Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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jege L _; _ _ : . Wie entgeistert starrte ich zu ihm empor, er hatte im Ton der Ueberzeugung gesprochen, alles, was er gesagt hatte, leuchtete mir ein, jetzt erst wußte ich, daß ich verloren war. — Ich hielt mich nicht länger, ein Strom von Tränen entstürzte meinen Augen, laut schluchzend barg ich das Antlitz in den Händen. Der Prior bemühte sich umsonst, mich zu trösten; ich schenkte aber seinen Worten keine Beachtung und weinte lautlos in mich hinein. Endlich verlies; er das Zimmer, kam jedoch schon nach wenigen Minuten zurück. „Schau, Gianomo, waS ich da habe." Ich blickte nicht auf, was konnte er haben, das mich interessiert hätte? — 'Da nahm er mit sanfter GewaÜ meine Hände von meinem Gesicht und hielt mir eine Bleistiftzeichnung vor die Augen. „Wer ist das? — kennst Du die?" Wie vom Blitz getroffen, fuhr ich zusammen. „Meine Mutter!" rief ich und streckte unwillkürlich die Hand danach aus „um Gott! — hochwürdigcr Herr! —" Er lächelte, wie ich' ihn nie hatte lächeln sehen. „Mso hat mich meine Erinnerung doch nicht getäuscht. — Und bist Du sicher, das; es Deine Mutter ist? — sieht sie noch heute so aus?" „Gewiß ist es meine Mutter — wie sollte sie anders aussehen? — aber woher —?" „Sachte, sachte. Du sollst alles erfahren, wenn Du ruhig bleiben wirst. — Aber schau' her! kennst Tn auch den?" Er deutete auf ein zweites Blatt, gleichfalls «ne Zeichnung von schwarzer Kreide. „Wer ist das?" „Das ist mein Großvater, der Vater meiner Mntter, ich habe ihn zwar nicht gekannt, aber meine Mutter hat ganz dasselbe Bild von ihm. — Wenn ich nur wüßte —" „Nur Geduld, ich werde es Dir ganz genau erzählen. — Aber es erscheint mir nahezu unglaublich, daß Deine Mutter noch heute so aussehen soll, wie vor fünfzehn Jahren." „Fünfzehn Jahre sind es her, seit dieses Bild gemacht worden ist? — damals habt Ihr meine Mutter gekannt, hochwürdiger Herr? — Und wenn es auch unglaublich klingt; wahr ist es, daß meine Mutter heute noch genau so aussieht. — O, meine Mutter!" — Ehe er es hindern konnte, hatte ich die Zeichnilng ergriffen und sie mit meinen Küssen und meinen Tränen bedeckt. „Meine Mutter! Meine Mutter! —" Doch er entriß mir das Bild. „Nicht! nicht Gianomo! — Du wirst mir die Zeichnung auslöschen. — Undankbarer Knabe! — Fünfzehn Jahre lang habe ich mich an den lieblichen Zügen erfreut, und nun —" Er trat zum Fenster und betrachtete die Zeichnung aufmerksam. „Nein, Gottlob, es ist nicht verdorben. — Aber es ist 'geradezu zum staunen, wie sehr Du Deiner Atutter gleichst Zug für Zug ihr liebliches Gesicht." „Ulst» Ihr habt mich in Wirklichkeit an der Aehnlichkeit Mit meiner Mutter erkannt?" „Woran sonst? Das heißt, zuerst hat es mich frappiert, daß Du so häufig jäh die Farbe wechselst, in einer Sekunde vom intensiven Rot bis zu liliengleicher Blässe, das hatte ich vordem bei keinem Menschen wahrgeuommen, wie bei Deiner Mutter — sie dürfte damals siebzehn Jahre alt gewesen sein; dann erst ist es mir ausgefallen, daß Deine Züge auch den iqren gleichen, unverkennbar —" „Ld habt Ihr meine Mutter gekannt, bevor sie verheiratet war — und dieses Bild?" „Habe ich gezeichnet mit Erlaubnis Deines Großvaters. — Auch sein Bild ist von meiner Hand, auch das, was Du bei Deiner Mutter gesehen hast." (Fortsetzung folgt.) Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Frankfurt a. M., den 10. Februar 1908. Sehr geehrter Herr Redakteur! Im Sprechsaal der Nr. 6 Ihres Blattes veröffentlichen Sie eine Meinungsäußerung aus Ihrem Leserkreise, die Kritik übt an dem in Sachen des sogenannten „Resolutionssonds" seitens der „Freien Vereinigung" eingenommenen Standpunkte. Diese Kritik scheint mir ebenso wie die Anerkennung, die der gleiche Einsender in der gleichen Angelegenheit dem „Verbände der Deutschen Juden" zollt, auf ArrmkfurtÄ FskaMWeS FaMiliettblkckt Är. 8. mangelhafter Kenntnis der Tatsachen zu beruhen. Mag man eine aufrechte Haltung gegenüber der Negierung im Interesse des jüdischen Selbstbewußtseins noch so lebhaft begrüßen, so kann doch kein vernünftiger Jude wünschen, daß unsere jüdischen Organisationen um jeden Preis und auch dort, wo vom jüdischen Standpunkte aus gar kein Anlaß vorliegt, eine oppositionelle Politik verfolgen. Die Bemängelungen, die. das ,Communiquc des „Verbandes her Deutschen Inden" der Position von M. 40 000 entgegenstellt, müssen aber jedem Vorurteilslosen samt und sonders völlig unberechtigt erscheinen. 1) Daß die staatliche» Subventionen nur leistungsschwachen Gemeinden zu gute kommen, ist eine Bestimmung, die gemäß ausdrücklicher Erklärung der Regierung ganz ebenso auch für die staatlichen Zuschüsse an die christlichenS ch u lverbände gilt. 2) Daß die Position nicht höher bemessen wurde als auf JL 40000, mag man bedauern, aber cs gibt Dutzende von Forderungen der einzelnen ’ Ressorts, die vorn Finanzministcr im diesjährigen Etat nicht besser behandelt worden sind. 3) Von einer rechtlichen Verpflichtung des preußischen Staates, die Kosten des jüdischen Religionsunterrichtes ganz oder teilweise zu tragen, kann nach geltendem Rechte gar keine Rebe sein. Diese Verpflichtung ist vielmehr lediglich eine nioralische, gegründet auf Ansprüche der Billigkeit und des sittlichen Charakters unseres modernen «taatswesens. Aus diesen drei Tatsachen ergibt sich, daß das Kommunique der „Freien V e r e i n i g u n g", das überdies kein Wort der Kritik oder Polemik gegenüber andern jüdischen Verbänden enthält, sowohl der rechtlichen und sachlichen Lage der Dinge als auch der Würde der jüdischen Religionsgemeiuschaft vollkommen entspricht. Die Kundgebung des „Verbandes der Deutschen Juden" dagegen ist, wie sich jeder Laie ohne weiteres sagen kann, nur dazu geeignet, die Rcgierungskreise durch unberechtigte Kritik zu verletzen und dadurch unbewußtermaßen die Interessen der Judenheit zu schädigen. Es ergibt sich aber aus dem Vorstehenden ferner mit Evidenz, daß es geradezu ein Glück ist, wenn die jüdische öffentliche Meinung nicht ausschließlich von dem „Verband der Deutschen Juden" „gemacht", sondern durch die sachgemäßen Maßnahmen anderer, von dem Verbände unabhängiger Körperschaften mitbestimmt und nach außen mitvertretcn wird. Daß eine Fühlung der einzelnen jüdischen Verbände in gewissen Fragen nützlich und notwendig ist, wird jedermann zugebcn. Die „Freie Vereinigung" steht einem solchen Zusammenarbeiten von Fall zu Fall, wie ich glaube, durchaus ohne jedes Vorurteil gegenüber, wie aus der Tatsache erhellt, daß z. B. in Sachen der Sonntagsruhe erst in den