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Neue jüdische Presse · 1907-12-20 · Heft 49 (20.12.1907) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 49 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Serie 10. Hervorzuheben ist auch der Epilog, in dem sich die Verfasserin in folgenden zündenden Worten an die Zuhörer wendet: „Helft! Rufe ich zu Euch Juden allen. Mög' dies' Wort auf fruchtbaren Boden fallen, Mög' dem Korn entsprießen die reichste Saat, Mög' dies Fest Euch begeistern zur edlen Tat!" Begeisterte Hervorrufe, Blumen und Lorbeer» ehrten Elsa N e u g a r t e n. Die Wirkung des Stückes war durch Geigeubegleitung von Trude Neugarten gehoben worden. Frl. Eva Kall mann und die Herren F ranz Kallmann und ArthurGanz spielten nun mit großer Vollendung Haydn, Trio I und Villet's „I-oin cku dal". Nach kurzer Zeit wiegten sich 17 reizende Mädchengestaltcn im „Sternenreigen". Nachdem ein Tierstimmen--Imitator das Publikum ergötzt hatte, öffnete sich der Vorhang iviedcr, um .„Eine sidelc Jtistruktionsstunde" in Szene gehen zu lassen. Unteroffizier Drillhahn (R i ch a r d H e i n e m a n n) schikanierte den Einjährigen Kohn (Georg Klein) zum Gaudium von Gros; und Klein. Bewirtung und Verlosung schloß die prächtige Feier, die allen Tcilnchinern unvergeßlich sein wird. Prag. 1350 000 F r e i t i s ch - P o r.t i o II e n hat der I sraelitische ,Freitisch verein in, de» 48 Jahren seines Bestehens verabreicht; im ersten Jahre waren cs 1662 und heute sind es fast 60000 Portionen, die der Verein im Jahr verteilt. Das Bureau des „Misrachi" bringt ein Flugblatt folgenden Inhalts zur Versendung: Mag man zur zionistischen Frage sich stellen, wie man wolle, der Tatsache wird sich wohl kaum jemand verschließen können, daß noch nie ein Gedanke eine ähnliche Werbekrast entwickelt hat wie der zionistische. Kam» ein Jahrzehnt ist dahingcschwundcn, seitdem der politische Zionismus die Losung ausgegeben, die Judenheit in der Diaspora wieder mit nationalem Geiste zu erfüllen, die wirtschaftliche Erschließung Palästina's anzubahnen und auf seinem Boden eine öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk zu errichten, — und zu Hunderttansenden sind sie hcrbeigeströmt, unterschiedlos aus alle» Lagern Juda's, eine inrposante Kundgebung, daß Juda das Bolksbewußtsein noch nicht geschwunden. Wohl konnte ein rein nationales Jüdcntmn den Gesctzestreuen nicht genügen; aber wem durfte mehr Verständnis zugemutct werden für das „Mitauch schelau lischmo bo lischmo", als gerade den; Teile unserer jüdischen Brüder, dem eben die Worte unserer Weisen nicht hohle Phrase, sondern das Leitmotiv seiner Handlungen bilden. In der Tat folgten weite Kreise gesetzestreuer Juden freudig diesem Weckruf. Nationales Denken, Empfinden, Sehnen und Streben, geknüpft an das Land der biblischen Verheißung, kann in seinem letzten Ende nur seine Quelle finden in jenem uralten Born der heiligen Lehre. Dem einzig gearteten Volk auf einzigen: Boden die einzige Thora, „Tauroh achas wejisroel echod wehorez achas". Wenn, mit anderen Worten, in unserer religiösen Weltanschauung die nationale Idee enthalten ist, dann darf auch umgekehrt vorausgesetzt werden, daß mit der »Schaffung einer gemeinsamen nationalen Basis auch eine Rückkehr zum Religionsgesetze, zum Judentum in seiner Totalität, angebahnt werde. Innerhalb des Kreises national gesinnter Juden war der einzige Weg gegeben, allen Juden gleichmäßig gangbar, die breiten, religiös indissercnteii Massen zunächst dem Judentum zu erhalten und ihnen die Möglichkeit zu belassen, auf dieser Grundlage zum Urquell alles jüdischen Denkens wieder zurückzukehren. Ter Zionismus, in seinem Kampfe gegen Assimilation und f ü r die Rückkehr ins Judentum erschien uns mit Recht als das geeignetste Mittel, dem Einflüsse Halt zu gebieten, den der