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Neue jüdische Presse · 1908-03-06 · Heft 10 (6.3.1908) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seüe 10. " Krarckfurter FsrSeMMK GamMenAatt. Nr. 10 er mit dem ihm eigenen Eifer an der Uebersetzung des Hirfch'schen Bibelkommentars, den er mit einer großen originellen, geistvollen Einleitung versah und unter .dem Namen „Atcreß Zewi" abzudrncken begann, leider aber nicht zu Ende führte. Es wäre sehr gerecht, den Hinterbliebenen die Möglichkeit zu geben, die hinterlassenen Schriften des Verstorbenen zu Druck zu bringen. Aronsohn war als Mensch, eine überaus sympathische Persönlichkeit. Er vereinigte in sich die Gutmütigkeit -eines Menschenfreundes mit dem Ernst und' der Würde des Denkers. Er war bescheiden und zurückgezogen, sanft und friedfertig, floh die zuwellen durch Partelleibenschaft durchwühlte Um- Lebung; aus diesem Grunde nahm er auch keinen aktiven Antell am Zionismus in den ersten Kampsesjahren, die ja besonders in seiner Stadt stürmisch verliefen, obwohl er im tiefsten Herzen warmer und überzeugter Zionist war. Seine seltenen Tugenden gewannen ihm die Herzen aller, die ihn näher kannten. Die vielen Schiller, die er in den Jahrzehnten seiner geistigen Tätigkeit ausstellte, verehrten ihn nicht bloß seines reichen Wissensschatzes wegen, sondern liebten ihn aufrichtig. Sein Name rang allen Bürgern Kowno's und dessen weiteren Umgebung Verehrung und Achtung ab. Er ließ nicht viele seinesgleichen zurück. Kownoi. Aus -eu Vereinen. Frankfurt a. M., 5. März. Verein „Montcfiore. Gestern sprach Herr Dr. Phil. Felix Kausfmann über das interessante Thema: ,/Oer ewige Jude" in der deutschen Literatur der neuen und neuesten Zeit. Referent gab zunächst einleitend einen kurzen vergleichenden llcberblick über die drei Sagenkreise, in deren Mittelpunkt die Sagenfiguren von Faust, Don Juan und Ahasver stehen, er weist nach, wie die Sagen, im besonderen die Volkssagen, überhaupt entstehen, wie dichtende Historie in mannigfacher Erscheinungsform tätig ist im Verein mit beglaubigten Tatsachen, und daß deshalb diese Sagen in ihrer eigenartigen Verbindung von Historie, Poesie und Moral zur Geschichte gehören. Zur Gattung der ethischen Sagen, die etwas mehr als historische Dichtungen sind, gehört die Sage von Ahasver, dem ewigen Juden. Sie ist ein llrprodukt der christlichen Legendenbildung, denn die christlichen Urzeugnisse, die Evangelien, wissen nichts von dem jüdischen Schuster und der lieblosen Abweisung, die er dem Stifter der christlichen Religion zuteil werden ließ, als dieser gen Golgatha zog, und sie wissen ebensowenig von dem Fluche, der den jüdischen Schuster dafür getroffen hat. Die erste schriftliche Beurkundung der Sage von dem ewigen Juden findet sich in einer englische» Mönchschronik des 13. Jahrhunderts, und diese weist wieder auf eine armenische Quelle hin. Danach sollte in Armenien ein Mann noch leben, der Jesus gesehen habe, und der, als er den Stifter der christlichen Reli- -gion zu rascherem Gehen anspornte, die Antwort erhalten habe: ,Zch gehe, und Du sollst warten, bis ' ich wieder komme." Seitdem sich die Literatur mit dem unheimlichen Wanderer beschäftigt, hat die Sage in der'Literatur .aller Kulturvölker zahlreiche Bearbeitungen gefunden, und zwar in jeder Literaturgattung, im Roman, wie im Epos und im Drama. Der Vortragende bespricht von den zahlreichen Bearbeitern, die die Sage in der neuen und neuesten Zeit gefunden hat: Goethe, Hauff, Lenau, Mosen und Hamerling. Goethes Epos über den ewigen Juden ist ein Fragment geblieben, wohl deshalb, weil die Quellen plastische Epik verlangten, und innerhalb dieser Epik abstrakte Ideen