Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 47 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zs Nr. 47 des Fmuksurlll Zsmäitische» FaMiMickes. Inhalt der Beilage: Artikel: Unsere Liberalen. — Entwurf eines Gemeindeprogrammes. — Zionistische Distriktskonferenz in Lemberg. — Bericht über die Tätigkeit des Bezalei. — Aus aller Welt. —Personalien. — Aus der zionist. Bewegung. — Aus den Vereinen. — Aus der Lehrerwelt. — Sprechsaal. — Kunst und Literatur. Unsere Liberalen. In unserem vorwöchenilichen Leitartikel „Mecklenburgisches Wahlsystem in jüdischen Gemeinden" sagten wir, daß die „Liberalen" noch auf keinem Gebiete des jüdischen Lebens ihre aufbanende Kraft bewiesen haben. Hierüber heute einige Worte: Ueberschauen wir prüfend unsere sogenannte linke Richtung, so haben wir überall nur den einen Eindruck: die nichtjüdische Außenwelt, die mit ihren Wellen in einem fort an unseren Ufern brandet, findet hier nur geringen und nur instinktiven und nicht bewußten Widerstand. Bewußt paßt man sich den Anschauungen der nichtjüdischen Außenwelt an, ohne danach zu fragen, welche Werte des Judentums man damit preisgibt. Es ist eine Moral, auf die wir Inden stolz sein dürfen, wenn in unfern Gotteshäusern Männer und Frauen getrennt beten und fein weiblicher Gesang ertönt. Es ist eine Moral, auf die wir Juden stolz sein dürfen, wenn auf unfern Friedhöfen das Prinzip der Gleichheit herrscht. Und die letzten Liebesdienste nicht von bezahlten Menschen ausführen zu lassen, atmet reinste Menschenliebe. Doch die Herren auf der Linken 'haben mit alle dem aufgeräumt. Und warum? Weil sie sich mit der jüdischen Gedankenwelt nicht beschäftigen und ihre Betätigung als' Inden — bei Lichte betrachtet — eine systematische Assimilation ist. - Hebräisch wird nicht und tvenn ja — nur ungenügend gelehrt. Jüdische Geschichte, jüdische Literatur finden meist nur leitfadeninäßige Behandlung im Unterricht. Und erst die Religionsstniide! Da wird sich mit den Eigenschaften Gottes und allgemein ethischen Ideen abgequält, denn die Bibel findet vor diesen Herren ja doch nur eine sehr bedingte Anerkennung. So kommt es denn, daß der Gottesdienst seinen spezifisch jüdischen Einschlag zu Gunsten allgemein ethischer Ideen verlieren muß und daß in den Gotteshäusern, die früher alle Inden der Welt in der gleichen' Sprache und in den gleichen Worten vereinte, Deutsche, Franzosen, Engländer in ihren Landessprachen beten. Wo sind die Werte, welche alle Anhänger der Linken einen? Gehalt, Ethik und Moral des Judentums müssen sich doch lnindestens auf dem jüdischen Gottesbegriff aufbauen, wenigstens dieser Begriff müßte mit allen seinen Folgerungen unumstößlicher Grund des liberalsten Judentums, so es Judentum bleiben und eine Parole haben will, sein; — aber selbst diese bescheidenste Forderung ivird nicht erfüllt. Alldieses und anderes führen;u einer vollständigen Auflösung, sodaß die Einsichtigen unter den Liberalen selbst bereits beginnen einzusehen, daß ihr Weg nicht der richtiges ist; es fehlt ihnen aber der Mut, die Conseq,lenzen zu ziehen. Doch eine Aenderung ist notwendig, denn so geht es nicht weiter! Entwurf eines Gemeindeprogrammes. Der Vorstand der Frankfurter Zionistischen Vereinigung hat den Entwurf eines Gemeindeprogrammes fertiggestellt, den er zur Diskussion stellt. Grundlage und Träger des jüdischen Lebens im Golus war von jeher die jüdische Gemeinde (die Kehillah), deren Aufgaben nach alter Tradition bestehen: 1. in der Sorge für Unterricht, 2. in der cworge für den Kultus, 3. in der sozialen Fürsorge. Die mannigfachen sozialen und religiösen Differenzen, die im jüdischen Volke seit Beginn der Emanzipationsbestrebungen cingetreten sind und von der Assimilation zum völligen Abfall von allem Jüdischen geführt haben, machen es notwendig, geeignete Vorkehrungen zu treffen, die in Anlehnung au die historische Entwicklung geeignet sind, die Einheitlichkeit der jüdischen Gesamtheit nachs außen hin jederzeit zu dokumentieren. Demgemäß erblickt der Zionismus das Ideal einer Gemeindevcrsassuiig für Frankfurt a. M. in einer Trennung der religiösen und sozialen Aufgaben der Geineinde nach folgenden Grundsätzen: I. Die Lösung und Erfüllung! aller sozialen Aufgaben der Gemeinde ist der einheitlichen .Gesamt-Gemeinde zu übertragen. Jeder großjährige Jude hat derselben anzugehören, unbeschadet der gesetzlichen Bestimmung über den 'Austritt aus der Religionsgemeinschaft für diejenigen, die dem Judentum den Rücken kehren toollten. II. Für die kulturellen und Unterrichts, d. i. die religiösen Forderungen, können und sollen sich innerhalb der Gemeinde Kultnsgesellsch asten bilden. Die Zugehörigkeit zu einer solchen ist freiwillig, der Austritt ist unter bestimmten Modalitäten jederzeit niöglich, wobei zur Wahrung übernommciler Lasten ivieder entsprechende Vorkehrungen zu treffen sind. A. Mindestforderungen für die Knltnsgesellschaften sind: 1. Errichtung resp. Erhaltung der Synagogen und Bethäuser. 