Psalmist in den Worten kennzeichnet: „Waisarbu bagaujim wajilmedu maseihem". Des weiteren bietet uns der Zionismus die Perspektive, dort auf dem freien Bode» unserer uralten Heimat unsere Kinder, unberührt von dem wesensfremden Einflüsse nichtjüdischer Kultur, dem Judentum in Treue zu erhalten; dort könnten wir vor allem dafür sorgen, daß unbekümmert um den Kampf ums Dasein, der uns in der feindseligen Umgebung des Golus kleinmütig und verzagt gemacht hat, der Sabbat, die Blüte unseres Volkslebens, wieder zu Ehren gelange. Ein kurzer Rückblick auf das erste Jahrzehnt zionistischer Tätigkeit berechtigt uns religiös nationale Zionisten, die wir unter dem' Namen des M i s r a ch i uns vereinigt, zu der Behauptung, daß wir auf unserem Wege ei» gut Stück vorwärts gekommen sind und in unserer Bestrebung auf Verständnis, Anerkennung und Unterstützung im allgemeinen zionistischen Lager rechnen dürfen. Schon am ersten Kon- ' greß hat unser unvergeßlicher Herzl uns versichert, daß der Zionismus nichts beabsichtige, was die religiöse Ueberzeugung irgend einer Richtung innerhalb des Judentums verletzen könnte. Ter zlocite Kongreß hat ausdrücklich erklärt: „Der Zionisnius unternimnrt nichts, was dem Religionsgesetz 'des Judentums widerspricht." Auf dem achten Kongreß endlich ward von der Leitung verkündet, daß in der nun beginnenden Aera praktischer Palästinaarbeit unserem Gesetze in allen religiösen Fragen Rechnung getragen werden wird. Ein großes Wort, das allein unsere gesetzestreuen, noch außenstehenden Brüder ver¬ Kmrckfnrt« FsrSüMsHeS GamllieMatt. anlassen sollte, in hellen Scharen sich uns anzuschließen. Wären wir in der Lage, unseren Forderungen durch eine Achtung gebietende Mehrheit Nachdruck zu verleihen, das prophetische Wort unseres Herzl: „Der Zionismus ist die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judcnland", würde sich in unserem Sinne erfüllen; darum gilt cs, mit allen Mannen und aller Kraft an diesem edlen Werke mitzuarbciten. Ein bedeutsamer Schritt vorwärts ist die Begründung einer im überlieferten Geiste geleiteten Mittelschule in P alästin a. Ist die Jugend unser, so gehört uns die Zukunft. Jeder Kenner des wirtschaftlichen und sozialen Elends in Palästina, jeder, dem die Lösung der Aufgabe „Tauroh im derech erez" auch im heiligen Lande am Herzen liegt, sollte freudig mit uns arbeiten. Gerade der letzte Kongreß hat die Möglichkeit dieser Mitarbeit wesentlich erleichtert. Mit ihm fiel das letzte Bedenken, das orthodoxen Nichtzionisten den Anschluß erschwerte. Man hatte uns den Vorwurf gemacht, daß wir nicht wirkungsvoll genug unseren Wünschen Gewähr schaffen könnten, da wir nur in enger Zugehörigkeit zu den allgemeinen Ortsgruppen, und so beeinflußt von einer andersdenkenden Majorität an der Durchführung unserer Maßnahmen behindert wären. Die Misrachiin der ganzen Welt, so lautete die Forderung, sollten, bei intensivster Mitarbeit an allen zionistischen Arbeiten, förderativ gesondert, eine in sich geschlossene, homogene Partei bilden, die offen ihr nationales Bekenntnis, als von „Daß weeniunoh" unzertrennbar, auf ihr Schild hebe. In richtiger Würdigung dieser Forderung hat der letzte Kongreß die Möglichkeit einer internationalen Föderation vorgesehen. In dieser veränderten Sachlage dürften viele, die bisher an unserem Wollen und unserem Können gczweifclt haben, ihr Mißtrauen für nicht mehr berechtigt halten und gerne mit uns der edlen Sache ihre schätzenswerte Kraft leihen zum Wohl unseres Volkes, unseres Landes, im Geiste unserer unverbrüchlichen Tradition. Beitrittserklärungen nimmt entgegen: Redakteur Salh Geis, Frankfurt a. Nt., Vilbelerstr. 