nicht-ausgedrückt werden konnten. Hauff benutzt die Sage in seinen phantastischsathrischen. Memoiren des „Satans", die inr Jahre 1826 erschienen, zu einer Persiflage deS geselligen Lebens. Lenau hat in den Heidebildern und in einer episodischen Dichtung den Ahasverstoff bearbeitet. Whasver erscheint hier als ein rasllos und verzweifelnd Umhergetriebener, der unter dem auf ihm lastenden Fluche seufzt und immer wieder vergebens den Tod sucht. Der Mosen'sche Ahasver stellt den Kampf . dar des Irdischen mit dem Himmlischen, den Kämpf des Zeitlichen mit dem Ewigen, der eüst enden wird mit dem Untergange der Menschheit. Hamerlings Epos vom ewigen Juden ist eine 'der besten Bearbeitungen, die wir über die Sage Überhaupt besitzen. Hamerlings Ahasver hat etwas vom Mephisto des Goethe'schen „Faust". Er ist der böse Geist des römischen Kaisers Nero, er nimmt den Wettkampf auf mll 'dem stolzen Tyrannen, in dessen Seele der Much in der Gestalt der Langenweile wirkt- und der bewußtseinsstolz ausrust: ,Ach bin nicht zu vernichten" und er bleibt in diesem Kampfe Sieger. Der Referent bespricht ausführlich die Bedeutung des Hamerling'schen Epos „Ahasver in Rom", er erläutert die Tendenz, die Hamerling mit seiner Dichtung verfolgt, und er weist nach, daß der Held -tag Damerling'schen EpoS erscheint als eine schattenhaft in die menschliche Handlungssphäre übergrcifende geisterhafte Macht. Heller's „Ahasver", ein philosophisches Epos in Terzinen, ist Noch heute die umfangreichste Bearbeitung des Stoffes. Der Dichter sucht an der Hand der Geschichte den Nachweis zu liefern, daß die Menschheit, repräsentiert durch Ahasver, die ihr von der Natur bestimmte Aufgabe der Vollendung erst dann erlangen kann, wenn sie sich zur geistigen Freiheit emporgerungen haben wird und zu ihrein kulturellen Höhepunkt gelangt ist. Diesen sieht der Dichter in Goethe. Der Vortragende schließt nach einer allgemeineren Betrachtung über das literarhistorische Problem, wie es sich inr Anschlüsse au das Hamerling'sche Epos darstellt, mit 'dem Nachweis, daß alle Ahasver -Dichtungen Dichtungen der Sehnsucht sind, der Sehnsucht nach Ruhe, nach dem Tode, nach einem befreienden Ideal, und daß die Ahasver -Figur, die an sich nichts Jüdisches enthält, darstellt die Entwickelung zum ewigen Menschen und die Entwickelung des ewigen Menschheitsgeistes, der unsterblich ist und fortleben wird und nruß, wie Ahasver, der seiner Natur nach nicht sterben kann. Das zahlreich erschienene Publikum war dem Redner mit gespannten! Interesse gefolgt und dankte ihm anr Schluß seiner Ausführungen durch lebhaften Beifall. Frankfurt a. M. Neumannscher Gesang- Verein. Unter diesem Namen bildete sich hier bei starker Beteiligung ein gcinischter Chor, der sich laut § 1 der Satzungen die Pflege des deutschen Liedes zur Aufgabe stellt. Die musikalische Leitung hat der Gründer, Herr Musillchrcr I. N e u m a n n übernommen. Die konstituierende Versammlung fand am 18. Februar im Vereinslokal, Hotel Diehl (am Ostbahnhof) statt und war von etwa 40 Mitgliedern beiderlei Geschlechts besucht. In den Vorstand wurden gewählt: Die Herren K. Feist, A. Stern, A. V o g e l, B. K a tz, sowie die Damen Frl. B. Schiratz k i und Frl. M. Mayer. Die Proben finden Mittwochs, abends 9 Uhr, statt. Anmeldungen können im Vereinslokal erfolgen. Frankfurt a. M. Verein Nachlaß Zwi. Die Eintrittskarten für die P u r i m f e i e r, die am Mittwoch, den 18. März, in den Räumen der Frankfurt-Loge stattfinben wird, sind bereits fast sämtlich verkauft. Aus der Lehrerwelt. Frankfurt a. M. Von den Beamten der Israel. Gemeinde hatten bisher nur die Lehrer des Philanthropin und die beiden Gemeinderabbiner Anstellung aus Lebenszeit und