Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 43 (8.11.1907)
- Date
- 1907-11-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3. Nr 43 Frankfurker Israelitisches FamilieMakt. Und doch war die Antwort nicht schwer zu finden. Nur die Bedenken gegen sie hätten erst überwunden werden müssen — und sie wäre gefunden worden. Es muß nämlich zu dem alten Grundsatz zurückgekehrt werden: „Gut ists, wenn Torah mit Derech-Erez vereinigt wird." Daß dies die richtige Antwort ist, ist ja klar. Dies beweist am besten der Umstand, daß sich kein Einziger in Jerusalem findet, der sich von vornherein ablehnend ihr gegenüber verhielte — für die Nichtigkeit dieser Antwort spricht auch unsere Geschichte, Rabbi Azriel Hildesheimer gehört nunmehr der Geschichte an, sein großartiges Werk aber besteht noch' und wird fortan bestehen. Rabbi Azriel Hildesheimer war ein -kincrkannter Lamdon, darum ward er von vielen beneidet. Wie einheimisch in Talmud und Dezisoren, ebenso gelehrt war er auf den Gebieten der profanen Wissenschaften — darum ward er von so Manchem beargwöhnt. Und gerade er war der Mann gewesen, der die Torah bewahrt hatte vor hem Untergange. Die alte Semichah hat er zwar nicht zu neuem Leben erweckt; dazu können sich nur Laien »ersteigen. Aber er tat viel 'mehr. Er hat ein Rabbiuerseminar begründet, dessen Jünger, im Sinne ihres Meisters wirkend, jenen alten Grundsatz der Weisen befolgend, allein berufen sind, das altüberlieferte Judentum in Ehren zu erhalten. Nicht anders war cs im Altertume. Wie früher das Griechentum, so hatte später das Röiuertum alle Schichten der Bevölkerung ergriffen. Diese beiden Sprachen haben auch bei den Juden Eingang gefunden. Im Hause des N. Jehuda Ha-Nasi, des Redaktors der Mischnah, ist zwar die heilige Sprache die Volkssprache gewesen?) am Hofe aber, zu dem er freien Zutritt hatte, hatte er sich sicherlich keiner anderen Sprache bedient, als der Hossprachc.-) Noch mehr. Dem Hause des Patriarchen war sogar gestattet das Studium der griechischen Philosophie?) Charakteristisch für jene Zeiten ist nun die Begegnung des R. Jehudah Ha-Nasi mit Rabbi PinchaS b. Jair?) R. Jehudah, den Staatsmann, freute cs nun, als er R. Piuchas zu sich zum Essen gebeten, daß dieser Stockchassid nicht die Einladung abgelehnt hatte. Wie bald aber war seine Freude zu Wasser geworden. R. Pinchas hatte nämlich im Hause des Patriarchen etwas — seiner Ansicht nach — Unrechtes bemerkt. Nun mochte R. Jehuda was immer in der Welt aufbieten, er konnte cs nimmermehr dem Chässid rechttun. Jener drang in diesen und versprach, die Sache wieder gutzumachen, aber vergeblich. Ein Berg, schließt der Talmud seine Erzählung, trennte schließlich die beiden Gelehrten von einander. — Der Nachwelt hat aber R. Jehudah Ha- Nasi die Torah erhalten und nicht R. Piuchas ben Jair! — Scheinbar bestehen noch heute Berge zwischen dem modernen Jerc-Schomajim und den Frommen vom alten Schlage. Wer nur scheinbar. In Wirklichkeit sind es bloß kleinliche Bedenken, die, ernst in Erwägung gezogen, wie Ranch vor dem Winde dahinschwinden. Werden uns die leuchtenden Männer in Israel Musterbilder sein, dann kann das gutgemeinte 'Projekt unmöglich auf Widerstand stoßen. H. Pensionat. Ihre Söhne sind angesehene Gelehrte, zwei von ihnen gehören dem Lehrkörper der hiesigen Universität an. Paris. Am 24. Oktober wui de hier Fräulein Landau aus Warschau, eine Enkelin des Staatsrates von Poliakofs, mit Herrn Osinondd'Avigd o r - G o l d s ch m i d getraut. Paris. In den G e n e r a l r a t gewählt als Vertreter von Haute-Warn wurde Emile Gog u e n h c i in und zlvar mit 