen Ethik, die von einem Recht des Individuums sich auszuleben spricht, einen Freibrief gefunden zu haben glaubt, seinem Genuß- und Gefühlsleben die Zügel schießen zu lassen. And wenn heute in den Kreisen, die sich dem überlieferten Judentume abwenden, die direkte Lösung auch nicht gerade die Taufe ist, so nennt sich dafür die Parole: Assimilation. Den kleinen, aber starken Rest Getreuer, ihn muß hier der Ausspruch eines guten Christen freuen, der für den Assimilationsdrang unserer Zeit die ebenso verwerfenden Worte, wie für die, die stolz sind, Juden zu sein, die anerkennenden findet: „Drei Dinge", sagt Böris v. Münchhausen, „habe ich zu sagen: eine Tatsache, eine» Irrtum und eine Wahrheit. Die Tatsache des Antisemitismus, den Irrtum der Assimilation und die Wahrheit des Volkstums, mit Trauer das eine, mit Abscheu das andere, mit Stolz das dritte; denn es ist etwas Trauriges, daß über Tausenden von edlen Menschen eine Wolke des giftigsten Hasses hängt, es ist etwas Abscheuliches, diese Selbstverleugnung seiner Rasse vor aller Welt, und es ist ein stolzes Ding, sagen zu können: ich und mein Volk." Wir aber wollen in einer Zeit, in welcher schädliche Strömungen um die Herrschaft ringen, zu Ende unserer Betrachtung für uns die Worte gelten lassen, die Samson Raphael Hirsch am Schlüsse seines berühmten achtzehnten Briefes hat ausgesprochen: „Begreifen wir unsre Zeit, und jeder mir der Kraft 'des Geistes, soviel ihm verliehen, fördere den Weg zum Ziele in kleinerem und größerem Kreise, und wenn auch Tausende sie aufgeben die Sache des Ruhmes und des Lichtes und wenn auch Tausende sichlossagen vom Stamme Jisroel, dessen Leben sie längst sich abgcworfen, die Sache der Wahrheit zahlt nicht die Zahl ihrer Träger, Israels Sache bleibt nnverloren." Aus den Vereinen. Frankfurt a. M.. 25. Mai. Der dritte — bis jetzt der gelungenste — Referat- und Rezitations- Abend der „Bereinigung zur Pflege der Literatur und Geselligkeit" galt „Tennyson", dem „poeta laureatus" des neueren Englands. Einem jener Dichter, die nach Lessing's treffendem Wort viel zu oft gelobt und zu wenig oft gelesen werden. Ein Dichter aber, der in das ureigenste Gebiet der Weltliteratur gehört; einer von denen, die in einer für Jeden verständlichen Sprache schreiben: in der Sprache des Herzens. In schwungvollen Worten wußte Herr D r. M. Schüler, Her Leiter des Abends, ein groß angelegtes, dabei ins Einzelne gehendes Bild der Persönlichkeit Tennysons als Charakter und Dichter den zahlreichen Hörern zu entwerfen. In geschichtlichen Darlegungen spürte er dem Werdegang T.'s nach und verstand cs meisterhaft, an Hand kritischer Studien der Hauptwerke die Bestimmung T.'s als Dichter zu analysieren. Schon früh habe sich bei dem späteren Führer einer neuen Richtung in England der Drang danach geregt, die Eindrücke, die die Natur und das ihn umgebende Leben auf ihn machten, poetisch zu gestalten. Bon Dichtern sei es besonders Byron gewesen, der in seiner Jugend auf ihn gewirkt habe. Seinem Einflüsse hat sich ja Tennyson auch nie entziehen können. An Hand der einzelnen Werke, die er bespricht und auf ihre Entstehung zuriicksührt, feiert Herr Dr. Schüler schließlich in T. einen jener Großen, die als Menschen zu den Weisen, als Dichter zu den Unsterblichen gehören. Besonderer Erwähnung verdient für uns Juden die Tatsache, daß Tennyson als Achtzigjähriger, der von seinem stillen Wohnsitz aus alle Fragen der Zeit verfolgte und — gleich Björnson in unseren Tagen — bei großen Gelegenheiten mit seinem überall geltendem Machtworte eingrisf, anläßlich einer Judenverfolgung einen Brief an das jüdischrussische Komitee schrieb, der großes Aufsehen erregte. — Dem sehr beifällig aufgenommenen, aber auch wirklich eindrucksvollen Vortrage folgte die Rezitation ausgewählter Gedichte T.'s. Zur recht gehaltvollen Wiedergabe kamen vor allein Bruchstücke aus „Enoch Arden" durch Frln. Recha Schwarzschild. Allerdings gelangten durch die Kürzungen große Schönheiten des Stückes in Fortfall, prächtige Naturschilderungen und auch zum Teil die tiefe Seelenmalerei des Wesens Enoch Ardens. Doch dem sollte ein begleitender Text, gesprochen von Herrn H e r m. Frank, abhelfen. — Der zweite Referent des Abends, Herr Philipp Feist, entledigte sich seiner Aufgabe, eine Inhaltsangabe der — noch nicht ins Deutsche übersetzten — Dichtung „Prinzessin" zu geben, in klarer, sachlicher Weise. In prägnanten Sätzen wußte er ganz besonders, recht ansprechend die köstliche Art zu treffen, in welcher der Dichter in der „Prinzessin" die — heute so aktuelle — Frage der Frauenemanzipation behandelt. — Aus den folgenden Rezitationen ragte die angemessene Wiedergabe der beiden, in ihren Stimmungen so sehr verschiedenen Gedichte „Maienkönigin" durch die Damen Frl. Rosa Cahn und Frl. Flory Birnbaum hervor. Doch auch die anderen Damen und Herren, die sich der Rezitation der mit großer Sorgfalt und Sachkenntnis ausgesuchten Gedichte annahmen, es sind dies die Damen Frl. Else Mayer und Jenny Rapp und die Herren C. Mayer, S. Rosenheimer und E. Frank, trugen zum Gelingen des Abends ihr B e st e s bei, was bei.fast allen auch Gutes war. Nach dem — mitunter recht stürmischen — Beifall zu urteilen, der jede einzelne Darbietung begleitete und dem dankenden Schlußworte des Vorsitzenden, Herrn H. Frank, folgte, hat der Abend seinen Zweck erreicht. Ob aber unter den Vielen derjenigen, die da in das Lob Tennhsons so recht beifallslustig miteinstimmtenn, viele und besonders jüngere Leute sein werden, die diesen liebenswürdigen Dichter nunmehr auch wirklich lesen werden? Das — ja das wollen wir im Interesse des schön verlaufenen Abends wohl hoffen, denn oieser war anregend und genußreich- Perl... Frankfurt a. M. .Montefiore"-Berein. Zu Beginn des sommers werden die Mitglieder auf den schönen, schattigen Vereinsgarten aufmerksam gcinacht. Derselbe bietet bei warmer Witterung einen angenehmen Aufenthalt und ist zu gleicher Zeit wie die Vereinslokalitäten geöffnet und fiir die .Wende mit.elektrischer Beleuchtung versehen. Mch die Diskussionsabende, beginnend Mittwoch, den 10. Juni a. c., finden bei günstiger Witterung im .Garten statt. — Frankfurt a. M. Der Berein .Nachlaß Zwi" veranstaltete am Sonntag, den 21. Juni vormittags im Festsaale des neuen Kaufin. Vereins eine aka- 4785