2. Schaffung.ausreichenden Unterrichts sür alle Kinder der Gesamtgemeinde in der jüdischen Lehre und Geschichte, sowie namentlich in der hebräischen Sprache. Das Hebräische ist so zu lehren, daß die Heranwachsende Jugend imstande ist, die Geistesschätze der jüdischen Vergangenheit mit Verständnis zu lesen. Der Unterricht in der jüdischen Geschichte ist bis auf die Gegenwart fortzusetzen; er soll jüdisches Bewußtsein und Solidaritätsgesühl in der Jugend zn wecken, zil erhalten und zu stärken suchen. Für die Jugend der unteren sozialen Schichten sollen die Knltnsgesellschaften der verschiedenen rcligiöseil Richtungen öffentliche Volksschulen nach Maßgabe des bestehenden BolksjchulgesetzeS errichten. Es ist anzustrebcn, daß möglichst alle jüdischeil Volksschüler die jüdische Volksschuie besuchen. Die gesetzlichen, seitens der! politischen Gemeinde zu gewährenden Zuschüsse sind nach Maßgabe der Kosten auf die einzelnen Schulen zu verteilen. In organischer Verbindung mit diesen Volksschulen sind Kindergärten, Kinderhorte und geeignete Maßnahmen für Jugendfürsorge zu -treffen. 3. Die Kultusgesellschaften sind verfplichtet, das Hebräische als Gebetssprache und den Sabbat als einzigen ossiziellen Wochenfeiertag anzuerkennen. 4. Die Verwaltung der Knltnsgesellschaften ist ans Grund des allgemeinen, gleichen, direkten, grheinreil Wahlrechts unter Beobachtung der in der politischen Städtcverwaltung ausgestellten Prinzipien von Excekutive und Legislative einzurichten. 5. Den Knltnsgesellschaften steht ein Bestcuerungsrccht ihrer Mitglieder zn, das sich progessiv gestalten soll. , B. Forderungen an die einheitliche Sozialgcmeindc. 1. Die Verwaltung ist auf dcmokrater Basis cinzurichten unter Einführung des allgemeinen, gleichen, dircktein, geheimen Proportionalwahlsystems. 2. Die Steuern sind als Zuschuß zur Staatseinkommensteuer zu erheben. Die Einnahmen sind nur sür soziale Zwecke zu verwenden. 3. Die 'Armenpflege nach Maßgabe der Anschauungen der modernen Sozialwissenschaft unter Tätigkeit der weiter zu erhaltenden Einzelvereine. 4. Krankenhaus, 'Armenarzt, Hauspftege siehe entsprechenden Punkt u. h. Stadtgemeindeforderung. 5. Gründung eines jüdischen Bolkshaufes als Sammelplatz der jüdischen Bevölkerung und der jüdischen Vereine. 6. Jüdische Lehrlings- und Gehilfenvereine siehe bei 4. 7. Unterstützung und Uebernahme von jüdischen Bibliotheken und Lesehallen in Verbindung mit diesen jüdischen Volkshäusern. 8. Förderung jüdischer Turn- und Sportvereine. ~ 9. Fürsorge für landfremde Durchwanderer, Schaffung jüdischer Herbergen zur Aufnahme der Fremden, Regelung der Wanderbettelei, Schaffung eines Arbeitsnachweises und Unterstützungsvereins, die dieser Aufgabe obliegen. 10. Errichtung einer jüdischen Rechtsschutz- und Auskunftsstelle zum Schutze unbemittelter und rechtsunknndiger Inden. 11. Aufgabe der Gesamtgemeinde als die repräsentative Verwaltung der jüdischen Gesamtheit, besonders in allen öffentlichen politischen Angelegenheiten. Bei der Revision des Preußischen Judengesetzes soll Regelung der Gesetzgebung im Sinne der vorstehenden Punkte erstrebt werden. — Für mittlere und kleine Gemeinden, in denen eine Trennung in «pezial- und Kultusgemeinde nicht angängig ist, sind Veranstaltungen zum Schutze religiöser Minoritäten zu treffen, doch derart, daß überall jeder Jude verpflichtet ist, die sozialen Pflichten der Gemeinde mittragen zu helfen. Falls es zur Gründung von Bezirksrabbinaten kommen soll, bleibt es jeder Gemeinde überlassen, sich, einem bestimmten Bezirksrabbinate anzugliedern, in soweit eine Zusammenfassung der Gemeinden des ganzen Landes bezüglich eines größeren Bezirkes zur Unterstützung der kleineren Landgemeinden nötig ist, ist dieser Grundsatz auch aus die Landcsorganisation anzuwenden. So lange eine Gemeindeverfassung in unserem Sinne nicht möglich ist, stellen wir sür die israel. Gemeinde in Frankfurt a. M. folgende Forderungen ans: 1 Die Verwaltung der Gemeinde ist auf Grundlage des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechtes zn wühlen, auch der Vorstand wird von den Gemeindemitgliedern in direkter Wahl bestimmt, und es sind schleunigst Maßregeln zn ergreifen, daß das Wahlrecht auf der breitesten! demokratischen Basis aufgebaut wird. 2. Vollständige Oeffentlichkeit bei den Ausschußsitzungen. 