Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 20 (22.5.1908)
- Date
- 1908-05-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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M Ilt 20 tfcs MMrtW IsmeliWm MiMMMML Inhalt der Beilage: Artikel: Ein aufgezwungener Kampf. — Jüdische Frauen in der Zeit nach Mendelssohn. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus der Lehrerwelt — Briefkasten. — „Jüdische Jugend." Ein aufgezwrmgeuer Kampf. 2er hier erscheinende „Israelit" bringt in seiner letzten Nummer eilte» Sprechsaalartikel Hon Joseph Hackenbroch, der uns selbstherrlich das Recht abspricht, uns fürderhin gesetzestreucs Blatt zu nennen. Wir sehen uns dadurch veranlaßt, einmal das öffentliche jüdische Gewissen ernst und nachdrücklich aufzurütteln. * Und lagerte sich ein Lager um mich — mein Herz würde nicht fürchten — stünde man gegen mich ans zum Krieg — trotzdem vertrau ich. Psalm 27. Trotzdem vertrauen wir. Denn cs ist eine gute und gerechte Sache, die wir vertreten und es ist ein guter und gerechter Wille, der uns beseelt und spornt. Nicht wir haben den Kampf gesucht — er wurde uns aufgezwungrn. Und nicht tvir haben unser Schild befleckt, nein — wir haben unsere Waffen und unser Wappen stets blank . erhalten. Es ist eine trübe und verworrene Zeit, in der wir Juden leben. Eine Zeit der unklaren Wirrnis, des tastenden Suchens nach Licht, der Halbheit und Unfertigkeit. Die Reform rafft sich wieder auf — nicht mehr mit der alten, knirschenden Wut zwar, mit dem Fanatismus des Unglaubens, der alles niederreißen will, sondern mit gereisterem Verständnis des historisch Gewordenen, historisch Gegebenen, mit ehrfürchtigerer Betrachtung und Würdigung ihrer Gegner. Aber doch noch unfähig der Erkenntnis, daß das von ihr. alt, veraltet und der Ausschaltung bedürftig Gescholtene ebenso göttlich und daher ebenso jung und ebenso ewig unverbrüchlich bindend ist, als die von ihr hochgehaltenen Menschenpflichten. Der Zionismus drängt und treibt vorivärts, heißer Sehnsucht und erbarmenden Mitleides voll, opferfreudig in der Hingabe, gewaltig in heißer, aufstachelnder, entflammender und einender Glut — allein noch unreif in Erkenntnis des zu erstrebenden Zieles, noch halbbewußt nur der von Zion ausstrahlendcn, zu Zion hinstrahlenden Wirkung. Die Orthodoxie steht mit Löwenmacht auf, ruft durch alle Lande, Iveckt Begeisterung für Gott, Begeisterung . für Sein Gesetz, baut ragende Tempel, sucht zu umfassen und zu erfüllen alle Pflichten gegen Gott. — Und hat sich — in deutschen Landen zum mindesten — noch nicht zur Durchläuterung und Durchheiligung ihres persönlichen Wesens durchgerungen, hat die nicht minder gottgegebenen, daher nicht minder gewichtigen Pflichten von Mensch zu Mensch noch nicht in dem Umfang und Maß begriffen, noch nicht in dem Maß und Umfang sich zu eigen und zur Lebensnorm gemacht, wie es unser Gesetz will. Denn sie ist ein Gesetz fürs Leben, unsere Thora, ein ernstes, bindendes, mahnendes, beglückendes Gesetz fürs Leben. Alles, was sie hat, alles, was sie will, alles, was sie verlangt, alles, was sie mitteilt — ist nur fürs Leben gemeint, nur fürs Leben gemünzt, nur der Versittlichung, der Durchgeistigung, der Erhöhung, der Reinigung des Lebens gewidmet. Und sie weist Gipfel auf, zu denen wir kraftvoll und mutvoll emporklimmen sollen, und sie baut Leuchttürme, die uns in der Brandung des „zeitgemäßen", des ach — so jüdisch unzeitgemäßen Lebens vor Klippen warnen, uns Rettungssignale Leben sollen. - Da schmettert sie ernst und. düster: Fluch dem, der eindringt ins Grenzgebiet seines Nächsten. Und mahnt mild und