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Neue jüdische Presse · 1908-05-22 · Heft 20 (22.5.1908) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 20 (22.5.1908)
Date
1908-05-22
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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"ä- V-V;? f. vrr-rv»* Seite 10. schlechte» Umgangs, und ein solcher Brief jchließt mit den vielsagenden bedeutungsvollen Worten: „Denkt an das Schicksal eurer Mutter!" Tie letzten Jahre ihres Lebens verbrachte sie bei ihrem Sohne Philipp Veit in Frankfurt am Main, wo derselbe den Direktorpostcn am Städclschcn Kunstinstitut 'bekleidete. Hilter den Frauen dieser Zeit eine weitere und zwar die bedeutendste, die jenials einem literarischen Salon durch die Macht ihres Geistes Glanz und Ansehen verliehen, war R ahel Lew in, spätere Frau Varnhagen von Ense. In ihr trat die neuerwachte Frauenseelc — wie Henriette sagte — oder —i wie man heute moderner und auch vornehmer sich ausdrücken würde — die feminine Psyche in ihrer höchsten -Blüte hervor. Das nicht sonderlich begüterte, ehre unschöne als durch sein Aeußcres bestechende, alleinstehende, aber hochbegabte Mädchen versammelte in seinem engen Dachstübchen die Elite der Gesellschaft, die Aristokratie der Geistes und der Geburt, Diplomaten und Militärs, Gelehrte und Prinzen, Schauspieler und Künstler, alles traf sich bei ihr. Diese „kleine Frau mit der großen Seele" — >vie man sie nannte — wurde als eine Art moderner Heiligen verehrend angcstaunt und ihre krausen Gedankensplitter „den Orakelsprüchcn einer Pythia" gleich geachtet. Bon ihrem nachmaligen Gatten Varnhagen v. Ense sind sie gesammelt und der Nachwelt in „Rahel, ein Buch des Andeikkens", überliefert worden. An Wissen mid Bildung mochte sic vielen Frauen ihrer Zeit nachstehen, an Kraft des Geistes, an Stärke des Urteils, an Sicherheit der Kritik wurde sie von niemand übertroffen. Alexander v. Marwitz, mit dem sie in jahrelangem Briefwechsel stand, nennt sie: „das größte Weib auf Erden", Jean Paul: „die einzige Frau, bei der er echten Humor gefunden", Brandes: „das erste große, moderne Weib im deutschen Kulturleben", Ellen Key: „die größte Frau, die Deutschland seine Tochter nennen kann", Hillebrand spricht gar von ihr mit Goethe in einem Atem, und dieser selbst schreibt von ihr: „Sie ist ein liebevolles Mädchen von hervorragendem Verstände." Diese Urteile anerkannter Größen der Mit- und Nachwelt erhöhen frellich in mrs Juden nur die traurige Erkenntnis, was eine solche Frau ihrem eigentlichen Stamme, dem Judentuin, doch alles schuldig geblieben ist. Früh wurde sie von Goethes anßerordcntlichcin Geiste getroffen und unter den Frauen, die den nicht ganz mühelosen Sieg Goethes in Berlin vollenden halsen, gebührt Rahel Varnhagen unstreitig der allererste Platz. Ueberglücklich war sie, als der von ihr Bewunderte, dessen Bekanntschaft sie in Karlsbad gemacht hatte, sie gelegentlich eines zufälligen beiderseitigen Aufenthaltes in Frankfurt a. M. besuchte. „Goethe hat mir für ewig den Ritterschlag gegeben", schreibt sie ihren Freunden, „kein Olympier könnte mich mehr ehren." (Schluß folgt). Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Bei der Kommission für den Nationalfonds ging ein Fritz S. 14.68 Jk S. I. 7.68 „ D. Rosenberger 5.25 „ Zahnarzt S. Strauß 5.