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Neue jüdische Presse · 1908-03-13 · Heft 11 (13.3.1908) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 11 (13.3.1908)
Date
1908-03-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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~ M fit. 11 des KMsmter Ifmeßfiffien familienöMtes. Purim. I Das Fest der Wunder ist Purim. Kein Fest | vielleicht, in dem sich eine solche Fülle von Wundern drängt, ineinanderschlingt und offenbart, als Purim. Kein Fest auch vielleicht, das zu tieferer, innigerer, freudigerer und nachhaltigerer Dankbarkeit stimmt als dieses. Wir gehen unseres Weges, still, auf uns selbst bedacht, mit halbgeschlossenen Augen. Bald jagt uns das Leben, bald läßt es uns rasten, bald trägt cs uns hoch, bald beugt es uns zur Erde. Weihemomente der Einkehr, der Sclbstschau, der Rückkehr sind vorhanden, Momente, ja Tage, ja sogar Wochen, in denen wir unser Tun überblicken, messen, berichtigen und ihm allenfalls einen anderen Inhalt geben. Aber es sind eben Weihemomente, herausgehoben aus der Alltäglichkeit, hineingestellt in besondere Erschütterungen und Feierverhältnisse. Allein die Wunder wahrzunehmen, die unser ganz gewöhnliches Dasein, mit gründen, gestalten und krönen: dazu reicht unsere Einsicht, unser Seelenblick, nicht aus. Hier setzt M e g i l l a t h Esther ein, hier gibt sie Enthüllungen und Winke. Allerdings, es ist ja ein Königshof, an dem sie sich abspielt, Minister und Fürsten treten auf, Herrscherambitionen und Diplomatenumtriebe üben bestimmenden Einfluß — also lauter Dinge, die die ganze Angelegenheit als eine Haupt- und Staatsaktion ersten Ranges erscheinen lassen könnten. Und dennoch sollte sie Lehren für die Alltäglichkeit geben, für unsere kleine, unfürstliche, bürgerliche Alltäglichkeit? Und dennoch, jawohl! Denn wir werden eine Hand gewahr, die das Herz der Könige lenkt wie das Herz des Bettlers, die den unnahbar und unüberwindlich Großen in den Staub niederdrückt und den in Sack und Asche sitzenden Torhüter cmporzieht, die die Zügel der ganzen Welt in der Faust hält und sie nicht einen Augenblick locker läßt. Menschlichem Anblick und menschlichem Abwägen nach ivaren die Aussichten der Juden, der Judenheit, die damals so ziemlich in ihrer Totalität Achaschverosch unterstand, nicht eben günstig, mehr noch, hoffnungslos. Ham an in seiner eigenen Herrlichkeit und Persönlichkeit hatte den Vernichtungs- und Gütereinziehungsbefehl erwirkt, der an einem Tage ganz Juda den Todesstoß geben sollte. Und Ministerpräsident Haman war unerbittlich und eisern. Denn Mordechai hatte die Kühnheit gehabt, ihn da anzuzweifcln, anzugreifen und zu mißachten, wo er am ehesten verwundbar war: im Autoritäts- und Göttlichkeitsbewußtsein. Haman hatte sich znm Gott küren und ausrufen lassen, vor dem alles knieen mußte. Und eben darum kniete Mordechai, der nur einen Gott anerkannte und verehrte, nicht. Gefällige Hofschranzen hatten sofort diesen Grund ausgekundschaftet und ehrfürchtig knieend, mit verdrehten Augen und demütig, ersterbender Stimme ihn Haman mitgeteilt. Ja, da blieb dem Herrn nichts anderes übrig, als die ganze Verbrecherbande zu treffen und ausznrotten. Denn was ihm heute bei Mordechai passierte, konnte ihm morgen bei irgend einem anderen begegnen und dadurch konnte auf die Dauer seine. Machtfülle, sein Ansehen nicht nur geschmälert, sondern ganz und gar untergraben werden. Also kaltblütig: von der Welt weg mit diesen Empörern! Dem König gegenüber mußte freilich mit vorsichtigem, klugem Bedacht zu Werke gegangen werden, man hatte nicht umsonst 'Hofkarriere durchgemacht. Es klingt nicht eben sehr altertümlich und überholt, was er vorbringt. Da ist ein Volk, das sich Deinen Völkern nicht assimilieren will. Sie sind Eigenbrödler mit Sonderbestrebungen. Sie haben ihre besonderen Gesetze und kehren sich