gütig: Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst! Und in unserer Zeit? In unserer Zeit der reichgefüllten Synagogen, der hochprangenden Feststräuße, der heilig empfangenen und heilig begangenen Sabbate, der sorgsam gehüteten Tische, der üppig gespendeten Armengabcn? In unserer Zeit kehrt man sich nicht an den Fluch der Thora, kehrt man sich nicht an scheidende Grenzmaueru, dringt man rasch und rücksichtslos in fremdes Gebiet, in Brudergebiet, ein, stößt man um schnöden materiellen Vorteils, um eitler, nichtiger Ehrsucht nullen, kaltblütig hinweg, was einem hindernd dabei im Wege ist, verwüstet und verheert und — meint — dabei — frommer Jude zu sein. Da heißt unser Gesetz die Lippen heilig halten: Es soll kein Zwischenträger, kein Bösredner sein unter Deinem Volke. Und Du sollst Deinen Nächsten nicht öffentlich beschämen. Und in unserer Zeit? In unserer Zeit der feincntwickelten Geisteskultur, der ästhetisch erleuchteten Köpfe, der blühenden, wortreichen, sinnvollen Aufrufe für unser Gesetz — tritt man mit Füßen das Geheiß eben dieses Gesetzes, hechelt und tuschelt und flüstert dieses und jenes, von diesem zu jenem, nicngt Wahres und Falsches, Erlauschtes und Erlogenes durcheinander, deutet, hier aus Sucht an Bosheit und aus Zeitvertreib, dort wiederum um des schnöden materiellen Vorteils, um des lieben, unersättlichen Ehrgeizes willen mit Fingern auf die Ehrlichkeit und Nnantastbarkeit, verdächtigt sie und verhöhnt sie, macht sie schlecht und macht sie lächerlich, schont nicht gekränkte Herzen, schont nicht empörte Ehre und — meint — dabei — frommer Jude zu sein. „Dein Herz könnte stolz werden und Deines Gottes vergessen", „Nur Gottes ist der Stolz", „Hasse die Herrschsucht", „Sei grenzenlos demütig", warnt weise und eindringlich unser Gesetz, das Gesetz des einzig wahren Gesetzgebers. Und man fröhnt seinem Ehrgeiz ungebändigt und ungezügelt und man schwingt sich empor über seine Nebenmenschen und man macht sich groß, bläht sich im übertriebenen Wertbewußtsein des Geldsackes oder ini Wertbewußtsein der Geistes- und WissensMle, und wirft sich in die Brust mit dem schwellenden Gefühl, die ganze Welt sei jüdisch gesunken, sei jüdisch zerfahren, nur in Deutschland allein blühe das reine, das unverfälschte, das dauerhafte Judentum — und ist doch nicht mehr mit alledem als ein Thor unter Thoren, als ein Widersacher unserer jüdischen Weisheit und unserer Weisen und — meint — dabei — frommer Jude zu s e i n. - Genug der Wunden sind es, die wir aufgedeckt haben, Beulen, die wir enthüllt haben. Noch manche breite Wunde klafft, noch manche Gistbeule schwärt. Aber wir schreien heute nur um dieser wenigen wegen, weil sie sich uns gegenüber offenbart, weil wir sie — bebend ob der dabei ersichtlichen jüdischen Entartung — bei der Anfeindung unseres Blattes erfahren haben und noch erfahren. Man ist rücksichtslos in unser Grenzgebiet eingedrungen. Man hat uns bewußtvoll verdächtigt und öffentlich beschämt. Man möchte über uns hinwegschreiten zur Machtenfaltung. Man tut Maulwurssarbeit — gegen eigene, bessere Ueberzeugung. Man will Vertreter und Vorkämpfer der jüdischen Orthodoxie sein und verletzt auf Schritt und Tritt, ohne Maß, aber mit Ziel, gottgebotene jüdische Pflicht von Mensch zu Mensch. Wir haben lange, lange geschlviegen. Nun aber muß es zu Ende sein mit der Ruhe. Denn man tastet die "heilige Grundanschauung unseres Daseins, unsere Frömmigkeit, an. Ränke werden von uns abprallen, Geifer wird uns nicht schrecken. Stolzerhobenen Hauptes, im Bewußtsein unseres reinen, ehrlichen Strebens, unseres reinen, ehrlichen Handelns werden wir unseres Weges weiter wandeln. Jüdische Frauen iu