Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 46 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu Nr. 46 des Frankfurter Israelitischen Familieablaltes. Anhalt der Beilage: Artikel: Plan für die Gewinnung einer aügemeinen gesicherten Fürsorge für jüdische Gememdebeamte nach staatlichen Grundsätzen. — Aus aller Welt. — Aus der zionistischenBewegung. — Aus der Lehrerwelt. — Aus den Vereinen. — Die Briefmarkenabteilung des Nationalfonds. —’ „Jüdische Jugend". Plan für die Gewinnung einer allgemeinen gesicherten Kürsorge für jüdische Gemeindebeamte nach staatlichen Grundsätzen.*) Von Ad. P e r i tz - Königsberg i. Pr. Der Mangel einer allgemeinen, gesicherten Fürsorge für unsere jüdischen Gcmeindebeaniten, insbesondere für die Rabbiner, Lehrer und Kultusbeamtc unserer Gemeinden, >vird wohl in allen jüdischen Kreisen schmerzlich empfunden, lieber die Notwendigkeit einer solchen Vorsorge für das Alter und die Hinterbliebenen unserer Beamten braucht kaum noch gesprochen zu werden. Sie ist ebensowohl eine soziale Pflicht, wie sie eine Bedingung der förderlichen Pflege unserer religiösen Interessen ist. Nur ein in seinen materiellen Verhältnissen in jeder Hinsicht befriedigter Beamtenstand kann den hohen, idealen Aufgaben, die der Beruf eines Lehrers und Kultnsbcamten an ihn stellt, in vollem Maße genügen. Man braucht nicht anzunehmen, daß unsere jüdischen Gemeinden in ihrer Mehrheit der Gewährung einer gesicherten, ausreichenden Fürsorge an ihre Beamten grundsätzlich abgeneigt sind. Was sie in den meisten Fällen abhält, den bczgl. Wünschen ihrer Beamten Folge zu geben, sind vorwiegend gewichtige materielle Bedenken. Ihr Etat ist meist - sehr belastet und ihre Steuerkraft schon stark angespannt. Dazu kommt aber besonders die Unsicherheit ihrer Verhältnisse in der Zukunft. Nur ivenige Gemeinden können darüber ganz ohne Sorgen sein. So ist es auch hauptsächlich dieses Moment, das viele Gemeinden abhält, eine Verbindlichkeit hinsichtlich der Versorgung ihrer Beamten auf sich zu nehmen. Die bezgl. Verpflichtungen beziehen sich doch gerade auf die Verhältnisse in Zukunft, über die am wenigsten eine sichere Erlvägung hinsichtlich der Leistungsfähigkeit der Gemeinde möglich ist, und die dann aufzubringendcn Pensionsbeträge kömien unter Umständen ganz erhebliche sein. — Es gibt viele Gemeinden, die sich, ivenn das Versorgungsbediirfnis wirklich vorlicgt und sie ihre finanziellen Verhältnisse zugleich genau übersehen können, sehr leicht und in ganz ausgiebiger Weise zur Beivilligung einer Pension für ihre Beamten oder deren Hinterbliebenen bereit finden — ja, die von vornherein die bestimmte Absicht dazu haben, sofern es ihre Verhältnisse nur irgendwie gestatten — die sich aber doch nicht entschließen können, den Beamten vorweg einen gesicherten Rechtsanspruch darauf zu gewähren. Und doch liegt erst in der rechtlichen Voraussicherung der Versorgung der eigentliche Wert der bewilligten Fürsorge; anders kommt sie den allgenieinen Interessen, die wir mit einer geregelten Versorgung für die soziale Hebung des ganzen Bcamtenstandes und für die intensivere und hingebungsvollere Arbeit in Schule, Gemeinde und Synagoge verbinden, nicht zugute. Eine Beamtenfürsorge, die ihren Zwecken voll entsprechen soll, muß immer zunächst eine im voraus gesicherte sein. — Die vorerwähnten finanziellen Bedenken unserer Gemeinden gegen eine solche Versorgung *) Aus meiner demnächst erscheinenden Schrift: „Materialien zur Frage der Versorgung der jüdischen Gemeindcbcamten in Deutschland". (Umfang, Maß und Art der vorhandenen Fürsorge. — Unsere Versorgungseinrichtungen, Stiftungen und Versorgungsgelegenheiten für jüdische Gemeindebeamte. — Die Versorgungsfürsorge in unfern Großgemeinden. — Stand und Entwickelung unserer Hilss- und Pensionskassen für Lehrer und Kultusbeamte seit 1801.) treffen aber auch nur dann so bedeutsam zu, wenn nian annimmt, daß die künftig zu leistenden Pensionen einmal allein von den Jahren, in denen sie fällig sind, aufgebracht werden müssen. Die gehegten Befürchtungen verlieren aber einen wesentlichen Teil ihres Gewichts, wenn man die Einrichtungen so trifft, daß sich