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Neue jüdische Presse · 1908-02-28 · Heft 9 (28.2.1908) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 9 (28.2.1908)
Date
1908-02-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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zu Nr. 9 rfcs Imnkfuttec lanuMMfes. Inhalt der Beilage: Artikel: Die Lage in Marokko. — Aus den Vereinen. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus der Lehrerwelt. — Gedicht: Rasch tritt der Tod den Menschen an. — Sprechsaal. — Bunte Chronik. — Aus der Geschäftswelt. — Briefkasten. — Kunst u. Literatur. — Vereins-Kalender. Die Lage in Marokko. Das Deutsche Bureau der Alliance Jsrnelite Universelle stellt uns nachstehenden Bericht des Allianceschnlleiters Pisa zur Verfügung: Casablanca, 13. Febr. 1908. IN Ergänzung meines Schreibens vom 9. Febr. teile ich Ihnen mit, das; 30 neue Fliichtlingsfamilien aus Settat gestern hier ekngetroffeii sind. Ihr Zustand war ebenso kläglich, wie der des Zuges vom 9. -Februar. Die Zahl der Flüchtlinge ist nun a u f 255 gestiegen , Männer, Frauen, Kinder. Die neu angekommencn 30Ia»iilien hatten während des Bombardements der Kasbah Settat nicht verlassen wollen. Mer aus Furcht vor einem erneuten Angriff der Araber entschlossen sie sich, den französischen Trccppen bis Casablanca zu folgen. Alle sind einstimmig in dankbarer Anerkennung für die hochherzige Gastfreundschaft der Offiziere und Soldaten. Der Artilleriekommandant Massenet ließ Frauen und Kinder auf die Munitions- und Proviantwagcn setzen, obwohl die Tiere recht ermüdet waren. Kapitän Vernier überließ sein Pferd einer armen blinden Frau und marschierte 5 Stunden lang neben ihr zu Fuß. Noch andere ähnliche Handlungen der Nächstenliebe werden berichtet. Heute besuchte mich Schcik Ben-Omär, der ans meine Empfehlung die, Israeliten so wirksam geschützt hat. Mit ihm kam;Herr Carl Ficke, der Doyen der Deutschen Kolonie. Sie bestätigen mir Punkt für Punkt den Bericht, den ich Ihnen chegestern geschickt .habe, und fügten einige Einzelheiten hinzu, die absolut zutreffend befunden worden sind. Bei dem Mmarsch der Franzosen nach der ersten Besetzung von Settat warfen sich die Araber auf den Mcllah mit der Absicht, die Jude» zu vernichten, weil sie die französischen Truppen begrüßt hatten. Etwa 40 Israeliten wurden getötet, — dem Morden wurde erst ein Ende bereitet, als Schelk Omar in Person zum Schutze des Mellah sich dort einfand und eigenhändig einen Plünderer tötete, um offenbar zu machen, daß er die Räuberei nicht dulden wolle. Dank dieser Haltung wurde den Uebriggebliebenen das Leben gerettet. Schcik Omar hat mir versichert, daß viele Juden jenseits Settat zurückgeblieben sind und wahrscheinlich nach dem zweiten Mmarsch per Franzosen den Tod gesunde» haben. Schcik Omar, der von den französischen Truppen gefangen genommen und dann wegen seiner loyalen Haltung wieder in Freiheit gesetzt worden war, ist im Begriff, nach Settat zurückzukehren. Er wird mir schreiben, ob die Rückkehr der Israeliten dorthin möglich sein wird. Js. Pisa. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M., 23. Febr. Centralverein ii rael. Gemeindemitglieder. — Die gestern staltgehabte Generalversammlung wurde von Herrn Rechtsanwalt Dt. K a tz e n st c i n geleitet, der mittcilte, daß die Herren Justizrat Dr. Hecht, Dr. med. W. Hanauer und Rosenthal aus dem Vorstand ansgeschieden seien und Herr Max Appel eine Wiederwahl ablehne. Herr Dr. med. W. Hanauer erstattete den Geschäftsbericht. Der Verein war in der Frage des Synagogenbanes, der Errichtung eines konserdaliven Jugendgöttesdieustes und der Uebernahme der Religionsschule auf den Etat der'Gemeinde tätig. Er erreichte, daß das Banen der Synagoge am! Sabbat uni erbleibt, während die beiden anderen Angelegenheiten noch nicht erledigt sind. Der Verein ist dem Deutsch-Israelit. Gemeindebunde und dem Verband der Deutschen Juden korporativ beigetreten, hat sich mit der Revision der Statuten befaßt und war bei der Wahl von Mitgliedern für den Ausschuß der Gemeinde agitatorisch tätig. Herr Rothschild gab hierauf den Kassenbericht, der 247 M. Bestand aufweist und von den Revisoren, den Herren Neuhaus und Ettinger, in Ordnung befunden wird. Der Mitgliederbestand beträgt 558. ' Aus der langen und lebhasten Debatte, die sich den Berichten anschloß, können wir nur einiges herausgreisen. Herr Martin L e v i g a r d mißt die Schuld an dem ungünstigen Ausgang der Wahlen der schwankenden Haltung des Vorstandes zu, der im vorhergehenden Jahre dem Freisinnigen Verein Zugeständnisse gemacht habe, die er nicht hätte machen dürfen. Es fehle dem Verein ein festes Programm. Die Uebernahme der Rcligionsschule — analog dem Pbilanthropiu — von der Gemeinde würde er begrüßen, denn damit erhalte die Zukunft der Schule eine sichere Basis und die Lehrer derselben die Pensionsberechtigung. Herr Max Bauer wünscht mehr Vorträge. Herr Dr. Heincmann erkennt an, daß der Verein zu wenig einig sei, deshalb bedürfe er eines Programms. 'Auch er wünscht mehr praktische 'Arbeit »nb schlägt neben Vorträgen die Verteilung von Broschüren vor. Er beantragt, den Vorstand von 15 auf 7 Mitglieder zu ermäßigen und den Mitglicdsbcitrag zu erhöhen. Herr F r i tz S o n d h e i m e r fragt, warum nicht bereits seit den Wahlen gearbeitet worden sei; der Artikel des Rabbiners Dr. Seligmann und der Vortrag des Justizrats Dr. Breslauer im Freisinnigen Verein hätten doch Veranlassung dazu geboten. 'Er erwähnt auch den Antrag Geheimrat Blumenthal's in der Berliner Repräsentantenversammlung, der die Repräsentation und die sozialen Pflichten dem Vorstand und das religiöse Leben ganz in die Hand der einzelnen Richtungen gibt; er erklärt, daß er in einer derartigen Reorganisation auch für die Frankfucter Gemeinde einzig und allein die Gewähr für eine friedliche und gedeihliche Entwicklung sehe; Hamburg, in dem dieses System seit Jahrzehnten seine Verwirklichung gefunden hat, zeige klar seine Vorzüge. Die Debatte schließt mit der Annahme der Anträge, jeden Monat einen Vortrag abhaltcn zu lassen, als Mitgliedsbeitrag mindestens 50 Pfg. zu fordern, den Vorstand von 15 aus 7 Mitglieder zu vermindern und eine Kommissioir zur Ausarbeitung eines Programincs zu ernennen, die bis Oktober einer außerordentlichen Generalversammlung Bericht erstattet. In diese Kommission wurden folgende.Herren gewählt: Hugo Fränkel, Dr. Heinemann, D r. K a tz e n st e i n, M a r t i n L e v i g a r d, W i l l y Mainz, Lehrer Schwab und Fritz Sondh e i m e r. Die Vorstandswahl ergab folgendes Resultat: Max Bauer, Hugo Fränkel, Dr. Heinem a >! n, Dr. Katzenstein, Eli Michael, Rothschild und Lehrer Schwab. Frankfurt a. M. Verein »Rekor Chajim" Beänstigend eng aneinander gedrängt, sodaß in dem großen «aale kein freies Plätzchen mehr war, saßen und standen 400—500 Menschen in her Accla der Israelitischen Realschule, um den Vortrag des ^Herrn D r. Raphael Breuer über das Thema „« i n d Träume Schäume?" zu hören; — ein Beweis von der wachsenden Beliebtheit der Reden Dr. Brener's, denn es war diesmal