Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 41 (25.10.1907)
- Date
- 1907-10-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2692297-2692511-2692552--03533-2698232- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Beilage zu Nr. 41 des Frankfurter Zfraelttischeu FaMieublattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Verband der deutschen Juden. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus den Vereinen. — Aus der Lehr er weit. — Sprechsaal. — Vereins-Kalender. Verband der deutschen Inden. (Schluß.) Der folgende Redner war Prof. M a r t i n Phit i p p s o n - Berlin. Er sprach über Staatsinterc s s e und I u d e n P o l i t i k. Er sagte folgendes: Das Altertum habe das Staatsinteresse ans dem Gebiete der Religionspolitik lediglich in der Bewahrung des altüberlieferten Kriltns bei den Bürgern des eigenen Staates gesucht; den Fremden gegenüber habe es sich aber konfessionell gleichgültig verhalten, wenn sie nicht die Staatsreligion angrifsen. Die christliche Kirche dagegen habe geglaubt im Alleinbesitz der Wahrheit 'zu sein und deshalb jedermann gezwungen, sich ihr zu unterwerfen, soweit ihr Machtbereich sich erstreckte. Nur die Inden lvnrden als Zeugen für die Entstehung des Christentums in ihrem Glauben belassen, aber als hartnäckige Leugner der Wahrheit mit Demütigungen behandelt, die oft in Verfolgungen oder gar Vertreibungen ansarteten. Ihre Ausschließung von allen Zünften und Gilden habe sie genötigt, den Lebensunterhalt allein im Geldhandcl und Geldvcrleihen zu suchen, was ihnen auch sozial Haß und Verachtung eintrng. Erst die Gleichberechtigung der verschiedenen christlichen Kirchen infolge dcS westfalischen Friedens (1648) und die daraus sich ergebende Befreiung des staatsinteresscs von den ausschließlich kirchlichen Rücksichten, sowie die „Aufklärung" des 18. Jahrhunderts brachten hierin soweit eine Aeuderung hervor, als der vssiziclie und persönliche Religionshaß gegen die Inden verschwand.' Aber ihre tatsächliche Gleichstellung sei erst durch die sranzösische Revolution und die Verbreitung der Ideen derselben ermöglicht tvorden. Es sei auch in Deutschland eine neue Anschauung vom Staate, seinen Pflichten und Interessen entstanden. Die ans der Revolution hervorgegangene liberale schule des Staatsrechtes habe die Aufgaben des Staates in völliger Gleichberechtigung aller Bekenntnisse und Volksklassen, in freier Entsaltnng und Ausnutzung der Kräfte aller Bürger gefunden. Im Gegensatz dazu habe sich die aut mittelalterlichen Neberlieserungen beruhende Lehre vom „christlichen Staate" gebildet, die wieder die Ausschließung der Israeliten von allen staatlichen Rechten verlangt habe und die herrschende Meinung der streng konservativen urib der diesen anhängcndcn Regierungen getvordcn ist. Die Judcnpolitik der deutsche» Staaten und dann des Reiches sei seit siebzig Jahren durch den Kampf dieser beiden Ansichten über das Wesen und die Interessen des Ltaates bestiinmt worden. Alle größeren deutschen Länder hätten jetzt mehr oder weniger die liberale Richtung dem Judentum gegenüber bestätigt mit Ausnahme Sachsens und Preußens. In diesen beiden hätte das Judentnin als Religionsgemeinschaft Nichtachtung, als Inbegriff von Staatsbürgern mannigfache tatsächliche Zurücksetzung, trotz Verfassung und Reichsgesetz erfahre». Entgegen dem Interesse des Deutschtums in den preußischen Ostprovinzen sei die Einwanderung selbst der tauglichsten jüdischen Elemente gewaltsam verhindert worden. In keinem deutschen Staate aber genössen die Juden vollständig das ihnen verfassungsgemäß zustehende Recht ans gleiche Verwendung im Staatsdienste. Wenn