- „ Leop. Oppenheimer 2.11 „ Louis Lyppstädt 12.42 „ I. Grünblatt 2.60 „ Zusammen 49.74 JL Berlin, 17. Mai. In der am 12. Mai stattgchabten Mitgliederversammlung der hiesigen Misrachi-Gruppe berichtete der Vorsitzende, Herr Hermann Struck, über den Fortgang der Arbeiten für die in Palästina zu gründende Schule, für die Föderation u. a. Es /and dann eine eingehende Besprechung wichtiger Fragen jm Hinblick auf den Deutschen Delegiertentag statt. Wie allerorts wurde auch hier gegen die betrübenden Vorkommnisse in Köln lebhafter Protest erhoben. Es kam auch zur Sprache, daß verschiedene Artikel in den offiziellen zionistischen Organen einen entschieden antireligiösen Charakter tragen. Es steht zu erwarten, daß der Delegiertentag hiergegen Stellung nehmen wird und auch das Verlangen des Misrachi, Garantien zu erhallen, daß für die Folge solche Vorkommnisse ausgeschlossen sind, unterstützen dürste. Frankfurter JfraeMWI FamrlieMatt. Beitrittsmeldungen zum Misrachi sind an Edmund Lewy, Auguststr. 84, zu richten. Berlin. DeutscherDelegtertentag 1803, am 8. u. 9. Juni in Breslau, Gartenstraße 66/70: Tagesordnung. 1. Verhändlungstag! 1. Ansprache des Präsidenten R.-A. Bodenheimer-Köln. 2. Bericht des Zentralbureaus. 3. Die politische Stellung der Juden in Deutschland: R.-A. Dr. Asche r-Dessau. 4. Die großen jüdischen Organisationen in Deutschland: R.-A. Dr. Klee-Berlin. 5. Unsere Stellungnahme zur jüdischen Gemeindepolitik: R.-A. Dr. Köllens che r-Posen. 6. Generaldebatte. 2. Verhandlungstag: 1. Die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas: Professor W a r b u r g-Berlin 2. Kulturelle Aufgaben in Palästina: Dr. Schemarja Lewin - Berlin. 3. Debatte. 4. Wählen in das Zentralkomitee und Zentralbureau. München. Der dieser Tage hier verstorbene Arabienforscher Eduard Glaser propagierte eine großzügige Einwanderung der Inden nach den türkischen Ländern, bis 1897 zwischen ihm und Herzl eine erregte Pretzkampagne entstand. Lemberg. Schriftsteller Sch. I. Hurwitz gegen Redakteur Lasar. — Ende vorigen Jahres veröffentlichte Herr Hürwitz in der Wochenschrift Ha'olam, dem in Köln erscheinenden hebräischen Zentralorgan der zionistische» Organisation, einen Artikel, der Herrn Lasar zu einem Angriff gegen Herrn Hurwitz und gegen den Ha'olam veranlaßtc. In dem Streit, der sich darauf entspann, bezcichncte Lasar Herrn Hürwitz als „Missionar". Herrr Hürwitz verlangte für diesen ihn als jüdischen Schriftsteller beleidigenden Ausdruck Satisfaktion, und die Sache kam mit Zustimmung der Parteien vor ein Schiedsgericht. Die Sitzungen des Gerichts, die mehrere Tage unter Dr. Braude's, des Präsidenten der zion. Organisation Galiziens, Vorsitz währten, waren öffentlich und erregten großes Interesse bei der gesamten galizisch-jüdischcn Intelligenz, da natürlich die verschiedenartigsten Angelegenheiten zur Sprache kamen. Den Verhandlungen wohnte u. a. auch der Großrabbiner von Bulgarien, Dr. Ehrenpreis (Sofia), sowie der österreichische Reichsratabgeordnete Stand (Lemberg) bei. Selbstverständlich wurden die Verhandlungen in hebräischer Sprache geführt. Es stellte sich schließlich heraus, daß Herr Lasar für seine Behauptungen keinerlei Beweise Vorbringen konnte; sein Hauptzeuge, Dr. Bernfeld (Charlottenburg), der speziell telegraphisch nach Lemberg berufen würde, mußte am Schluß der Verhandlungen Herrn Hürwitz offiziell Abbitte, leisten. Auch von Herrn Lasar mußte dementsprechend dem beleidigten Schriftsteller volle Genugtuung gegeben werden. Aus -er Lehrerwett. Frankfurt a. M. Das Lehrerkollegium derisrael. Volksschule hatte seiner Zeit gegen Fräulein Bertha Pappen heim wegen der Bezeichnung ihrer Schule mit dem Worte „Cheder" Klage erhoben, war aber von dem Schöffengericht abgewicsen worden und hatte darauf Widerspruch gegen das freisprechende Urteil eingelegt. Die Klage kam deshalb letzten Samstag vor der hiesigen Strafkammer nochmals zur Verhandlung. Da es am Samstag religionsgcsetzlich nicht gestattet ist, einer Gerichtsverhandlung beruflich beizuwohnen, so können wir über die Verhandlung selbst keinen Bericht bringen und nur ickitteileu, daß das Gericht der Augellagten den Schutz des Paragr. 