Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 39 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu Nr. 39 des Fmilksiuler Zjmclmjchen FamüieudlMs. Die Woche. Sonntagsruhe! Wer könnte dagegen sein? Ist doch die vollständige Ruhe eines Tages in der Woche ein unerläßliches Gebot der Gesundheit, ja ein soziales Kulturgebot ersten Ranges! Nur ein Erzreaktionär, ein Volksfeind kann sich ihm widersetzen! — so oder ähnlich wird mancher Demokrat sagen. lind doch, und doch 'können wir Juden uns mit der Sonntagsruhe schwer absinden. Und wie so? Widerstrebt etwa das Judentum dein Geiste der Demokratie? Ist das Judentum unsozial? Gewiß: nein! Nur eine Antwort gibt es auf all diese Fragen: Dem jüdischen Volke mangelt es weder an humanem Sinn, noch an humanen Gesetzen, ist doch vom jüdischen Gesetze aus sogar für die eintägige allwöchentliche Ruhe des arbeitenden Tieres Vorsorge getroffen worden. Was dem jüdischen Volke fehlt, ist ein eigener Boden, um seine Gesetze voll und ganz beobachten zu können; und ohne Boden, ohne eigenen Boden muß das jüdische Volk zwei Ruhetage allwöchentlich halten, und dadurch wird ihm seine Existenz äußerst erschwert, ja sie wird fast in Frage gestellt. Wie ist aber dieses schtoierige Problem in der Diaspora zu lösen? Radikal — kann es nur auf dem Wege der Autonomie gelöst werden. Wird einer jeden Nationalität frcigestellt, ihre Feste und Ruhetage nach Belieben zu halten, so ist die Schwierigkeit dieser Frage beseitigt. Allein: so weit sind wir Juden in den meisten von uns bewohnten Ländern nicht. Auch bei uns zu Lande nicht. Preußen ist und bleibt — mag Bülow dem Zentrum noch so grimmig sein — ein konfessioneller Staat, und somit liegt 'cs in seinem eigensten Interesse, auch die jüdische Konfession zu wahren; — und eine völlige Sonntagsruhe erreicht das Entgegengesetzte: Man tut Abbruch, wenn auch unbeabsichtigt, dem Judentum. Man schadet aber auch der Judenheil, und dies muß naturgemäß eine Erbitterung zum Schaden des Staates erzeugen. Die Regierung muß zu der gerechten Einsicht gelangen, daß den Juden gegenüber das Gesetz der Sonntagsruhe nicht voll und ganz angewendet werden darf. Doch, wer soll diese Forderung der Regierung stellen? Etwa die jüdischen Abgeordneten?! Sache des demnächst 'in unseren Mauern tagenden Judentages wäre es, dieses Problem zu behandeln, um eine Lösung zu dieser schwerwiegenden Frage zu finden. II. Delegiertentag des Jüdischen Frauenbundes. «Schluß aus dem Hanptblatte.) Rabbiner Dr. Jakob Horovitz wendet sich gegen die Verherrlichung der „neuen Ethik", wie sie in der Diskussion von Frau Fürth geschah. -Ich freue mich, daß Frl. Pappenheim ihren für diesen Punkt in dem Referat nicht recht deutlich gemachten Standpunkt nun näher präzisiert hat und hier mit mir übereiustimmt. Eine „neue Ethik" gibt es nicht; über die Ethik des Judentums kommen ivir nicht hinaus. Es ist gar leicht, alles, was man in berechtigter Kritik an den bestehenden Zuständen ausznsetzen hat, in die „neue Ethik" hineiiizuschieben, und jene Zustände der „alten" zur Last zu legen, die am wenigsten Eesallen an ihnen hat. Gewiß, die Gebote der Menschlichkeit müssen allen gegenüber geübt werden, und niemand hat mehr Anspruch auf ihre Beobachtung als die Frau und zumal die Frau, die Mütter ist. Für sie zu sorgen, sie, wenn 'nötig, aus dein Schmutz emporzuziehcn, ihr die Freude an ihrem Kinde wiederzugeben, ist ein heiliges Werk. Aber eine ungeheuerliche Verirrung ist die Gleichsetzung der unehelichen und der ehelichen Mutter. Ein Makel muß immer an der unehelichen Mütter als solcher haften bleiben. Deswegen verdammen wir sie noch'nicht in jedem einzelnen Falle. Wir wollen und dürfen in vielen Fällen nicht über sie 'zu Gericht sitzen, wir wollen nicht vergessen, daß zumeist den Manu die Hauptschuld trifft, und wir wollen überhaupt nicht zu Gericht sitzen. Wir haben ein tiefes Mitgefühl mit der Frau, die wahrlich schon genug leidet. Aber, ob auch tausendmal gesagt wird, wir wollen das Familienleben nicht antasten, die Kräfte, die man rief, wird man nicht mehr los. lieber ihre Konsequenzen kann die Bewegung nicht gebieten, auch wenn sie sie nicht beabsichtigt und selbst, wenn sie sich ausdrücklich gegen sie verwahrt. