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Neue jüdische Presse · 1907-11-08 · Heft 43 (8.11.1907) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 43 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage p Nr. 43 Inhalt der Beilage: Sprechsaal. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus den Vereinen. — Vereins-Kalender. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) lieber jüdische Turnerei. Eine General-Abrechnung. Nun . reden sie. Der eine ist wütend und witzelt schlecht, der andere sagt auch nein, obgleich er „der nach dem Osten Schauende" ja sagen sollte. Er „ersieht" nicht. Und der Dritte vollends stottert und müllert und bebt. Juden werden tnrnen — als Juden turnen und noch im judenfreuudlichen Frankfurts wo wir nicht hinausgcschmissen werden — o bas ist schrecklich. Und alle Drei stimmen in den Ruf ein, wir turnen nicht! Ich sagte ihnen: Bruder, wir wollen gemeinsam turnen: Jahrhunderte lang haben wir in den Ghettis gelegen und schlechte Luft eingeatmet. Wir hatten keine Gelegenheit, unsere Muskeln zu entwickeln. Wohl hat „ihre." Nächstenliebe uns geturnt — in den Folterkammern von Toledo und' Barcelona — in Odessa und in Kischinew — aber w i r haben nicht geturnt. Wir hüben uns überhaupt nicht bewegen können, wir haben keine Kriege gemacht, nicht gejagt und nicht gerauft, wir haben im Kampfe unsere Muskeln nicht gehärtet, unseren Brustkorb nicht geweitet. Unsere Ahnen hatten starke Seelen, aber schwache Körper. Das Ersterc hat sich — nach Albert Hirschberg zu urteilen — nicht vererbt, wohl aber das Letztere. Der Jude unterscheidet sich auch anthropologisch vom Nicht-Juden. Beim Juden ist der Oberkörper schwächer entwickelt» als beim Nichtjuden. So versichert der größte deutsche Anthropolog Luschau, so der Kriminalogc Lombroso, so der berühmte Nervenarzt Max Nordau. Daraus folgt, das; die Inden anders turnen müssen, daß es ein spezielles jüdisches Turnen gibt. Jedes Volk turnt überh anpt anders. Die Japaner haben ihr Jtsu-Turnen, die Engländer ihr spezielles Muskel-Turnen (damit sie wohl geschickt boxen können), die Franzose», die temperamentvollen, flinken Franzosen haben ihr spezielles Gelenk-Turnen. Wie jedes Volk seine besonder« Leibgerichte und seine besonder« Witze hat, so hat es auch sein spezielles Turnen. Ich sagte also: „Bruder wir wollen gemeinsam turnen!" Bei dieser Gelegenheit sind als Reaktion auf das ängstliche Winseln eines Golusjuden, dessen Stolz es ist, daß er überhaupt nichts tut, keinen jüdischen Logen und keinen jüdischen Klubs allgehört, ein paar derbe Wahrheiten meiner Feder entglitten. Aber nicht auf seine Mschlachtung hatte ich es abgesehen, sondern auf die Verteidigung eines Prinzips, das ein Teil einer Weltanschauung ist. Wenn ich von satten Aufsichtsjuden gesprochen, so lag mir fern, die Aufsicht als solche zu kritisieren, sondern nur die Nur- Äufsichtsjuden. Erschöpft sich nicht, Herr I. B. und Herr Willy Müller, Euer ganzes Judentum in Aufsicht lind Caschruth, dessen tiefen Sinn ihr vielleicht gar nicht versteht! Denn sonst tut Ihr doch nichts! Ihr beruft keine Judentage ein, keine jüdische Frauentage, Ihr gehört keinen jüdischen Logen und keinen jüdische» Klubs an — auch keinen Zionistenkongressen. Ihr betet nur, vielleicht ohne zu verstehen, was Ihr betet. Wer aber sein LebenlangnurfürdasParadieskandidiert und sonst für die ganze Gemeinschaft nichts tut, den kann ich nicht als volles und gutes Glied meiner Gemeinschaft a n s e he n. Ich sagte: „Bruder, wir wollen gemeinsam als Juden turnen!" Wir