193 (Wahrung berechtigter Interessen) zubilligte und somit wiederum zu einem freisprechenden Urteil kam, trotzdem der als Sachverständiger fungierende Herr Professor Adolf Weyl nachwies, daß das Wort „Cheder", einer modernen Schule gegenüber gebraucht, objektiv eine Beleidigung darstelle. Berlin. Das Schulwerk der Alliance Jsraßlite Universelle. — Die Alliance er* öffnete ihre erste Schule 1862, 1890 hatte sie bereits 54 Schulen mit 11,500 Zöglingen, und heute hat sie 142 Schulen mit 40,000 Zöglingen. Im vorigen Jahre betrug der Gesamtaufwand für die.Alliance- Schulen 2 Millionen Francs, an denen die Alliance »nt 1,050,000 Francs und die Gemeinden mit 950,000 Francs partizipieren. Berlin. Herr JosefMessingerhat kürzlich seine Stelle als Oberkantor in^ Zürich angetreten. Mit Lauterbach, aus hem >L>ie in der vorwöchentlichen Nummer berichten, stand er nur wegen Leitung der Einweihung der dortigen neuen Synagoge in Verbindung. Alt-Ofen (Ungarn). Rabbiner Dr. Funk-Preßburg würde zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde gewählt. Kolomea (Galizien). Der hiesige Rabbiner- Stellvertreter Jakob Th um im, ein hervorragender Talmudgelehrter, verschied im 75. Lebensjahre. Briefkasten. N. N. Daß der redaktionelle Schlußartikel zu einer scharfen Sprechsaaldebatte scharf ausfallen mußte, darüber werden sich nur die .wundern, die anderen nicht dasselbe Recht wie sich zugestehen. Wir wiederholen Ihnen noch einmal den Schluß des Artikels: er lautete: Nr. 20. „Uebrigens ist cs nicht die Orthodoxie, sondern cs sind vielmehr einzelne sogenannte Politiker, die das Heft in Händen haben und purch eine verkehrte Taktik alles entzwei schlagen wollen, denen wir die Wahrheit sagen. Aber trotz allen Hetzens und Schadens, den man uns — l'schem schomajom natürlich — zufügt, gehen wir unbeirrt unseren zum Wohlc des überlieferten Judentums eingeschlagenen Weg weiter. Damit schließen wir die unliebsame Diskussion und überlasse» es 'unseren Feinden, die Sache weiter für sich auszuschlachten." N. N. Welch' schlechter Misrachist Herr G—n. der übrigens seit vier Jahren als Sekretär des Misrachi-Bnreaus an allen Sitzungen der Leitung tätigen Anteil genommen hat, ist, mögen Sic ans seinem Artikel. in Nr. 11 unseres Blattes ersehen, dem ersten Artikel, der'sich mit der Sabbateutwcihnng in den Kölner Bureaus beschäftigt hat. Er schreibt da: „Man ist national, ohne das nationalste Merkmal, die Beschneidung, vorzunehmen; man ist national, ohne den nrjüdifchen geheiligten Ruhetag zu beobachten; man ist National, ohne rituell leben zu wollen; man ist national, ohne sich verpflichtet zu fühlen, seinen Kindern Hebräisch, die nationale Sprache, beizubringen; .und während alle Nationen, die auf ihrem eigenen Boden sitzen und ein natürliches nationales Dasein führen, die Beobachtung der unsinnigsten nationalen Bräuche als selbstverständlich anschen, setzt sich der jüdische Nationalist, der auf fremdem Boden lebt und beständig der Gefahr des Aufgehens im großen und gewaltigen Strome des ihn umgebenden andersgearteten Lebens ausgesetzt ist, über