Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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zu Nr. 2 tfcs Itfln^furfec" ' lamitien Stalles. Inhalt der Beilage: Artikel: Kategorien der Frömmigkeit. — Personalien. — AuS den Vereinen. — Ans der Lehrerwelt.— Aus der zi'onist. Bewegung. — Kunst und Literatur. — Lereins-Kalender. Kategorien der Frömmigkeit. Es gibt allerlei Diener unseres Gottes auf Erden. Da sind zunächst die Diener aus Erkenntnis. Sie wurzeln in dem Bewußtsein, daß ein Schöpfer des ganzen Welt- und Menschenalls vorhanden war und ist, daß Er und Er allein das gesamte Welt- und Menschenall in seinen Höhen und Tiefen, in seinem Großen und Kleinen trägt, «hält und gestaltet. Sie teilen sich in zwei Zweige, in den immergrünen, hochaufragenden der Diener aus Liebe, in den mehr dunkelfarbigen, mehr zum Boden neigenden der Knechte ans Furcht. Knechtschaft ist bei beiden Kategorien nichts Entwürdigendes, sondern etwas Adelndes. .Denn diese Knechtschaft bewirkt Freiheit von Leidenschaften. Die Diener aus Liebe empfinden ihr Leben und ihr Geschick als eine Gnade, nicht als ein Recht. Sie nehmen alles willig und freudig hin, geben alles ebenso willig und fteudig ihrem Herrn zurück. Gutes macht sie nicht stolz, Schlechtes nicht rebellisch. Liebe ist ihnen alles, was sie empfangen, Liebe alles, was sie erwidern. Ein Vater, dem sie jedwedes danken, führt sie den rechten Weg, durch Wirrnis, durch Trübsal oft, aber doch als Bat« und den rechten Weg. Kein Begegnis, in dem sie nicht seine liebende Hand spüren, kein Erlebnis, in dem sie nicht seiner Hilfe gewiß sind. Das Dasein,' vom Beginn ihrer erwachenden Selbständigkeit bis zu ihrem Ende, ist ihnen lauter und lauterer Sonnenschein. Sonnenschein, der Sonnenschein ihrer und Seiner Liebe, vergoldet ihnen das harte Stück Brot, das sie essen, das Blatt jüdischer Lehre, das sie erforschen, die Elle Schnittwaren, die sie mühsam '»«kaufen, das Kindesantlitz, das ihnen entgegenlacht, vergoldet ihnen erst wahrhaft den irdischen Glückeszustand, vergoldet chnen wahrhaft die Leidesträne, die schwer herniederrollt. Sie sind ihrem Herrn hingegeben, willenlos und völlig hingegeben. Sie haben keinen eigenen Willen gegenüber Seinem weisen Willen, chr ganzes Streben und Trachten geht dahin, ihren Willen und den Ausfluß ihres Willens, ihr Handeln, in möglichst weite und ganze Uebereinstimmung mit Seinem geoffenbarten Willen zu bringen. Ihr Leben ist eine jubelnde Hymne zu Seinem Preis, ihr Sterben noch eine kraftvolle Betätigung Seiner Anerkenntnis. Mit „hatauw w'hameitiw", mit dem Dank für den Gütigen und Gutes Beriechenden, werden sie begrüßt, mst „adauschem echod", dem Liebesausdruck für den Einzigen, bei dem sichvolle und ungetellte Liebe geziemt, verabschiedet. Herbstlicher im V«hältnis zu ihrem steten Sonnenschein sind Anschauungen und Gebarung d« Diener aus Furcht. Wohl sind auch sie gläubig, ehrfürchtig und untertänig, - vielleicht gar in manchen Beziehungen ehrfürchtiger und untertäniger als jene. Ab« nicht d« Vater lockt sie und stimmt sie hell, sondern der Nicht« schreckt sie und' beängstigt sie. Sie wissen und vergessen nicht einen Augenblick: kein Schritt wird gemacht, den nicht droben einer v«zeichnet, kein Gedanke ledacht, den Er nicht wahrnimmt, kein Wort gesprochen, das Er nicht wägt, kein Werk vollbracht, das Er nicht mißt. Drum sind sie scheu und zuweilen beengt. Gramfalten tauchen oft auf ihr« Stirne auf. Sie überlegen tags und nachts — Weniger, in welchem Umfange sie Seinen Willen erfüllt, mehr, wie weit sie sich von ihm entfernt haben. Sie können Tränen weinen, reichlichere und heißere Tränen als jene Diener, Tränen der reuigen Rückkehr, schm«zlich ergriffener Buße, Tränen ob der einmal nahenden Vergeltung-, Vergeltung wird sein, muß sein, das ist ihnen Üar. Es kommt ein Tag, da Schönheit und Stolz und Pracht und Reichtum vergehen, da der Mensch nackt ins Grab zurücksinkt, wie er