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Neue jüdische Presse · 1908-01-31 · Heft 5 (31.1.1908) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 5 (31.1.1908)
Date
1908-01-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
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zu Nr. 5 ttes Icanüfurfei- Ittmifienßtaftes. Bom falschen und echten Wohltun. Echtes Wohltun hat zur ersten Vorbedingung Selbstentäußerung. Man kann nicht gemächlich auf dem Stuhl sitzen und Arme seßhaft machen. Mau kann nicht behaglich seine Pfeife rauchen linb das Elend wegblasen. Armut und Elend sind da — hart, schwer und unbarmherzig. Und nian hat die Pflicht, ihnen zu begegnen, sie zu beseitigen. Wohlgemerkt: die jüdische Pflicht. Es ist nicht in unser freies Belieben gestellt, so etwa, luxe wenn man spazieren gehen wü'l oder nicht. Es ist nicht nuferer Großherzigkeit überlassen, so etwa, wie ivenn man aufopfernd einen Ertrinkenden rettet. Spazierengehen ist ein Vergnügen, ins Wasser springen ein Edelmut, Wohltätigkeit üben aber eine strikte und bindende Vorschrift. Natürlich: diese Anschauung betonen ist in erster Linie gedeihlich für die Untvissenden. Oder auch für die Trägen und Saumseligen, die ihre plumpe, eigensüchtige Schtverfälligkeit nicht überwinden können. Oder auch für die, die sich wunder was zu gut tun aus das, was sie Gutes tun. Die meinen, mau muß den Hut deshalb noch einmal so lang und so tief vor ihnen ziehen. Daß sie es tun, ist selbstverständlich und bedarf keiner besonderen rühmenden Belobigung nnd dankenden Bescheinigung. Hingegen wie sie es aussühren, in welchem Maß sie cs aussühren und tvclchen Grad von Selbst Vergessenheit sie dabei entwickeln: das. kommt wesentlich in Betracht. Wenn sie den Armen nur als Mensch „sozusagen", mit einer Nuance von Herablassung, vornehmer Bemitleidung oder gar geringschätziger Verachtung anschen nnd dementsprechend behandeln, so sind sie scharfen Tadels, scharfer Zurechtweisung bedürftig. „Denn den Du geschlagen, verfolgen sic, und von den Schmerzen Deiner Verwundeten unterhalten sie sich." Furchtbar genug fürwahr, wenn einer geschlagen ist. Furchtbar genug, wenn er hungert und darbt. Wenn er bei winterlicher Külte im Freien uiiiherirren oder aus kahlem Boden schlafen muß. Oder bei glühendem Sonnenbrand treppauf treppab ivandern muß »m ein paar Pfennige. Wer wollte sich da die Berechtigung, die Kühnheit heransnehmeu, ihn noch dazu, zu peinigen? Ihm eine Verschuldung vorzuwerfen, die er nicht besitzt oder gewiß nicht mehr besitzt? Was er auch heimlich verbrochen oder auch offenkundig verbrochen hat, es ist sicherlich gesühnt durch die Leiden seiner Armut, er ist sicherlich, gestoßen und gejagt durch die Leiden seiner Armut, in sich gegangen, hat es bitter bereut. Vielleicht, wahrscheinlich gar, daß nun der Rentner oder der G.roßkaufmann, die ihn verdächtigt und seelisch mißhandelten, schlechter sind als der Mann der Buße? Vielleicht gar, daß alles Schwere, das dem Armen auferlegt wurde, nur eine Prüfung ist uni seiner Standhaftigkeit tvillcn? Daß man sehen tvill, ob er beharrlich bleibt in allen Lagen, unter allen Umständen? Das ist keine große Kunst, kein großes Verdienst, im tvohlbehütetcn, wohldurchwärmten, wohldnrchlichtcten Heim treu zu