Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 39 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Frankfurter Israelitische- Familien-latt. Nr. 39 brauche nicht zu betonen, das; in einem solchen Institut vor allem der Geist voller Treue zu dem überlieferten Judentum mit allem Nachdruck gepflegt werden muß. Wie Sie auch immer in religiösen Fragen denken mögen, schon vom Standpunkt der allgemeinsten kulturellen Einwirkung aus ist das ein unbedingtes erstes Erfordernis. Nur wer Vertrauen findet und ganzes Vertrauen zumal in den;, was dem Herzen das Heiligste und Teuerste ist, kann die noch in vielen Kreisen herrschende und psychologisch nicht ganz unbegründete Scheu vor der Bildung verscheuchen und kulturfvrdcrnd wirken. Sic, meine Damen, wirken dahin, daß immer mehr für jede jüdische Fra» jenes alte Ideal sich verwirkliche, das in dem Liede von der Escheth Chajil zu lesen ist: „Das Brod der Trägheit ißt sie nicht," Sie betätigen in echt jüdischer in echt weiblicher Weise auch das andere Wort, das in demselben Hohelied von der Frau zu lesen ist: „ihre Hand breitet sie aus dem Armen und streckt sie entgegen dem Dürftigen," sorgen Sie dafür, daß auch jenes andere wahr werde, das an der gleichen Stelle steht: „Ihren Mund öffnet sic in Weisheit und eine Thora der Liebe ist auf ihrer Zunge." Mit einer össcntlichen Versammlung in der Frankfurt - Loge mit dem Thema „D ie Berufswahl u n s e r c r T ö ch t e r" schloß Dienstag Abend der Delegiertentag feine Verhandlungen. Das Thema und die Referentiu, Frau Henriette Fürth, hatten eine solch' gewaltige Menschenmenge — besonders Damen — a»gezogen, daß viele wieder umkehren mußten. Doch die Einlaß fanden, hatten es nicht zu bereuen. Denn die Reserentin.ist nicht allein eine vollendete Redneriu: all' das, was sie sagt, es reiht sich so ungezwungen und natürlich aneinander, cs baut sich so logisch auf einander aus. daß es schon deshalb ein Vergnügen ist, ihr zuzuhören. Die Refercntin suchte zuerst die Frage, ob cs notwendig ist. daß unsere Töchter einen Beruf ergreifen, zu beantworten und behandelte dann ihr eigentliches Thema. Während früher die Familie ernährte, verzehrt jetzt die Familie, sodaß ihre weiblichen Mitglieder häufig zum Erwerb beitragen müssen. Außerdem werden stets mehr Mädchen wie Knaben geboren, und hmlderttausende Mädchen müssen schon deshalb von vornherein auf eine Versorgung durch Heirat verzichten. Ueberdies ist es vertverflich, die Töchter nur auf das Ergattern eines Mannes zu trainieren, sic auf Bälle und in Gesellschaften zu schicken und sie Jahre laug von jeder systematischen Tätigkeit sernzuhaltcu. Wenn ein solches Mädchen nicht heiratet, dann ist sie auf den Kampf ums Dasein nicht vorbereitet, und heiratet sie, dann ist sic häufig nicht mehr als ein Prunkstück für den Salon. Es ist der schönste Beruf der Frau, Mutter zu werden; aber Genossin muß sic dem Manne sein, und das kann sie nur sein, wenn sie etwas Rechtes gelernt hat. Es sind der Jüdin viele Berufe verschlossen, weil man sie ihr als Jüdin verschließt; es stehen ihr aber trotzdem genügend Berufe offen, um izach ihren Fähigkeiten zu wählen. Man sagt, das'berufstätige Mädchen werde eine schlechte Hausfrau; dieser Vorwurf ist unberechtigt: Lrade das Gegenteil ist der Fall: in ihrem Berufe hat sich das Mädchen einen aufs Praktische gerichteten Mck, Aufmerksamkeit und Disziplin erworben, und sie ivird mit diesen Eigenschaften sehr schnell ckild gründlich sich jn das Gebiet der Hauswirtschaft finden. Man hat kejnen Anlaß, dem berusausübcirdcn Mädchen, wie es bisher leider noch unvernünftiger Weise geschieht, mit weniger Ehrerbietung ivie dem berufslosen Mädchen zu begegnen; die umgekehrte Praxis ist eher am Platze; jedenfalls aber ist cs Pflicht der Gesellschaft, hier reformierend einzugreisen. Ani die einzelnen Berufe einzugehen muß sich "Redncrin, da