Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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M Nr. 8 tfcs fmnfefuctet UmeliWm lanutienßtattes. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Verein »Tiferes Bachurim". In seinem Vortrage „Das Auftreten der Reform in Deut schlau d," beleuchtete Herr Professo r Dr. N. Sulz buch zuerst den Boden, auf dem die Reform entstand. Es war die Kit der Aufklärung mit ihrem von Frankreich herübergekommenen Materialismus, mit ihrem Voltaire'schen Geist, die auf einen Teil der deutschen Juden ihren Einfluß ausübte und ihn bis zu einer an Leichtsinn grenzenden Freisinnigkeit trieb, während, hierdurch abgestoßen, der im Judentum wurzelständig gebliebene andere Teil der deutschen Judenheit glaubte, daß sich Bildung nicht mit der Religiosität vertrage. So ist es denn z. B. berständliG daß ein geistig so bedeutender Mann ävie der Frankfurter Rabbiner Pinchas Horwitz (siehe: Rabbiner Dr. M. Horovitz „Tie Geschichte der Frankfurter Rabbiner") ein Edikt gegen das Lesen der Mendelssohn'schen Bibelübersetzung erließ. Moses Mendelssohn, selber streng religiös, hat tvohl versucht, der Bildung bei seinen Brüdern den Weg zu ebnen; aber ihm fehlten die Energie und He Menschenkenntnis, die diese Aufgabe erforderte. Der erste Reformer war Israel Jacobsohn, der Konsistorialpräsideut der Juden im damaligen Königreiche Westfalen. Jacobsohn, ein gutherziger, tätiger und auf das Wohl seiner Brüder bedachter Mann, war sehr eitel und wollte der Stifter eines neuen Judentums sein. Er errichtete in Seesen eine Privatkapelle, in der er eine Orgel ausstellte, deutsche Gebete und deutsche Lieder einführte und selber predigte. — In Berlin gab der Vater von Meherbeer einen «aal für den. Reformgottesdienst her, aus der die Reformgemeinde mit ihrem deutschen und Sonntagsgottesdienst entstand, die es aber nie zu einer Bedeutung gebracht hat. Es wurde eine „Gesellschaft der Freunde" gebildet, und Moser, Eduard Gans, der später zum Protestantismus übertrat, und Zunz gaben eine Zeitschrift heraus; jedoch erschienen nur 3 Hefte von dieser Zeitschrift — In Hamburg gründete Eduard Kley, ein Schüler Jakobsohn's, die Tempelgemeinde und gewann in dem .Prediger Salomon eine tüchtige Kraft; aber auch die Tempelgemeinde konnte Hamburg nicht zu einer Reformgeineinde umwandeln. — In Frankfurt ries Michael Creiznach, der an Gabriel Riesser Stütze fand, 1842 den „Verein der Reformfreunde" ins Leven. Er erklärte, daß er nicht an den Messias glaube, daß die Speisegesetze überflüssig seien und daß die Beschneidung dem freiwilligen Ermessen eines jeden überlassen werden müsse. In welcher Weise hier die Reform arbeitete, geht aus einein Briefwechsel des Rabbinats mit dem Vorstand hervor: das Rabbinat bittet darum, die beiden baufälligen Synagogen renovieren zu lassen, der Vorstand verweigerte aber die Bitte, weil er in diesen Synagogen einen Hort gegen die Reform sah. Derselbe Vorstand hatte die Talmnd-Thoraschule schließen und deren Lehrer ausweisen lassen. Redner geht nun zu den beiden Koryphäen der Reform Holdheim und Geiger über. Von Samuel Holdheim,' der in Frankfurt' a. Oder noch streng fromm lebte und dann, nachdem er in Mecklenburg-Schwerin für die Reform eingetreten >var, Rabbiner der Berliner Reformgemeinde wurde, sagt Grätz, daß ' das Judentum seit Paulus von Tharsus keinen schlimmeren Feind gehabt habe. Abraham Geiger ist der erste, der von einem Schisma im Judentum sprach, er ist der erste, der die Trennung ausgesprochen hat; er wollte die Reformgemeinden von den alten Gemeinden loslösen. Die Miloh erklärte er als einen barbarischen und blutigen Akt. Redner hatte am Anfang seiner Ausführungen erklärt, daß er die Reform rein objektiv betrachten wolle und daß er — gleich Samson Raphael Hirsch in dem 17. seiner 19 Briefe — den ehrlichen Willen der Reformer anerkenne. Am Schluß überschaut er nun die Resultate der 100 jährigen Tätigkeit der Reform und findet b a beim besten Willen nichts zu konstatieren als Gebetänderungcn und Gebetänderungen, aber k.inerlei für das Judentum 'erfreuliche Resultate. Frankfurt a. M. Der zweite seitens der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenk mäler angesetzte Vortrag des Direktors des Kunstgewerbe-Museums zu Düsseldorf, Frauberger, wurde am Montag in der Frankfur- Logc abgehalte». 'Ter Gegenstand dieses durch viele Lichtbilder belebten Vortrags betraf die in den Synagogen verwendeten künstlerisch ausgestatteten Gegenstände. Wir erfuhren, daß die ältesten Thoraschreine kastenartig in der Form eines Kubus waren, im Innern mit Fächern versehen, in die die unbefestigten Thorarollen eingeschoben wurden, zuweilen horizontal lagen, oder in Schrägstellung aufbewahrt worden sind; daß der Thoraschrein dann später in zwei Abteilungen zerfiel, von denen die obere die in Gebrauch befindlichen Thorarollen enthielt, während die untere, Genisa, gewissermaßen als Begräbnisplatz der außer Gebrauch gesetzten heiligen Schriften verwandt wurde. Schon in dieser Zeit wurden die Thorarollen entweder auf einem, meist auf zwei Stäben an ihren Enden befestigt und erhielten einen Schmuck, der immer reicher wurde, und der die prächtigsten Auslgcn in den italienischen Synagogen, namentlich in denen des ehemaligen Kirchenstaates gesnndcn hat. Ter Vortragende ging auf die oft in Hochrelief gestickten Thoravorhänge, auf die kostbaren gestickten oder in Spitzenarbeit hergestellten Wimpel/ die als Bänder zum Znsammenbinden der Thorarollc Verwendung finden, auf die oft prunkvollen mit reichster Goldstickerei ans Sammet auSgcstattcten Thoramüntelchen, auf die silbernen mit graviertem Ornament und mit kleinen Glöckchen oder Schellen versehenen, als Endigung der beiden Stäbe dienenden Rimonini, auf die silbergetriebenen Kronen, die häufig darüber gestülpt werden, auf den oft in zierlichster Weise' ansgeschmückte» Brustschild und den beim Vorlcscn der Thorastücke verwendeten Weiser oder Zeiger ein, von denen er eine große Zahl künstlerisch schön ansgestattcter Exemplare im Bild vorführte. Er machte hierbei darauf aufmerksam, daß außer den gängigen silbernen nicht selten in Korallen geschnittene, aus Elfenbein auf das zierlichste geschnitzte und in armen Synagogen oft ganz originelle aus Holz angefcrtigtc Weiser Vorkommen. Bildeten auch den Hauptinhalt des sehr beifällig aufgenommcnen Vortrags der eigentliche Thoraschmnck und der Vorhang zum Thoraschrein, so wurde doch auch in den Bildern der Beweis gegeben, daß die Brunnenanlage im Vorhofe, die Erinnerungstafeln in der Vorhalle, die Zdokoh-Büchsen, der Leuchter für das Weihefest, das Lesepult und die Lesepultdecke usw. eine die strengsten Anforderungen befriedigende künstlerische Ausstattung aufweisen. Frankfurt a. M. Im jüdischen Frauenverein sprach vor drei Wochen in anregender Weise Frl. G e r t p n d K a u f f m a n n über das Thema: „Welche Gcdanke>r erweckt i» uns Björnson iin Drama „lieber unsere Kraft". II." Der Verachtung der sozialen Pflichten, wie sie in heutiger Zeit häufig Arbeitgeber und Arbeitnehmer beherrscht, wurde die Hoheit der jüdischen sozialen Gesetze entgegengestellt, die in ihrer sittlichen Vollkommenheit noch "heute unerreicht dastehen. — Am vergangenen Montag sprach Frl. Helene Posen über „Das Märchen und das Kind". Die Referent!» gab