letzte» Wochen in Berlin gemeinsame Beratungen zwischen dem „Verbände der Deutschen Juden", der „Freien Vereinigung" und andern jüdischen Körperschaften stattgesunden haben. Hochachtungsvoll. Dr. N. N. Löbliche Redaktion! Ich danke Ihnen für die Zusendung des Abzuges einer Erwiderung auf meine Ausführungen in Nr. 6. Die Ausführungen des Herrn Dr. N. N. sind leider nicht 'geeignet, incine Bedenken zu zerstreuen. Es dreht sich um die Frage, ob die Freie Vereinigung nur eine religiöse oder ob sie auch eine politische Organisation sein will, in welch' letzterem Falle eine allmähliche Entfremdung und schließliche reinliche Scheidung zwischen den religiösen und den unrcligiöscn Inden die Folge sein müßte. Die „Freie Vereinigung" hat in einer rein politischen Frage zur gleichen Zeit mit dem Verband der Deutschen Juden eine Veröffentlichung erlassen und damit gezeigt, daß sie auch politisch selbständig Vorgehen wlll. Daß dies.konsequenter Weise zu einem Konflikt für die Mitglieder der Freien Vereinigung, die den; Verband der Deutschen Juden oder einer der anderen großen Organisationen angchören, führen muß, bedarf, keiner Erörterung, und ich bin in dem vorliegenden Falle begierig zu erfahren, wie die Herren Kommerzienrat Hirsch und Hermann Gumpertz, die sowohl der Leitung der Freien Vereinigung, als auch des Verbandes der Deutschen Inden angehören, sich zu den beiden so verschiedenartigen Veröffentlichungen stellen. Nur wenn die Freie Vereinigung ein rein religiöser Verein ist — und sie hat da sicherlich genügend A n f g a b e n z u c r f tt l l e n! —, können ihre Mitglieder auch Organisationen wie dem Verband der Deutschen Juden angehören; arbeitet die Freie Vereinigung aber auch in Politik, dann müssen ihre Mitglieder, so sie sich nicht fortwährender Widersprüche schuldig machen wolle», aus diesen Organisationen austreten. Das ist die Trennung nach ungarischem Muster, der das Schiff her Freien Vereinigung gegenwärtig cntgegensegelt, — und cs hieße auf die -Gedankenlosigkeit spekulieren, dies leugnen zu wollen. Auch die Tatsache, daß gegenwärtig die Freie Vereinigung in Sachen der Sonntagsruhe mit den anderen Organisationen gemeinsam arbeitet, kann, sehr geehrter Herr Dr., daran nichts ändern; „von Fall zu. Fall", — wie die neue Parole, die man der Freien Bereinigung gegeben hat, lautet — kann man mit jedem Antipoden Zusammenarbeiten. Herr Dr. N. N. hat drei Punkte zur Verteidigung der Regierung angeführt und glaubt damit die Notwendigkeit derKindgebung der „Freien Vereinigung" ohne weiteres bewiesen zu haben, und so schreibt er wörtlich folgendes: „Es ergibt sich aus dem Vorstehenden ferner mit Evidenz, daß es geradezu ein Glück ist, wenn die jüdische öffentliche Meinung nicht ausschließlich von dem „Verband der Deutschen Juden" „gemacht", sondern durch die sachgemäßen Maßnahmen anderer, von dem Verband unabhängiger Körperschaften mitbestimmt und nach außen mitvertreten wird." Diese Argunlentation kann nur für einen Vertreter der Trennung stichhaltig sein, aber nicht für diejenigen, die die Einigung wollen und suchen. Wollte ich auch "zugeben, daß die Auffassung des Verbandes diesmal irrig war und'die der „Freien Vereinigung" richtig, so bliebe immer noch die Frage zu beantworten, warum die „Freie Vereinigung" es vorgezogen hat, ihre