bereits das dritte Mal in diesem Winter, daß er im „Mekor Chajim" sprach! — Uns selbst freilich sagt bei aller Aucrkcuiinng seines Wortreichtums und rednerischen Schwunges die Art, wie Redner seine Vorträge aufbani, nicht zu, da die Prüfung des logischen Gedankenganges seiner Vorträge durch eine Unmasse von Beiwerk dem Publikum sehr erschwert wird. Redner sührte diesmal kurz folgendes aus: Die moderne Psychologie glaubt den Traum mit einem Zustand zwischen Schlafen und Wachen, in denr die Gehirntätigkeit wieder in Tätigkeit tritt und sich mii dem «ehnerv verbindet, restlos erklärt zu haben. Dem kann aber nicht so sein. Denn.warum tritt im Traume nur der eine Sinn des Sehens in Funktion -- und nicht auch die anderen vier Sinne?*) Eine objektive Prüfung der Träuine ergibt, daß in ihnen ein melophysisches Etwas enthalten ist, daß die Wissenschaft nie wird lösen können. Die Erklärung der modernen Wissenschaft war auch schon dem Talmud bekannt, der den Traum als ein pädagogisches Mittel benutzl, indem er verlangt, daß schlechte Träume den Menschen znin Nachdenken über seine Lebensweise und zur Einkehr mahnen sollen. Redner schließt mit einem Seitenhicb auf den Zionismus, indem er die Männer, die sich in ihrem „Irren" bemühten, Israel nach Zion zurückzufahren, beschuldigt, Israel vorzeitig aus seinen Träumen nach Zion haben reißen zu wollen. Frankfurt a. M. Verein .Montefiore". In dem Vortrags-Programm ist eine kleine Verschiebung eingetreten; am uächsten Mittwoch, den 4. März er., spricht Herr Dr. Felix Kausfmann über das Thema: „Der ewige Jude" in der deutschen Literatur der neuen und neuesten Zeit. *) Diese Frage läßt sich unsers Erachtens dahin beantworten, daß keiner der 5 Sinne so intensiv und so fortwährend tätig ist, wie der Sehnerv. Redner hat ja selbst ein Beispiel hierfür gebracht, indem er erzählte, daß ein Komponist, der den ganzen Tag nach einer Melodie gesucht hatte und ihrer nicht Herr werden konnte) sitz M Traume hörte und beim Erwachen niedersdM Den letzten Vortrag her diesjährigen Winter- Saison hält dann am 11. März Herr Zahnarzt S. Nathanien über „Maimonides als 'Arzt". Am Mittwoch, den 18. März, findet die Purim- Feier des Moutefiore-Vcreins im Saale des Kaufmännische» Vereins statt, während am Tage des Purim-Festes selbst, am Dienstag, den 17. März, in beu Bereinsräumen eine nur "für Mitglieder bestimmte interne Abend-Unterhaltung veranstaltet wird. Das- Bureau des Montefiore-Vereins teilt uns mit, daß Eintrittskarten zu dem Kinephon-Theatcr in der Kaiserstraße infolge Vereinbarung mit der Direktion für die Hälfte der Knssenpreise, also zu ./< 0.60, 0.40, 0.25, im Vereinslokale zu haben sind. — Die Ausgabe der Billets erfolgt während der Bureaustunden am Dienstag und Donnerstag Abend von 8—10 Uhr. Frankfurt a. M. Jüd Frauenverein. 'Am Montag beendete Herr Jacob Rose »heim ft tuen Zyklus „Gebet und Gebet e", dessen reicher Inhal: von den Zuhörerinnen mit Begeisterung ausgenommen wurde. Nachdem Herr Rosenheim in Anlehnung au Channah's Gebet das Wesen des Gebetes durch die Werte Tesilloh, Tehilloh und Techinoh erläutert hatte, führte er seine Zuhörinnen zu den erhabenen Anschauungen, die in dem Morgenlied «chachar Awakcschcho, in Adann aulom, den Berochoth und Elauha neschomoh zum Ausdruck kommen. Mit zu Herzen gehender Begeisterung schilderte er die Bedeutung des Schacharisgebetes, den dreifachen Charakter desselbeu als Acisdrnck der seligen Stimmung, als historische und als gesetzliche Einrichtung. In herrlichen Worten brachte der Vortragende