3. Die israelitische Gemeinde ist verpflichtet, das Hebräische als Gebetssprache und den Sabbat als einzigen offiziellen Wochenfeiertag anzuerkennen. 4. Einführung bezw. Erweiterung des Jngendgottesdienstes. 5. Die Gemeindeverwaltung hat Sorge dafür zu tresfen, daß die Armenpflege nach Maßgabe der modernen sozialen Wissenschaft von ihr unter .Hinzuziehung der bestehenden Vereine übernommen wird. 6. Für das Gemeindehospital ist umgehend ein Neubau aufznftthren, um den hygienischen und sanitären Forderungen der Jetztzeit gerecht zn werden, das genügend groß ist, um die Kranken anfzunehmen; dem Zustand, daß Kranke zurückgewiesen werden, muß schleunigst ein Ende gemacht werden. 7. Errichtung und Gründung eines jüdischen VolkshanscS als Sammelplatz der jüdischen Bevölkerung und der jüdischen Vereine, Unterstützung und Uebernahme der jüdischen Lesehalle und Bibliothek in Verbindung mit jüdischen Volkshäusern. 8. Die Gemeinde hat dafür zu sorgen, daß eine öffentliche jüdische Volksschule in Verbindung mit einem Kindergarten und Kinderhort sür die Heranwachsende Jugend in echt jüdischem Sinne begründet Ivird evt. unter Uebernahme der bestehenden jüdischen Volksschulen. 9. An den höheren öffentlichen und Bürgerschulen soll nicht nur Religionsunterricht erteilt werden, sondern auch dafür gesorgt sein, daß die Jugend in der hebräischen Sprache unterrichtet wird. 10. Schaffung von jüdischen Lehrlings- und Gehilfenvereinen. 11. Fürsorge für landfremde Durchwanderer. 12. Errichtung einer jüdischen Rechtsschntzstelle und Anskunftsstelle zum Schutze unbemittelter und rechtsunkundigcr Inden. 13. Schaffung einer Kreditgenossenschaft zur Unterstützung jüdischer Handwerker und Gewerbetreibender durch Gewährung von Vorschüssen. Zionistische Distrittskonserenz in Lemberg. Am 25. November fand hier die Konferenz des ostgalizischen Distriktes statt, zu der etwa 40 Delegierte und die Mitglieder des abgehenden D.-K. erschienen waren. Das neugeschaffene Zentralkomitee war durch seinen Präsidenten Dr. Brande und die Mitglieder Dr. Rappaport und Jakob Salo Philipp vertreten. Dr. Ger schon Zipper erstattete den Bericht, aus dem hier erwähnt ist: die Uebernahme des „Jüdischen Tagblatts" in Partei-Eigentum, die Agitation .für die jüdischen Nationalrcchte in dem Kampf um das Wahlrecht, die Wahlkampagne zum Reichsrate, der Kampf bei den Kultuswahlen, die Stellungnahme zum geplanten Attentate aus das Hebräische in den Schulen seitens des Schulrates Herrn Prof. Sternbach und die rege zionistische Agitation .in Volksversammlungen usw. In der Diskussion traten die Herren M. Frost ig, Israel Weinlös und Bernhard Jahr mit heftigen Angriffen auf das abgehende D.-K. auf. Die Beschuldigungen bestanden hauptsächlich in folgenden Punkten: 1. Das D.-K. habe nur aus dem Gebiete der Landespolitik gearbeitet, während die Gebiete der Palästina-Arbeit und der nationalen Kultur ganz vernachlässigt wurden; 2. das D.-K. habe nicht das volle Verantwortungsgefühl vor der öffentlichen Meinung in der Partei gehabt und die von verschiedenen Seiten entgegengehaltenen Forderungen und 'Anregungen nicht genügend berücksichtigt; 3. mit besonderen Klagen tritt hervor die Fraktion „Misrachi" in Person des Lemberger bürgerlichen Vereines „Tikwath Zion", der der größte und tätigste Verein inr Distrikte ist. Dieser Verein hat eine große Arbeit für die nationale Kultur, sür den Nationalfond, für die Kolonialbank und auch für die Wahlen geleistet, und dennoch wird er seitens des D--K. höchst stiefmütterlich behandelt; seinen Obmann, der ebenfalls zum D. - K. gewählt 'wurde, „übersieht" man gewöhnlich, zu den Sitzungen einzuladen, und seine Arbeit findet nicht bloß keine Unter-