Auffassung der Oeffentlichkeit zu unterbreiten, anstatt dem Verbände mitzuteilen. Vielleicht hätte der Verband sich eines Bessern belehren lassen? Ist er denn wirklich so revolutionär, daß er nur darauf ausgeht, die Regierung anzu greifen? Die „Freie Vereinigung" hätte den Versuch einer Verhandlung wagen müssen, und erst wenn der Verband sich eines Bessern nicht hätte belehren lassen, wäre ihre Kundgebung einigermaßen berechtigt.gewesen; von der „Notwendigkeit" einer solchen wäre aber auch Tmiut noch nicht die Rede gewesen, denn so revolutionär ist die Kundgebung des Verbandes noch lange nicht, daß man eine andere erlassen muß und dadurch in stiller Weise den größten Teil der Judenheit Deutschlands in den Augen der Regierung diskreditiert. Doch wieso daraus zur Evidenz bewiesen ist, daß es ein Glück ist, wenn die Politik der Judenheit nicht einheitlich geleitet wird, das mögen die Götter Babylons verstehen. . . mir scheint es ein großes Unglück zu sein. Zum Schluß noch ein Wort! — Herr Dr. N. N. sagt, es sei ein Glück, daß die öffentliche Meinung durch die „sachgemäßen Maßnahmen anderer" mitbestimmt wird. Wieso Herr Dr. N. N. bestimmt weiß, daß die Mnßnahnicn anderer stets sachgemäß sind und sein werden, bleibt gleichfalls unerklärlich. Dr. —r. Kaiser Friedrich Quelle ■■ Offenbach a. M. —- - Gegen Gicht and Rheumatismus bewährt. Wohack Mloljsr, HofjuMfelier, Kaisetstr. I, Frankfurt a. M. Inhaber: JME. WallaiZ. Perlen, Juwelen, Goldwaren. : Auf Wunsch Auswahlsendungen. — 1 Wocheu-Kaleuüer. (Zeitangaben nach dem Laach.) Samstag, den 22. Februar (= 20. Adar): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 20 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 40 Min., in Berlin 6 Uhr 13 Min. Wochenabschnitt: Ki-Sisso. — Inhalt: Israel soll eine gleichheitliche Schekelstener bringen zur Stistshütte. (Nach, der Tradition zur Anfertigung der Silberfüße zu den Brettern bestimmt.) Am Eingang des Stiftszeltes soll ein kupfernes Waschbecken stehen. Aufzählung der Gewürze zur Bereitung des Salböls. Die verschiedenen Spezereien zur Herstellung des Räucherwerks. Nachahmung beider verboten. Das Gebot des Sabbat als Bundeszeichen. Den Hauptinhalt des Wochenabschnittes bildet die Geschichte von der Anfertigung des goldenen Kalbes. Moses weilt auf, dem Berge, um das übrige Gesetz zu empfangen. Das Volk wird ungeduldig, zweifelt an Moses Rückkehr und zwingt Ahron zur großen Nationalsünde. Aus Ohrringen und anderem Schmuck entsteht das goldne Kalb. Moses kehrt vom Berge zurück. Jii Entrüstung zerbricht er die Steintaseln. Gott will das Volk vernichten. Moses wünscht sich selbst den Tod. Die ergreifende Fürbitte Moses für Israel. Gott verzeiht das große Verbrechen. Der Gott treu gebliebene Stamm Levi schart sich um Moses; sie bestrafen die Sünder durch's Schwert, Gott außerdem durch eine Seuche. Moses schlägt nun die Stiftshütte außerhalb des Lagers aus. Gott will nicht selbst das Voll mehr führen. Moses fleht von neuem um Wohlwollen, Gott willfahrt ihm. — Moses steigt auf den Berg, um zum zweiten Male steinerne Tafeln zu erhalten. (Moses Fürbitte — Waj' chal — ist Thoravorlesung an den Hauptfasttagen. Die Scherben der . ersten Tafeln werden ,in der hl. Lade ausbewahrt zur Erinnerung. Im Zorn wie im Gebete offenbart sich, Moses innige Liebe