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Neue jüdische Presse · 1908-04-10 · Heft 15 (10.4.1908) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 15 (10.4.1908)
Date
1908-04-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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“ " M Nr. 15 FrankfurterMmmMattes. Die nächste Nummer erscheint bereits am Mittwoch, den 15. April. Berschadski und Sleinberg. - Einen schweren Schlag erlitt die hebräische Literatur in den letzten Tagen; einen doppelten, unersetzlichen Verlust hat sie zu beklagen. Jesaja Domoschewitzki (mit dem literarischen Namen Berschadski) und Iehuda Steinberg fielen zum Opfer dem tückischen Tode; in der Blüte ihres Lebens wurden sie aus dem segensreichsten geistigen Schaffen herausgerissen. Groß ist der Schmerz, den diese Unglücksbotschast im ' Herzen eines jeden Kenners und Verehrers der hebräischen Literatur hervorgerufen hat. Selbst für eine reiche europäische Literatur wäre der Verlust zweier Talente, wie Steinberg und Berschadski solche waren, sehr fühlbar und beklagenswert; geschweige denn in unserer armen, vernachlässigten, ja gar oft angefeindeten hebräischen Literatur. Aus dem schwachen Häuflein unserer Geisteshelden sind zwei der besten herausgerissen worden, die für Jahrzehnte' eine gähnende Lücke auf ihrem Platze hinterlassen haben.. Der Schmerz ist noch zu frisch, daß wir ein vollständiges Bild von der schriftstellerischen Größe und der Bedeutung der Beklagten fiir die hebräische Literatur entwerfen könnten; es kann hier nur mit kurzen Worten und flüchtigen Zügen ihres geistige,! Bildes der erste Schmerz zum Ausdruck gebracht werden. Jehuda Steinberg wurde 1864 in einen, kleinen Städtchen in Südrußland geboren, genoß eine kümmerliche Erziehung, verließ im frühesten Alter das Elternhaus/ un, sich eine Lebenseristcnz zu verschaffen, war mehrere Jahre als Lehrer in Podolien tätig und kam vor zwei Jahren nach Odessa, wo er nach schweren Leiden am 7. Adar II. aus dem qualvollen Leben schied. Steinberg war ein außerordentlich gediegenes und fruchtbares Talent, und seitdem er vor etwa zwölf Jahren auf der literarischen Bühne erschien, füllte er alle hebräischen Zeitschriften mit Erzeugnissen seiner wunderbaren Feder. Steinberg war eine cigcntünilichc Erscheinung in unserer Literatur und unübertroffen auf seinen, Gebiete; er war der so lange erwartete Kinderdichter. Die hebräische Literatur ist sehr arn, an Schriften, die für die Jugend als geistige Nahrung dienen, was sich besonders in den letzten Jahrzehnten bei der Umformung des alten Erziehungs- und Unterrichtswesens sehr bemerkbar machte; daher war es Erlebnis in der hebräischen literarischen Welt, als Jehuda Steinberg mit seinen ersten Kindererzählungen auftrat. Und seitdem häufte sich ein reicher Schatz von wertvollen Erzeugnissen dieses Schriftstellers in unserer Literatur an. Er verstand es, in die Welt der Kleinen sich hineinzuleben, die Tiefe der Kinderseele zu erforschen und ihre feinsten Regungen zu fühlen, er sprach mit den Kindern in ihrer Sprache, teilte ihre Gefühle, entdeckte ihre Geheimnisse und riß sie mit sich fort. Die wundervollsten Äeschichtchen, Märchen und Fabeln wußte er seinen kleinen Lesern meisterhaft in einer leichten, reichen und geschmeidigen Sprache zu erzählen; die großen Bände der Kinderjournale „Olan katau", „Ha Chaim w'ha Lewa" und die verschiedenen Jugendschriften des Bücherverlages „Tuschijah" sind geschmückt mit den Perlen Jehuda Steinbergs. Aber auch auf dem Gebiete der Belletristik war Steinberg ein starkes Talent. Seine Erzählungen und Skizzen zeichnen sich durch ihre psychologische Feinheit und scharfe Charakteristik aus; denn Steinberg war ein Seelenkenner und wußte seine Umgebung naturgetreu darzustellen. Ein vollendetes Meisterwerk ist seine große Erzählung „Bajomim ho'hem" (In jenen Tagen), in der er in einer wundervollen Weise das Leben der jüdischen Kantonisten zur Zeit Nikolaus I. schildert: hier ist er auch in der Schönheit der Sprache unübertroffen. Eine andere Position in der'hebräischen Literatur hat sich Berschadski erobert. Er, wandte sich dem Studium der Gesellschaft und ihres