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Neue jüdische Presse · 1908-05-08 · Heft 18 (8.5.1908) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 18 (8.5.1908)
Date
1908-05-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Jüdische Frauen in der Zeit nach Mendelssohn. Von E. B. (Fortsetzung.) Am meisten Anziehungskraft aber übte dieser Salon auf reiche christliche Jünglinge wegen der schönen jüdischen Mädchen und Frauen, welche sich gleich Trabanten um die reizvolle Wirtin scharten. Die jüdischen Frauen und Mädchen aber wirkten nicht nur dekorativer Natur als Zierde und Schmuck des Herz'schcn Salons, sondern sie zeichneten sich auch durch regen Anteil an der Unterhaltung und verschiedentlich sogar durch originelle Geistesrichtung ans. Man nannte sie deshalb: die klugen Weiber aus der Judenschast. Aber die biederen Elemente, die alten Freunde Mendelssohns, lvurden von den jungen Christen nach und nach verdrängt, und diese, deren Ton- «mgeber, Friedrich v. Gentz, die verkörperte Genußsucht und Lasterhaftigkeit, war, stifteten mit den Mädchen und Frauen einen Orden, „Tugendbund" genannt, der dahin zielte, zwanglos miteinander zu verkehren, sich zu duzen und ohne Scheu und Rückhalt Gefühle und Empfindungen einander darzulegen; in diesen Bund traten nebst Henriette Herz auch die Töchter Mendelssohns. Sie alle aber vermeinten, der neuen Bildung den alten Glauben opfern zu müssen und fühlten sich nur gehoben und geehrt, mit Christen adligen Standes in innige Beziehung zu treten. Sie waren von dem Weihrauch, den man ihrem Geist und ihrer Schönheit, teilweise auch ihrem Rcichtume, spendete, so betäubt und benebelt, daß sie die Gefahr, in die sie sich begaben, vollkommen übersahen. Henriette Herz, als die schönste, empfing die meisten Huldigungen, und gar bald zeigten sich bei ihr die Folgen der Betörung; sie geriet iir Verwirrung über Recht und Unrecht, sie knüpfte hinter deni Rücken ihres Mannes Liebeleien an, und mit Schleiermacher, dem jungen Theologen, stand sie auf so vertrautem Fuße, daß er sich deshalb Verwarnungen seiner Obern zuzog. Mit ihrer Hülfe schrieb er seine Reden über die Religioir, unter ihren Augen entstanden seine epochemachenden Monologe. Henriette Herz selbst hat nur wenig geschrieben, zwei, von ihr verfaßte Novellen, deren eine sich sogar des Beifalls ihrer scharf kritisierenden Freundin Dorothea Mendelssohn zu erfreuen hatte, vernichtete sie vor ihrem Tode. Mit dem Ableben ihres Mannes vollzog Henriette Herz' inneres und äußeres Leben eine neue Wendung, ihre Zukunft war nicht mehr frei von Sorgen, zumal sie noch eine alte blinde Mutter mit zu ernähren hatte. Die Gesellschaft, die so zahlreich in ihrem Salon erschienen war, als ihr Mann noch lebte, verließ sie immer mehr. Mtzr Bitterkeit konstatierte sie: „Wäre ich so reich und vornehm, wie ich früher schön gewesen war, ich wäre feilte nicht so verlassen." Börne gibt uns ein Bild von ihr, wie er sie in späteren Jahren einmal angetroffen: „Sie ist jetzt 64 Jahre alt", schreibt er, „aber die Spur ihrer Schönheit erkennt man immer noch; im Gehen hält sie sich aufrecht, aber wenn sie sitzt, ist sie eine alte Frau; ich habe sie in ihrem Sommer gesehen — eine Juno — und das war damals das Wort in jedermanns Mund, und jetzt! Ich habe in alten verfallenen, unbewohnten Palästen schtvere rotsamtne, mit goldverbrämte Vorhänge gesehen, zerfetzt, zerrissen und' abgebleicht, der Anblick schon rührte mich immer, und so ist die Herz." Sie aber hatte das Glück, sich noch über ihren Verfall zu täuschen, und ihre beständige Tätigkeit — sie unterrichtete die Kinder durch den Krieg verarmter Eltern unentgeltlich in den lebenden Sprachen — half ihr über die traurige Lage ihrer mißlichen Verhältnisse leichter hinweg. Im Juni 1817, nachdem im Frühjahr ihre hochbetagte Mutter gestorben war, kehrte Henriette Herz, die die Religion wie ein Kleid betrachtete, das man je nach der Mode wechselt — und Taufen waren damals Mode dem Glauben ihrer Väter, dessen Sitten und Gebräuchen ihr Lebenswandel doch nur Hohn gesprochen hatte, von Schleiermacher überredet, dem Judentum den Rücken. (Fortsitzung folgt). Zentralisation der jüdischen