die wichtigsten nationalen Bräuche leichten Herzens hinweg. Man glaubt mit einer freisinnigen Weltanschauung alles Unterlässen entschuldigen zu können, ohne zu bedenken, daß das Judentum keine Konfession im landläufigen Sinne, — sondern eine jüdische Gesetzgebung religiöser, nationaler und sozialethischer Natur ist. . . Und was noch schlimmer ist, — diese Inkonsequenz erstreckt sich nicht nur auf die einzelnen Zionisten, sondern reicht bis zur Leitung hinauf; so brachte mau es fertig, in den Büros des Nationalfonds und der „Welt" am Samstag zu arbeiten, und es bedurfte erst der Proteste, um'diesen Mißstand zu beseitigen . . . Ein starker Misrachi muß geschaffen werden, der die Werte des Judentums in die Bewegung trägt und auf die Konsequenzen des Zionisnms die zionistische Jugend vorbereitet. Und mit dem Moment, da der ionismns sich konsequent geworden ist, verfällt keine eitung auf eine so unzionistische Aktion wie Sabbatentweihung u. d. m." H. Unsere Bewunderung für Ihre neueste literarische Produktion; Ihr Stil ist so veränderungsfähig, daß man Sie darum beneiden möchte. Nehmen Sie auch unfern Dank dafür entgegen, daß Sie nunmehr die Verfolgung des Familienblattcs und deren Freunde öffentlich ausgenommen haben und somit der „Welt" Gelegenheit gegeben haben, Ihre Handlung nach Gebühr einzuschätzen. Alle Hochachtung für Ihre Güte, lieber Herr Kollege! Zum Zeichen unserer Dankbarkeit wollen auch wir f hnen in Ihrer Not'beispringen. Ihnen macht es cpfschmerzen, ob wir und unsere Freunde noch als orthodox bezeichnet werden können, und Sie appellieren deshalb an die Oeffentlichkeit. Unr Sie nun aus diesem Dilemmna.zu erlösen, wollen wir, trotzdem wir nach Ihrer Ansicht nicht mehr zu den Gesetzestreuen zählen, das Gebot „osauw taasauw" erfüllen und Ihnen Helsen. Sie verstehen anscheinend unter Gesetzestreue: Sinas chinom, Scharfmacherei, Gesinnungschnüffelei, Verbrennung u. dgl. Wenn das orthodox sein soll, so sind wir es wirklich nicht und waren es nie gewesen. Sie, lieber Herr Kollege, verübeln es uns, uns Misrachi zu bezeichnen. Um Verzeihung! Wir wußten bis heute nicht, daß das Patentamt für den Namen in Ihren Händen liegt. Vielleicht wollen Sie so gnädig sein, uns anzugeben, von wem Ihnen dieses Amt übertragen Ist; — von den zionistischen Misrachisten doch sicherlich nicht. Denn diese haben doch bei uns in Frankfurt in zionistischen Sachen nicht mehr hineinzureden; hier haben jetzt die geschworenen Feinde des. Zionismus das große Wort, hier macht jetzt das antizionistische Organ 1>ie zionistische Politik. Sie könnten also das Mandat nur von jener Seite, von dem sich unfehlbar dünkenden Apostel, bekommen haben. Uebrigens, Herr Kollege, was haben Sie damit bezweckt, daß Sie ein Mitglied unserer Redaktion herausgegriffen haben? Wissen Sie denn nicht, daß jede Redaktion für die redaktionellen Artikel verantwortlich ist? Wir müssen so annehmen, daß Sie und Ihre Leute, da sie nicht sachlich sein konnten, persönlich sein mußten oder sich den Spaß einer Verbrennung machen wolllen. Und nun — wird es Ihnen mit dem Einen genügt haben, oder haben Sie es darauf abgesehen, alle unsere Freunde — eine ansehnliche Schar — zu verbrennen? Rabb. Die ganze Differenz ist nur taktischer Natur; gewisse Leute, deren Politik wir nicht mitmachen, weil wir sie nicht mitmachen können, haben aber ein Interesse daran, die Differenz in den Augen des'nicht informierten Publikums, zu einer prinzipiellen zu stempeln. ' . . .^

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