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Neue jüdische Presse · 1908-03-06 · Heft 10 (6.3.1908) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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zil fit. 10 des FranKskchr IsmekWm #mnitien6[iitfes. Aus -er zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M., 3. März. Ich habe es stets als eine schwere Schädigung des Zionismus empfunden, daß die zionistischen Vereine sich mit der Behandlung von Angelegenheiten der Gegenwart begnügen und sich so wenig bemühen, unter ihren Anhängern die Tradition des jüdischen Volkes, den alten, nngeschwächten jüdischen Geist wieder lebendig werden zu lassen. Der klar geprägte Sah Herzl's: ,/Der Zionismus ist die Rückkehr znm Judentum vor der Rückkehr ins 'Judenland" ist gar vielen Zionisten niemals zum Bewußtsein gekommen, und diese Inkonsequenz ist schuld daran, wenn der Zionismus nur sehr langsam an innerer Kraft zunimint. Der Vortrog, den Herr Referendar G o t t - lieb gestern in der Zion. Ortsgruppe hielt, >var mir deshalb eine wahre Freude; denn mit vollen Händen schöpfte er aus dem Urborn des jüdischen Geistes, aus der Bibel. „Einige Hauptmerkmale des jüdischen Wesens" lautete das Thema, denr Redner die Frage: „W a s i st 'j ü b t s ch?" vorausschickte. Bis zur politischen Vernichtung des jüdischen Volkes konnte, so führte Redner ans, diese Frage nicht auftauchen, da ein schöpferisches, lebenstätiges, im steten Werden und Wandeln bcgrisfenes Volk keine Zeit zu beschaulichen Reslexionen über sich 'und seine Art findet. Mer auch das Mittelalter, das den Juden mit den ewigen, ruhelosen Hetzjagden zwang, seine ganze geistige Kraft daran zu setzen, die jüdische Art unter all' den Verfolgungen zu erhalten, ließ diese Frage nicht aufkommen. Erst mit Mendelssohn setzt eine fruchtbare Literatur über das jüdische Wesen ein. Diese Literatur bemüht sich'bei ihrem apologetischen Charakter aber nur, nachznlveisen, daß die Juden gute Menschen, gute Bürger, kultivierte Europäer sind, und die Frage nach dein Wesen des jüdischen Menschen erscheint ihr ebenso unmöglich wie die nach dem Wesen des protestantischen Menschen, ein Fehler, init dem das Erstarken der nationalen Idee bei uns Juden in den letzten 2 Jahrzehnten aufräumt. Redner geht nun auf sein Thema über. In dem entschiedenen lieber wiegen der Idee über die Materie sieht er eine der am deutlichsten hcrvortretcnden Erscheinungen im jüdischen Wesen (Jakob der Jauschew Auholim. Die jüd. Gesetzgebung die einzige, die reines Jdeenwcrk, denn zuerst die Verfassung, dann der Staat, zuerst das Recht, dann die Ausübung und Gewohnheit, während sonst inr Völkerlebcn überall die umgekehrte Entwickelung. Durchaus ideal auch die Geschichtsauffassung Her Bibel, die die Zukunft des jüdischen Volkes von der Befolgung oder Nichtbefolgung geistiger und sittlicher Grundsätze bedingt. Die Poesie Gedankenlyrik. Der beispiellose Scharfsinn der Talmudliteratnr). Die Betonung des Verstandes hat diejüdischc Selbstkritik, die jüdische Geistreichigkeit und den jüdischen Witz hervorgebracht (Die Propheten geben geistreiche Wortspiele). Der geistige Partikularismus und die Op Positionslust, besonders gefördert durch das Talmudstudium, sind gleichfalls eine jüdische Eigentümlichkeit. Die Betonung des Geistigen hat eine Vernachlässigung desMateriellen zur Folge (Im Althcbräischen heißt der Kaufmann „Kenaani" Ausländer. Der Gelehrte und nicht der Reichste ist der Angesehenste. In jeder Sprache „Gold", „golden", „Silber", „silbern" in übertragener Bedeuhtng gebraucht, nur im Hebräischen nicht). Im geistigen