die Lasten aus der VersorgungsVerpflichtung auf alle Jahre, einschließlich derjenigen, in denen noch gar kein Versorgungsfall vorliegt, gleichmäßig verteilen. Dann wird in jedem Falle die Belastung des einzelnen Jahres nur verhältnismäßig gering sein und alle Beftirchtung bezgl. der Leistungsfähigkeit der Gemeinde für solche Mehrausgabe auch speziell für die Zeit, die man heute noch nicht genau übersehen kann, in vielen Fällen ganz fortfallen. — Noch günstiger würden sich die Verhältnisse in dieser Hinsicht stellen, wenn man dabei vorweg auch die Fälle schon in Berechnung bringen könnte, in denen durch den natürlichen Verlauf der Sache gar keine Versorgung notwendig wird. Und ebenso Ivürdc es die Entschließung der Gemeinde zugunsten unserer Bestrebungen wesentlich erleichtern, Ivenn die Gemeinden den jährlich aufzubringenden Vcrsorgnngsbetrag als einen fest bestimniten von vornherein genau übersehen könnten. All diese Bedingungen sind aber nur zu gewinnen bei kollektiven Maßnahmen vieler zn dem gleichen Zweck, d. h. bei Einrichtung einer allgemeinen P ensions lasse für unsere jüdischen Gemeinden mit all' den Bestimmungen, die wir für eine solche Kasse zur befriedigenden Versorgung unserer jüdischen Gcmcindebeamten .in allen Fällen für notwendig halten. Die Gründung einer solchen Kasse erscheint uns daruni als die unbedingte Voraussetzung für die Gewinnung einer allgemeinen, gesicherten Fürsorge für unsere Beamten. Die bercgtc Kasse muß natürlich in ihren Leistungen ganz nach den Grundsätzen der staatlichen Versorgung eingerichtet sein, weil es die Gerechtigkeit erfordert, daß unsere jüdischen Gemeindcbeamtcn in ihrer Versorgung nicht schlechter gestellt werden, wie die Beamten im öffentlichen Dienst. — Dann würde auch eine geringfügigere Versorgung unseren Gemeinden selbst nicht genügen, wenn sie dem Versorgungszwecke für ihre Beaniten mit vollem Ernst znstreben. (Schluß folgt.) Aus alrer Welt. Deutsches Reich. Berlin. Die aus Vertretern des .Deutsch-Israelitischen Gemeindcbundes" und des „Verbandes der deutschen Juden" zusammengesetzte Kommission zur Ausarbeitung eines Organisationsgesetzes für die jüdischen Gemeinden Preußens hat in den Tagen vom 17.—21. November in fünf umfangreichen Sitzungen die zweite Lesung des Gesetzentwurfes vorgenommen. Die Sitzungen waren sehr zahlreich besucht: von auswärts waren die Herren R.-A. Dr. Blau- Frankfurt a. M. und Justizrat Dr. Rothfels- Kassel anwesend. Von dem am Erscheinen verhinderten auswärtiger: Mitgliedern waren zum Teil sehr umfangreiche Amendierungsanträgen zn allen Teilen des Entwurfs cingegangen. Die Kommission, in die noch die Herren: Jnstizrat Lilienthal, Syndikus der jüdischen Gemeinde zn Berlin, Oberlandesgerichtsrat a. D. Geh. Jnstizrat Prof. Masse uiid Stadtverordneter L o u i s Sachs neu eingetrcten sind, hat eine aus drei Mitgliedern bestehende Redaktionskommission eingesetzt, der die genaue Formulierung der Beschlüsse zweiter Lesung übertragen wurde. Die Arbeit dürste mehrere Monate beanspruchen, ihr Ergebnis wird den: Plenum der Kommission zur Prüfung vorgelegt. Alsdann soll der Entwurf der Oesfentlichkeit zur freien Beurteilung übergeben werden, bevor in die dritte Lesung cingetreten wird. Berlin. Die Orientreise Dr. Nathans. Am 19. Oktober kam Herr Dr. Nathan in Begleitung 'des Herrn Dr. Mittwoch in Aleppo an und wurde pon den Vorstehern der Gemeinde feierlich empfangen. Dr. Nathan besichtigte alle Gemeindeanstalten, insbesondere die große Synagoge, die angeblich noch zur Zeit des zweiten Tempels 'erbaut worden ist. Hierauf 'machte er dem Chacham Jakob David Hakohen einen Besuch und versprach diesem, die Errichtung einer Handwerker schule in Aleppo seitens des Hilfsvercins in die Wege zu leiten. Nachher machten die Reisenden in Begleitung des Gcmeinderatcs auch dem Kadi ihre Aufwartung, der sie sehr freundlich ausnahm. — Am anderen Tage traten die beiden Herren die Weiterreise nach Palmyra und Damaskus an. München. Stiftungs-Genehmigungen. Die mit ungefähr 210 000 JL begründete „Gabriel und Rosa Rittersche israelitische Wohltätigkeitsstiftung" in München, die mit 20 000 ’JL errichtete „Mußbecksche Stiftung" in Füssen und die mit 10000 Jt. errichtete „Wieningersche Arbeiter - llnterstütznngsstiftung" in Rittsteig haben die behördliche Genehmigung erhalten. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Die Chanukafeier der hiesigen Zion. Vereinigung verspricht einen genußreichen Abend. Herr Dr. Moses aus Mannheim wird die Festrede halten, und der musikalische und gesangliche Teil wird unter Mitwirkung der „Bereinigung für populäre K a m - m e r m u s i k" und des Opernhausmitgliedes Alfred H a u ck ausgeführt werden. FulSa, 20. Nov. Heute fand die erste Mitgliederversanrmlung der vor vierzehn Tagen gegründeten Zionistischen Ortsgruppe statt. Es waren dazu aus Frankfurt die Herren B. '«t c r n und Josef Hackenbroch erschienen. Herr Stern gab ein klares Bild über die Ziele des Zionismus. Herr Hackcnbroch sprach über die Bedeutung des Misrachi im Zionismus und betonte besonders, daß ein Zusammengehen der orthodoxen Zionisten mit den andersdenkenden Zionisten innerhalb des Zionismus von Nöten sei. — Die Vorstandswahl Scgab die Wahl des Herrn Gustav Nusbaum als 1. Vorsitzenden und des Herrn Mendel Grünebaum als 2. Vorsitzenden. Frankfurt a. M.» 27. November. Die Zion. Ortsgruppe veranstaltete Montag Abend in Bocken heim eine Agitationsversamml u n g. Es sprachen die Herren M. Levigard, B. Stern und Fritz Sondheimer. Fast sämtliche anwesende Nichtmitglieder traten der Frankfurter Ortsgruppe als Mitglieder bei. Hamburg-Altona. In einer stark besuchten Versammlung der hiesigen Ortsgruppe referierte am 23. ds. Mts. Herr Dr. Halpern über den 8. Kong r e ß. Der Referent beschäftigte sich besonders mit der Tatsache der Beschränkung des A.-C. aus 3 Mitglieder. Wenn man bedenke, daß die Bewegung in Bezug auf die Zahl ihrer Mitglieder und der jüdischen .Bevölkerung überhaupt nach dem Osten gravitierte, hier aber 5/6 der Zionisten hinter Ussischkin stünden, so sei es bedauerlich, daß dieser Mann der Leitung nicht mehr angehöre. Er halte diese Veränderung für einen taktischen Fehler. Nssischkin sei für die praktische Arbeit eingetrcten, weil er sie sür gefährdet gehalten habe, er würde ebenso für die politische eingetreten sein, wenn sie in den Hintergrund getreten werden würde. Die Ausscheidung Ussischkins sei nicht auf prinzipielle Gegensätze zurückzuführcn, denn das, was Ussischkin erstrebt habe, sei anerkanntes Programm der gesamten Partei geworden. Der 8. Kongreß bedeute eine Abkehr vom reinen Charterismus. Man habe begonnen, den Wert der Erlangung kleiner, politischer Konzessionen und ein allmähliches wirtschaftliches Bordrängen in Palästina zu schätzen. In der Diskussion suchte der zufällig als Gast anwesende Herr Kantor Blitz die Veränderung des A.-C. aus politischen Gründen zu rechtfertigen. Einige Bemerkungen über die politischen Zionisten veranlaßte Herrn Estermann, eine historische Klarstellung der Motive zu geben, die einen Teil der Zionisten damals veranlaßt haben, sich mit dem Ugandaprojekt zu befassen; es fehlen grundsätzliche Garantien bei einer Besiedelung Palästinas. In einer Entgegnung erklärte D r. Halpern, daß die Beschlüsse des 7. Kongresses für jeden Zionisten unbedingt bindend sein müssen und ein von diesen abweichender Standpunkt innerhalb des Zionismus nicht geduldet werden könne. An der Diskussion beteiligten sich noch die Herren Dr. Kalmus, D r. Besser und L. Michael. Stratzburg i. E., 24 Novbr. Gestern Abend fand die konstituierende Versammlung des Vereins „Misrachi" statt. — Herr E. Bickhardt, einer der eifrigsten Vorkänipser des Zionismus, eröffnete die Versammlung. Nach der üblichen Begrüßung entwickelte der Redner das Programm des Misrachi und widerlegte die Einwände, die sowohl von rechts wie auch von links gegen diesen erhoben würden. Im weiteren Verlaufe seiner Rede machte der Redner Vorschläge betr. der Tätigkeit, die der Misrachi in Straßburg zu entfalten habe: Es sollen wöchentliche Versammlungen abgehalten werden mit dem Zwecke, die Pflege der hebräischen Sprache zn fördern und die Kenntnis des Talmuds wie auch unserer heiligen Schrift zu verbreiten. Als Vorstandsmitglieder wurden gewählt die Herren: Emil Bickhardt, I. Bloch, Sim.