sein. Im . Sturm nnd Wetter bewußt standhaft bleiben, die Zähne zusainmenbeißen, ivenn der Himger nagt, wenn Frau und Kinder um Brot jammern, wenn graues, endloses Elend einhüllt, zu begraben droht, und dann rufen: Nuil gerade! Nuil erst recht! — das ist groß, das ist dauerhaft! Aber Herr X. oder Herr 3). merken das nicht. Sie sind schon längst von dem jüdischen Weg abgewichen, der ihnen vorgezcichnct war. Sie habexx ihn vielleicht von Jugend auf gar nicht gekannt. Nun ist ihnen der Arme nur ein Objekt ihrer forschenden, inquisitorischen Tätigkeit. Sie sind kluge, scharfsichtige Leute, geborene und verlorene Staatsanwälte. Jeder Arme ist ihrem kalten und stahlharten Blick ein Betrüger, ein verkleideter Lump. Sie scheuen sich auch nicht, ihm das ins Gesicht zu schleudern. Sie stellen sein Signalement fest. Sie fertigen „schwarze Listen". Und weil er mit Blut übergossen ist und verlegen wird ob dieser schmachvollen Behandlung und weil er vielleicht gar einmal aufwallt darüber, so erscheint er ihnen erst recht verdächtig, so wird chm in der „schwarzen Liste" das Prädikat „frech" beigetegt. Diese schwarzen Listen, diese Bmndmarkung für alle Zeiten und alle Orte sind keine Phantasieausgeburt. Sie existieren hierzulande. Und damx „unterhalten sie sich von den Schmerzen der Verwundeten". Er ist ihnen Gesprächsgegenstand. Manchem kalten Menschen geht sogar das Herz dabei auf. Er entdeckt in sich „.Herz", ein seltenes Ding. Er bewilligt aus den reichen Mitteln, gern und viel. 'Auch hier vorausgesetzt, daß der Arme niemals eine kleine Unwahrheit gesprochen, niemals eine Gabe verschlvicgen, niemals auf irgend eine 'Art den Zorn des gestrengen Herrn Oberrichters erregt hat. Reiche dürfen sich das eher erlauben, man nimmt's nicht so genau „unter sich". Arme aber — wehe ihnen! Herr Oberrichter weiß alles, kennt alles, versteht alles zu beurteilen. Und nur er versteht alles zu beurteilen, keiner sonst auf der Welt. Er hat mit seinen liebwerten .Herren Kollegen Einblick und Einsicht in das, was 'Armen nottut und nicht nottut, in Pacht und Erbpacht genonlinen. Ihr Urteil ist bindend, unwiderruflich und unumstößlich gültig. Gültig leider, leider nicht nur für ihren engeren Kreis, sondern für Dutzende von Leuten, die ein jüdisches Herz haben, die diese eine jüdische Großtugend sich im Strudel der Zeiten, im Wirrwarr ihres persönlichen Lebens bewahrt haben. Und sie hegen und pslegen wollen mit aller Liebe und aller Sorgfalt. 'Nun kommen diese hochgelahrten, anmaßenden Oberrichter nnd stoßen Dolche in dieses Herz. Töten es. Erst zuckrs noch. Es hat so unendlich viel Erbarmen in sich. Es weint mit den 'Armen. ES ivill helfen, helfen! Dann wird's ruhiger. Die Armen sind's in der Regel doch nicht wert. Unterstützt man, so „züchtet man Gewohnheitsbettler". Man zieht nur Lumpe damit hierher. So predigen die Oberrichter, den gezückten Dolch in der Hand. Das arme, gute, brave Herz wehrt sich noch. Es schreit nach Rettung. Sie ist nicht gleich zur Stelle. Und der Oberrichter sind so viele, lind sie haben so große Erfahrung. Und sie opfern ihre Zeit so selbstlos. So wird das arme, köstliche Herz betört, betäubt, narkotisier:. Es wird stille, imnier stiller. Dann schwcigt's ganz. Es hat sich verblutet. Und wieder ist ein wahrer Wohltäter der Bedürftigen zugrunde gegangen. Aridere kommen und nehmen das wahr. 'Nichts mehr zu machen. Vorbei. Retten wir uns nur. Sie haben Widerstandskraft. Sie gehen ihre eigenen Pfade. Sie haben sich zum Lebensmotto das große Wort der Weisen gemacht, daß man niemanden verurteilen soll, che man sich an seine Stelle versetzt hat -. Sie wissen, welchen Irrungen jeder Mensch, welchen Irrungen ganz besonders der Arme unterworfen ist. Mitleid füllt sie vom .Haupt bis zur Sohle, Mitleid beeinflußt sie, drängt sie, beherrscht sie. Kein Ort, der ihnen zu weit ist, um hinzurennen. Keine Stiege, die ihnen zu dunkel und holperig ist, um sie zu betreten. Keine Hand, die ihnen zu schwielig und unsauber ist, um sie zu drücken. Keine Stunde, die ihnen zu ungelegen ist, um fremdes Leid in sich aufzunehmen. Um es zum eigenen zu machen, wie eigenes zu behandeln. Sie sinnen und trachten, was zu tun ist. In welchen Wirkungskreis sic den Mann hineinstellen können, mir ihnr Er- Ivcrb zu sicherin Mit welchen Mitteln sie der kranken Frau ihre Gesundheit wiedcrgebeir können. Wie sie den Hunger, derr brennenden, bohrenden, zehrenden Hunger, der ihnen hohläugig entgegensieht, zu stillen vermögen. Wer da wohl geeignet wäre, um ihn dafür zu gewinnen. Ihre besten Sessel sind ihnen eben gut genug, um den Arme» darauf sitzen zu heißen. Ihre feinste Speise, um ihn zu laben. Ihre jüdische Pflicht ist ihnen umvillkürlich Herzensbedürfnis geworden, fällt gänzlich mit ihrem Herzensbedürfnis zusammen. Sic erhöhen die menschliche Würde, erheben den menschlichen Wert. Sie sind Großmeister jüdischer Selbstverleugnung, Heroen der persönlichen Entsagung. Entsagung aber und Liebe bedeuten für Arme alles. R. Personalien. Frankfurt a. M. Im Alter von 6» Jahren verschied der bei seinen Berussgenossen wegen seiner hervorragenden Fachkenntnisse und seiner versönlichen Eigenschaften angesehene Bankier Benjam i n H a a S. Haas wurde iir Rödelheim geboren, war zuerst in dem früheren Bankhanse Gebrüder Baß, dann Direktor der damaligen hiesigen Zweigniederlassung der Bayer. Handelsbank und errichtete 1878 die Banksirina Haas nnd Weis. Hanau. Kommerzienrat C a n II t h a l wurde als erster Vorsitzender der Handelskammer wieder gewählt. Berlin. James S t nr o n. der Vorsitzende des „Hilssvereins der deutschen Inden", erhielt den K r o n e n o r d e n 2. Kl a sse, Amtsgerichtsrat Cohn und Hoflieferant Katzen st ein den Roten A d l e r o r d e n 4. Klasse nnd Hofbuchbriidcrmcister Colin den K r o n e n o r d e n 4. Klasse. Heilbron». Dos Bürgerausschußmitglied der Stadtgemeinde Heilbronn W. M. Wolf feierte dieser Tage seinen 70. Geburtstag. Aus diesem Anlaß ivurden dem Jubilar sowohl von den bürgerlichen Kollegien als mich von Seiten der israelitischen Gemeinde lind der vcrschiedcncil Vereine, denen er angehört, zahlreiche Ovationen zu Teil, die von der allgemelnei! Beliebtheit und Wertschätzung, deren der Jubilar sich in weiten Kreise» der Heilbrunner Bürgerschaft erfreut, beredtes Zeugnis ablegen. O b e r b ü r g er m e i st c r D r. G ö b e l übcrbrachte dem Jubilar, der seit fast 3 Jahrzehnten dem Bürgeransschuß als stellvertretender Obmann angehört, die Glückwünsche der Stadtverwaltung unter lieberrcichnng eines Blumenarrangements. In besonders