Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 43 (8.11.1907)
- Date
- 1907-11-08
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692511-2692554--03566-2698269- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10. Frankfurter Israelitische- FamilreMatt. Nr. 43 Der Zweck, den die Alliance Jsraälite Universelle bei "ihrer Stiftung verfolgt hat, ist in nnchiiehenden Satzungsbesttmmuugcn nkedergelcgt: 1. „Ueberall für die Gleichstellung und den moralischen Fortschritt der Inden zu wirken; 2. Denen, die in ihrer Eigenschaft als Juden leiden, eine wirksame Hilfe angedeihcn zu lassen; 3. Jeder Schrift, welche geeignet ist, diese Rcsultate herbeizuführen, Unterstützung zu gewähren." Als die Alliance Jsraelite Universelle begründet wurde, sind diese Satzungsbestimmungen in der weiten Welt unserer Glaubensgcmeinschast mit Heller Freude ausgenommen worden. Alle Kundgebungen aus jener Zeit bezeugen jubelnde Zustimmung. Von einer Besorgnis war nie und nirgends ein Hauch zu spüren. Die von Herrn Philippson vorgctragcne Vorstellung von einer „förmlichen Verschwörung der Juden zur Erlangung der Weltherrschaft" stammt ungefähr wörtlich aus der Feder des Redakteurs Gödsche, dessen Name (Pseudonym: John Retclifsej durch seine Romane und durch seine Zeugcnschaft in dem Prozeß Waldeck — nach des Gerichtspräsidenten Taddel Ausdruck „ein Bubenstück ersonnen, einen Mann zu verderben" — bekannt geworden ist. In einem dieser Romane ist eine angeblich auf einen: jüdischen Friedhof in Osteuropa gehaltene Rabbinerrede erwähnt, die das Streben nach Weltherrschaft enthüllt habe. Die verlogene Presse hat in den achtziger Jahren dieses fanatische Phantasicerzcugnis sruktisiziert. Wir dürfen wohl behaupten, das; die „öffentliche Meinung", auf Die Herr' Philippson sich beruft und in der nach seiner Versicherung die „irrigen aber unvermeidlichen" Folgerungen aus der Jnternationalität der Alliance gezogen und „von Uebelwollenden gehässig ausgebeutet" worden sind, die öffentliche.Meinung der skrupellosesten Antisemiten gewesen ist. (Schluß folgt.) Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Bei der Exoedition des Frankfurter Israelitischen Familienblattes gingen für den Nationalfonds ein: Anläßlich der Brismilohfrier iin Hause des Herrn Dr. Nebenzahl gesammelt 10,— Jk Franksurt a. M. Ball Spannung sahen die Herren, die sich vorigen Sonntag nach Fulda begaben, uin dort eine zionistische Ortsgruppe zu gründen, den kommenden Dingen entgegen. Galt es doch, an einem Orte Fuße zu fassen, dessen Rabbiner — er genießt bis weit über Deutschlands Grenzen hinaus einen großen Namen als einer der selbstlosesten und, tatkräftigsten seiner Amtsgenossen — als Gegner des Zionismus gilt! Und dann war's ein Schritt in eine der wenigen größere» jüdischen Gemeinden Deutschlands, in denen noch altjüdisches Leben pulsiert, die aber bisher von der zionistischen Bewegung noch kaum berührt tvurdc! Fast die ganze Genieinde — Herren und Damen, junge und alte — war erschienen, und Kopf an Kopf gedrängt bis in den Vorraum hinein stand und saß das Publikum an 4 stunde», mit regem Interesse den Reden lauschend. Ein einziger Gegner ließ in der Diskussion seine Stimme ertönen: der religiöse Führer der Gemeinde. Aber seine Gründe, die sonst durch ihre überzeugende Kraft so stark wirken, waren diesmal matt in ihrem Eindruck auf die Zuhörer und fanden von seiten der Frankfurter Herren leicht Erwiderung, da sie teils auf unrichtiger Information oder Unkenntnis der zionistischen Bewegung, teils auf seiner sehr merkbar persönlichen Anschauung, in keinem Falle aber auf einem Gesetze des Judentunis basierten, so daß der Redner hätte sagen können: Es ist nicht erlaubt. Sein Hauptgrund, daß der Zionisinus an die Stelle des