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Neue jüdische Presse · 1908-03-20 · Heft 12 (20.3.1908) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 12 (20.3.1908)
Date
1908-03-20
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Nr. 12 gtonttuctex JsrsüitischeS Fmnüienvlarr. verschiedenen Dame» und Herren über die Liebe mit wechselnder Stimmlage vortrug, wie er in der Parodie auf eine italienische Oper die Primadonna, den „Kravatlen"-Tcnor und die beiden Chöre imitierte und persiflierte, nicht minder die neckische Art, wie er „Und dann" vortrug, dazu die eigene Begleitmrg am Flügel — das mußte Lachsalven Hervorrufen und macht cs begreiflich, daß man den prächtigen Humoristen nur ungern vom Podium lassen wollte. Nach einer kurzen Pause folgte als 2. Teil des festlichen Abends eine theatralische Aufführung von Lessings Lustspiel „Die Juden" durch Mitglieder des 'Vereins. Voraus ging ein launiger Prolog, in dem Herr Perlmutter, des Prologes sprachgewandter Dichter, als „Purim-Humor" die lustigen Vorfälle währerib der Proben zu dein Stücke erzählte. Lessing als Judenfreund pries und die Gestalten seines Lustspiels kurz charakterisierte. Von dem Stückesclbst, seinem amüsanten und im Grunde genommen doch ernsten Inhalte an dieser stelle zu reden, halten wir für überflüssig. Wem das Lustspiel Lessings noch nicht bekannt ist, der möge es schleunigst lesen. Denn es ist fast zu bedauern, wenn ein Jude nicht weiß und sich nicht immer wieder dankbar daran erinnert, wie Lessing, einer der führenden deutschen Geister, der größte Juden- und Menschenfreund durch alle Zeiten, vor etwa \zfa Jahrhunderten den lächerlichen Vorurteilen gegen die Juden zu Leibe ging, mit welch' gesundem Humor er sic verächtlich machte. Daß der Montefiore-Bcrein „Die Juden" Lessings wieder einmal der Vergessenheit entriß, daß er cs gerade am Purimfeste tat, wo neben de» vereitelten Anschlägen der Judenfeinde die mutige Geistcstat eines Judenfreundes in um so strahlenderem Lichte erscheint, — muß der Vereinsleitung zur gebührenden Anerkennung und Ehre gereichen. Die Aufführung am Mittwoch „klappte" vorzüglich in allen Teilen, und cs war eine helle Freude, die jugendlichen Künstler mit Feuereifer agieren zu sehen. Jeder Einzelne tat seine Schuldigkeit, und wenn auch' die trefflich ausgearbeitetc Charakterfigur des dummdreisten Vogtes (H. Pohle) und des eckigen Christoph (H. Epstein) am meisten auf die Lachmuskeln der Hörer wirkten und ihren spontanen Beifall weckten, so verdienen die übrigen Mitwirkendcu, deren Rollen nicht so dankbar waren, aber gleichfalls vorzüglich wiedergegeben wurden, nicht minder große Anerkennung; es waren die Damen Metzler und Perlmutter, sowie die Herren Neuh a»s, Weiß, Adler. Kurz Nach Mitternacht, also nach kaum 3stündiger Dauer, erreichte die festliche Veranstaltung des „Montesiorc" ihr Ende: das war ein weiterer Vorzug, daß man die Aufmerksamkeit der Festgästc nicht zu lange in Anspruch nahm. Noch frisch und voll freudiger Anregung ging man auseinander. — Berlin. Vereinigung jüd. Akademiker. Das soeben verflossene Wintersemester kann für die Vereinigung jüd. Akademiker als ein ln jeder Beziehung günstiges bezeichnet werden. Besonders die innere Vereinstätigkeit war so reich wie selten zuvor. Nicht weniger als 17 