Organisationen. Wie wir bereits mitgcteilt haben, hat ein auf Veranlassung des Herrn Dr. Jacob-Klatzkin in Newyork abgehältenes Meeting jüdischer Repräsentanten die Schaffung eines Verbandes der jüdischen Organisationen aller Länder einstimmig beschlossen. Das American Jewish Committee, die repräsentative Körperschaft der amerikanischen Juden, soll die ersten Schritte zur Bildung dieses Verbandes machen und einen Kongreß der jüdischen Organisationen einberufen. Herr Dr. Paul Nathan hat, wie ei» Blatt meldet, in einer Unterredung mit Herrn Dr. Klatzkin dieses Projekt auf's lebhafteste begrüßt und dessen Förderung versprochen. Bei unumschränkter Erhaltung der Autonomie jeder Einzelorgauisation, äußerte sich Herr Dr. Nathan, sei es notwendig und durchführbar, eine Konzentration sämtlicher jüdischer Organisationen großen Stils zu schaffen, um auf ein gegebenes Signal rechtzeitig und vorbereitet zusammenzutretcn, um mit vereinten Mitteln die Gesamtinteressen der Judenheit zu wahren. Eine solche Vereinigung würde manchem Plötzlichen Vorbeugen und plaiunaßig für das Wohl der jüdischen Gesamtheit arbeiten können. Jedoch sei es — bei den nicht wcgzulegenden Rivalitäten unter einigen jüdischen Organisationen in Europa — von praktischen Erwägungen heraus vorteilhafter, wenn die amerikanische» Juden darin die Initiative ergreifen wollten. Auch mehrere Leitungen in Amerika, ebenso die hebräische Tageszeitung „HaSman" in Rußland haben dieses Projekt begrüßt. Bekanntlich wurde dieser Gedanke im Jahre 1905 auf der Brüsseler Kvnefrenz seitens des Hilssvercins angeregt. Leider hat es nur bei einer Anregung sein Bewenden gehabt. Das Bedürfnis nach einer Konzentrierung jüdischer Kraft und Macht äußerte sich Neulich vielfach in verschiedenen Neubildungen, die bewußt oder unbewußt zu einer Stärkung der jüdischen Solidarität rührten. So die in London auf Veranlassung des Herrn Dr. N a t h a n beschlossene Zentralisation des russischen und rumänischen Hilfswerkes: der dank den Bemühungen des Herrn Prof. P h i l i p p s o h n begründete Judentag in Deutschland und die in diesen Tagen ins Leben gerufene Organisation der jüdischen Gemeinden in Oesterreich. Und dergleichen noch ~ mehr. Wir sehen auf der ganzen Linie der Entwicklung unserer neuesten Geschichte die stark ausgeprägte Tendenz nach einer berechtigten Repräsentation, nach' Einheit des Volkes. Diese Einheit kan» aber nicht auf kultureller oder religiöser Basis geschaffen werden: die Differcnzpunkte auf diesem Gebiete sind zu groß. Hingegen bildet das Hilfswerk großen Stils die geeignete Baiis für eine segensreiche Vereinigung die nicht bloß ein technisches Bindemittel sein müßte, sondern a u ch' d e n erzieherischen Wert einer inneren Solidarität, des .Solidaritätsbewußtseins, wie auch den Wert einer Repräsentation nach außen hin haben dürfte. In diesem Sinne begrüßen auch wir das Projekt des Herrn Dr. Klatzkin und hoffen, daß die jüdischen Organisationen ebenso vorurteilslos wie der Hilfsverein der Deutschen Juden, der seine ganze Tätigkeit in der Richtung der Zentralisation entfaltete, ihre Mitwirkung für den in Rede stehenden Zusammenschluß auf "der Basis einer repräsentativen Körperschaft nicht versagen werden. Wir können aber nicht umhin, die Initiatoren dieses Planes vor einer Verflachung der ihm zugrunde liegenden Idee zu warnen. Wir haben bereits trübe Erfahrungen auf dem Gebiete jüdischer Repräsentationskörperschaften erlebt. Gär manche jüdische Gesellschaft, die sich den Titel einer Alliance der jüdischen Gesamtheit beilegte, ist zu einem bureaukratischen, despotischen Vorstand oder Verwalter zusammengeschrumpft, der den Bedürfnissen und Wünschen des Volkes keine Rechnung trägt und somit durch die falsche Ettquette nur dem Antisemitismus Nahrung zuführt. . . , Unsere Befürchtung wird jedoch durch den Umstand geschwächt, daß die Initiative für die Schaffung der geplanten Organisation von den amerikanischen Juden ergriffen wurde, die es bereits gelernt haben, den Willen des 'Volkes zu respektieren und selbstbewußt vor aller Oeffentlichkeit die jüdischen Interessen zu vertreten. Wir glauben daher mit Zuversicht, daß das American Jewish Committee, welches