cs sich hier nur um trockenes statistisches Material handelt, versagen. Wenn wir unsere Töchter früh zu freudevoller Arbeit und arbcitsvoller Freude erziehen, dann haben wir ihr das beste gegeben, ivas wir ihnen geben können. Jn der Diskussion, die von der Versammlung aus Anfrage der Vorsitzenden lebhaft gewünscht wurde, sprachen Frau F r o m b e r g, Frl. H e i m b a ch e r, Frl. Wol f, Frl. Bertha P a p p e n h ei m , Fräulein Sidouic Werne r-Hamburg, Frl. H o m b u r g- Karlsruhe, 'Frau Gut m a n n - Mannheim und die Referentiu. Es wurde auf die Behauptung der Rcscrcntin, das; in Preußen den Jüdinnen der Lehrerinnenbernf fast verschlossen sei, selbst hier in Frankfurt gebe man ihnen außer jüdischer Religion nur die technischen Fächer zum unterrichten, betont, daß in Baden volle Gleichberechtigung herrsche. Eine Rednerin verlangt, das; wenn die Frau auf allen Gebieten mit dem Manne in gleichberechtigten Wettbewerb trete, sie auch ihr Dienstjahr ableiste, und zwar in de: sozialen Fürsorge; dem wird von einer anderen Redneriu entgegnet, daß sich junge Mädchen noch nicht für die so überaus schwierige soziale Fürsorge eignen, «ich habe die Frau als Mutter Pflichten, deren der Mann ledig ist, und als'Mutter leiste sie für das Vaterland. Zweckmäßiger wie das Dienstjahr sei ein neirntes Schuljahr. Mit Daukesworten der Vorsitzenden an den Vorstand der Frankfurter jüdischen Gemeinde und an die Frankfurt-Loge schloß die glänzend verlaufene Versammlung. A«s den Vereinen. Frankfurt a. M., 8. Oktober. Der Verein „T i f e r c s B a ch u r i m" hatte gestern seinen Erössnungsabcnd der Wintersaison. Herr Her m a u n Goldschmidt, der Vorsitzende, hieß die Mitglieder zu neuer Arbeit lvillkommeu und .sprach den Wunsch aus, daß die Stiinmungen und Gefühle, lvelche die letzten vier Wochen i» so reichem Maße eriveckt und genährt haben, durch die Arbeit des Vereines wach gehalten «.erden inögen. Sodann ergriff Herr Oberlehrer Dr. I. B o n d i das Wort zu einem einstüiidigeu, überaus anregenden Bortrage, in dem er sich mit der Frage beschäftigte, w e l ch c Gewinne wir durch die Beschäftigung mit der jüdischen Geschichte haben. Während die Geschichte der anderen Völker hauptsächlich eine politische ist, sei die unsrige zum größten Teile Kultur- und Gcistesgeschichte. Und wenn schon die Geschichte im allgemeinen mit den zur Nachahmung aueifernden Beispielen, die ihre großen Persönlichkeiten geben, und »nt ihrer sichtbaren Entwickelung zu cineni dauernden Fortschreiten aueisernd auf den Menschen einwirkt, so sei das ganz besonders bei der jüdischen der Fall. An der Hand der Renaissancezeit unter Esra und Nehemia zeigt dann Redner, wie die jüdiscye Geschichte im Geiste der jüdische» Welt- und LebeiiSauschauung, deren monotheistischer Sozialismus den Gegensatz bildet zu dem polethcistischeu Individualismus, der nach dem Schwinde» des Heidentums noch Herrscher geblieben ist — der Herrenmensch Nietzsche's —, erziehend wirkt. Esra hat Mit seiner Forderung an die äus dem babylonischen Exil Zurückgekchrteu, sich von ihren heidnischen Frauen zu trennen, die jüdische Familie wiederhergestellt, er hat mit der Verbreitung der Thorakenntnis — er selbst hat mehrere Thorarollcn geschrieben — die Kenntnis des Judentums wieder zum Gemeingut des Volkes gemacht und hat der Gerechtigkeit im jüdischen Sinuc in den Einrichtungen des jüdischen Gemeinwesens wieder Geltung verschafft, — und so ist es ihm zu danken, wenn 100 Jahre später das Judentum den Kampf mit dem damals im Glanze seiner Blüte stehenden Griechentum aufnchmen konnte und später unter Juda Makabi siegte, — und wenn bis heute Familie, Volksbildung und Gerechtigkeit Nationalgütec des jüdischen Volkes waren, so muß ihm noch Dank geschuldet werden. Gerade gegenwärtig, wo Stimmen laut geworden sind, die durch „die freie Liebe" die Familie aufgeben