Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 46 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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tau&fntfet Zstxklilischks fmilirnlilntt. ,!' ' — » Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a.' M. M. 1.— stet inS Haus. Bet der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— I -----——» ZranKfurt s. ITC., vilbelerstraße 4/6> Ecke Bleichstraße T-r-f-« 10507. Kaks!. .! Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzelle. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrtst ohne Verbindlichkeit. Bellagen: Preis nach Uebereinkunft. 5. Jahrgang. Freitag, de» 23. Kislew 5668 (29. November 1907). Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Mecklenburgisches Wahlsystem in jüdischen Gemeinden. — Hilfsverein der Deutschen Juden. — Aus aller Welt. —Personalien — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Der Prophet. — Wochen-Kalender. — Kunst und Literatur. — Familiennachrichten. Mecklenburgisches Wahlsystem in jüdischen Gemeinden. Wahlrecht! — gemartert, hin- und hergezerrt wird dieses Wort in unserm deutschen Vaterlande n nd kann nicht zur Ruhe kommen. Vom Proportionellen, gleichen und geheimen direkten Wahlrecht Württembergs bis zum Portemonnaiewahrecht der Dreiklassenwahl und zum Adelsparlament Mecklenburgs sind hier — bunt wie das Bild der deutschen Bundesstaaten — alle Wahlsysteme vertreten; — und ihre Verschiedenheit zu einer Einheit, einer Einheit, die die Gerechtigkeit gebietet, zu gestalten, wird noch, auf lange Zeit hinaus die edelste Aufgabe aller freigesinnten Männer bleiben. In dem Kampf für die Erringung einer Volksvertretung, die in Wahrheit eine Vertretung des Volkes in allen seinen Schattierungen ist und die Gleichheit aller Bürger im Gesetze als ein heiliges, unverletzliches Dogma im Herzen trägt, haben die Juden stets die verständnisvollsten und opferwilligsten'Streiter gestellt. Man.steht deshalb vor einem Rätsel, vor einem Widerspruch, für den es eine logische Lösung nicht geben kann, wenn man sieht, daß ein Teil dieser jüdischen Streiter zu den engherzigsten Reaktionären wird, sobald das jüdische Leben in Frage kommt. Und es ist merkwürdig: es sind das die, die sich nicht allein politisch, sondern auch als Juden „liberal" oder „freisinnig" nennen, während die traditionell Gesinnten, weil sie ihr Gemeinwesen auf der Grundlage des traditonellen Judentums, das ja streng demokratisch ist, aufbauen, auch als Juden sich ihrer Demokratie bewußt bleiben. So finden wir denn, daß die streng orthodoxe „Israel. Religionsgesellschaft" in Frankfurt a. M., die von den Liberalen so gern als der Urbund der schwärzesten Reaktion verschrieen wird, die denkbar demokratischste Verfassung ihr Eigen nennt: Vorstand und Ausschuß werden in geheimer und direkter Wahl von allen Gemeindemitgliedern gewählt, in einer jährlich mindestens einmal stattfindenden Generalversammlung haben Vorstand und Ausschuß Bericht zu geben und die Direktiven der Gemeindemitglieder zu empfangen; auch bestimmen die Mitglieder ihre Steuern nach ihreip freien Ermessen, einzig verantwortlich vor ihrem Gewissen. Und so haben'wir ferner in der von ' dm „Liberalen" regierten „Jüdischen Gemeinde" in Frankfurt a. M. das Gegenteil zu dieser, musterhaften Organisation, sie hat nämlich Me:'Verfassung, um die sie Mecklenburg beneidens.Ännte: chr Vorstand wählt sich selber; 9 Männer schwingen' das Szepter überf 23 000 Seelen; auf 9 Jahre wählen sich diese 9 Männer, jedes Jahr scheidet einer von ihnen auf ein Jahr aus, uni dann in der Regel wieder auf 9 Jahre gewählt zu werden; die Mitglieder der Gemeinde sind mundtot, sie dürfen wohl einen 9gliedrigen Ausschuß wählen, doch dieser stellt in der Hauptsache nur eine Geldbewilligungsmaschine dar. Der „Deutsch-Israel. Gemeindebund" stellt mit großem Fleiße von Zeit zu Zeit Statistiken über die Gliederung des jüdischen Gemeindelebens auf. Gottesdienst, Religionsunterricht, Besteuerungs¬ und Finanzverhältnisse marschieren in Zahlen auf; aber an eine Statistik der innerhalb der Gemeinden herrschenden Wahlsysteme hat er sich noch nicht herangewagt. Und doch hätte er gerade dadurch iinmerhin wenigstens eine Antwort auf die Frage bekommen, die aus den Zahlen der Statistik spricht, die Frage nämlich, warum das jüd. Interesse so sehr im Schwinden begriffen ist. Denn wenn z. B. von den 1900 jüdischen