2717 Stimmen von 2890 Stimmen. — Den Söhnen des verblichenen Großrabbiners Zadoc Kahn, den Herren Edmond, Leon und Paul Kahn, ist gestattet worden, ihrem Vatersnamen den Zusatz Zadoc zu geben. Aus der Lehrerwett. Danzig. Die Generalversammlung des V e r e ins j ü d. R e l i g i o n s l e h r e r W e st p r e u ß e n s, die jüngst in Culmsce abgehalten wurde, beschloß bei dem „Verband der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche" die Bildung von A u s k u n f t s st e l l e n in allen Landesteilen des Gleiches anzuregen, weil 1. die Auskunftsstellen für die Kotlegen sehr wichtig und 2. ie nur dann von allgemeinem Wertk sind, wenn man in ganz Deutschland Gelegenheit hat, sich über diesenigen Stellen genau zu informieren, für die mau Juieresse hat. Auf der Versammlung referierten: Wachsmann- Schöncck über „Die Wirksamkeit der jüdischen Ecmeindebeamtcn", Mannheimer - Grandenz über „Die Lage der jüdischen Gemcindebeamten in Wcstpreußen" und Meisel-Danzig über „Die Tonarten des Chaionus". Mannhcimer-Graudenz konstatierte in seinem Referate auf Grund einer Enguötc, daß von den in Westpreußcn durch die jüd. Gemeinden angcstcllten Religionslchrcrn und Kantoren 30 ein Einkommen unter 2000 Jk, 3 sogar unter 1200 Jt. haben. Es fehlt fast durchweg eine Gehaltsskäla, es liegt in der Hand der Vorstände, den Beamten-jederzeit — auch nach ahrzehntelangem Dienste — zu entlassen und für das Alter und die Witwen und Waisen der Beamten gehen die Gemeinden offiziell keinerlei Verpflichtungen ein. Hier sollte der „Westpreußische Gemciudevcrband" eingreifen. © Mltton. © Des Schammes Tochter. Eine Volkslegende. Von S. F r u g. Aus dem Jüdischen übersetzt von Samuel M e i s e l s. 1. Mäuschenstill und finster war es in der alten, engen Stube, wo von schwerem Schlaf umfangen lag der alte greise Schammes. Personalien. Berlin. Frau Setta Stahl-Neustadt a. A„ Frau Louise Marx -Lambrecht u. Frau Lina II l l m a n n - Ottersberg ist das Verdienstkreuz für freiwillige Krankenpflege u. Herrn Rabbiner Dr. Hulisch - Herford der Rote Adlerorden 4. Klasse verliehen worden. München. Nach mehr als 20 jähriger Pause ist wieder ein Jude — nämlich der Handelsrichter Benjamin D eg ginger — in das hiesige Gerne indekollegium gewählt worden. Heilbronn. Das 50 j ä h r i g e Jubiläum als Vorstand des Israel. Wohltätigkeitsvereins, dessen Mitbegründer er ist, konnte Herr Lieber mann Strauß feiern. Gleichzeitig fand die 50jährige Jubelfeier des Vereines unter großer Beteiligung statt. Budapest. Der Eyeiredalteur des «Pester Lloyd", Leo Veigelsberg, der durch einen Revolverschuß seinem Leben ein Ende machte, wurde 1844 als Sohn des Rabbiners von Kis-Körös geboren. London. 87 Jahre alt, ist die jüdische Schriftstellerin Marion Hartog geb. Motz verschieden. Bereits als 16jährige veröffentlichte sie gemeinsam mit ihrer 2 Jahre älteren Schwester Celia einen Gedichtband „Early Efforts, by the Misses, Moß of thc Hebrew Nation", von denk bereits im folgenden Jahre die zweite Auflage erscheinen mußte. Dann schrieben die beiden Schwestern: „Romance of Jewish History" und „Tales of Jewish History". 1855 gründete Marion das „Jewish Sabbath Journal", das jedoch nur von kurzer Dauer war. Von 1845—1884 leitete Marion mit ihrem Gatten, einem Enkel von Marens Prague, Mitglied von Napoleons Sanhedryn und Assessor beim Großrabbiner von Paris, ein Damen- Still und ruhig schläft der Schammes, und im Schlafe hört er plötzlich schwere Schritt', als känl' ein Lahmer hergetrampelt auf den Krücken. Und durchzuckt von Ahnungsschauern ist vom Schlaf erwacht der Schammes, zündet an das alte Lämpchen — und was sieht er? — Ti5ott, du lieber! Sieht: von einer Wand zur andern 'rumspaziert sein eigner Stecken. . . Ach, das ist ein böses Zeichen — einer liegt gewiß im Sterben . . . Und im selben Augenblicke schreit die Tochter: „Eile, Vater, geh' und wecke die Gemeinde, unser Rabbi liegt im Sterben!" 