leben als kleine Minorität en einer überwältigenden Majorität. Diese Majorität » sucht uns, kraft ihrer materiellen Ueberlegenheit, zu verschlingen. Unser Bau kracht an allen Ecken und Enden. Da erhebt sich ein Professor der Philosophie und sucht unsere Existenz wegzuphilosophieren — und eine jüdische Gemeinde klatscht Beifall. Eine verbreitete jüdische Zeitring schreibt: „Wir sind nur Deutsche, das Prädikat jüdisch ist nur ein Ehrentitel." In. Frankreich spukt wieder, der Reformteufel, in Rußland ist das jüdische Zentrum durchbrochen — die dortige Jugend reißt massenweise aus und flüchtet ins feindliche Lager. Ueberall nur Verwüstung und Zerstörung. Was muß angesichts dieser Lage geschehen? Konzentration der Kräfte, Konzentration auf allen Gebieten. Und mein Ruf erging an meine Brüder: Wir wollen auch als Juden gemeinsam turnen: Wir wollen stärken unsere Muskeln und - unser jüdisches Bewußtsein. Zwei unentbehrliche Waffen im Kampfe! Und welche Antwort erfolgte auf meinen Ruf? Unsere, christlichen Nachbarn sind so gnädig, uns nicht -als: Tiere, sondern als Menschen anzusehen, sie. gestatten, daß wir., mit. ihnen turnen und dulden uns »it «V in ihrer Mitte. So lange sie Euch, in ihrer Mitte dulden, wollt Ihr bei ihnen bleiben — und ihr werdet nur dann als Juden gemeinsam turnen, wenn die mitbürgerliche Duldung aufhört und sie Euch herauswerfen! Vor etwa 5 Dezennien rief Moses Heß seinen stammesgenössischen Studierenden an den deutschen Universitäten zu: „Ihr seid Juden, gründet jüdische Studentenkorporationen, denn eines Tages werdet Ihr doch dazu gezwungen sein!" Die liberalen jungen Leute lächelten und schalten — ihn Reaktionär. Nun — wem hat die Geschichte Recht gegeben? Eines schönen Tages erklärten die christlichen Korporationen: „Wir wollen keine Juden in unserer Mitte haben." Heute haben wir in jeder deutschen Universitätsstadt mehrere jüdische Korporationen. Ich sagte: „Brüder, wir wollen gemeinsam tnrnen, denn da bildet sich Gemeinsamkeits-Gefühl! — Das Jndentuin ist innerlich zerrissen. Wir haben unzählige Judentümer. Uns fehlt ein Zentrum. Da bildet sich jüdischer Massengeist. Dem Turnverein kommt hier eine kultur-politische Bedeutung zu. Was antworteten sie: „Wir wollen uns nicht trennen." Aber ich sage: Lieber von außen getrennt und nach i n n e »geeinigt^ als umgekehrt. Jeschneller wir die äußere Trennung in innere Einigung vollziehen — desto -schneller erreichen wir das Ziel. — Aber ihnen fehlt jedes Werst ändnis für Historie . . . Alle Zukunft baut sich auf Historie auf und wir haben auf dem Baume der Zukunft unser Nest gebaut. Ich sagte: Brüder, wir toollen gemeinsam turnen. — Da kamen einige, die sich als Organe der Orthodoxie ausgcben und anworteten: Wir wollen ims nicht trennen; die Bevölkerung ist so liebevoll. — Also draußen wollet ihr genau wie die Bevölkerung sein und nur drinnen in der Sy nagoge euer Judentum betätigen! Beruht das Judentum auf dem bloßen Beten, oder sind wir ein Volk, das seine eigenen politischen «ild sozialen Bedürfnisse hat? Wer den historischpolitischen Charakter des jüdischen Volkes leugnet — und das tut, lver die 'national-jüdische Einheit leugnet — der ist — mag er den ganzen Tag beten —> sogar nach traditionellem Ritus ein Assimilant plus Mizwoth, und die Neologen haben nur das voraus, daß sie konsequenter sind als er. Dann haben sie auch recht: Ein: Konfession ist reformfähig, nicht aber eine Religion, die im nationalen Volkstum.wurzelt. Theoretisch dreht sich die lFrago nur darum: ob! Konfession - ob Nation. — Und nun