wissenschaftliche Abende fanden statt, an denen 15 Vorträge gehalten wurden. Es sprachen die Herren Rabb. Tr. Munk: „2 Probleme der Diaspora, 1. und 2. Teil", Oberlehrer I. Carlebach: „Palästtna", Herr G. Hildesheimer: „Eine Frauenbewegung aus vergangenen Tagen", stüb. chem. W. Halberstadt: „Eine Würdigung M. Mendelssohns", stud. agr. H. Frank: „Der Weinbau in Palästina zur biblischen und kanaitischen Zeit", stud. art. Wohlfahrt: „Die weltgeschichtliche Bedeutung des Judentums", stud. phil. H. B a ß - freund: „Flavius Josephus, sein Leben und seine Werke", Rabb. Dr. Auerbach-Halberstadt: „Die Ziele und Bedeutung der B. I. A.", stud. med. dent. S. E h r ni a n n: „S. R. Hirsch", Prof. A. Berliner: „Die Literaturgeschichte des Einheitsgesanges", sind. jur. H. Westheim: „Die Mitarbett des einzelnen an der Rechtspflege", cand. phil. M. Munk: „Der Austritt aus der Gemeinde", Dr. med. I. Preuß: „Der Geisteskranke in Bibel und Talmud". Am 7. Dezember 1908 beging der Verein ieiji 4. Stiftungsfest, das besonders Herr Dr. Ed. Diberfeld durch seine Festrede: „Die Forderung des Tages" verschönte. Vereins-Schiurim hielten ab die Herren Rabb. Dr. Munk in Talmud und cand. phil. S. Blum in Dinim. Die Fuchfenstundc, die sich immer mehr als segensreiche Einrichtung erweist, leitete in vorttefflicher Weise Herr cand. phil. M. Munk. Der neugewählte Vorstand setzt sich zusammen aus den Herren: cand. phil. Max Munk, l. Vorsitzender, Dr. Meier Hildesheimer. 2. Vorsitzender, stud. chem. Willy Halber st adt, 1. Schriftführer, stud. phil. HartwigCarlebach, 2. Schriftführer, stud. med. Ivan H a a r b u r g c r, Kassierer. Alle Zuschriften, Anfragen, Beitrittserklärungen sind an stud. chem. W. Halberstadt, Berlin SW. 19, Lindenstr. 60/61, zu senden. AuS -er Geschäftswelt. Wollte man früher zu den Festtagen ein schmackoaftes Gebäck bereiten, hieß es entweder mit Butter, also inilchig, oder mit animalischen Fetten — dann fleischig backen. Wie anders und bequemer hat es heute die jüdische Küche, zumal seitdem es der Sana- Gesellschaft in. b. H. Cleve (Rheinland) nach vielen Versuchen gelungen ist, T o m o r zu fabrizieren, das sich in solch kurzer Zeit einen Weltruf eroberte. Dieses Tomor ist ein aus dem Fette der Kokosnuß hergestelltes Produkt, welches der Naturbutter, sowohl in Bezug aus Geschmack, Aussehen und Aroma vollkommen ebenbürtig ist, dabei den unschätzbaren Vorteil hat, daß cs sowohl für Milchals auch Fleischspeisen verwendet werden darf und wird dieses Tomor unter ständiger Aufsicht eines von Se. Ehrw. Herrn Rabbiner Dr. B. Wolf, Cöln a. Rh. angestcllten sttcng religiösen Beamten hergcstellt. — Näheres ist ans dem Inserat in heutiger Nummer ersichtlich. Telegramm. Wie n, 19. März. In der Hilsneraffäre beginnt Oesterreichs Bevölkerung den Justtzmord einzusehen. Gestern fand eine von 2000 Personen besuchte Versammlung statt, die der Verein zur Abwehr des Antisemitismus veranstaltet hatte, in - der einstimmig eine Resolutton für die Begnadigung Hilsners angenommen ivurde. Namens der zionistischen Partei verlas Dr. Zweig eine Erklärung, die schloß: Die zionistische Delcgiertenvcrsammlung des innerösterreichischen DisttikteS erklärt sich gegen jede Aktion, welche die bloße Begnadigung Hilsners anstrebt und beharrt unentwegt ans dem Begehren um Wiederaufnahme