wollen, ja, wo es Stimmen gibt, die im Geiste des Herrenmenschen den „schwach oder mit Gebrechen Geborenen" vernichten wollen, ist es wichtig, die Lehren der jüdischen Geschichte sich vor Augen zu führen. — Herr Dr. Bondi wird nächsten Sonntag Abend 9 Uhr seinen Vortrag über das gleiche Thema fortsetzen und beenden. Frankfurt a. M. Mit dem reichhaltigsten Programm aller hiesigen jüdischen Vereine wartet wieder der Montefiore-Vercin auf: Jeden Mittwoch Abend Vorträge und jeden Freitag Abend gesellige Zusammenkunft mit Gratis-Bewirtung, außerdem französische, englische und stenographische Anfangs¬ und Fortbildungskurse, Turnen, Gesang und Litcraturkurse. Den Mitgliedern stehen ferner die Bcrcinsräunic, Bibliothek und Auskniiftsstelle zur Verfügung. Zu den Veranstaltungen des Vereins, die längst keiner Empfehlung mehr bedürfen, haben nur Mitglieder und deren weibliche Angehörige Zutritt; die Mitgliedskarte (der Jahresbeitrag beträgt nur 2 JL\) ist am Saalciugang vorznzeigen. Frankfurt a. M. Die Jomim Nuuroim und das Suckaus-Fest haben im Schemini Azcres ihren Abschluß gefunden. Die Festwochen liegen hinter uns, und überall regt sich neues Leben. Es ist die Zeit, die im Zeichen der Vereine steht. Die Winterprogramnie der einzelnen Vereine werden in die Welt hiiiausgcschickt und erwecken durch ihre anziehenden Ankündigungen in jedem jungen Manne die Lust, den verschiedenen Vereinsabeuden anwohnen zu' können. Insbesondere hier in Frankfurt macht sich überall in den jüdischen Vereinen eine erfreuliche Lebhaftigkeit bemerkbar, und man könnte säst an einen friedlichen Wettbewerb denken, wenn man die vielen schönen Progranune liest, die in der letzten Woche zum Versand gelangten. Da sind vor allen Dingen die Programme des „Mekor Chajim"-Vereins und seiner Unterabteilung des „Nachlaß Zwi"- Vereins 'zu erwähnen, welche beide für die positiv jüdische Ausbildung un>crcr Jugend viel zu leisten versprechen. Nicht minder hat das Programm des Vereins „Tiseres Bachurim" und des „Montefiorc"- Verciiis in alle» beteiligten Kreisen begeisterten Anklang gcftliidcil, und werden auch sicherlich die Erwartungen, die man diesen Vereinen entgegenbringt, sich voll und ganz erfüllen. Wenn nun diese Zeilen den Zweck haben sollen, die Ansmcrksainkeit der Leser dieses Blattes auf einen Verein zu lenken, der sich nicht zur speziellen Ausgabe die religiöse Ausbildung seiner Mitglieder, sondern die profane, literarische gemacht hat, so geschieht das nicht unberechtigt. Die „Vereinigung zur Pflege von Literatur und Geselligkeit 1905" versammelt allwöchentlich unter der bewährten Leitung ihres Dozenten des Herrn Professor Adols Weyl jüdische junge Leute, die sich in die Schätze der deutschen Literatur zu vertiefen suchen. Da nun in Frankfurt für die positiv - jüdische Ausbildung der Jugend in oben genaimten Vereinen zur Genüge Sorge getragcil ist, so bildet die „Bereinigung zur Pflege von Literatur und. Geselligkeit 1905" eine wertvolle^Ergänzung im Kreise der auf dem Standpunkt des überlieferten Judentums stehenden Vereinen. Schon im letzten Semester haben wir bei der Lektüre von Lessings „Nathan der Weise" Gelegenheit genommen, uns eingehend über die Stellung des gcsctzestrenrn Judentums zu diesem Meisterdrama' auszusprechen, und da wir für das kommende Semester n. a. Gutzkows „Uriel Aeosta" auf unser Programm gesetzt haben, so wird eS auch in diesem Semester nicht fehlen können, daß die jungen Leute sich über u n s e r e Stellung auch zu diesem Werke aussprcchen. Wir glauben uns nicht zu überhebcn, wenn wir hier össentlich konstatieren, daß der Verein in feinem zweijährigen Bestehen vielen jungen Leuten als wertvolle Ergänzung zu ihrer positiv-jüdischen Ausbildung einen Schatz allgemeiner Bildung gegeben hat. Dies beweisen in erster Linie die Sympathien aller beteiligten Kreise, derer sich der Verein erfreuen