der Zeit nach Mendelssohn. Bon E. B. (Fortsetzung.) Ein zweites Produkt der Entartung, das in seinem Lebensgange einen glänzenden Wahrheitsbeweis erbracht hat für die so viel besprochenen und so oft bezweifelten Worte Rousseaus: „Die Gefahren der Kultur sind größer als der Wert der Kultur", war die mit Geist und Stärke, mit Phantasie und feuriger Einbildung begabte Dorothea Mendelssohn, die zweite Tochter des Philosophen. Unter den günstigsten Umständen wuchs sie heran; wie nur irgend jemand hat sie in frühestem Alter an allem, was die damalige Zeit des Überquelllenden Geisteslebens, der fteien Entwicklung, der natürlichen Zwanglosigkeit bot, den lebendigsten Anteil genommen. Früh wurde sie mit. dem als Mensch und Bürger hochachtbaren Bankier^Leit verheiratet und von ihrem Gatten mit aufmerksamer Liebe umgeben. Aber schon hatten die lockenden Ideen einer neuen Emanzipationsthcorie die geistige Richtung der jungen Frau beeinflußt. Schon wollte sie, der Typus der modernen Frau, mehr verstanden, als verehrt sein. Schon hatte des Tugendbundcs Wahn, in dessen Mitte sie ja auch eingetreten war, ihr den verrückten Glauben cingegeben, sich in ihrer Ehe unglücklich fühlen zu müssen. Empfindsame stoßen über Schöngeistigen, Verneinung jeder Seelengemeinschaft, _ Disharmonie allen Gjefühle gehörte nun einmal zum guten Ton und war in Salonkreisen an der Tagesordnung. i Da lernte die mit solcherlei verrückten Ideen bis zur Explosion erfüllte Dorothea im Salon der Henriette Herz Friedrich v. Schlegel kennen. Dieser Friedrich v. Schlegel wird uns einerseits als ein genialer Mensch mit umfangenden Kenntnissen geschildert, andrerseits nennt ihn Schiller in einem Briefe an Goethe „einen jungen Lassen". In beständigem Kampfe aber lag er zwischen Gut und Böse. Er wurde das Schicksal Dorotheas, und sie fühlte sich in solchem Maße zu ihm hingezogen oder — wie man sich nach Goethes Roman zeitgemäß ausdrückte — mit ihm „wahlverwandt", daß, noch ehe das Band mit ihrem ersten Manne gelöst war, sie die Lebensgefährtin Schlegels wurde. Durch diesen Schritt schied sie aus dem Kreise ihrer Freunde; ihre Familie brach mit ihr, und ihre Freundin Henriette Herz mußte auf Verlangen des Gatten den Umgang mit ihr meiden. Nachdem Beit in die Scheidung der Ehe gewilligt und dieselbe vollzogen war, konnten sie auch daran denken, ihrer Verbindung das gesetzmäßige Ansehen zu geben. Vorher aber mußte Dor. Mendelssohn einen das Andenken und den Namen ihres Vaters schändenden Schritt tun. Sie, die ihrem Vater an Geist ähnlichste Tochter, war — durch Liebe geblendet — leichtsinnig und töricht genug, ein Erbteil aufzugeben, für welches ihre Ahnen Leben, Blut und Gut mit Freuden hingeopfert hätten; in der schwedischen Gesandtschaftskapelle zu Paris legte sie das öffentliche Bekenntnis ab, nicht mehr Jüdin sein zu wollen, erst wurde sie protestantisch, später katholisch, und mit ihrer dreifachen Religionszugehörigkeit lieferte sie ein Beispiel leichtfertigen Uebertritts. Dorothea hat in ihrer zweiten Ehe das erwartete Glück auch nicht gefunden, nur zu bald hat sie eingesehen, daß es chrem angebeteten Ideale an jedem innerlichen Gefühle mangle, und als die Prosa des Lebens in Gestalt bitterster Not hinzutrat, erkaltete die ehemals so feurige Liebe vollständig. Dorothea Mendelssohn hat diesen ihren Schritt oft und bitter bereut. Unter ihren nachgelassenen Schriften finden sich Aufzeichnungen, die auf diesen Seelenvorgang schließen lassen, und in Briefen an ihre Söhne Jonas und Philipp Veit, ermahnt sie diese beständig, vorsichtig zu sein in der Wahl ihrer Freunde und sich fern zu halten von dem. Beispiel 48