2. Dunkle Nacht. Von Haus zu Hans geht und klopft der alte Schammes . . . Doch was ist mit der Deborah, mit des greisen Schammes' Tochter? Diese sitzt am Tisch, und heiße Tränen rinnen aus den Augen; und sie weint und seufzt und flüstert: „Ach, der Rabbi liegt im Sterben! Schick ihm Rettung, Gott, du lieber!-' Denn seit ihren Kindesjahren liebet sie den alten Rabbi inniglich wie eine Tochter; i) R. - ha-Schanah 26b. B. Kana 82d. 3) Jbd. 83a. *) Chulin Tb. weil der alte weise Rabbi liebte auch das Kind so herzlich wie ein eigenes; pflegt am Sabbat es mit Früchten reich beschenken; und auch sonst an Werkeltagen lehrt' Deborah er das Beten, lehrte schreiben sie und lesen, sprach dabei die sanften Worte: „Lern, Daborah, lerne, Tochter, und du wirst Mit Gottes Hilfe groß und klug, beliebt bei Juden gleich 'Deborah, der Prophetin" . . . Und sie sitzt am Tisch, und heiße Tränen rinnen aus den Augen, und sie weint und seufzt und flüstert: „Schick ihm Rettung, lieber Gott!" In der Synagoge betet die Gemeinde; Greise, Kinder sagen Psalmen, weinen, beten zu dem Schöpfer . . . Doch es hilft nichts. Und ein Licht, von Wachs gegossen nach dem Maß des kranken Rabbi, hüllen sie in Stcrbekleider, — nach uraltem Väterbrauch — und begrabens auf dem Friedhof. . . Doch auch dieses Wundermittel' wirket diesmal keine Wunder; alles, alles ist vergebens... Wer eines blieb noch übrig: Jedes Mitglied der Gemeinde soll von seinem eignen Leben einen Teil dem Kranken schenken. Männer, Weiber, Kinder, Greise, je nach Willen: Tage, Monde — Wles wird gebucht, geschrieben, und das Schriftstück kommt in Oraun. 4. Ms sie in des Schammes' Stübchen mit dem Schriftstück sind gekommen, trat Deborah zu den Vorstehern der Gemeinde, sagte leise, aber ruhig: „Schreibt, ich bitt' euch!" — „Wieviel, Deborah, wieviel schenkst du?" — „Ich? ich schenk' mein ganzes Leben, ihm schenk' ich mein ganzes Leben." Alle waren stark betrofien: „Wer, Deborah, Kindchen, Närrchen, ist es möglich? Kind, bedenke! . . ." Mes Reden war vergebens; selbst des alten Vaters Bitten, seine Worte, seine Tränen, konnten nicht in ihrem Herzen den Entschluß zum Wanken bringen. Und sie schrieben in das Schriftstück wortgetreu nach ihrem Willen: „Deborah schenkt ihr ganzes Leben." Drunter schrieb sie ihren Namen. Und sie eilten mit dem Schriftstück hin zur „Schul", und verschlossen's in die heilgc Bundeslaüe — Kaum war dieses auch geschehen, da genaß der kranke Rabbi, fühlte jugendfrisches Leben durch die Glieder sich ergießen . . . Und des Schammes' edle Tochter, diese holde reine Unschuld, die verschied am selben Tage; heiß beweinte sie der Vater, sagte ihr den ersten Kadisch. Ihrem Sarge folgte trauernd und in Andacht die Gemeinde; alle priesen ihre Tugend, wünschen ihr auch das Gan-Eden. 5. Still und ruhig fließt die Zeit in den: kleinen stillen Städtchen; Menschen leben, Kinder wachsen, Kinder werden junge Menschen, wachsen, werden alt und sterben. Auf dem alten, alten Friedhof, häufen sich die neuen Gräber — Doch was macht der alte Rabbi? Gottseidank, er lebt in Frieden, und studiert die heilge Thora und er denkt ans tote Kindchen, an die tote Schön-Deborah; läßt an ihrem Jahrzeitstage Lichter zünden, Kadisch sagen. . . Und so schwindet still und ruhig Tag um Tag und Jahr um Jahr.