klaren Wein eingeschenkt. Fühlt Ihr Euch als Angehörige und Mitglieder der jüdischen Nation — p.ann ist jedes Unternehmen, das Ihr gegen eine jüdische Konzentratioiispolitik anfangt, entweder eine faustdicke Inkonsequenz oder ein bewußter Volksverrat. Meinet Ihr es aber ehrlich mit Euere»', nationalen Bewußtsein, so dürft Ihr uns nicht in unserer Konzentrations-Arbeit (und ein jüdischnationaler Turnverein ist ein solches Stück Arbeit) so lange hindern, so lange es nicht gegen das jüdischreligiöse Gesetz verstößt. Wer von Erich aber will die lächerliche Behauptung wagen — ein Turnverein sek gegen die Religion der Väter? Euere Handvoll Koschruth-Judentum reicht für einen jüdischen Geschichtsinhalt nicht aus und Ihr müsset auch auf der Straße mehr als durch bas Lulovtragen Euer Judentum zeigen. Heiei Jehudk Beoho lecho W'odom bezesecho ist bie knappste Formel des Assimilations-Prinzips. — Ich sagte ihnen: Brüder! 'Wir wollen in Frankfurt gemeinsam' turnen. In Frankfurt — wo es ein Doppelt-Friedhof-Judentnm gibtsund auch Mehrere jüdische Schulen — in Frankfurt, sage ich, ist die jüdische Jugend trotz vieler Vereine, wo viel gemeiert wird, in jüdischer Beziehung verwahrlost. . In Frankfurt gibt es eine orthodoxe Realschule. In dieser Schule lernen die Knaben, sage und schreibe, neun Jahre Hebräisch (Religion gehört auch zum hebräischen Unterricht), 7—12 Stunden die. Woche neun Jahre lang lernen die Knaben Hebräisch. Beim Verlassen der Schule können die Knaben nicht nur nicht ein Blatt Talmud selbständig „lernen", nicht nur können sie keinen hebräischen Satz Miederschreiben, sondern sie verstehen kaum den Sinn der täglichen Gebete. Und das hat zur Folge, daß ein Teil dieser mit trockenem Katechismusfutter vollgestopften Knaben beim Eintritt ins Leben vom Judentum abfallen, zum.mindesten nicht produktiv wirken! Was muß angesichts einer solchen Sachlage geschehen? — Eine Korrektur der Erziehung. In der Schule haben die Knaben trockene Dinim katcchistisch vorgetragen bekommen, sie haben in der Schule erfahren, daß es rin heiliges Volk gibt, nicht aber, daß es ein Fudenvolk gibt, daß wegen seines Jndenttlms seit Jahrtausenden blutet. Auch wird in die Knaben das jüdische Gemeinsamkeits-, Volks- und Nationalbewußtsein nicht berpftanzt. Diesem Mangel kann nur auf Boden einer Organisation abgeholfen werden, die es sich zu ihrer Aufgabe macht, das Gemeinsamkeitsgefühl und Nationalbewußtsein zu pftegen. Und 'mein Ruf erging ilienblattes. daher an meine Brüder: Wir wollen in Frankfurt, wo die reifere jüdische Jugend trotz der Vereinsmeierei verwahrlost ist, einen jüdischen Turnverein gründen. Sieh. Fulda liegt 2 Stunden von Frankfurt. In Fulda lebt ein jüdischer Führer in der Person des hochwürdigen Rabbiners. Dir. Kahn. Rabbiner Dr. Kahn ist der einzige Rabbiner Deutschlands, den ich wegen seiner ernsten jüdischen Frömmigkeit, wegen seiner Selbstlosigkeit, Ehrlichkeit und Geradheit wahrhaftig und tief verehre. Dieser achtungsvolle und ehrwürdige jüdische Führer hat sein ganzes Leben in den Dienst des gesetzestreuen Judentums gestellt, fein Leben lang ohne Rast und Ruhe ehrlich und nach bestem Gewissen für seine 'Sache gearbeitet. Wer auf welche Erfolge kann dieser wahrhaft edle Jude znrückblicken, welche Erfolge seines Wirkens sieht er heute. Die Alten hat er kraft seiner großen Persönlichkeit zu halten gewußt, nicht aber die junge Generation. Heute, nach einem so langjährigen rastlosen Wirken nun sieht dieser selbstlose Führer, wie die Jugend, die er gepflegt und erzogen, von ihm und