nackt aus dem Muttterschoß kam. Ein Tag, da sein Körper dem Staube anheimfällt, die Krone und Herrscherin — ach leider nur zu oft Dienerin —des Körpers, die unst«bliche Seele jedoch Rechenschaft über ihre hieniedige Wirksamkeit oblegen muß. Rechenschaft vor dem, der da ist „Saucheir kol hanischkochaus", gedenkend alles aus dem Gedächtnis Entschwundenen» der da ist Schreiber und Siegler und Sichter.' Lohn für treugeleistete Dienste erhoffen jene, Strafe für Untreue beflirchten diese. Ihre düstere Vorstellung greift ihnen ans Herz und treibt sie manchmal zu tieferer Innerlichkeit, zu glühenderem Gottbegehren als jene. Erschütterung ist ihr Wesenskern, Beseligung der Wesenskern der Anderen. Aus Pietät und Gewohnheit erfüllt eine zweite Gattung ihre jüdischen Pflichten. Strenge Gesetzmäßigkeit und ruhiges Maßhalten kennzeichnen ihr Tun, kennzeichnen ihr Lassen. „Das ist erlaubt und notwendig — das ist v«boten und überflüssig" — in diesem Gedankenkreis bewegt sich und spielt sich ihr Wirken ab. Sie sind zumeist kühle Naturen, nehmen Anerzogenes gleichmütig, und selbstverständlich hin, weichen! kein Haarbreit vom Buchstaben d« Vorschrift und sind um dieses 'Festhaltens willen entschieden brauchbar und achtungswert. Nur daß viele Gefühlswellen, die im Untergründe des jüdischen Herzens rauschen, daß mancher Empfindungsgehalt, der im Schachte des jüdischen Herzens verborgen liegt, dabei zu kurz kommen, vereisen oder verschlacken. Es drückt sie nichts rechts nieder und hebt sie nichts recht hoch, Kriechen und Fliegen, sich bis zur Auflösung elend und ohnmächtig oder bis zum Ueberirdischen geschwellt und Gott nahe fühlen, sind chnen fremde Begriffe. Jede Extase, jeden Ueberschwang vermeiden sie sorgsam, sie gehen aufrecht, ohne Schwanken und ohne Besinnen ihren gepflasterten Weg. Und cs ist, wie gesagt, ein guter, ein schätzbarer Weg. Kann sein, eine große V«suchung, eine mittelgroße Verführung sogar, wenn sie sich unbeobachtet wähnen, wirst sie um. Kann auch sein, eine zufällige Vertrautheit mit einem d« ihnen üb«geordneten Diener läßt sie aufrücken. Ihre 'Ergänzung sozusagen bilden die Diener aus Ahnungen. Sie besitzen, was jenen fehlt: starkes Gefühlsleben, sie entbehren, was jenen eigen: Gesetzlichkeit des Wandäs. Ihr Gefühlsleben ist hochgesteigert und reich entwickelt, ab« — „Gefühl ist alles". Wird es angereizt, -aufgcstachelt, 'so sind sie hinreißender religiöser Begeisterung, ja Verzückung fähig, wird nur ihr Verstandesleben gestreift, angegriffen, so bleiben sie leer. Gefühl beherrscht sie ausschließlich, übt indessen keinen bestimmenden, zügelnden oder spornenden Einfluß aus ihr Tatleben aus. Sie ahnen: da ist ein Gott über den Wolken. Ein großer, mächtiger, niederschmetternder Gott. Aber Er muß schon in Seiner niederschmetterndes Allgewalt oder in prangend« Naturschönheit überall sichtbar heraustreten, um sie zu bewältigen, zu überwältigen. Daß derselbe große, Wunder wirkende He« -auch unser Leines persönliches Leben forint, sich um unsere Leinen persönlichen Anliegen kümmert, aber auch an unser Leines persönliches Leben gebieterische Ansprüche stellt: diese Erkennrnis mangelt ihnen. Und daß Er He«, unumschränkt« Alleinherrscher über Leben und Tod nicht nur des Volksganzen, nein, auch des Vvlksgliedes ist: diese Erkenntnis dämmert ihnen nur. Nicht minder verschlossen ist ihrem jüdisch unfertigen Sinn der Gedanke d« grenzenlosen Hingebung um des Gottesgehcißes halber, des völligen, restlosen Sich-Einlebens in Seine WaltungSart. Sie sind nach gewisser Richtung hin religiöse Aestheten und Poeten, rührend und eindrucksvoll in ihrem suchenden Tasten nach Wahrheit und doch der. höchsten und echten Wahrheit nicht gesellt, well ihnen Gotteserkenntnis nicht ein unantastbarer und unablöslich« Bestandtell ihres ganzen Wesens geworden ist, weil sie von Ahnungen nicht zum Bewußtsein durchgedrungen sind. ben Aman. Personalien. Berlin. Geh. Justizrat, Landtogsabgeordneter