die hohen Gedankeit des Adauu aulom, die Größe des Gottesgedankens, die das Judentum so hoch über alle Glaubensbekenntnisse emporhebt und das Walten der Gottesliebe, wie auch die hohe Auffassung, die Geist und Körper in den Dienst Gottes stellt. Das Grundlegende der Berochoth wurde in Boruch, Kidschonu und Ziwonu erörtert und in der Berochoh Al netilas Jodojim das Zurückkehren des Menschen äus den Banden der Natur zum gottdienendeu, tätigen Leben, iic der Berochoh ascher jozar die Verschiedenheit der Begriffe jozar, boro und oßo, des Erschaffens, Weiter^, Hildens und Vollendens gezeigt, wie auch der Züsamnceuhang zwischen Gesundheit und Gesetzcrsüllung und die jüdische Forderung der Herrschaft des Geistes über den Körper. An Elauhai neschomoh schloß der Redner erhebende Ausführungen über die Unsterblichkeit und Techijas hameißim. Frankfurt a. M., 27 Februar. Verein „Nachlaß Zwi". Gestern sprach Herr Provinzialrabbiner Dr. Hirschfeld -Gießen über den jüngsten Papyrusfund ausElefantine. Wir entnehmen dem Bortrag: 1904 wurden in Elefantine in Oberägypten — auf einer Nilinsel Shene gegenüber — in großer Masse Papyrusrollen gefunden, ans denen hervorgeht, daß dort zur Zeit des Propheten Jeremia Juden in guten bürgerlichen Verhältnissen lebten. In den Rollen ist auch dis doppelte Datierung des Textes nach ägyptischem und. jüdischem Kalender interessant. .Viel wichtiger war aber der Fund einer Papyrusrolle, der 190? Dr, Rubinstein, einem Inden, glückte, denn diese Rolle gibt genauen Aufschluß über das religiöse Verhalten der dortigen Inden. Es geht daraus hervor, daß — wovon man bisher nicht die geringste Kenntnis hatte — zur Zeit des soeben in Jerusalem errichteten 2. Tempels in Elefantine ein Tempel mit vollständigem Opferdienste bestand. Ter Papyrus stellt einen Brief an die Regierung des Mutterlandes Palästina dar. 'Tie Schreiber beklagen sich, daß infolge der 'Abwesenheit des persischen «tatthalters ägyptische Priester eine Bewegung gegen die Juden anzettelten und den Tempel überfielen und zerstörten. Durch die Schilderung der Zerstörung wird eine genaue Beschreibung des Tempels gegeben. Redner erklärt de» Hatz der ägyptischen Priester damit, daß die Juden den Widder, den die Aegypter göttlich verehrten, opferten. Redner zeigr sodann, wie durch den Inhalt der Rolle ganze Stellen der Bidel — zu Ungunsten der Herren Bibelkritiker — ihre Bestätigung finden. Camberg. Im tneflnen .Verein für jüd. Geschichte und Literatur", der voriges Jahr von Herrn Zehrer O. Schwarz gegründet wurde, sprach letzten Sonntag vor einer sehr zahlreichen Zuhörerschaft Herr Leopold Perlmutter aus Frankfurt a. M. über „M o s e s Mendelssohn". Von einem allgemeinen Ueberblicke ans. die damaligen Zeitverhältnisse ausgehend, schilderte der Redner den Weltweisen als den Repräsentanten der damals anstauchenden Strömung im geistigen Leben Deutschlands, die sich die Herbeiführung einer neuen Zeit der^Duldsamkeit auf ihre Fahne geschrieben hatte. — Wie «okrates sei aber M. auch derjenige gewesen, der seine Lehren durch sein Leben betätigt hätte. An Hand dieses Vergleiches mit dem großen griechischen Philosophen bot der Referent ein eingehendes und übersichtliches Bild von dem Leben M's. und seinem Wirken als Philosophen, indem er die hauptsächlichsten Werke anführte und besprach. — Größeren Raum nahm die Darstellung der Tätigkeit M.'s für die Juden ein, die der Redner in drei Teile zerlegte: 1) in Gegenwartsarbeit, die in dem Ein- 662 4785

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