Gemeinden Deutschlands nur noch 500 tägliche Gottesdienste haben, wenn des ferneren in Berlin heute unter den von den Juden eingegangenen Ehen ständig 20°/« Mischehen sind, so sind das Zahlen, die an erschreckender Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Und einer der Faktoren, die sicherlich an diesen tieftraurigen Resultaten, die einen Auflösungsprozeß bedeuten, schuld sind, ist die von deir jüdischen Gemeinde-Paschas gezüchtete Interesselosigkeit ihrer Mitglieder für alle Fragen der jüdischen Gemeindestuben. Zahlreiche jüdische Großgemeinden stehen jetzt vor den Wahlen. In den meisten stehen sich demokratische „Konservative" und reaktionäre „Liberale" gegenüber. Die einen wollen die Erhaltung des traditionellen demokratischen Judentums, die andern wollen das Judentum assimilieren, die einen haben ein positives jüdisches Programm, die anderen vermögen nicht, mit einem solchen aufzuwarten, sie haben noch auf keinem Gebiete des jüdischen Lebens ihre aufbauende Kraft bewiesen. Dies im Einzelnen zu zeigen, bedarf eines besonderen Artikels. Es genügt im Rahmen unserer heutigen Ausführungen die Tatsache, daß die „Liberalen" es sind, die an Stelle des jüdischen gleichen und geheimen direkten Wahlrechts in den jüdischen Gemeinden Wahlsysteme aufrecht zu halten sucht, durch die die jüdische Masse an der Betätigung in den Angelegenheiten der jüdischen Gemeinden zurückgehalten und so die Interesselosigkeit der jüdischen Masse jüdischen Fragen gegenüber gezüchtet wird. Das jüdische demokratische Wahlrecht wieder zu erobern unddas herrschende mecklenburgische Wahlsystem zu beseitigen, muß die Wahlparole all' der Männer im Judentum — seien sie „traditionell" oder „liberal" gesinnt — sein, die es ernst mit der Zukunft desselben meinen! No. 46. Hilfsverein der Deutschen Juden. Uebersicht über seine Tätigkeit vom 1. I a ». bis 30. S e p t. 1907. I. Organisation. Die Zahl der Mitglieder hat sich von rund 13 000 am 1. Januar aus rund 17 000 am 1. Oktober erhöht. Entsprechend diesem Zuwachs sind vom 1. Januar bis Anfang Oktober a. c. an Jahresbeiträgen eingegangen rund Mk. 120000, die sich durch weitere Zahlungen bis zum Schlüsse des Jahres noch beträchtlich erhöhen werden (gegen Mk. 98 696.44 im Vorjahre); außerdem an einmaligen Beiträgen: rund Mk. 160 000. Der nachstehende Bericht über die einzelnen Aufgaben, denen der Hilfsverein sich dauernd widmet, zeigt aber, daß trotz der opferfreudigen Betätigung der Juden Deutschlands die Einnahmen bei weitem nicht ansreichen, um das große Werk des Hilfsvereins in einer den dringenden Bedürfnissen entsprechenden Weise auszubauen. II. S ch u l w e r k. Palästina. Der Hllfsverein hat in diesem Jahre in Palästina, wo er zur Zeit die meisten Schulen unterhält, eine Handelsrealschule in Jerusalem und weitere Kindergärten in Beirut, Haifa und Liberias begründet. Die Subventionen der Lehranstalten in Jerusalem und Jaffa wurden — insbesondere im Hinblick auf die große Inanspruchnahme durch mittellose russische Jmmigrantenkinder — beträchtlich erhöht. Der Lehrplan des Seminars des Hllfsvereins in Jerusalem, das Lehrer für Palästina, insbesondere die jüdischen Kolonien daselbst, und für die Balkanländer und die europäische Türkei heranbildet, hat eine wichtige Erweiterung durch Einführung theoretischer und praktischer landwirtschaftlicher Kurse erfahren. Tüchtige Lehrkräfte, die in Deutschland chre Ausbildung empfangen haben, sind für Seminar, Schulen und Kindergärten gewonnen worden. Eine Reihe von BLdungs- und humanitären Instituten, die für das kulturelle und wirtschaftliche Leben Palästinas von hervorragender Bedeutung sind oder zu werden versprechen, sind unterstützt worden: — so in Jerusalem die Lämelschule, die Zentralbibliothek, das jüdische Mädchenheim, das russische und palästinensische Waisenmädchen aufnimmt. Studienreise des Herrn Dr. Nathan nach dem Orient. Eine weitere wesentliche Ausgestaltung des palästinensischen Schulwerkes des Hilfsvereins steht bevor. Sie wird auf Grund der Vorschläge des Herrn Dr. P. Nathan, Geschäftsführers des Hllfsvereins der Deutschen Juden im Ehrenamt, erfolgen, der sich zur Zeit auf einer Studienreise im Orient befindet. Bulgarien. Die erfolgreiche Tätigkeit der vom Hllfsverein entsandten deutschen Lehrkräfte wird dankbar anerkannt. Türkei. In Konstantinopel, wo eine große jüdische Bevölkerungsmasse zusammengedrängt ist