Leben der Juden beherrscht das'sittliche Prinzip alles andere (Das jüdische Recht ordnet die Lebensbeziehungen der Menschen als sittliche, das römische Recht als egoistische Wesen. Das jüd. Gesetz macht das formale Recht un* wirksam, wenn dadurch ein Unrecht geschieht und läßt die moralische Verurteilung bei rechtlich günstigem Spruch zu. Für Recht und für Wohltätigkeit hat die hebräische Sprache nur ein und denselben Ausdruck, und wie aus der Bibel bekannt ist, hat der Besitzende die gesetzliche Pflicht, dem Besitzlosen zu geben). Der Redner beleuchtet zum Schluß das V e r - antwortlich keitsgefühldes Juden als Juden, seinen sittlichen Ernst, seine Lebensfreude und findet als Krönung des sittlichen und geistigen Prinzips die jüdische Gottesidee. — Dem sehr beifällig aufgenommenen Vortrage folgte eine interessante Diskussion. Berli«. Pflanzungs-Verein Palästina. Ausweis der Mitgliedsbeiträge vom 1. November 1907 bis 15. Februar 1908. 1. OrdentlicheMitlieder: Konsul Sobernheim, Dr. Fritz Cassel, ankdirektor Curt Sobernheim, Frau Generalkonsul Eugen Landau s. A., Dr. Moritz Sobernheim, Dr. H. G. Heymann, Frau Frida Hahn,'sämtlich in Berlin; Hekmann Daniel Und Frau, Krotoschin; Zion SinSheimer s. A., Newhork; Jüd. Volksverein „Zion", Teplitz-Schönau; Aron Josef Bravmann, Wien; Albert Sabereki s. A., Berlin; Dr. Camille Levy, Biel; Max Gaudezk, Kölln; Mraham Sojka-MMyezkow; Mauricie F. Klabin, Sao Paulo; Selman Laser, Sao Paulo; Daughtcrs of Zion, Baltimore (2 Dunam); Hermann Struck, Berlin; Rechts-Professor A. G. Bielkowski-Petersburg; Redakteur S. Botschaft, Breslau in Sa. 22 Dunam L 80 »kl 2. Außerordentliche Mitglieder: Raphael Gradenwitz, Berlin; Verein „Jeschurun", Troppau; Clara Boschwitz, Berlin; M. A. Sulkvwich, Portland ü 20 JL auf je 1 Dunam; I. L. Jsaacs, Baltimore 5 Konto 4 Dunam 54,08 Jk; Moses Mord Epstein, Cleveland 40 Jk 3. Ratenzahlunge u. Dr. Jacob Thon, Jaffa; Max Moritz, Cleveland; Leon A. Miller, Bnsallo a 10 Jk Hamburg. In einer stark besuchten Versammlung der zionistischen Ortsgruppe führte Prediger Dr. .Paul Rieg er zahlreiche Gegenstände des M u s e u m s .f ü r jüdische Volkskunde vor und erklärte sie. In fesselnder Darstellung ging der Redner die verschiedenen Perioden der jüdischen Geschichte durch und suchte unter Demonstration zahlreicher Münzen, Mbildungen, Geräte usw. ein Bild der jeweiligen Kultur der Juden zu entwerfen. Unter den ältesten'Gegenständen sind besonders erwähnenswert ein Stein und Mosaikstückchen vom Tempel des Herodes. Eine Reihe von holländischen, französischen und italienischen Knlturgegenständen bewiesen, welch künstlerisches Empfinden schon in früheren Epochen unter den Juden vorhanden waren. Zum Schluß wurden noch Mbildungen uich Geräte gezeigt, die für die Geschichte der Hamburger Juden wertvoll' sind. Breslau. P nr im - F l u g b l a t t Das Hauptbureau des Jüdischen Nationalfouds hat ein Purim-Flugblatt erscheinen lassen. Die verehrlichen Leitungen der Ortsgruppen werden gebeten, möglichst umgehend der Propaganda-Mteiluug des Jüdischen Nationalfonds, Breslau VI, Königsplatz 3b, mitzuteilen, wieviel Exemplare dieses Flugblattes sie zu erhalten wünschen, und gleichzeitig die Versendung desselben an ihren Orten vorzubereiten, also event. Adressen ausschreiben zu lassen und dergleichen. Es wird sich vielleicht auch enipfehlen, nachdem das Flugblatt einen Tag vor Purini versandt ist, am Purimtagc durch Kinder oder sonstwie bei den Flugblatt-Empfängern sammeln zu lassen. Bestellungen auf das Flugblatt, die nach dem 10. März cingehen, können nicht mehr berücksichtigt