zuerst einen kurzen lieberblick über die Geschichte des Märchens bis zu seinen! wahrscheinlich endgültigen Eintritt in die Kinderstube. Sic führte dann weiter ans: Vor allem haben wir bei dem Erzähle» des Märchens ein religiöses Bedenken. Doch kann das Märchen einem jüdischen Kinde nicht schädlich sein, wenn es ihm zur Unterhaltung dient und nicht versäumt wird, es mit alledem zu belehren, >oas es zum Verständnis seiner jüdischen Umgebung nötig hat. Lüge und Lust zur Unwahrheit kann nicht erzeugt werden, wenn der Unterschied zwischen Märchen und Wirklichkeit, den ja das Kind instinktiv schon früh herausfühlt, stets scharf betont wird. Nur solche Märchen sind zu erzählen, die eine wirklich vernünftige Moral enthalten, andere sind wertlos, ja können auch ungesund wirken. Es muß ein Unterschied gemacht werden zwischen Kind und Kind und zwischen Märchen und Märchen. Am besten wird das Märchen erzählt und die Mutter ist die beste Erzählerin. Der Nutzen des Märchens >väre demnach: die Nahrung der kindlichen Phantasie und die Zuführung ethischer Motive, im Märchen schöner , und ungezwungener als in Moralerzählungen und Sprüchen. Frankfurt a. M.» 20. Febr. Verein Montefiore. In seinem gestrigen, sehr instrilktiven Vorträge über Egoismus und Altruismus suchte Herr Rabbiner Dr. Jacob Horovitz die Grenzlinien dieser beiden Begriffe, die nach ihrem Wortsinn Gegensätze bedeuten, festzustellen. Er zeigte, daß Egoismus (die Liebe zu sich) und Altruismus (die Liebe zu den anderen) keine Gegensätze sind, sondern sich einander ergänzen. Hillels „Wenn ich nicht für mich bin, — wer ist dann für mich? und wenn ich nur für mich bin, — was bin ich?" und sein weiterer Ausspruch „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" boten dem Redner die Unterlage zu seiner Beweisführung, die untersuchte, wie die Handlungen von den menschlichen Triebfedern geleitet werden sollen. Es ist die Voraussetzung des Altruismus, an sich selbst zu arbeiten, denn wenn man für andere etwas sein will, muß man vorher erst etwas für sich sein; ebenso wie wie der Egoismus zum eigenen Besten verlangt, für die Interessen anderer (Familie, Vaterstadt, Vaterland, Glaubensgemeinschaft) tätig zu sein. Zum Schluß führte Redner sehr richtig aus, daß gerade die sogenannte konfessionelle Tätigkeit bei uns Juden im Interesse der Gesamtmenschheit liegt, denn wenn wir unseren leidenden Brüdern, die auf unser Interesse angewiesen sind, ideell und materiell aufhelfen, dann dienen wir auch der Gesamtmenschheit damit. Frankfurt a. M. Die .Vereinigung zur Pflege von Literatur und Geselligkeit 1905", deren ideale Bestrebungen längst nicht mehr unbekannt geblieben sind, hat ein neues Feld der Wirksamkeit betreten. Entsprechend der stetig anwachser.den Mitgliederzahl veranstaltet jetzt die Vereinigung, außer ihrer regelmäßigen Tätigkeit, für ein größeres Publikum eine Folge von Referat- und Rezitationsabenden, deren Themen hauptsächlich aus der belletristischen Literatur gewählt 'worden sind. Dies betonte der Vorsitzende, Herr H e r r m a.i n Frank in seiner Eröffnungsansprache beim ersten dieser Abende, der am 9. ds-, Mts. iin Hörsaal der israelitischen Religionsgejellschaft stattfand. Herr Arthur Freund referierte über das Thema: „Vergessene Dichter." In seincin etlva einstündigen, allgemein fesselnden Bortrage entrollte er uns ein Bild von Männern ivie Hammer, Strachwitz, Gaudy, Schenkendorf, Petöfi, Hartman», Reinick und Burns, Dichter, deren Namen vielleicht bekannt, deren Werke aber nicht in der Weise Gemeingut der Menschheit geworden sind, wie sie eS wohl verdient hätten. Eine 'Auslese aus ihren verschiedenen Gedichtsammlungen