Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 43 (8.11.1907)
- Date
- 1907-11-08
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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6. Seite 4 Tage schwinden, Jahre gehen . . . Aelter, älter wird der Rabbi, tiefe Traner furcht sein Antlitz, doch erzählt er leinem Menschen was er fühlt und was er denkt. Auch hat's niemand noch erfahren, daß in später Abendstunde, — während er den Talmud lernt — hört er eine Frauenstimme; schmelzend weiche, süße Lieder klingen, fließen aus der Ferne, und aus trüben Dämmerungen strahlt hervor ein hold Gesicht. Er erkennt das holde Antlitz seiner Schülerin — Dcborah, weinend fleht er: „Ach, verzeih! ach, verzeih mir, liebe Tochter, denn durch mich bist du gestorben, wärst geblieben du am. Leben, wärest heute eine Braut. . ." 7. Tage schwinden, Jahre fliehen - . - Horch, ein Schrei aus Frauenkehlc, jener Schmerzensschrei der Freude, Und er weint, begießt mit Tränen den Folianten. . . „Ach, verzeih mir —" fleht der Rabbi: „liebe Deborah, wärst geblieben du am Leben wärest heute eine Mutter..." Alle Nacht in später Stunde hört er ihre junge Stimme — süße, Weiche Wiegenlieder singt dem Kind die tote Mutter . . . 8. Dreizehn Jahre sind verflossen... Wieder sitzt und denkt der Rabbi: „Wärst geblieben du am Leben wäre heut dein Sohn Bar-Mizwah. Ja, er wäre ein Gelehrter, hättest Freud an ihm erlebt! . . ." Plötzlich hört er: — Musikanten spielen, fiedeln auf zum Tanze, lustig singts und klingts herüber. . . „Sie verheirat't jetzt die Tochter — denkt der Alte — zu der Chuppe führt das Kind die tote Mutter!" 9. Und so fort an jedem Tage hört und fühlt und sieht der Rabbi jeden Zustand ihres Lebens; und er weint mit heißen Tränen und er fleht zum Mlerbarmer: — „Laß, o Gott, mich auch vernehmen ihren Jammer, ihre Seufzer; ihre Tränen laß mich sehen! Latz mich meinen Trost drin finden, daß sie in dem Erdenlcben auch von Unglück, Leiden, Schmerzen, nicht verschont geblieben wäre. Zeig die Zeit mir ihres Leidens — wärens ach nur Augenblicke — wo sie hätt' der Welt gesluchet und herbeigesehnt den Tod!" .... 10. Doch umsonst ist all sein Flehen. Schmelzend weiche, süße Lieder tönen in den dunkeln Nächten: Glücklich, glücklich wär' ihr Leben — jenes stille Frauen - Leben, 1 . welches glänzet wie die Sonne an dem wolkenlosen Himmel, wie der helle Morgenstern. . . Und es rinnen und es fließen seine Tränen unaufhörlich; und er betet: „Lieber Gott, ach, erweis mir deine Gnade und befreie meine alte, meine tiefbetrübte Seele — sterben laß mich, laß mich sterben, lieber Kater, großer Gott!" .... FAmkfurter JsraEKs FcmMchblM — Tage schwinden, Jahre fliehen. . . Und das winzig kleine Städtchen ist längst eine Stadt geworden, eine große, reiche Stadt. Und ^unzählig viele'Menschen, " die er noch als Kinder kannte, deckt bereits die kühle Erde; er allein nur lebt und lebt. Neue Zeiten, neue Menschen, neues Leben, neue Sitten — fremd und einsam, wild und elend ist der Rabbi unter ihnen. Nacht wohnt in den müden Augen, eingetrocknet ist der Körper, nnd man hört den Rabbi schluchzend beten um den' Retter Tod 12. Ein Gedanke lebt im Herzen des verwelkten greisen Rabbi: Sterben! Sterben! — Und am Ende hat sich Gott auch sein erbarmt.' Schaurig war die 'Nacht gewesen, höll'sche Stürme rasten, heulten, und ein Ton wie Kindeswimmern streifte durch "die schwarze Nacht. Einsam in dem leeren Lehrtzaus, fern vom Leben, von den Menschen, ihren Freuden, ihren Leiden — saß der schmerzgebeugte Greis. Horch, mit eimnal: — Kinder jammern Z'dokoh-Büchsen hört man klirren und man . singt „El mole rach'mim" — „Jetzt, o jetzt war' sie gestorben." ruft voll Freude aus der Greis „Meine Leiden sind zu Ende! . . . Nimm mich zu dir, liebe Deborah, in die Welt reiner Wahrheit" . . . Der Rabbi starb. Sanft und ruhig schied die Seele Don dem Körper; Tags darauf hat die Gemeinde heiß und ernst ihn beweint. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.^ Sehr geehrter Herr Redakteur! „Wenn die Könige bauen, haben die Körner zu tun." Es ist ein Verdienst des Kongresses des jüdischen Frauenbundes, daß die Frauensragc „vom jüdischen Standpunkte aus beleuchtet" auf der Tagesordnung steht. Nachdem über diese Sache so viel gesprochen und geschrieben wurde, möchte ich Sic bitten, folgenden Zeilen Aufnahme zu geivähren. Die Frauenfrage ist in der Hauptsache nur ei» Teil der sozialen Frage und für den Mittelstand der wichtigste, insofern man unter der sozialen Frage ein Problem versteht, wie man den Minderbemittelten den Daseinskampf erleichtern kann. Unter den Neichen besteht in Bezug auf materielle Existenzbedingung kein wesentlicher Unterschied zwischen Männern und Frauen. Anders jedoch bei den Minderbemittelten, bei diesen liegen die Verhältnisse für die jungen Mädchen weit ungünstiger als für die jungen Männer. Letztere können in den meisten Fällen bei Fleiß und gutem Willen ihre Eltern unterstützen und sich später selbst ein eigenes Heim gründen. Die Töchter von unvermögenden Eltern sind jedoch, wenn sie einen Broterwerb haben, nur selten so gestellt, um ihren Angehörigen eine wesentliche Stütze zu sein, und fast nrenials verdienen sie soviel, um den Unterhalt einer Familie bestreiten zu können. Es fragt sich nun, wie die jüdische Ethik das Problem der Frauensrage zu lösen sucht. Von der moralischen Seite aus betrachtet sicher aitf die idealste Weise, indem sie die rein sinnliche Regung selbst in der Ehe verpönt und dem Ehemann jede Geringschätzung oder Mißachtung seiner Frau verbietet. Ohne Einfluß ist jedoch dies auf die materielle Versorgung der orthodox-jüdischen Mädchen. Diese bietet im Gegenteil besondere Schwierigkeiten. Wie sehr hat sich auch die Stellung der Frauen der heutigen Gesellschaft gegen die im alten jüdischen Staate geändert! Während damals sich der Mann eine Frau kaufte, muß heute umgekehrt sich die Frau einen Mann kaufen. Zwar scheint das schon zum Beginn des Exils sich etwas geändert zu haben, indem im Talmud erwähnt wird, welche Sorgen der Vater einer heiratsfähigen Tochter hat, doch sind selbstredend die heutigen Verhältnisse gegen die damaligen himmelweit verschieden. In jedem Falle bildet das Vermögen der Frau beim Eingehen der Ehe heute ein Hauptfaktor und wo dies aus¬ Nr. 43. nahmsweise nicht der Fall ist, stellen sich der Versorgung durch Ehe den orthodox-jüdischen Mädchen andere Hindernisse entgegen. Die jüdische Ethik sucht zwar mildernd einzugreifen, indem sie den jungen jüdischen Männern zur Pflicht macht, womöglich die Tochter eines jüdischen Gelehrten zu ehelichen, und umgekehrt dem reichen Manne rät, seine Tochter mit einem Schriftgelehrten zu verheiraten. Leider steht dieser Teil der jüdischen Ethik fast nur auf dem Papier. Selbst in orthodoxen deutschen Gemeinden, die keine materiellen Opfer für ihren Glauben scheuen, ist es fast niemals vorgckommen, daß für einen reichen Jüngling bei der Wahl seiner Zukünftigen nur diese Vorschriften maßgebend waren, oder daß ein orthodox-jüdischer Mäcen seine Tochter einem Manne zum Weibe gegeben hätte, der die wissenschaftliche Forschung zu seiner Lebensaufgabe gemacht hatte. Selbst wenn übrigens dies in Ausnahmsfällen geschieht, ist's für die Mehrheit der Männer heute nicht möglich, bei ihrer Verheiratung nur ideale Gründe walten zu lassen. Ich will damit durchaus nicht sagen, daß es in andren Kreisen besser bestellt sei, eher