mit den vorbereitenden Arbeiten für, die neue Organisation betraut Herden soll, eine berechtigte Repräsentation nach außen hin zu bilden bestrebt sein wird. Nur wenn sie das'Vertrauen des Volkes besitzt, kann.eine solche repräsentative Körperschaft auf die Kränkung unserer Ehre und Verletzung unserer Rechte mit Erfolg reagieren. Aus csilsr Well. Deutsches Reich. Berlin. Eine ..Liberale jüdische Verein i g n n g" hat sich hier am letzten Sonntag, angeregt durch die Reorganisation der Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums, gebildet. Die neue Bereinigung sucht ihre Zwecke zu verwirklichen: 1. durch Errichtung und Erhaltung einer periodisch wiederkehrenden Zeitschrift, 2. durch Borträge und ihre Verbreitung, 3. durch die Anregung und Errichtung liberaler Jugendvereine. Zu der Versammlung hatten sich 40 Rabbiner und etwa 200 Nichtrabbiner aus allen Teilen Deutschlands eingefunden. Das Präsidium führte Justizrat Bernhard Breslauer; es gehörten ihm ferner an: Dr. cned. A. Bärwald -Frankfurt, Professor Dr. M. Schäfer- Berlin, Rabbiner Dr. Freudenthal -Nürnberg, Rabbiner Dr. Seligm a n n - Frankfurt, Dr. meü. Re ich-Breslau und Rabbiner Dr. Vogelstein-Berlin. Ein festes Programm wurde nicht ausgestellt, sondern der Zukunft überlassen. Doch ging aus den Verhandlungen hervor, daß man die Grundideen des Judentums mit aller Kraft wahren und fördern, dagegen von den sogenannten Forme» nur diejenigen erhalten will, die mit dem Leben und mit der modernen Zeit im Einklang stehen. Man will gegen die Vergangenheit mit Pietät verfahren, damit die Einheit so weit als möglich nicht gestört wird. Die Orthodoxie wird als gleichberechtigt innerhalb der Gemeinde anerkannt, und der Kampf der Liberalen soll sich nicht gegen die Traditionellen, sondern gegen die Indifferenten richten. Nähere Ausführungen und eine Beurteilung der Sachlage behalten wir uns für die nächste Nummer vor. Oesterreich-Ungarn. Wien, 5. Mai. Heute erschienini Abgeordnetenhause das Exekutivkoniitce der j ü d i sch -n attoll a l e n S t n d e n t e n s ch a f t O e st e r r e i ch s, um über die weiteren Schritte betreffs Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Hochschulen Oesterreichs mit den Mitgliedern des j ü d. Klubs zu beraten. Die Abgeordneten stellten ihr Erscheinen in der für Samstag den 9. d. M. einberuseneu Versammlung der jüdischen Studentenschaft Wiens sicher in Aussicht und erklärten sich 'mit der bisherigen Aktion einverstanden. Personalien. Mannheim. Letzte Woche verschied das langjährige Mitglied des Synagogenrates, Herr Bernhard Bodenheimer, im Alter von 73 Jahren. Der Dahingeschiedene erfreute sich nicht nur in allen jüdischen Kreisen eines großen Ansehens, auch in der Handelswelt nahm er eine hochgeachtete Stellung ein. So gehörte er 25 Jahre lang dem Vorstand der Mannheimer Börse an, und als er im vorigen Jahre von den Geschäften sich zurückzog und infolgedessen auch sein Amt als Börscn-Vorstand niederlegte, wurde er zum Ehrenmitglied der Börse ernannt. Auch bei den letzten Synodalwahlen war er als erster Ersatzmann mit den meisten Stimmen gewählt worden. Konftantiuopcl. Der hiesige bekannte Chirurg Dr. I. Greiwer, welcher bereits seit vorigem Jahr Leibarzt im Harem des Sultans ist, wurde zum Brigadegeneral ernannt. Er ist außerdem Chirurg im Italienischen Hospital, Chefarzt des Präfekturhospitals in Peru, Chirurg des Türkischen Frauen- und des spanisch-jüdischen Hospitals. Aus Len Vereinen. Frankfurt a. M. Eine Trauerfecer zur ErinnerunganCharles Hallgarten vereinigte Mittwoch, den 30. April, die Mitglieder des Mädchenklub und der Weiblichen Fürsorge in den Räumen des Mädchenklnb. Weihevoller Chorgesang, dessen Leittmg die bewährte Chordirigentin Frl D e s s o f f übernommen hatte, eröffnete die Veranstaltung. Dann ergriff Fräulein Bertha Pappenheim das Wort, um dem Andenken des „väterlichen Freundes, des feinfühligen Beraters und unermüdlichen Mitarbeiters" der beiden Vereine in warmen, zu Herzen gehenden Worten eine kurze Stunde zu weihen. Rednerin zeigte den reichen Mann, dessen Güte und Klugheit verhinderten, daß die Welt und . ihre 4785

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