nicht an Deine Gesetze. Gewinn erwächst Dir von ihnen nicht. Wir wollen sie vertilgen mit Mann und Maus, mit Stumpf und Stiel. Ich werde für diese Erlaubnis den königlichen Schatz um 10000 Kikar Silber bereichern. Wie chel und - uneigennützig! Aie-fein - und vornehme Was gilt dem Ministerpräsidenten Geld und Gut, wenn Staatswohl .und Staatsinteresse irgend eine Tat erheischen! Und mit welchem Scharfsinn sind die schwachen Seiten Seiner Majestät erspäht, das glorreiche Selbstgefühl und die niedrige Habgier! Und nun, im Augenblick der höchsten Gefahr, beginnen die Wunder, diese kleinen, feinen, unmerklich eingefügten und doch so gewaltigen Wunder. Oder vielmehr, wenn wir das Ganze überschauen, vorher schon war der Boden für diese Wunder gelegt. Mordechai, vieler Sprachen mächtig, versteht auch die Sprache der beiden Verschwörer, die den König zu vergiften trachten und ihren Plan in seiner Gegenwart aushecken. Sein dem König durch Esther mitgeteilter Name wird in der Königschronik verzeichnet. Mithin, wie es scheint, ist diese Lebensrettung eingesargt und eingekapselt. Aber sic erwacht wieder, da wo sie erwachen soll. Und erwacht wieder durch ein zweites Wunder. Der König wälzt sich schlaflos auf dem Lager. Wahrscheinlich, daß ihn die Begünstiglmg Hamans durch Esther, die diesen mit zum Gastmahl lud, eifersüchtig gestimnit hat. Wie dem auch sei, diese Schlaflosigkeit hat noch ihren tieferen Grund. Die Königschronik und mit ihr Mordechais Verdienst sollen der Vergessenheit und Verstaubtheit entrissen werden. Und Haman soll vom höchsten Gipfel des Glückes, von: überschwänglichsten Taumel feines satten Ehrgeizes in die finstersten Abgründe der Selbstmißachtung und Selbstverleugnung geschleudert lverden. In Achaschverosch steigt ein wahrer Königsgedauke aus. Wie? Ich sollte Lebensrettung nicht vergelten? Dem Manne ist nichts zu Dank geschehen? Wer im Hof? .... Im Hof?. Haman. Das dritte Wunder. Haman hat den für Mordechai bestimmten Galgen soeben errichten lassen. Glückselig, endlich seinen lodernden Grimm kühlen zu dürfen. Da und gerade da konimt sein beginnender Zusammenbruch. Er soll entscheiden, was dem Manne geschehen soll, dem der König wohlwill. Seine anmaßende, schrankenlose Einbildung wird durch diese Frage aufs niächtigste aufgestachelt. Wem will der König so wohl, wem kann überhaupt der König Wohlwollen als ihm? Im Königsgewand, mit der Königskrone, auf dem Königsroß durch die Straßen mit dem Ausruf geführt zu werden: Das ist der Mann, an dessen Würde und Erhöhung der König Wohlgefallen hat, ist für ihn, für Haman, nicht zu hoch. Im König aber befestigt sich der Argwohn. Immer kreuzt dieser Haman vermessen seinen Weg. Erst beinc Gelage mit Esther und nun will er leichtfertig die Königskrone dem ersten Besten aufs Haupt setzen. Vielleicht, daß er und Esther ihn vergiften und sich auf den Thron setzen wollen? Jetzt kommen Abwehr und Demütigung. Königsgewand, Königsroß und Straßenumzug sind gewährt. Nicht so die Königskrone. Tu wie du gesagt und führe Mordechai durch die Stadt. Wunderbar,' unendlich wunderbar, dieser unvermittelte Sturz. Der Ministerpräsident und erste Günstling Seiner Majestät wird Stallknecht und Herold des Lobes für den, der ihm tiefster Abscheu und Widerpart ist. Und Mordechai tauscht Sack mit Purpur, tauscht Erniedrigung mit Erhöhung. Se jaschpil — w'se jraumeim — den macht Er klein, jenen groß. Ereignisse und Wunder überstürzen sich. Die Saat des Mißtrauens, die, an und für sich ein Wunder, im König ruht, wuchert üppig weiter bis zu dem Augenblick, wo Haman Esther zu Füßen fällt und Achaschverosch in höchster Zornesglut ausrust: Nicht einmal im eigenen Palast soll man seiner eigenen Frau sicher sein? Und wo einem gefälligen Hofbeamten das Wort in den Mund gelegt wird, daß Haman draußen einen Galgen für Mordechai habe errichten lassen. Und wo Gottes Wallung