war auf dem Programm zur Rezitation vermerkt, und der Redner beschäftigte sich dann hauptsächlich mit der Erläuterung dieser Gedichte. Eine wahre Freude bereiteten die darauf folgenden Rezitationen, die eine Reihe junger Dainen und Herren warm und mitempfunden zu Gehör brachte. Ter Dank, den der Vorsitzende in seinem Schlußwort dem Referenten, sowie den Damen Tannen - bauin, Weihermann, Mayer, Rapp und Birnbanm und den Herren Hanauer, Rose n h e i m e r, Ed. Frank und Wahrer aussprnch. war ein durchaus verdienter, und auch das Publikum spendete den sogar teilweise ' künstlerisch wertvollen Darbietungen reichen Beifall. Berlin. Der Talmud-Verein (Schaß- Chewra) beging am Sonntag eine seltene Feier. - In einem Zeitraum von 20 Jahren war Herr Rektor Dr. D. H o f fm a n n in täglichen Borträgen den gesamten Talmud von Anfang bis zum Ende durchgegangcn, und nun galt's, den Abschluß festlich zu begehen. Es fanden deshalb eine Sijumfeier und ein Festmahl statt. Personalien. - Frankfurt a. M. Einer der berühmtesten hebräischen Schriftsteller der Jetztzeit, der Schöpfer der neuhebräischen Literatur, Gründer und Besitzer der Verlage Tnschiah u. Achiasaf, Herr Ben Avigdor aus Warschau, weilte auf seiner Rückreise von New- Jork einige Tage in Frankfurt. In New-'Iork war er mit großen Ehren empfangen worden; mehr als' 30 jüdische Vereine gaben ihm zu Ehren ein Bankett. Ans der Lehrerwett. Frankfurt a. M. In der Ausschußsitzung der Israel. Gemeinde wurde die Subvention der I s r. R e l i g i o n s s ch u le von 3000 Mk. auf 5000 Mk. erhöht und ferner 3000 Mk. zur Deckung des größten Teils des Dcsizits bewilligt. Berlin. Die 270 höheren Mädchens ch u l e n Preußens wurden 1906 von 56 382 evangelischen, 7 415 katholischen und 7 080 jüdischen Schülerinnen besucht. Kirchürauf (Ungarn). Rabbiner A. L. Spitzer, bisher Maggid der Talmud-Thora-Chewra in Papa, wurde zu unserem Rabbiner gewählt. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Bei der Kommission sür den jüdischen Nationalfonds zu Händen des Herrn Dav. Hamburger, Grünestr. 29, gingen ein: Gesammelt bei der Bris-Miloh' bei Herrn Bornstein, Neue Zeil 2,10 JL Von Frl. Ella n. Gitta Gans, Ilhlandstraße 51 3,26 „ Materialien: Von Herrn I. Goldberg und von Frl. Selma 'Grüneöaum, Ober-Mainanlagc 20 III. Bei der Expedition gingen ein: Clara Wolfs, Magdeburg, z'. Z. Stuttgart, anstatt Depesche zur Hochzeit Sara Guttmann- Emil Kanthal 0,50 JL Halle a. S. Im hiesigen .Jüd. Literatur- Z i r k e l" fand am 11. d. Mts. ein Vortragsabend statt. Herr Dr. Ascher-Dessa u sprach über „Probleme im modernen Judentum". Nach einem längeren historischen Rückblick auf den Verlauf der jüdischen Geschichte zeigte er in geistvoller Weise, daß für die Lösung der Judenfrage nur der Zionismus in Betracht kommen könne, Als zweiter Redner des Abends erstattete Herr Blitz-Dessau einen von glühender Begeisterung getragenen Bericht über den letzten Zionistenkongreß im Haag. Das außerordentlich zahlreich erschienene Publikum folgte den 'Ausführungen beider Redner mit sichtlichem Interesse und belohnte dieselben durch reichen Beifall. Es setzte eine lebhafte, zeitweise stürmische Formen annehmende Debatte 'ein. In deren Verlauf wurden die alten Einwände gegen den Zionismus vorgebracht; sie fanden aber durch die Referenten, wie durch andere Herren treffliche Widerlegung. Ter Abend bewies, daß auch in Halle die jüdische Bürgerschaft dem Zionismus lebhaftes Interesse entgegenbringt. London. Minister Churchill schrieb an die zion. Foederation folgenden Brief: „Ich empfinde für die historischen Bestrebungen der Juden dis vollste Sympathie. Die Zurückgewin- 5780