4 (für 'Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Holland und Schweiz), Rabbiner Reines, Lida in Rußland (für die übrigen Länder). Kunst und Literatur. Modernes Judentum i m Morgeu - u n d 'Abendland von Jacob O b c r in c y c r. 166 »Seiten. Wien und Leipzig, Carl Fromme. Ein vielversprechender Titel! Erfüllt der Inhalt auch, was der Titel verspricht? Ja und Nein! Ja, denn er zeigt das sogenannte moderne, d. h. das Assinnlationsjudcntum des Abendlandes in seiner einzigen positiven Betätigung, im Kaddisch und Maskir. Das historische und religiöse Judentum lebt in dein Gedächtnis dieses modernen Juden nur in einem nebelhaften Tohuwabohu, und wäre es nicht die Pietät, die sie manchem Brauch noch üben ließe, so würde der Auflösungsprozeß ein noch viel stärkerer sein. Nein, denn wir hören von dem Judentum des Morgenlandes wohl, daß es diese Modernisierung zu einem Pictätsjudcntum hin picht mitgcmacht Hat, bekommen aber sonst nur oberflächliche Kenntnis von seinem jüdischen Leben. Den größten Teil des Buches füllt so die Geschichte des Kaddisch und des Maskir aus, und man gewinnt den Eindruck/ als ob es dem Verfasser darum zu tun war, gegen die Bedeutung, die diese beiden heute mißbräuchlich erreicht haben, Front zu machen; doch geht er unscrm Gefühl »ach darin gu weit. Der Verfasser — er ist ans Bayern gebürtig und lernte bei Rabbi Abraham Rosen! Haler s. X in Hainsfarth — hielt sich über ein Jahrzehnt (von 1869—1880) in Bagdad auf und wirkt seit Jahren als Lehrer des Arabischen und Persischen am Orientalischen Seminar in Wien: er ist also berufen, Vergleiche zwischen dem Stand des Judentums im Orient und im Okzident anzustellen. Wir möchten nicht zu allem, was er schreibt, unser Plazet geben — manches steht im Widerspruch zu unserer traditionellen Anschauungsweise —; aber wir müssen gestehen, daß sein Buch Anlaß zum Nachdenken gibt. DieTochterJephta. Ein dramatisches Gedicht von Richard Hüldschiner. Bei der Chanuka-Feier des Vereins „Montefiore" gelangte Richard Huldschiners „Die Tochter Jephta" zur Aufführung. Dies Werk verdient eine eingehendere Besprechung, als sie im engen Rahmen eines Festbcrichtes möglich war. Schon der Umstand, daß ein Sohn Judas — eine Episode aus der Geschichte seines Volkes dramatisierte, erheischt unsere Beachtung. Diese Beachtung hat sich aber schnell in Achtung, ja Bewunderung bei allen denen verwandelt, bieder Aufführung in dem genannten Vereine beiwohnen konnten. Huldschiner ist zweifelsohne eine Poelcn-Da'tnr mit glänzenden Anlagen. Wenn er erst noch bessere Bühnen-Routine erlernt haben wird,' dann dürfen wir sicherlichvon ihm noch Dichtungen erwarten, die den stolzen Titel „Drama" tragen werden und sich nicht mit dem bescheideneren „Dramatisches Gedicht" zu begnügen brauchen. Für die vorliegende Arbeit „Die Tochter Jephta" war freilich die letztere Bezeichmmg am Platze. Auch Nr. 49 iveiin man sie unter dieser Flagge über die Bühne ziehen läßt, birgt sic noch mancherlei Schwierigkeiten — auf der einen Seite einen Mangel an äußeren Geschehnissen und andererseits, manchmal geradezu damit kontrastierend,'» zu große sprachliche Längen (zu reichliche Häufung von „Bildern"). Es bedurfte der geschickt modelnden Hand des Regisseurs (Herrn Alf r. A u e r b a ch vom Frankfurter Schanspielhause) und der wirklich einwandsfreien, stilvollen Darstellung namentlich der Jobeka (durch Frl. Clara L c w i s o h n), um die erwähnten Schwächen bei der Inszenierung im „Montefiore" zu mildern. Auch die offenkundigen Mängel übersahen wir aber gerne über der Fülle der rühmlichen Vorzüge des dramatischen Gedichtes. Da ist zunächst die Schönheit der Sprache, ihr Wohlklang, der unserem Ohre , schmeichelt; flüssig find die Verse (meistens fünffüßige Janlben) und besonders erfreulich das Geschick und die ungezwungene Art, wie der Dichter seinen Gestalten die spezifisch jüdische Bildersprache in den Mund legt. Ergreifend und in jeden; Momente fesselnd wirkt 'sodann die EmpfindungStiefc der einzelnen, bestens