Getrir-1 bes zu und wurde ein Meister des Romans. Im I Jahre 1899 erschien sein erster Roman „B'cin Matoro" (Ohne Ziel), sofort den tiefblickenden Psycholog erkennen lassend. Berschadski dringt in die Tiefen der Seelen ein, ergründet sie. erforscht ihre Regungen und Leidenschaften und führt sie uns vor. Sowohl in diesem als im zweiten großen Roman „K'negod Ha'Sereni" (Stromauswärts) spiegelt sich das bewegte Leben der letzten zwanzig Jahre ab. Denn Berschadski stand im Strudel des Lebens und „ahm jeden Stoß feinfühlig wahr und verarbeitete alles in feinem Geiste, sodaß er uns das ganze reale Leben genau wiedergeben konnte. Das große Verdienst Berschadskis war es, daß er den hebräischen Roman aus seinen engen Grenzen, zwischen denen er sich früher bewegte, heraushob und ihm einen allgemeineren, freieren Charakter verlieh, in ihn pulsierendes Leben und reale Wahrheit hineinbrachte. Wie in Ideenwelt und Schaffungsart war er auch in Form und Sprache originell. Die Form und Ausdrucksweise Berschadskis ist plastisch, einfach, naturgetreu, seine Sprache — gedrungen, festgebaut, zwar ein wenig zu rauh, aber kerngesund und den, inneren Wesen der geschaffenen Helden entsprechend. Dasselbe geistige und vsychologische Gepräge trägt auch seine Skizzen-Sammlung „Tippussim u'Zlolim" (Bilder und Schatten). In den letzten Jahren war Berschadski publizistisch sehr tätig und zeigte in seinen Leitartikeln in der täglichen hebräischen Zeitung „Ha'Sinai" und dann „.Hcd ha'Smon" ein tiefes politisches Verständnis. Kurz vor dem Tode schritt er an einen neuen Roman, in dem er die letzten Vorgänge in der Judenheit Rußlands zu schildern beabsichtigte. Da wurde diese starke, widerstandskrüftigc, allem Ungemach des Lebens trotzende Natur von einer tückischen, hartnäckigen Lungenschwindsucht plötzlich ergriffen. So starb Berschadski im 38. Lebensjahr nach einem kurzen, rastlosen, schaffensrcichen Leben, voll geistiger Kraft und hoher Gedanken und Bestrebungen. Und so verlor die arme hebräische Literatur zwei der edelsten ihrer Söhne, ein ooppclter Schlag fast an einen! Tage. Es ist ein Verhängnis. Noch trauriger aber wird es uns zu Mute, wenn wir bedenken, daß dies kein bloßer Zufall ist, daß diese Opfer vielleicht auf die Rechnung des jüdischen Volkes gebracht werden können. Sind denn Berschadski und Steinberg die ersten Opfer, die ans deni Felde des hebräischen Schrifttunis gefallen sind? Erinnern sie uns nicht an die vielen, die in den schrecklichen Verhältnissen des hebräischen Schriftstellers, in dem verzweifelten Lebenskampf aufgerieben worden, oder müde und erschöpft sich von ihrer Arbeit zurückziehcn mußten, oder bestenfalls sich einer fremden Literatur zuwandten? Wer weiß, ob diese zwei frischen Kräfte, die unser Nationalgut noch um so vieles hätten bereichern können, nicht durch die schlimmen pekuniären Verhältnisse gebrochen worden sind! Ist es denn nicht tief traurig und beschäinend, daß ein Volk von:, zwölf Millionen Menschen nicht die Förderer und Beschützer seiner Nationalsprache und seiner Nationalliteratur in Ehren erhalten will?! Und was für ein Volk! — Es ist eine furchtbare Erscheinung. Wird uns der bittere Mahnruf B e r - schadski-Steinberg genügen? Wird es bei uns doch endlich einmal anders werden? L. S-o. Personalien. Frankfurt a. M. Herr Josef Fromm erhielt vom Kaiser die Südwestafrika-Denkmünze. München. Rechtsanwalt Dr. Theodor Engelmann wurde zum Oberlandesgerichtsrat, Postassessor Dr. Alfred Cohnreich zum Oberpostassessor in Nürnberg befördert. Nürnberg. Komme^ienrat Wilhelm Gerngroß, Kommerzienrat Max Landmann und' Frbrikant G. Metzger erhielten die Süd westafrika- Medaille. Stettin. Justizrat Sternfeld wurde zum Notar ernannt. HildeSheim. Rechtsanwalt Oppenheimer ist ziim Notar ernannt worden. Schönlanke. Fabrikbesitzer Tobias wurde zum ersten Vorsteher, Kaufmann M o t t e k zum R e p r ä j e n t a n t e n v o r st e h e r der jüd. Gemeinde gewählt. Posen. Die Südwestafrika-Denkmünze wurde Geh. Kommerzienrat Herz, Fabrikbesitzer Dr. L e v y - Hohensalza und Frau Geheimrat O r g l e r verliehen. In Schrrmm wurde Apotheker P e y s e r zum Stadtverordneten gewählt. Prag. Im Alter von 90 Jahren verschied Frau MarieKisch geb. Mislap, Mutter des Rabbiners Professor Dr. Alex Kisch. Budapest. Im hohen Greisenalter versckied Herr Nathan Löw, Gründer des „Bikknr Cho» lim"-Vereins, ein Manu, der seines gleichen an aufopferungsvoller, selbstloser Tätigkeit im Dienste der Nächstenliebe suchte. ~ Die Budapester orthodoxe Genreinde hat in ihm einen ihrer Besten verloren. Paris. Emil Levi. Teilhaber der Firma Levy fröres, wurde zum Ritter der Ehrenl e g i o n und Artilleriehauptmann E r n e st P i c a r d zum Vorsteher der historischen Sektion des General st abs ernannt. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Montefiore-Berein. Seit Herausgabe des Bibliothckskatalogs ist die Bibliothek ganz bedeutend vergrößert worden. Die Bibliothekare sind gerne bereit, allenfallfige Wünsche bezüglich der Neuanschaffungen so weit als möglich zu berücksichtigen, und bittet man, dahingehende Vorschläge an den Vorstand des Vereins zu richten. Frankfurt a. M- Gesellschaft zur Erforschung jüd. Kunst denk mäl er. — Die Generalversammlung fand letzten Sonntag in der Frankfurt-Loge statt. Herr Charles Hallgart e n, der Vorsitzende, erstattete den Bericht, dem wir folgendes entnehmen: Die Mitgliederzahl ist unverändert geblieben. Das Arbeitsjahr war ein ruhiges; es befaßte sich hauptsächlich Mit den Vorbereitungen für die von der Gesellschaft demnächst in Düsseldorf zu eröffnende „Ausstellung für jüd. Bauten und Kultusgegenstände". Diese 'Ausstellung, für die im Düsseldorfer Kunstgewerbemuseum 2 große Lichthöfe und 3 große Säle reserviert sind, wird am 3. Mai, nachmittags 3 Uhr, eröffnet werden, jede Woche von Dienstag bis Freitag bei 50 Pfg. Eintrittsgeld von 10—5 Uhr geöffnet sein und am 15. Juni wieder geschlossen werden. Um die Mitglieder über die Arbeit und den Besitz der Gesellschaft zu informieren, wurden von Herrn Direktor Frauberger mehrere Lichtbildervorträge gehalten. Die literarischen Arbeite» sind so 'weit gefördert worden, daß nächstes Jahr ein lebhafteres Tempo eingeschlagen werden kann. Herr Direktor Fraubcrger ergriff nunmehr das Wort, nur den Bericht des Vorsitzenden zu ergänzen. Er gibt einen Ucberblick über die von ihm und von einigen anderen Herren zur Besichtung von Synagogen und sonstiger jüd. Bauten gemachten Reisen und geht dann auf die von ihm arrangierte Ausstellung des näheren ein. Die Ausstellung solle keine tendenziöse wie die jüngst in Kopenhagen und Berlin veranstalteten jüd. Kunstausstellungen sein, sondern eine rein wissenschaftliche. Der gegenwärtige Besitz der Gesellschaft setze sich zusammen aus 1720 Blättern (Wert: 12 600 JL), 89 Handschriften (Wert: 1185 JL), 438 Büchern (Wert: 3194 JL) und 152 syiragogalen Gegenständen (Werk: 3455 ’JL). Herr Hallgarten erstattet die Rechnungsaplage, .die an Einnahmen 3153 JL Mitaliedsbeiträge, 700 'JL Geschenke und 104 ,/fe Zinsen verzeichnet, und dann wird zu den Wahlen geschritten. Die ausscheidenden 8 Vorstandsmitglieder werden durch Zuruf wiedergewählt. Frankfurt a. M. Talmud-Thora-Berein, Der Talmud-Thora-Verein veranstaltet Erew Pes ach im Anschluß an den Morgengottesdienst im Hörsaal der Synagoge am Börncplatz einen S i j u m, zu dem die Bachurim, die Mitglieder des Vereins sind, Zutritt haben. Frankfurt a. M. Israel. Wohlfahrtsk a s s e (Vorsitzender: Max G. Adler). Der Mitgliederbestand betrug am 31. Dezember 374 ordentliche und 63 außerordentliche Mitglieder, das Vereinsbermögew 26 064 JL Seit Bestehen des Vereins sind 56 000 JL an die Hinterbliebenen von verstorbenen Mitgliedern ausbezahlt worden, im letzten Jahre 9 Sterbegelder im Gesamtbeträge von 4500 JL Berlin. Jüdische Lesehalle und Bibliothek. — Aus dem 13. Jahresbericht ist zu entnehmen: Im Lesezimmer liegen 74 jüdische Zeitungen aus. And' der Bücherbestand umfaßt 6048 Bände jüd. Inhalts. Die Bibliothek wurde 1761 mal von 327 Entleihern in Anspruch genommen, während die Lesehalle eine Besuchsziffer von 23 174 Personen hatte. Posen. Verein zur Förderung jüd. Interessen. — Der Verein hatte auf den 1. April eine öffentliche Versammlung einberufen, die äußer« 1785

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