vom Judentum abfällt. Sein redliches Bemühen war vergebens, fruchtlos seine Arbeit. Warum? «Ihr fragt warum? Ich gebe Euch eine Antwort. Weil man mit Katechismen kein Volk erzieht und erziehen kann, wie man mit Almosen keinem Volke hilft und Helsen kann! Diniin allein machen noch nicht das Judentum aus, und wenn „Juden 'ohne Dinim" traurig ist, noch trauriger ist „Dinim ohne.Juden". Und daher ist es notwendig, eine Korrektur Eurer Arbeit vorzunchmen. Wir wollen ganze Juden erziehen, Juden, die sich als Glieder des großen,in alle Welt zerstreuten Judenvolkes fühlen: Juden, bie mit dem Judentum verwachsen und mit dem jüdischen Volke verbunden sind — ohne Unterschied, ob sie in der Frankfurter Uhlandflraße das Licht der Welt ertappt haben, oder ob die schläferige, langweilige Wolga ihnen ihr Wiegelied gelallt . . lind daher erging inein Ruf an meine Brüder: Wir wollen als Juden gemeinsam turnen. Da entwickelt sich Gemeinsamkeits-Bewußtsein, Masfengeist und jüdische Kraft. Ihr saget, Ihr könnet in den christl. Turnvereinen mit machen. Schon gut. Wer ist das Turnen nur für Euch allein, die das Glück hatten, in der Uhlandflraße geboren zu werden, bestimmt. Und die halb gebrochenen, wie Schatten daherschleichenden Juden, die die Woge der russischen Revolution oder die Mißwirtschaft der 'polnischen Schlacht« bis an die Ufer des Mains geworfen, brauchen die nicht zu turnen? Und wenn diese vielen russischen und polnischen Juden in die christlichen Turnvereine, wo man Euch so gern (?) sieht, kommen, werden diese Unglücklichen dort Aufnahme finden? Auf diese Frage sollt Ihr mir eine Antwort geben. Mer ich kenne schon Euere Antwort: „Dieses Pollackengesindel soll mächen, daß es fortkommt." Reden so Juden oder Antisemiten? Das sind meine Argumente für einen nationaljüdischen Turnverein? Wer was nützen Euch meine Argumente, da ich doch nicht in der Uhlandstraße geboren wurde? Ihr saget, ich schreibe mit Gift Schreibet mit Gift und Ihr werdet wissen, daß 'Gift Geist ist. Starke Juden will ich haben, starke Seelen und kräftige Körper — Vollblut - Juden, Bollgeist - Juden. Nur die gemeinsamen Bande werden ihren Geist und ihr Gemüt stärken. Und daher Brüder, werden wir gemeinsam turnen. Mso sprach Euer Maxime Le Maktre. Die ,,Alliaucö Jsraelite Universelle" ersucht Uns um Aufnahme der folgenden Erklärung: In einer Publikation, die als „neueste Geschichte des jüdischen Volkes" firmiert, hat Herr Professor Dr. Martin Philippson die Alliance I sraelite Universelle zum Gegenstand einer Darstellung gemacht, die im Interesse des Judentums und der. geschichtlichen Wahrheit nicht unwidersprochen bleiben darf. Herr Professor Philippson sagt: f „Als Zeichen der Zusammengehörigkeit alter Juden trat '1860 die Alliance Jsraelite Universelle ins Leben. Ihre Stiftung hatte von vornherein die Besorgnis zahlreicher Glaubensgenossen erregt. Man ' meinte, sie werde machtlos bleiben, ihren Hauptzweck, die Emanzipation der Israeliten in denjenigen Ländern, wo sie solche noch nicht besaßen, zu erreichen, werde aber im Gegenteil durch die Meinung von einer förmlichen Verschwörung der Juden zur Erlangung der Weltherrschaft großen Schaden anrichten. Diese Befürchtung hat sich in vollem Maße bewahrheitet; man darf sagen» nichts hat den Juden in vielen Ländern solchen Abbruch in der öffentlichen Meinung getan, wie die irrigen, aber unvermeidlichen Folgerungen, die aus der Jnternationalität der Alliance gezogen und von Uebelwollenden gehässig ausgebeutet wurden."

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