Pensionsberechtigung, während die anderen Beamten nur vertragsmäßig auf Kündigung und ohne Recht auf Pension angestellt waren. Dem sozialen Zuge der Zeit Rechnung tragend, hat nunmehr der Vorstand ein Anstelluugs- und Pensionsregulativ für die Gemein de beamten aus gearbeitet, und der Ausschuß nahm in seiner vorwöchentlichen Sitzung das Regulativ, das den gleichartigen Bestimmungen der Gemeinde- und Kvmmunalbeamten möglichst ähnlich gestaltet worden ist, einstimmig an. Nach Dem Regulativ sind alle Beamten im Hanptamte — und als solche gelten diejenigen, die einen Gehalt von mindestens 1000 JL beziehen — nach lOjähriger Dienstzeit lebenslänglich ängcstellt. 'Die Entlassung kann verfügt werden, -wenn die dienstliche oder außerdienstliche Führung sich mit der Würde des Amtes 'nicht verträgt oder die Dienstpflichten gröblich verletzt werden. Das Gehalt steigt von 3 zu 3 Jahren. Ruhegehalt, Witwen- und Waisengeld richten sich nach den jeweils für die preußischen Staatsbeamten geltenden Bestimmungen. Kattowitz. Am 2. Februar fand in Gleiwitz unter Vorsitz de§ Herrn Rabb. Dr. Cohn- Kattowitz eine Sitzung des Verbandes der Pabbiuer Oberschlesiens statt. Aus dem Verbände sind ausgeschieden Dr. Norden infolge seiner Berufung nach Elberfeld und Dr. B a e ck infolge seiner Berufung nach Düsseldorf. Neu eingetreten sind die Rabbiner Dr. Gold mann-Oppeln und Winter-Myslowitz. — Herrn Amtsgerichtsrat Glogaucr-Breslau, dem früheren Vorsitzenden des oberschlesischen Gemcindebundes, ist in Würdigung seiner Bemühungen uni die Förderung des Religionsunterrichts in den kleineren Gemeinden vom Verbände eine Adresse überreicht worden. — Eingehend besprochen werden die Punkte der Tagesordnung, die die Wanderpredigten und die Revision des Religionsunterrichtes betreffen. Bezüglich der Predigten in den rabbincrlosen Geineindcn wird beschlossen: 1. An den Orten, an denen Schulrevisionen stattfinben, werden die zuständigen Revisoren auf Wunsch der betr. Gemeinden gelegentlich der Schulrevision auch predigen. 2. Die Namen der Orte sollen festgestellt werden, an denen keine Revision stattfindet, weil keine Schulkinder vorhanden sind, aber eine Predigt gewünscht wird. — Der Vorsitzende spricht sodann ausführlich über die Geschichte der Einrichtung der Revision des Religionsunterrichts. - Durch gemeinsame Verhandlungen des Verbandes der Synagogengemeinden Oberschlesiens und des oberschlesischen Rabbinerverbandes ist vor mehreren Jahren eine regelmäßige Inspektion des Religionsunterrichts in den rabbinerlosen Gemeinden Oberschlesicns eingesührt worden, die Revisionen werden von den Mitgliedern des Verbandes in regelmäßigen Abständen'vorgenommen. In letzter Zeit ist auf Veranlassung des Verbandes von xiner Kommission ein Lehrplan für diese Schulen aufgestellt worden. Budapest. Der Direktor der israel. höheren Handelsschule, Samuel Bun in Nagykanizsa, erhielt das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens. — In -L-atoraljaughelz verschied der israelitische Schuldirektor Israel Singer im 80. Lebensjahre. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Sehr geehrter Herr Redakteur! Da ich, wie Sie wissen, der durch das neue Schulunterhaltungsgesetz für das jüdische Schulwesen geschaffenen Lage der Verhältnisse schon lauge meine Aufmerksamkeit widme, gestatten «ie mir vielleicht noch einige Bemerkungen zu der über den inzwischen vom Landtage genehmigten „Resolntionsfonds" in diesem Blatte geführten Debatte. Ich will zuvor bemerken, daß ich — so sehr ich auch die Einigilng aller gesetzestreucn Juden in Deutschland für eine zwingende Notwendigkeit halte — nicht Mitglied der reorganisiertcii „Freien Vereinigung" bin, da dieselbe — trotz aller noch so imposanten Versammlungen — so lange nicht die geeinigte deutsche Orthodoxie repräsentiert, als sie nicht imstande ist, den Frankfurter Zwiespalt wenigstens aus ihre m Wirkungskreise in allgemeinen Angelegenheiten restlos auszuscheiden. Dennoch aber muß ich den Ausführungen des Herrn Dr. —r ent« gegentreten. Er sagt ja selbst, daß er sich um Politik nicht kümmert, sonst hätte er als aufmerksamer Leser Ihrer gesch. Zeitung die Rolle kennen müssen, die der Verband der deutschen Juden in der Angelegenheit des Schulgesetzes bisher gespielt hat, und die es der „Freren Vereinigung" gradezu aussichtslos erscheinen lassen dürste, den Verband zu belehren. Der „Freien Vereinigung" schwebte als Ziel ihrer Tätigkeit vor: Erhaltung undAusbreitung des jüdischen Volksschulwesens, und wo das nicht möglich ist, Kräftigung der-jüdischen Religio n s s ch u l e n. Der Verband d. d. I. wünschte nur Gleichstellung mit den christlichen Konfessionen, was in praxi auf eine Vernichtung des gesamten jüdischen Volksschulwesens hinauslief (Herr Dr. —r möge nur den § 36, 9 des.Schuluirterhaltungsgesetzes cinsehen), und die Verlegung des jüdischen Religionsunterrichts in die öffentlichen Kommunalvolksschulen, was, nebst vielen anderen Uebelständen, ebenfcllls praktisch zur Folge hätte, daß der größte Teil der in Frage kommenden Kinder kein Wort Hebräisch, mehr gelernt hätte; die verdächtige Vorliebe der liberalen Führer des Verbands für die sogenannte (in Wirllichkeit rein christliche) Simultanschule zeigte sich dann besonders in dessen „Leitsätzen", die mit ihren versteckten und offenen Ratschlägen auf Auflösung der jüdischen Volksschulen selbst bei religiös sehr weit links stehenden Leuten Anstoß erregten. Ich habe mir die Frage des Herrn Dr. —r in Bezug auf die Herrn Hirsch und Gumperz damals auch vorgelegt (soweit ihre Zugehörigkeit zum Verband in Betracht kam) und das mit mehr Recht als in dem vorliegenden Falle, denn da erlitt m. E. ihre religiöse Ueberzeugung und nicht, wie hier, ihre event. politische Ansicht einen schweren Angriff. Doch das ist ja deren Sache. Es wäre also ganz falsch, wenn Hr. Dr. —r meint, die „Freie Bereinigung" solle sich von Politik ganz fernhalten und sich nur den religiösen Angelegenheiten widmen; im Gegenteil, die hoffentlich irr Zukunft wirllich einige Orthodoxie muß ganz entschieden Politik treibe», wenn anders sie bei ihren Gegnern geachtet und beachtet werden soll. Das Beispiel Schulgesetz zeigt, daß beim Verband Fragen, die auch eine religiöse — und warum das nicht auch sagen — und jüdisch-nationale Seite haben, nicht so behandelt werden, wie 'wir von unserem Standpunkte aus das wünschen müssen. Und zum Beweis dafür mögen die Veröffentlichungen zum.Resolutionsfonds dienen. Herr Dr. N. N. hat schon sehr richtig darauf hingewiesen, daß der .Staat prinzipiell nur leistungsschwache Kommunen unterstützt. Um das zu wissen, braucht man wahrlich nicht erst .das Schulgesetz und den Etat zu kennen, die die Nichtigkeit dieser Behauptung beweisen. So viel Politik wird Herr Dr. —r doch treiben, um zu wissen, daß der preußische Staat seit Miguels Zeiten von den leistungsfähigen Gemeinden Wohl.sehr gerne nimmt, ihnen aber niemals gibt. 'Daran ist nichts zu ändern und bei Annahme der Resolution hat überdies die Regierung ausdrücklich erklärt, daß sie den jüdischen Gemeinden nicht gewähren kann, was sie den christlichen verweigert; wenn übrigens eine leistungsfähige Gemeinde vom 'Staat 50.6iS 100 M. Züsckrrß bekommen würde (meines Wissens erhält eine jüdische Landgemeinde im Bezirk R. für ihre Al«- mentarschule mit die höchste Mterst^ungl kn

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