Cassel wurde zum stellvertretenden Vorsitzenden der «tadtverordneten-Bers a m m l u n g gewählt. — Das Emil Breslauer 'sche Ehepaar, wohnhaft in der Altersversorgungs-Anstalt der jüd. Gemeinde, feierte seine goldene Hochheit. Berlin. Dem Maler Profess« Liebermann wurde die Anlegung des ihm verliehenen Ritterkreuzes des belgischen Leopoldordens gestattet. Urberach bei Darmstadt. Herr Leser Adler, seit Jahrzehnten verdienstvoller Vorsteher unserer Gemeinde und seit 40 Jahren ehrenamtlich unser Vertrcter, ist uns entrissen worden. Se. Ehrwürden.He« Rabbiner Dr. Marx-Darmstadt gab am Grab ein anschauliches Bild des Verstorbenen Und betonte den unersetzlichen Verlust, den unsere Gemeinde mit seinem Hinscheiden erlitten hat. Fulda. Dem Jnhab« der We'ngroßbandllmg Grünebaum u. Co., Herrn Josef Grünebaum wurde der Charakter eines Fürstlich LiPP'schen Hoflieferanten verliehen. München. Konsul Siegfried Rallin und Antiquitätenhändler Adolf Sternharter in München, Fabrikbesitzer «iegfried Bach 'in Nürnberg und Benno Lessing in Bamberg erhielten den Charakter eines Kommerzienrates. — Notar David Mayer in Ludwigshafen und die Rechtsanwälte Dr. Emil Josephthal in Nürnberg, Dr. Julius Brnswanger in Augsburg und Dr. JgnazHarnsfurter in MünAn «hielten den Charakter eines Justizrates. — Kunstmaler Ernst Liebermann ist nicht Jude. Breslau. Seinen 80. Geburtstag feierte Rentier Louis Burgfeld, Vorstandsmitglied der ' jüdischen Gemeinde. — Den Titel „Professor" «hielt der Oberarzt der chirurgischen Abteilung des israel. Krankenhauses, Privatdozent Dr. Georg Gottstein. — Der Charakter als Geheimer Medizi n a l r a t wurde dem Kreisarzt, Professor Dr. Wolfsberg und der Charakter als Justizrat dem Notar Victor Neumann und dem Rechtsanwalt Arthur Hayn verliehen. Nürnberg. Obervoüoffessor Paul Kann wurde zum Postrat befördert. Goeppingen. Kommerzienrat L-ovold A Gutmann verschied im Alter von 58 Jahren. ll-) Posen. Noch kurz°m Krankenlager verschied am 3. d. Mts. 53 Jahre alt, der Sekretär und Rendant der Synagogen - Gemeinde, Herr Mendel Selka. Während eines zwölfjährigen Zeitraumes hat der Verstorbene mit großer Sachkunde, unermüdlichem Eifer und vollster Hingebung das Interesse der Synägogen - Gemeinde wahrgenommen. Den Beamten der «ynagogen-Gemeinde war er allezeit in seiner amtlichen Tätigkeit ein Vorbild strengster und gewissenhaftester mit Menschenliebe und Wohlwollen vereinigten Pflichterfüllung. Die Verwaltung der „Abraham und Henriette Rohr'schen Stiftung zur Förderung des Handwerk unter den Juden" verliert in dem Dahingeschiedenen einen treuen und gewissenhaften Beamten, der mit regem Eifer dem Interesse der Stiftung gedient hat. Auch als Armenrat in der städtischen Verwaltung" war er längere Zeit tätig. Zwei Tage darauf wurde die Kaufmannsfamilie Nathan Warczawski ebenfalls - durch Todesfall in tiefe Trauer versetzt. Nach kurzem schweren Leiden verschied der Gatte und Vater. Derselbe leitete ein umfangreiches Geschäft und hatte noch Zeit, sich ben Interessen der Wohlfahrt für seine Mitmenschen zn widmen. Dreizehn Jahre hat er unentwegt als Vorstandsmitglied für den Verein,Anschei-Chessed7 gewirkt u. ihn vorwärts gebracht, «ein liebenswürdiges persönliches Wesen, seine Bescheidenheit, stete Hilfsbereitschaft und Lauterkeit seiner Gesinnung sichern ihm in unserer Mitte für alle Zeiten ein dauerndes Gedenken. >ll.> Posen. In S amter verschied das Vorstandsmitglied der jüd. Gemeinde Josef H okk ä n d e r. Lina. Dr S. Scherbe! erhell den Charakter als « anitätsr-at. Aas Elsaß. Es wird mit großer Freude Üe» zrüßt, daß durch den Rücktritt des Herrn Durlrch« - es' dem hochverdienten" Herrn Jules Klein ermöglicht ist, seinen Sitz im Konsistorium beizubehalten. Es ist dadurch die Gewähr gegeben, daß, entgegen der Ansicht des Korrespondenten des „Israelit" (31. Okt v. I.), die wahre jüdische Sache auch fernerhin aufs eifrigste gefördert wird. .... r. 2715