charakterisierten Personen des Stückes, insbesondere Jobekas, der Titelheldin und Trägerin der Handlung. Rührend ist ihre Liebe für den armen Vater, dem sic nicht einen Augenblick grollt, weil sie durch seine Schuld ihr junges Leben opfern muß; wahrhaft erschütternd wirkt ihr Verzicht auf Abdors heiße Liebe, die in ihrer Seele lauten Widerhall gesunden hat, auf die sie nun aber als „Gottgcweihte" blutenden Herzens ' verzichten muß; was echt glaubhaft, aus dem Wesen Jobekas erklärt 'ist auch der Mut, die bis zum Visionären sich steigernde Begeisterung, mit der sie den Opfertod für ihr Volk erdulden will. In .ihrer Reinheit und Hoheit erinnert uns diese Gestalt zuweilen an die Goethesche Iphigenie. Was sie von dieser aber grundsätzlich unterscheidet, ist der echt jüdische Geist, von dein sie durchglüht ist. lli;d daß Huldschiner nicht nur die Jobeka, sondern alle Figuren seines dramatischen Gedichtes mit jüdischem Empfinden ausstattet, daß er jede Zeile seines Werkes mit dem Stolze ans 'die erhabenen Gestalten aus der Geschichte seines Volkes schrieb, — das ist's, was wir dem Dichter an; meisten danken. Wer will's ihn; da als einen Verstoß gegen den Geist des Jndentnms vorwerfcn, daß er bis zum Schlüsse im Hörer den Glauben wachhält, die „historische" Tochter Jephtas habe wirklich den Opsertod erlitten, während sie doch tatsächlich ausgelöst wurde? Es ist das gute Recht des Dichters, i»; Drama von der geschichtlichen lieberliescrnng abzuwcichen, wenn er dies im Interesse der dramatischen Gestaltung für nötig hält. Und nun noch einige Worte über die Chöre in der „Tochter Jephta"! Das Erscheinen der zehn Aeltcsten aus Israel an; Schlüsse des Werkes, das Verrichten des Sterbegcbctes und die Segnung Jobekas durch sie, bedingt zuguterletzt noch eine gewaltige Steigerung und einen Packenden Schlußeffekt. Dagegen leiden die Chöre der Töchter Israels, die im Verlaufe der Handlung wiederholt hinter der Szene Klage- und Preislieder aus Jobeka, „die Königstochter, ihre Gespielin" singen, an zu großer Länge. So mußte die Regie, die diese Gesänge von vornherein in gekürzter.Fassung zur Komposition gegeben hatte, noch in der Hauptprobe an den Chören Streichungen vornehmen, im Interesse der Gcsamtwirknng. Das war notwendig, aber aus den; Grunde zu bedauern, weil wir infolgedessen, die Koinpositionen der Chöre durch Herrn Rudolf Weilt' nur fraglnentarisch zu hören bekamen (wenigstens beim ersten und dritten Chore). Aber auch aus diesen Bruchstücken 'konnten wir mit freudiger Genugtuung konstatieren, daß wir es in den; jungen Komponisten mit einem starken, individuell schaffenden Talente zu tuen haben. Wie glücklich, originell und echt jüdisch ist allein die Idee, am Schluffe des zweiten Chores, in dem von dem Erinnern aller Liebenden an Jobeka gesungen wird, die bekannte Weise des Thora-Vorkesens, natürlich in modern harmonisierter Fassung, zu bringen! Alles in allem — es war ein höher Genuß, der uns durch die Aufführung von „Die Tochter Jephta" geboten wurde. Und »rag auch das Stück für eine Chanuka-Feier reichlich ernst gewesen sein, so war seine Aufnahme in das Programm dieses Abends vollauf gerechtfertigt (zumal in dem ernst gehaltenen, akademischen Teile der Feier), da die Vereinsleitung des '„Montefiore" bei diesem Anlässe ihren Freunden zeigen durfte und mußte, wie beschaffen ihr Interesse und ihre Geschmacksrichtung gegenüber wahrhaft künstlerischen Produkten der jungjüöischen Literatur sei. — r. Briefkasten. SB. Der Physiker Professor 'Alb. A. M i ch e l s o n aus Chicago, der als Entdecker einer neuen Methode für die Bestimmung der Geschwindigkeit des Lichtes den Nobelpreis erhalten hat, ist Jude. Verein Meksr-Chajim. Samstag, den 21 Dez., nachmittags 3% Uhr: Mikro-Vortrag des Herrn Marcus Hirsch:

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