darf, und die stets im Wachsen begriffene Mitgliederzahl. Mögen diese Zeilen dazu beitragen, die Eltern insbesondere der schulentlassenen Jugend zu veranlassen, ihre Söhne dem Verein zuztlsühren. Die jungen Leute selbst aber, insbesondere die von auswärts kommenden, in hiesigen Geschäften tätigen, dürsten den Anschluß an unseren Verein nicht zu bereuen habe». Sie werden neben den Vorteilen einer gründlichen literarischen Ausbildung auch noch die Wohltaten einer angenehmen Geselligkeit dankend empfinden. Anfragen sowie Beitrittserklärungen sind zu richten an den Schriftführer: Pcrez Mosbacher, Schöne Aussicht 5. Frankfurt a. M. Jüdische Bibliothek und Lesehalle. Von Dienstag, den 15. Oktober ab, ist die Bibliothek und Lesehalle geöffnet: Montag bis Donnerstag von 1—3 Uhr mittags und von 8—10 llhr abends, Freitag nach Schluß des Abendgottesdienstes bis 9 Uhr, Samstag und Sonntag von 11—1 Uhr vormittags und von 3—7 Uhr nachmittags. Die Bücherausleihe findet Montag bis Donnerstag von 1—2 Uhr nachmittags statt. Frankfurt a. M. Eine erhebende Feier beging am 6. Oktober im Hörsaal Schützciistraße der hiesige Verein M e k o r -C h a j i m. Jn 20jährigem Studium war das Lernen der sechs Mischnah - Bände, welche» wöchentlich 2 Stunden gewidmet werden, beendet worden. Unter Leitung des Herrn Karl Guggenhcim wurde der Schiur begonnen, fortgesetzt von Herrn Dr. I. H. Bondi und zu Ende geführt von Herrn Rektor Falk. Der Schiur erfreute sich — nicht zum mindesten infolge der trefflichen, gediegenen Lehrweisc der genannten Herren — fortgesetzt der regsten Teilnahme. — Gleichzeitig wurde in siebenjährigem Zyklus der Raschi-Schiur auf die Tanroh zum Abschluß gebracht. Dieser Schiur besteht ans Mitgliedervorträgen. Allsabbatlich wird eine Parschoh der betreffenden Sidroh vorgetragen und erläutert, bis in 7 Jahren alle 7' Parschiaus gelernt sind. So war es dein Vereine, der in eifriger Lehrarbeit vermittels zahlreicher Schiurim alle Gebiete des jüdischen Schrifttums seinen Mitgliedern zu erschließen sucht, nunmehr vergönnt, einen D o p p e l - S i j n m zu begehen. Was Wunder, daß eine große Frcundesschar sich zusammengesnnden hatte, um an dem Feste teilzunchmen. Nachdem die Herren Rektor Falk und Markus Hirsch die Endabschnitte vorgetragen hatten, setzte man sich zur reichgeschmücktcn Tasel, und in fröhlichster Stimmung nahm das Fest seinen Fortgang. Geistreiche, humorvolle Reden wechselten mit gesanglichen und musikalischen Darbietungen. Tischliedcr, poetische Ergüsse, sowie theatralische Leistnngcn taten das ihre, um die frohe Stinimung zu erhöhen. Das wunderschöne Gedicht „Die Variationen des Kadisch" von Mendel Hirsch s. A. wurde von Schülermitiib meisterlich zu Gehör gebracht, und es war begreiflich, wenn sich eine lebhafte Huldigung für den Verfasser, der zugleich der erste Talmud-Lehrer des Vereins war, dieser Darbietung anschloß. Nachdem die schöne Melodie des Zommo-Nafschi-Liedes verklungen, war mit dem Benschen das Ende der Tafel erreicht, der Herr Julius Scipin mittels gebundener Rede in geschickter Weise präsidiert hatte. Möge der Verein Gelegenheit haben, noch recht oft solche Feiern zu begehen. Frankfurt a. M. Die Ansprache, mit der der ehrwürdige Ehrcnpräsidciit des „Montcfiore- Verei»", Herr Rabbiner Dr. M. Horovitz, die Wintersaison dieses Vereines zu eröffnen Pflegt, wirkt nicht gleich den meisten Vorträgen wie das Wehen des Windes über ein Stoppelfeld, sondern sie ist wie der Wind, der das Wachstum zur Reise befördert. DasKerhältn isdesjungenManneszum weidlichen Geschlecht, die Stellung der Frau im Judentum hatte der ehrwürdige Redner diesmal zum Gegenstand seiner Worte gemacht. Heilig sind dem jungen Manne Vater und Mutter, heilig sind dem jungen Mädchen Vater und Mutter, heilig ist dein jungen Manne seine Schwester, und so heilig wie seine Schwester sei ihm jedes weibliche