festlicher Weise wurde des Jubilars in der Generalversammlung des i s r a e l i t i s ch e n ll i: t c r st ü tz u it g sverei it S gedacht, dessen Vorstand Herr Wolf isl. Hier wies Herr R a t h a » auf die hervorragenden Verdienste des Jubilars als Mitbürger unserer Stadt, als Geineiiidegeuossc und als Vorsitzender des Uiitcrstützuiigsvcreins hin und sprach ihm den iiinigsteii Dank und die wärmsten Glückwünsche ans. Alsdann verlas er die vom Gesamtausschusse des UnrersrütznngSvereins überreichte, künstlerisch ausgestattetc Adresse an den Jubelgreis. — Alcxaiide r A m b e r g keniizerchnete, ausgehend vom kürzlich gefeierten 50jährigen Jubiläum des israelitischen Wohltätigkcitsvereins, die außergewöhnliche Wirksamkeit und Persönlichkeit des 70jährigen Jubilars, seine selbstverlengneiide, überzeiigiingstreue, auch durch Mißerfolge und llndank öder Beifall nicht abzuschwüchende Handlungsweise, sein reiches Wissen und Können, seinen rastlosen Fleiß, seine edcldenkende Gesinnung, seine Herzensbildung. Mit der Gründung der hiesigen israelitischen Gemeinde fallt seine Ansiedlung hier znsamnien: das Wachstum und Gedeihen dieser Gemeinde sei hauptsächlich ihm zu verdanken. — Rabbiner K a h n verlieh seiner Freude darüber Ausdruck, daß der Gefeierte cs verstanden habe, in der israelitischen Gemeinde mit ihren sozialreligiösen 'Aufgaben gleiche Erfolge zu erzielen, wie in der politischen Gcineinde. — Liebmann Strauß übermittelte nanicns des Wohktütigkeitsvereins, dem M. W. Wolf seit 35 Fahren als 'Ausschußmitglied angehört, dir wärmsten Glückwünsche und brachte eine Adresse zur Verlesung. — "Tiesergrissen, in wenigen schlichten Worten, dankte der Jubilar. Er schloß seine Worte: „Möge die Einigkeit der israelitischen Gemeinde, die sich heute so schön gezeigt, auch in Zukunft bestehen!" Breslau. Stadtverordneten - Vorsteher Geheim. Justizrat Dr. F r e n n d erhielt den Kroneno r d e ii 2. Klasse. Glvgau. Amtsgerichtsrat Frankel erhielt den Roten Adlerorden 4. Klasse. Premysl (Galizien). Zivilingenieur Julius Reiniger erhielt den Charakter eines Baurat c s. London. Hier starb irn 80. Lebensjahre Sir Massey L o p e s, ein Abkömmling der berühmte» spanischen jüdischen Familie Lopes, die heute christlich ist. Mordechar Rodrigues Lopes, der in Jamaica zu großem Reichtum gelangt war, war Vorsteher der Bevis-Macks-Synagoge in London, trat aber 1802 mit seinem Sohne plötzlich zum Christentum über; seitdem haben Mitglieder der Familie hohe Stellen im englischen Staatsdienst cingeirominen. — Der ausgezeichnete russische jüdische Bildhauer Leopold B e r n st a in nr erhielt den Rang eines Kommandeurs der fr a u z ö sisch e n E h renke g i o n. — Zwei im öffentlichen Leben der Londoner Judenheit tätige Männer sind gestorben: Lewis Zach.ar i a h, Gründer und Vorsteher der „South Hackney- Synagoge" und Samuel Oppenheim, der in der Leitung des „JcMrjh Board of Guardians" und des „Jews Deaf and Dumb Home" tätig war und sich durch seine strenge Religiosität auszeichnete. Paris. Der berühmte Schneider 'Isidor Jakob P a q rr i u , Ritter der Ehrenlegion, ist gestorben. Paquin stammte aus Bingen a. d. Nied, kam nach Paris in ein Bankgeschäft und heiratete mit 24 5785

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