Thorajudentums ein bloßes Nationaljudentum setze, ist der einzige scheinbar richtige Grund seitens der orthodoxen Gegner dieser Bewegung; er trifft aber nicht zu. Das Basler Programm lautet: „Der Zionismus erstrebt die Schaffung einer rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina"; enthält also kein Wort, das zu einer solchen Auffassung berechtigte; vielmehr das Gegenteil ist der Fall. Herzt sagte; „Der Zionismus ist die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Zudenland", und damit dieser Ausspruch Herzl's in der> zionistischen Bewegung zur Geltung gelange, haben sich die traditionell lötenden Zionisten — und unter ihnen viele Rabbiner, deren Frömmigkeit und. Gelehrsamkeit über jeden Zweifel erhaben ist — innerhalb des Zionismus in einer besonderen Organisation — dem. „Misrachi" — vereinigt. Das Ende der sehr interessanten Versammlung war bald vorauszusehen. Die Gründung einer zion. Ortsgruppe kam zu Stande, und zwar mit einer stattlichen Mitgliederzahl. Fulda, 3. November. Zwecks Gründung einer zionistischen Ortsgruppe hatten, sich heute eine große Anzahl Herren und Damen im Saale des „Deutschen Hauses" versammelt. Der Einberufer dev Versammlung, Herr G u st a v Nußbaum, begrüßte 4»ie Erschienenen und dankte den Herren aus Frankfurt, die hierher gekoinmen waren, um den Hörern über Wesen und Ziel der zionistischen Bewegung xinen Vortrag zu halten. — Herr Fritz Sondheiincr übernahm den Voritz, richtete einige Begrüßnngsworte an die Anwesenden und erteilte Herrn Rechtsanwalt Dr. Schwarzschjild das Wort. In lichtvoller, Begeisterung weckender Weise löste der Herr Redner seine Aufgabe. Reicher Beifall loard ihm gespendet. — Ob man gcsctzcstreucr Jude und zugleich Zionist sein könne, darüber referierte Herr Dr. Feuchtwan g e r. An zahlreichen Bibel- und Talmudstcllcn wies er »ach, daß jeder Jude Zionist sein müsse. Seine interessanten Ausführungen fanden den (ungeteilten Beifall der Versammlung. — Die soziale Pflicht des Juden, dem ZioniSmns sich anzuschließcn, betonte Herr Levigard so überzeugend und so markant, daß seine Worte in zahlreichen Herzen einen lauten Widerhall fanden, was die vielen, wiederholten Bravorufe bezeugten. — Schon glaubte inan, daß kein Mann zurückstehe!: und jeder sich der in der Bildung begriffenen Ortsgruppe anschließen ivürde, als sich Herr Provinzialrabbiuer Dr. Cahn erhob und erklärte, daß er im Zionismus, der nur ein nationales Judenttlin anerkenne und «Religion als Nebensache betrachte, eine Gefahr für unsere heilige Emunah erblicke. — In "scharfer, von tiefer Erregung zeugender Weise cntgegnete ihm Herr G o i t e i n, der das gerade Gegenteil von dem, was Herr Dr. Cahn befürchte, in der zionistischen Bewegung sieht. — Nachdem Herr Sondheiincr, Herr .Dr. Feuchtwanger und Herr Dr. Sch Warzschild die Bedenken zu widerlegen gesucht, Herr Dr. Cahn nochmals seinen Standpunkt klargclegt hatte, wurde die Versammlung geschlossen. — Das Ergebnis war, daß 44 Mitglieder sich anmeldeteu. — Berlin. Das Zentralbureau der .Zionist Vereinigung für Deutschland" ist nach Charlottenbnrg 2, Bleibtreustraße 49 (Telefon 9881) verlegt worden. Geldsendungen und Einschreibebriefe sind auch fernerhin nur an Herrn Max Wollstcincr, Berlin, Holsteiner Ufer 10, zu richten. Basel. Der Zionisttsckie Parteitag, der am 20. ds. Mts. unter Präsidentschaft des Herrn I. Horn- Zürich in Biel abgehalten wurde, erfreute sich eines lrbhasten Besuches. Dr. L e v y - Biel referierte über den „8. Kongreß", Dr. Strauß- Zürich über „Propaganda" und Färber-Zürich über „Praktische Arbeit". Praa. Ein Distriktstag der Delegierten der zionistischen Organisation Böhmens wurde hier abgehalten. Die Schekelzahler Böhmens sind in 22 Vereinen organisiert. Die Zahl der Schekelzahler betrug im letzten Jahre 1683. Für den Nationalfonds wurden in Böhmen im Berichtsjahre 9300 Kr. gespendet. Der Distriktstag nahm eine Resolution Mahler an, die zur Vertiefung der zion. Arbeit und zum Hineintragen des zionistischen Gedankens in Haus Und Schule auffordert. Lemberg. Die Landeskonferenz der g a l i z i s ch e u Zionisten tagte hier am 27. und 28. Oktober unter Teilnahme von 160 Delegierten und eines sehr zahlreichen Publikums. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Am vergangenen Sonntag hielt Herr Dr. Raphael Breuer im Verein M e k o r C h a j i m einen Vortrag über das Thema: „Die Kunst, glücklich zu sein". Ter Redner führte ungefähr folgendes aus: Alles, Jung und Alt, Groß.und Klein strebt zum Glücke, denn das Glück igitt dem Leben Wert und Inhalt Die Jagd nach dem Glücke ist die Parole aller Zeiten gewesen. Doch wie verschieden äußert sich dieses Streben! Des 'Kindes Glück ist verschieden von dem des gereiften Menschen, es ist glücklich in seiner Unwissenheit, Unschuld^ denn Wissen ist Schmerz. Als Schüler tvaren ivir glücklich, wenn ein Lehrer unwohl ward, hatten wir doch dadurch eine Stunde Unterricht gespart. Der Erwachsene sucht sein Glück draußen, im Leben, in der Betätigung, auch da herrscht wieder die größte Verschiedenheit. Doch nicht nur der Einzelne sucht sich sein Glück, auch die Gesellschaft, der Staat tut das Gleiche für die Gesaintheit und die soziale Frage ist das Produkt dieses Strcbens. Alle Ereignisse in der Geschichte haben ihren Ursprung in der Jagd nach dem Glück. Was ist nun das Glück? Ist es eine Ausgabe, ein Gesetz, ein Ideal? Ist cs persönliche Befriedigung? Findet man cs im Rennen und Jagen, in der Stille geistiger Tätigkeit? Liegt das Glück im Reichtum, in der Kunst, in der Askese oder im Genuß? Mau hat schon alle möglichen Lösungen versucht, aber noch immer ist die Welt nicht glücklicher geworden. Bietet uns die Poesie die Hand zum Glücke? Goethe selbst, dein doch wie selten einem Sterblichen die Freuden der Welt offen gestanden, spricht die bezeichnenden Worte: „Es gibt ein Glück, aber wir Habens nicht". Doch wie ist's mit der Arbeit? Bringt uns ihr Segen das Glück? Doch wie, wenn uns die Arbeit nicht gelänge; tvenn wir in zu emsiger Arbeit uns verlieren? Wird uns das aus die Dauer glücklich machen? , Oder sollen wir uns der Gesamtheit zur Verfügung stellen, unser eigenes Ich in den Hintergrund treten lassen? Wäre dies nicht das höchste Ideal? Aber können wir auf die Dauer so unsere Natur verleugnen, die nun doch einmal mit starker Stimme in uns selbst nach 'Glück ruft? Das Jndentnin gibt die Lösung auf diese Fragen. Immer und immer wieder betont cs das Recht des Einzelnen nach Glück, cs will uns zum Glück erziehen, es fordert uns auf zum Glück! Das Judentum negiert nicht die natürliche Leranlagnng des Menschen, cs will keine Triebe im Menschen ertöten, ondern die Thora will diese Triebe in gesetzliche Bahnen lenken. Denn auf die Dauer läßt sich die Natur des Menschen, die zum Genuß, nicht zur Askese neigt, nicht einschränkeu und gewaltsam unterdrückt, ivird sie doch, des Zlvanges müde, alles einst über den Haufen werfen und der Zügellosigkeit äuhcimsallen. Aber die Jagd nach dem Glück, die machen wir nicht mit. Allwöchentlich kommt der Sabbat, da unterbrechen wir die Jagd und stellen damit Gott alles anheiui, zeigen, daß irdisches Streben ans allen Gebieten eine Grenze haben und nur von höheren Interessen diktiert sein soll. Der Sabbat soll uns Gott als Verleiher des Glückes zeigen, das nimmt unserem Suchen üacki Glück die Schärfe und die Hast und lehrt uns auch uns mit Wenigem bescheiden. Das gibt uns innere Ruhe und Befriedigung und chosft uns nach salomonischem Rezept den Gram ans dem Herzen. Glücklich sein ist