des Prozesses, schließlich wurde beschlossen, in allen Landeshauptstädten arische Komitees zu gründen, welche Unterschriften für ein Begnadigungsgesuch Hilsners saw.mrln solle». Kolliner. Aufruf! Trotz der Rückwanderung der Arbeitslosen ans Amerika nach Europa bringt uns doch jeder in Bremen cintreffende Zug neue Auswanderer. Zumeist sind cs unglückliche Juden aus dent europäischen Osten. Es ist bekannt, wie verwahrlost diese Heimatlosen hier ankommen. Nach Möglichkeit steht das Bremer Komitee des Hilfsvereins der deutschen Juden diesen Unglücklichen mit Rat und Tat zur Seite. Es tut große Not, diese Armen vor ihrer Abreise nach der neuen, fernen Heimat mit den nöttgcn Kleidungsstücken zu versehen. Nicht immer reichen die Mittel des Bremer Komitees dazu aus. Infolgedessen sehen wir uns genötigt, uns mit der dringenden Bitte an unsere Glaubensgenossen zu wenden, uns gut erhaltene Kleidungsstücke (für Männer sowie für Frauen 'und Kinder), Wäsche und Stiefel zuschicken zu ivollen. Jede Sendung wird gern und mit Dank empfangen vom H i l f s v e r c i n der deutschen Juden, Bremen, Düsternstraße 7. Kunst und Literatur. Beruf, Konfession und Verbrechen, Eine Studie über die Kriminalität der Juden in Vergangenheit und Gegenwart von Dr. Rudolf Wassermann. (Heft II der stat.-nationalök. Abhandlungen, herausgegeben von Prof. v. Mayer.) München 1907, Erhardtsche Verlagsbuchhandlung. Preis Jt. 5 —. Das Thema von der „Kriminalität der Juden" hat, von vereinzelten wissenschaftlichen Versuchen abgesehen, zu den beliebtesten Vorwürfen der „populären Wissenschaft" gehört. Jeder einzelne Fall eines jüdischen Verbrechers wurde beim Stammtisch zu einem unwiderleglichen Dokumente angeborenen Verbrechertums erhoben, alle oder viele dieser Fälle wurden gesammelt und so entstand unter dem Mantel der Wissenschaft gar manches antisemittsche Machwerk, dos nur auf einen ungebildeten Kreis berechnet, verheerend wirkte; dann kamen wieder lyrische „Ergüsse" eines sentimentalen Philosemiten, der nachzuweisen suchte, daß ein Jude noch niemals ein Verbrechen begangen habe usw. — Von diesen Tendenzschristen beiderlei Richtung unterscheidet sich wohltuend der streng wissenschaftliche Ton der Publikation über jüdische Statisttk, die wir in Rnppins „Die Juden der Gegenwart" finden und den auch unser Verfasser festznhalten. verstand. Statistik in konfessioneller Beleuchtung zu treiben, ist ein schweres Stück Arbeit. Das gibt auch Wassermann zu: aber er bestteitet wohl mit Recht, daß man der mangelnden Vorarbeit wegen die ganze Arbeit aufgeben dürfe. Mannigfache kleine Fehler, wie sie z. B. der Religionswechsel mit sich bringt, fallen unter das „Gesetz der großen Zahl" und sind ohne weiters zu vernachlässige». Ebenso verhält es sich ja auch mit der Berufsgliederung, deren Wert für die Statisttk ja allgemein anerkannt bleibt, obwohl „Berufswechsel" dennoch ungleich öfter stattfindet als Glaubcnswechsel. Während noch Ruppin in fernem Werke, dessen 15. Kapitel über jüdische Kriminalistik handelt, nur den Anteil der Juden an Handel und Industrie berücksichtigt, weisen die Tabellen Wassermann's eine weitgehende Berufsgliederung auf. Das 1. Kapitel behandelt Europa (mit Ausschluß von Deutschland und Oesterreich)) sowie Nordamerika; die Folgerungen ergeben .sich überall