noch ist das Gegenteil der Fall, so weit man beispielsweise aus den Schilderungen Frenßen's in seincin Roman „Hilligenlei" entnehnien kann. Es ist also für diese jungen Mädchen nötig, sich selbst im Erwerbsleben zu betätigen. Die Grenzen, die der Frau darin gezogen sind, werden noch verengt für diejenigen Damen, die die Sabbatheiligung streng halten. Man sage nicht, daß dieselbe Schwierigkeit der Mann 'habe. Dieser kann beispielsweise, wenn er den Posten eines Reisenden oder Agenten, welche Stellung den Frauen zum Teil verschlossen ist, bekleidet, in vielen Fällen Säbbatheiligung ermöglichen, selbst in Geschäften, die sonst Samstags nicht frei geben. Unrichtig ist jedenfalls der Einwand, daß Mädchen keinen Beruf ergreifen sollen, weil sie durch ihre Konkurrenz Männer von den Posten verdrängen und dadurch die Zahl der Ehekandidaten vermindern. Erstens ist sich jeder selbst der Nächste, zweitens würden jene Herrn voraussichtlich auch nur vermögende Mädchen heiraten. Ich weiß, daß ich niit diesem allein nichts Neues äge Ich wollte nur alle bekannten Faktoren zuämmcnstellen, um zu zeigen, daß die traditionell lebenden jüdischen Mädchen durch die Differenzierung der Geschlechter im Erwerbsleben mehr verkürzt werden, als die anderer Konfessionen. Sollte jedoch die Ausrollung der ganzen Frage weiter keinen Erfolg gehabt haben, als in der Gründung eines Vereins für orthodox jüdische Mädchen, in welchein dieselben über den schlimmen Schopenhauer und den noch schlimmeren Nietsche aufgeklärt werden, so gliche dies, um ein bekanntes Bild zu gebrauchen, dem Spaziergänger, der sich an einem Vulkan eine Zigarre auzündet. Es sollte vielmehr gerade in orthodoxen Kreisen dem Bestreben der Frauenvereine Vorschub geleistet werden, welche verlangen, daß den grauen die Pforten der gesamten Erwerbstätigkeit geöffnet werden. So erfreulich es auch ist. wenn junge Damen Zeit und Lust haben, einen von echt jüdischem Geiste erfüllten Verein zu gründen, so kommt es meines Erachtens nach weniger darauf an, wißbegierigen Damen in den Irrgärten der Mode und Belletristik einen zuverlässigen Führer zu stelle», als denjenigen Mädchen zu Helsen, die aus Stolz an den Wahrheiten des Judentums verzweifeln. Wer glaubt, daß dies schwierige Problem aus so einfache Weise zu lösen sei, täuscht sich sehr. Hochachtungsvoll! P. b. P. Kaiser Friedrich Quelle -- Offenbach-u M. — ‘Gegen Gicht nnd Rheumatismas-bewährt. Wocheu-Kalender. (Zeitangaben nach dem Lnach.) Samstag, den 9. November (--- 3. EMew): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Ahr 25 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr-40 Min., in Berlin 5 Uhr 8 Min. Der'Wochcnabschnitt Tauldaus erzählt von der Geburt der äußerlich und auch ihrem Charakter nach verschiedenen Zwillingsbrüder Esau und Jakob: ersterer rötlich, rauh, haarig und roh von Sitten; letzterer schlicht, häuslich und fromm. Esau Liebling Jsaks, Jakob mehr von der Mutter geliebt. Jakob kauft Esau die Erstgeburt ab um ein Gericht Linsen. Die Erstgeburt hatte heiligernste Bedeutung; sie berechtigte und verpflichtete zum Gottesdienst in der Familie nach des Vaters Tode. Dazu war Esau weder fähig noch würdig! Ausdrücklich wird auch beim Verkauf hcrvorgehoben, daß Esau aß und trank, davonging und die Erstgeburt verachtete. — Jsak will ahnungslos den Erstgeborenen segnen. Er weiß nichts vom Verkauf dieses hl. Rechtes. Esau geht auf's Feld, Wildpret zu bringen; er verschweigt den Verkauf, obwohl Jakob „so klar, wie der Helle Tag" sich das Recht zusichern ließ. Esau ist ein ,-Betrüger. Jakob bringt nun auf Rebekkas Geheiß Aegenböcklein, nach Wildbretart bereitet, dem Vater.. Hals und Hände sind mit Fellen bedekll. Jsak soll aus