eine Kunst. Von Künstlern ivnrdcn wir Juden oft bei Weitem übertroffen, aber in der Kunst glücklich zu sein, hat uns noch niemand überragen können. Frankfurt a. M. Die V e r g n ü g u n a s- Gcscllschaft junger Leute, gegr. 1893, hielt am Samstag ihre diesjährige Generalv e r s a m m l u n g ab. Die Neuwahlen des Vorstandes ergaben folgendes Resultat: B. B l u m e n t h a I (1. Vorsitzender), A. A s ch e n b r a n d, N. Kaufmann, Leo B ö tti g h e ime r, I. Fu ld, L. Richard und Meier Rosenthal. Das Vereinslokal befindet sich Breitegasse 2, Restauration N. Seligmann; Vereinsversammlung ist jeden Samstag Abend 9Ve Uhr. Frankfurt a. M. Die Verwaltung des Verein „Nach l as Zwi" schreibt uns: „Nachdem es uns gelungen ist, von der Vcrwaltniig der Synagogengemeinde „Israel. Religionsgcsellschaft" den Hörsaal der neuen Synagoge für unsere Unterabteilung zu gewinnen, sind wir in der angcnehincn Lage, am kommenden Sabbat, d. 9. ds. Mts., um 2 Uhr nachmittags unsere zweite Abteilung zu erössnen. Herr O b e r l c h r e r D r. I. H. B o n d i hat in liebenswürdiger Weise die Leitung dieser Abteilung übernommen. Vorerst wird sich diese Abteilung mit Lektüre und Besprechung 'von S. R. Hirsch's „Neunzehn Briefe" beschäftigen. Wir laden hierzu jedermann ein, und halten es für wichtig, daß sich insbesondere die Fugend an diesem Kurse recht stark beteiligt." Frankfurt a. M. Der Israelit. Hülisverein hat seinen 25. Jahresbericht auf das Nötigste beschränkt, da er das Jubiläum seiner 25jährigen Tätigkeit durch eine akademische Feier begehen und bei dieser Gelegenheit eine Festschrift herausgeben wird. Dem Berichte entnehmen wir: die Zahl der Mit-- glieder hat sich von 542 mit 9900 Jk auf 621 mit 10130 Jk Jahresbeiträgen erhöht. Verausgabt wurde für 3254 Durchreisende 13 028 JL, für Spczialfällc 50544 Jk und für monatliche Verteilungen und Spesen das Rosch-Chodesch-Bercins 3811 JL Die Zuwendungen an den Verein für die Spczialfälle hatten sich von 50 000 Jk im Vorjahre auf 38 500 Mark vermindert, wodurch die Ausgaben die Einnahmen um fast 5000 Jk übersteigen. Frankfurt a. M. Ein an Inhalt und Ausdruck reichhaltigen Vortrag hielt letzten Montag Abend im Verein für j ü d. Geschichte u. Literatur Herr Rabbiner Dr. K a a tz-Zabrzc. „Ghettoliteratur" war das glücklich'gewählte Thema. Wir sagen: glücklich gewählt; ist doch das Problem der Ghettoliteratnr und Ghettosprache aktuell geworden, sodatz es das Tagesgespräch vieler bildet — bei manchen unserer Modernen ivird es geradezu als Kultus betrieben —, und ist cs doch des ferneren, wie auch der Redner am Schlüsse seines Vortrages ausführte, gerade in einer Zeit, in der das Aeußere, die Form, die Oberhand nimmt, in der das maschinenartige Treiben alles zu verschlingen droht, von nöten, einen Blick in das Innere einer anderen Welt voll Zauber der Reinheit und Unschuld, der Bescheidenheit und Sanftmut, der Genügsamkeit und des glückseligen Gottvertrauens, die uns die Ghettoliteratur anfrollt, zu tun. Sein Referat iw 2 (Teile teilend, behandelt Redner zuerst die jüdische Literatur des vorigen Jahrhunderts, sofern sie deutsch-geschrieben ist. Gutzkow, Kompert, Bernstein, Kohn, Sacher-Masoch u. a., die von der jüd. Welt erzählt und gedichtet haben, werden von ihm an der Hand von Proben besprochen und beurteilt. Vor allen gibt er Bernstein, den Vorzug, denn während der eine als Christ die Dinge höchstens nur n a ch e m p f i u d e n, aber bei. weitem nicht Mitempfinden kann und der andere wiederum alles idealisiert, steht Bernstein.auf dem Boden der W i r k - lichkeit; er.wurzelt in der jüd. Gasse, das jüdische Empfinden, die jüdische Lehre) die jüdische Denkungsweise sind ihm eigen, — und in plastischer Weise versteht er, uns alles zu veranschaulichen; und