werden. Breslau. Am Donnerstag, den 27. Februar fand in dem bis ans den letzten Platz gefüllten Saal der Lessing-Loge die erste öffentliche Versammlung der neugegründeten Ortsgruppe des M i s r a ch i statt. Im Namen der Gruppe begrüßte Herr Prof. D r. B a d t die Erschienenen und gab eine Schilderung seines eigenen zionistischen Werdeganges. Er schloß mit einem warmen Appell an die Anwesenden, sich dem Zionismus anzuschließen, umsomehr als jetzt niemand mehr Gründe der Religion für sein Fernstehen vorschützen könne. Den Beweis für diese Behauptung trat Herr Rabbiner Dr. Leszynsky, Berlin, an in seinem einstündigen Vortrag „Zionismus und Religion". Der Redner löste seine Aufgabe in gradezu meisterhafter Weise und seine Worte wurden durch reichen Beifall, sowie eine Reihe Beitrittserklärungen belohnt.! ' I . Nach einer leider -vergeblichen Aufforderung an unsere Gegner, sich zur Diskussion zu nielden, schloß Herr Prof. Dr. Badt mit einer kurzen Ansprache die Versammlung, welche einen erfreulichen Erfolg für das zionistische Leben mnserer Stadt bedeutete. Bialystok. Weite Kreise dürste es wohl interessieren, daß durch die plötzlich im Auslande eingetretene Krisis, dein Begründer und Pfleger der Rational-Bibliothek in Jerusalem jegliche Stütze entzogen wurde und es ihnr deshalb unmöglich ist, dieses Institut weiter ausbauen zu können. Die National-Bibliothek, deren Vortrefflichlichkeit Herr Dr. Heinr. Locwe in einer Broschüre nachgcwiesen hat, hat bereits über 20 000 Werke, auf dem Gebiete der Hebraica und Judaica aufzuweisen, — darunter Inkunabeln und Seltenheiten ersten Ranges — bewährt sich vorzüglich, ja sie ist fast unerläßlich und erfreut sich zahlreichen Zuspruchs. Es ist daher von großer Wichtigkeit, grade jetzt den Begründer und Pfleger der Nationalbibliothek Dr. med. Joses Chasanowicz-Bialystok durch Geldbeträge zur Seite zu stehen, um sein teures Werk weiter segensreich fortsetzen zu können. Personalien. Frankfurt a. M. Am vergangenen Schabbos waren es fünfundzwanzig Jahre, seit Herr Schochet JacobSchüler beim hiesigen M i n j ander e i n als Chason und Kore tätig ist. Mit außerordentlicher Hingebung und Gewissenhaftigkeit hat der allbeliebte, vielseitig wirkende Jubilar während dieser langen Reihe von Jahren die Obliegenheiten seines heiligen Amtes erfüllt, und wenn einer, so hat er sich den Dank des Vereins erworben, dessen Interessen er stets, oft unter Hintansetzung seiner Gesundheit, wahrgenommen hat. So durste denn der noch rüstig schassende treue Beamte an seinem Ehrentage mit berechtigter Genugtuung die herzlichen Glückwünsche zahlreicher Freunde und Bekannter entgegennehmen. Wenn sein bescheidener Sinn einer offiziellen Würdigung seines Verdienstes auch abgeneigt ist, so werden Herrn Schüler die ihm gelegentlich seines Jubiläums aus denr Kreise der Vereinsmitglieder so vielfach bezeugten Sympatien wohltuend berührt haben und ihn mit Befriedigung erfüllen. Möchte es dem wackeren Manne vergönnt sein, in gleicher Rüstigkeit und Frische dereinst auch sein goldenes Amtsjubilünm zu feiern! Berlin. Handelsrichter und Handelskammer-Mitglied I. Philippsohn, Chef der Firma Philippsohn u. Leschziner, ist verschieden. Hamburg. Gcneraldircktor Ball in erhielt den Kronenorden 1. Klasse. Ballin dürfte wohl der erste Jude sein, dem diese hohe Ordensauszeichnung zuteil wurde. Mannheim. Der im Alter von 94 Jahren verschiedene Herr I. Moritz Bielefeld war lange Jahre Mitglied des Synagogenrats. Königsberg. Stadtrat Samuel Magnus, Präsident der israel. Gemeinde und Mitglied des Vorstandes des Hülfsvereins der deutschen Juden, ist