mit logischer Kcnsequenz aus dem großen sorgfältig geprüften Material' und bieten immer ein wahrheitsgetteues Bild der Verhältnisse. Ulle Faktoren werden Jorg» sättig gegen einander abgewogen und offenkundige Jrrtümer bisheriger Statistik richtig gestellt; so hat man bis nun beispielweise auf den riesenhaften Anteil der jüdischen Frau in Rußland an der Prostitution hingewiesen und niemals daran gedacht, daß die Bezeichnung „Prostituierte" oft nur dazu dient, den Aufenthalt außerhalb des Ansiedlungsrayons zu er? möglichen. Die relativ günstige Statisttk, die wir in der überwiegenden 'Zahl von Delikten für die Niederlande und Frankreich 'finden, sind ebenso wie in Nordamerika das Produkt relativ günstiger Wirtschaftsverhältnisse. . Einen eigenen Teil (§ 3) widmet der Verfasser der Kriminalität der Juden in Deutschland. Auch hier ist das Resultat ein sehr günstiges; denn wir sehen, daß die fakttsche Kriminalität nicht wesentlich von jener abweicht, die nach der Berufsgliederung zu erwarten ist und daß sie im allgemeinen noch günstiger ist. ' Meineid, Betrug und Wucher, deren Höhe sich ja durch viele andern Umstände erklären läßt, nähern sich konstant der Sollkriminität. Der große Prozentsatz an Beleidigungen wird paralysiert durch die minimale Zahl körperlicher Verletzungen. Auf die Verletzung der Wehrpflicht, die oft der geringen Körperkraft wegen gemieden wird, bleibt natürlich die unverhältnismäßig große Auswanderung nicht ohne Einfluß; so werden neben Verstorbenen auch jene bestraft, deren Wehrpflicht durch Erlangung einer fremden Staatsangehörigkeit erloschen ist. — In der Betrachtung über „Oesterreich" erweckt cs besonderes Interesse, daß Galiziens Kriminalistik unbedingt günstig ist; die. viclgeschmähten galizischen Inden, die unter Not und Entbehrungen dahinvegetiercn, haben eine weit niedrigere Gesamtsumme von Verbrechern, als ihnen zu käme; selbst die Betrugskciminalität ist unter den Inden Galiziens weit geringer als in Niederösterreich oder Mähren. Wir haben es uns versagen müssen, auf Details einzugehen: wir wollen noch erwähnen, daß nach dem Resümee Wassermanns die Entwicklung der jüdischen Kriminalität in Hinblick auf die christliche in Deutschland und Oesterreich eine völlig konforme ist. Hosfentlickj finden viele es der Mühe wert, sich mit dem Werke eingehend zu befassen; das reiche Material wird eineni jeden zu gute konimen, der Gelegenheit hat, in der Oessentlichkeit Aussprüche aus dem Munde von Leuten zu hören, die unter dem Deckmantel von Wissenschaft Antisemitismus zii predigen suchen. L. Mr.PercyBill’slnsMnt Kai.erxtrass *- 31, : Natlpnale Lehrkräfte. EngHarh, FrantdaifheUs. Bereins-Kalen-er. „Montefiore"-Vereln. Mittwoch, den 25. März, abends 9 Uhr: Generalversammlung. Verein Tiferes Bachurim. Sonntag, den 22. März, Herr Engen Neuberger: „Esra und Nehemia". Verein „Nachtas; Zwi". Samstag, 21. März, mittags 12 Uhr, im Hörsaal der Synagoge Friedberger Anlage: Lektüre der „Neunzehn Briese" unter Leitung des Herrn Tr. Bondi. Jüdischer Fraueuverciu E. B. Mittwoch, den 25. März, abends 8Ve Uhr, im Turnsaal der Realschule (Schluß des Semesters): Jüdische Frauen in der Zeit nach Mendelssohn. Referentin: Frl. Emma Baer. Diskussion. Gäste (Damen) willkommen. 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