für diesen Fall ihren Höhepunkt erreicht hat, indem Haman gehängt wird. Ein gutes Beispiel, dem seine ebenbürtigen Nachkommen, 10 an der Zahl, bald folgen. Darum müssen wir dankbar sein gegen Den, der unsere-Einzel- und unsere Volksexistenz so wunderbar erhalten hat, und das Glas mit seurigem, belebendem, erheiterndem Weine hochhebcn Ihn: zu Ehren, daß Er den Kelch des Heiles uns stets zuteil werden lasse. Darum müssen wir im Herzensüberschwange den Armen spenden, spenden, wie Er uns Armen damals aus der Fülle Seiner Güte gespendet hat. Darum müssen wir das Gefühl des „Achdus", das starke Zusammengehörigkeitsgefühl erwecken durch den halben Schekel, der erst in der anderen Hälfte seine Ergänzung und Vollendung findet, und durch feine Gaben für unsere 'Nächsten. Und dann, am Ende des Tages, wollen wir zuversichtlich hoffend hinaufruscn: Umwandle uns wieder Trauer zur Freude, Kummer zum Festtag!?. Die aramäische« Papyri und der Pentateuch- „Die aramäischen Papyri und der Pentateuch". Unter dieser Ucbcrschrift bringt die „Frankfurter Zeitung" wieder einen jener kritischen Ergüsse, wie mir sie unter dem Strich ebenso wie linter aller Kritik zu finden gewöhnt sind. Es ist eine an sich unwissenschaftliche Behauptung, daß in den letzten Jahrzehnten keine ivichtigcren Funde für die biblische Wissenschaft gemacht worden sind, als die von Elephantine. 'Aber seit der tragikomischen Episode Delitzsch sind wir an kühne Behauptungen gewöhnt. Was sei Layards Entdeckungen in Ninive und Babel, seit Naville in Tell el Aniarna oder Flinders Pctrie die Welt in Staunen versetzt hat, das alles wird von den Bibelhassern mit einer Kühnheit ignoriert, die nur von der des Hauptmanns von Köpenick übertroffen wird. Jedenfalls steckt ein gewisser Heroismus auch' darin, daß die 300jährige ererbte Tradition der Bibelmißhandlung sich durch keinerlei Gegcnbeiveise in ihrcni Fanatismus irre machen läßt. Zur Sache verlohnt es sich, über Nöldekes Folgerung, daß die ägyptischen Juden den Pentateuch noch nicht gekannt hätten, weil derselbe nur einen Tempel zuläßt, mährend die ägyptischen Juden von dem Hohenpriester eine Fürbitte silr den Wicderausbau ihres Ex-Tcmpcls verlangen, nur an das Wort unserer Weisen zu erinnern: „Wemr Dir Jemand sagt: Torahkenntnis sei in Edom, so glaube das nicht!" Nöldeke scheint keine Ahnung von der „Mischnah" zu haben. Da gibt es einen Tarktat Sebachim, 14, 4. Der lauter im Auszug: Während der Stiftshütte in der Wüste waren andere Opferstätten ungesetzlich. Nach dem Uebcrgange über den Jordan, als Gilgal das Zentrum bildete, waren fremde Opferstätten gestattet. Dann kanien sie nach Silo und hier wurden die fremden Opfcrstätten wieder verboten. Dann kamen sic (unter Sainuel) nach Nob und Gibeon, die fremden Opferstätten waren wieder erlaubt. Dann kamen sie nach Jerusalem. Die fremden Opferstätten wurden wieder verboten und sind scitdeni nicht niehr erlaubt worden. Das hindert jedoch nicht, daß es in einem darauffolgenden Traktate, Menachot, heißt (Abschnitt 13, 10): Die Mischnah sagt: Wenn jemand ein Ganzopfer für den Oniastempel gewidmet hat, soll er es im Tempel zu Jerusalem opfern; wenn er es aber, im Oniastempel opfert, so genügt das. Nöldeke sollte doch wissen, daß 200 Jahre später als der Tempel in Elephantine von dem Jerusalemer Hohenpriestersohn Onias ein Tempel in Leontopolis gegründet wurde. Oder kannte die Mischnah den Pentateuch auch noch nicht? Nöldeke's Behauptung, daß Nehemiah nicht unter Artaxercxes II., 404—358, sondern unter Artaxerxes I., 464—424, gelebt habe, ist ebenfalls nichts als ein konservativer Anachronismus, nachgebetet Graetz und seinen Vorgängern, wie bereits in Barsilai Perserepoche nachgewiesen wurde. Gerade der neuentdeckte Papyrus bestätigt diesen Nachweis auf das Glänzendste, denn Bagohi, der 4285

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