schon den Regierungen das' Recht der Anstellung oder Nichtanstellnng des einzelnen gehörte, sei doch die generelle Ausschließung jüdischer Beamter oder Offiziere nur deshalb, weil sie Inden seien, ein Gesetzes- und Verfassnngsbrnch. Der Umstand, daß man solche jüdische Bewerber sofort anstelle oder beförderte, wenn sie einen Religionswechsel vorgenommen hätten, bedeutete eine Verlockung zur Heuchelei und eine Gcwissensbcdrängung und damit eine schwere Schädigung der öffentlichen Moral; ebenso wie die Versagung der den Israeliten vermöge der Verfassung zukommcnden Gleichstellung eine Verneinung und Untergrabung der Daseinsbedingungen des Staates und in letzter Linie eine Rechtfertigung der Sozialdemokratie und des Anarchismus ausmache. Deshalb müsse in der Gegenwart der alleinige Standpunkt für das Staatsinteresse in der Jndenpolitik der sein: gleiches Recht für alle ohne Rücksicht auf Abstammung und Religionsbekenntnis. ' Diese Wahrheit zu verbreiten und immermehr' zur Anerkennung zu bringen sei die Hauptaufgabe des Verbandes der deutschen Inden. Diese, wie es der Gegenstand gab, trockenen Ausführungen, wurden durch die schwungvolle Rede des Rechtsanwalts Dr. Max Loeb-Mainz, eines glänzenden Volksredners, als Korreferent abgelöst. Die von häufigen, stürmischen Beifallsstürmen unterbrochenen Ausführungen hatten folgenden Inhalt: Ms vor kurzen: die hessische Landesuniversität ihre Jubelfeier beging, habe General v. Eichhorn in: Namen des Kaisers darauf hingewiesen, wie bitter nötig cs im Interesse der Zukunft unseres Vaterlandes sei, soziale und religiöse Gegensätze äuszugleichen. Die staatliche Jndenpolitik zeige, warum dies nicht gelingt. Der Staat selbst 'erweitert nicht nur bestehende Gegensätze, er schasst dieselben vielfach erst. In der Hochflut narwiialer Begeisterung, bei der Begründung des deutschen Reiches gab 'es' keinen Gegensatz zwischen Inden und Deutschen. Die Jugend der Generation, die diese große Zeit wirkend miterlcbt hat, sei gefüllt mit.vatriotischcn Erinnerungen. Bambcrger und Laster Hütten bewiesen, daß die Zugehörigkeit züm Judentnin mindestens kein Hinderungsgrund zu fruchtbarer politischer Mitarbeit ist. Gerade die Jude» hätten in ihrer tausendjährigen Leidensgeschichte gelernt, auch in politischer Betätigüng tolerant Lu sein und ansgleichend zu wirken, wenn religiöse oder soziale Gegensätze anfeinanderstoßen. Als Sie Jndenhetzen populär wurden, habe eine rückständige Burcauiratie mitgewirkt, die Juden ans politischer Betätigung und ösfciitlichcm Wirken hinanszndrängen. Das Judentnin selbst habe vielleicht gerade hierdurch sich innerlich gestärkt und neue Kräfte gewonnen; aber auf_ das öffentliche Leben habe der Antisemitismus und seine staatliche Förderung korumpiercild geivirlt. Die allgemeine Verekelung an politischer Arbeit, das Emporstanen extremer Strömnngen zeige, wie schiver der Staat die Summe von Intelligenz, Vaterlandsliebe und Opferwilligkcit missen kann, die im deutschen Judentum vorhanden ist. Das Staatsinteresse fordere die Respektierung der Ideale des Glaubens und der Glaubensfreiheit. Die Jndenpolitik der deutschen Staaten aber belohne dei: Glaubenswcchscl und degradiere den Glailben zum Handelsartikel. Das Staatsinteresse fordert, daß jeder nach 'seinem Charakter und feinen Fähigkeiteil die Möglichkeit habe, dein Vaterland zu nützen; die deutsche Jndenpolitik stößt den fähigen Charaktervollen zu Gunsten des unfähigeii und Charakterlosen zurück. Das Asylrccht für die ihres Glaubens lvegen Verfolgten existiere nicht, wenn der Verfolgte ein Jude ist. Das Judentum sei absoluter Hindcrniigsgrnnd für die Gewährung der Naturalisation — obwohl doch die aus Rußland vertriebenen Juden, deren Muttersprache heute noch die deutsche ist, als Verment deS Deutschtums in den Ostinarken unserem Vaterlande ioertvolle Dienste leisten könnten. Diese Zurückweisung, die des.jüdischen Bekenntnisses halber erfolgt, sei zugleich eine schwere Kränkung der deutschen 'Juden; denn diesei: werfe man damit vor, daß ihr Glaube sie weniger geeignet mache, nützliche Bürger unseres Staatswesens zu sein. Auch eigentlichen Bckenntnisgemcinschaftcn gegenüber versage die Gerechtigkeit des Staates. Das Judentum braucht keine staatliche Alimentation. Es könne aber verlangen, daß, solange das Geld jüdischer Steuerzahler für andere Knltuszwcckc Verwendung findet, auch ihm gleiche und gleichmäßige Berücksichtigung zuteil werde. Dadurch werde auch verhindert, daß man Religion nnt Christentum identifiziere und einseitig Bekenner einer bestimmten Konfession bevorzuge. Der Kampf für die Gleichberechtigung der Inden bedeute den Kamps für die Gleichberechtigung aller, für die Ausgleichung der inneren Gegensätze, für das Glück des Vaterlandes. Die Versamnckung nahm sodann eiirstimmig eine R e s o l u t i o n betreffend die Verletzung der Gleichberechtigung der jüdischen Staatsbürger, die Ausweisung und Nichtnaturalisiernng ausländischer Inden mib die Zurücksetzung des jüdischen Religionsunterrichts an. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Bei der Erpedition des des Frankfurter israelit. Familienblatts gingen für den Nationalfonds ein: Dr. Leopold Ncbenzahl n. Frau anstatt Telegrannn zur Hochzeit Rabbiner Dr. Fischer, Palanka, mit Frl. Jochebet Singer, Varpalota Jk 0,50 Saly ». Selmar Geis aus gleicher Veranlassung „ 0,50 H. Drehfuß gratuliert Herrn EliaS Dreysuß, Ussheint i. Elf. „ 0,50 R. N. „ 5,— I. L. Goitein zur Verlobung des Herrn Julius Gans mit Frl. Johanna Mayer „ 1,— Bei der Kommission für den jüdischen Nationalfonds gingen ein: A n s Büchsen: Isaak Horovitz JL 7,70 „ Rosenbaum, Ostendstr. 4 „ 1,50 Frl. Bertha Strauß, Langenschwalbach, ein Oelbanm „ 6,— Restaurant Strauß, Langenschwalbach „ 8,80 Bei dem Vortrag D. Trietsch gesammelt „ 8,89 J£ 32,89 Ferner: An Materialien: Staniol von Frl. Elsa n. Stella Klebe, Frl. Toni n. Martha Goldschmidt, Frl. Betty Moses, Höchst, Frl. Anna Koch, Herr Isaak Rosenbaum. An Marken: Herr Isaak Rosenbaum, Herr Hngo Koch. Frankfurt a. M. Das Thema „die wirtschaftliche Entwickelung P alä st in as in den letzten fünf I a h r e n" hatte ei» sehr zahlreiches Publikum als Gäste der Zionistischen Vereinigung nach dem Rechneisaal geführt. Auch zahlreiche Christen hatten durch ihr Erscheinen ihr Interesse für die Zukunft des jüdischen Volkes kundgetau, wodurch die Abwesenheit unserer Wcstend- Juden doppelt auffiel. Der Redner des Abends, Herr Davis Trietsch aus Jaffa, behandelte in seinen einstnndigen Ausführungen das Thema erschöpfend, sachkundig und interessant. Er führte ans: Die allgenieine Entwickelung Palästinas in den letzten zwei Jahrzehnten ist eine gewaltige gewesen. Jaffa Lat seine Einwohnerzahl verfünffacht, Haifa verdreifacht, Jerusalem verdoppelt und Geza, das vor 60 Jahren noch 2000 Einwohner zählte, zählt heute deren 40 000. Diese Bevölkernngszunahme ist jedoch im gesamten Klcinasien zu beobachten. Auch der Handel hat sich entsprechend gehoben. In Jaffa hat sich der H anbei in den letzten 20 Jahren verdreifacht und der Export vervierfacht. Während Palästina vor 15 Jahren noch keine Eisenb a h n kannte, hat es heute bereits 13 Eisenbahnlinien. Noch verblüffender sind die Veränderungen im Leben der Einwohner. Vor 20 Jahren liefen die Araber noch halbnackt herum und kannten