im 74. Lebensjahre gestorben. Magnus wurde in Lyk, dessen Ehrenbürger sein Vater war, geboren. Bereits als lüjähriger übernahm er mit seinem Bruder das väterliche Manufakturwaren-Engrosgeschäft. Er ging jedoch bald nach Königsberg und wandte sich hier der Teceinsilhr zu. Nachdem er 10 Jahre Stadtverordneter gewesen war, wurde er 1893 zum Stadtrat gewählt. Magnus hat sich sehr lebhaft auf zahlreichen Gebieten des kommunalen und des jüdischen Gemeindelebens betätigt und sich überall die höchste Achtung erworben. (ll.) Pose«. Hartwig Hirsch,seit45Jahren in treuester Pflichterfüllung Beamter der Israel. Krankenverpflegungs- und Beerdigungsgesellschaft, verschied im 70. Lebensjahre. — Im 97. Lebensjahre verschied in Crone a. d. Br. die Witwe Doris Rosenbaum. Wien. Polizeirat Moriz Stukart, Leiter des Sicherheitsbureaus der Polizeidirektion, erhielt den Titel Regierungsrat. Budapest. F'äulein vr meä. Reaine Fischer, Tochter des Lehrers Moritz Fischer in Naghbecskerek, wurde als Aerztin des Komitatsspital in Nagybecskerek angestellt. — Reichsratsabgeordneter Dr. jur. Soma Bisontai erhielt den Titel Ho fr nt. — Bisontai, der früher Weiß hieß und aus Gyöngyes stammt, ist als Advokat und als Politiker bekannt. Er stand eine zeitlang dem Zionismus sehr nahe, konzentriert aber als Freund des Ministers Kossnth längst sein ganzes Interesse einzig auf dessen Partei, zu deren einflußreichsten Persönlichkeiten er gehört. Budapest. Der Grundbesitzer Alexander Straffer, Seniorryes der Firma Straffer und König, wurde in den erblichen Adelsstand erhoben. London. Die Witwe Oberst Golds m i d' s, des Gründers der Jüd. Knabenbrigabe und Anhängers der zion. Bewegung, hat sich mit einem Christen verheiratet. Frau Goldsmid heißt jetzt Frau de Bere Beauclerk, ihr Mann ist ein Enkel des Fürsten von St. Libans. Eine ihrer Töchter ist die Gattin des ältesten Sohnes Lord Swaythling's, der eine Zierde der orthodoxen Jndenheit ist, und eine andere ihrer Töchter nimmt an der „Jto"-Bewegung lebhaften Anteil. Kowno (Rußland). Der hier jüngst im 56. Lebensjahre verstorbene hebräische Schriftsteller M. S. Aron sohn verdient einen Nachruf in dieser Zeitung. Aronsohn war eine der immer mehr verschwindenden Erscheinungen aus der sogenannten Haskala-Epoche. Schon sehr früh begann er seine schriftstellerische Tätigkeit und füllte die Spallen des ,^ewonaun" (das Organ der frommen Maßkllim jener Zeit)) mit publizistischen und auch wissenschaftlichen Artikeln, so daß er sich in kurzer Zeit den Ruf eines bedeutenden Schriftstellers erwarb. Er konnte aber mit der Strömung der Zeit nicht mitkommen Und zog sich deshclb in die stille studierstube zurück, um sich da seiner lieben Arbeit und den seinem Geiste entsprechenden Anschauungen voll und ganz widmen zu können. Denn M. S. Aronsohn war von einer seltenen Arbeitsfreudigkeit und einem nie ermüdenden Schafsenseifer erfüllt. Ein Produkt vieljähriger Mühe ist das Buch: „More Nebuche ha'dor" (Lehrer der Verirrten des Zeitalters), ein tiefes, von originellen, mitunter auch sehr richtigen Gedanken durchtränktes Werk über jüdische Religionsphilösophie und Glaubensprobkeme. Streng traditionell wie er war, war dieses Gebiet sein Lieblingsfach. Sehr bedauerlich ist es, dass der unermüdliche Arbeiter bei Lebzeiten sein Werk der größeren Oeffentlichkeit nicht zugeführt sehen konnte. Eine Reihe von Jahren gab er sich mit den Schriften des Rabb. S. R. Hirsch ab und übertrug die „19 Briefe" und den „Chaurew" in ein schöneu»b leichtes Hebräisch. In den letzten Fähren arbeitete 4785

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