in ihren primitiven Wohnungen kein Mobiliar, — und heute begegnet man in den Städten bereits arabischen Stutzern, die nach der nencsten Mode gekleidet einherspazicren. Was nun die Situation der Juden anbetrifft, so existiert wohl ein Einwanderungsverbot, das darin seinen Grund haben dürste, daß die eingewanderten Juden sich unter den Schutz des Konsuls ihres früheren Landes stellen und der türkischen Regierung von diesen Konsuln bei irgendwelchen Konflikten gerne Schwierigkeiten gemacht werden. Das Einwandernngsverbot wird aber nur nachlässig gehandhabt; alS Antwort auf die russische» Pogrome und ans die rumäiiischen Verfölgunge» im Jahre 1899 setzte die türkische Regierung dieses Verbot sogar außer Kraft. Damals hat die türkische Regierung Hunderte jüdischer Flüchtlinge ans Staaiskosten angcsiedelt, während in England und Amerika, den Ländern der Freiheit, sich sogar die Juden gegen die Invasion ihrer Brüder schützen zu müssen glaubten. Das Verhältnis zwischen Mohammedanern und Juden ist sogar ein so gutes, daß Ausnahmebestimmungen zu Gunsten der Juden existieren, so niüssen in Rhodos die Christen außerhalb 'der Stadt wohnen, während Mohammedaner und Juden innerhalb 'der Stadt ihren Wohnsitz haben. Als die mazedonischen Unruhen durch das treue Halten der in der mazedonischen Hauptstadt Salonigue dominierenden Juden zu der Regierung erstickt werden konnten, tat der Sultan zu dem Chacham Baschi, dem staatlich mit dem Range eines Erzbischofcs anerkannten religiösen Oberhaupt der türkischen Juden, einen Ausspruch, der noch nie aus deur Munde eines Herrschers gehört worden ist: er sprach den Wunsch aus, daß die Inden sich mehr zu dem Staatsdienste melden möchten. So hat sich' denn trotz des Einwanderungs- Verbotes die Zahl der Inden Palästinas von 30000 im Jahre 1880 auf 85 000 erhöht (Jerusalem hat heute 50 000, Jaffa 8000 Juden). Während noch vor wenigen Jahrzehnten die Judenheit Palästinas sich aus armen, von der Wohltätigkeit ihrer Brüder in Europa lebende Menschen zusammcnsetzte, zeigen sich heute 'auf allen Gebieten die Anfänge eines zukunftsreichen wirtschaftlichen und sozialen Lebens. Bon der Landwirtschaft, die anfangs nur künstlich gefördert und erhalten wurde — und zwar durch Baron Edmund v. Rothschild's großzügige Hilfe —, leben heute 8000 jüdische Seelen. Besonders im Weinbau und in Baumkulturen haben sich die jüdischen Ansiedler als tüchtig erwiesen. Man beschäftigt sich jetzt mit der Frage, wie man in systematischer Weise die jüdischen Einwanderer schneller der Landwirtschaft zuführt und hat die Lösung der Frage darin gefunden, Gesellschaften zu gründen, die große Landterrains ankausen, urbar machen und dann parzellieren und dem Einwanderer verkaufen. Auch die Industrie, die viel schneller als die Landwirtschaft große Massen wirtschaftlich selbständig machen kann, hat in den letzten Jahren unter den Juden Palästinas erfreuliche Anfänge gemacht. Es gibt heute eine recht ansehnliche Mühlenindustrie und eine Olivenölu. Seifenindustrie, eine Wollwäscherei und eine 70 Arbeiter beschäftigende Eisengießerei. Ein von Zionisten Deutschlands mit 100 000 J£ Kapital gegründetes Jndustriesyndikat will die Industrie durch die Errichtung von Straßen- und Kleinbahnen und durch die Erwerbung von Bergbaukonzessionen fördern. Die vor einigen Jahren in Jerusalem errichtete Kunstgewerbeschule Bezalel hat bereits 40 Steinhaüer ausgebildet. Durch die Filialen der jüdischen Kolonialbank ist das Kreditwesen organisiert worden; die kleinsten Handwerker und Kaufleute nützen in genossenschaftlichen Organisationen diesen Kredit aus und bis heute hat die Kolonialbank noch nicht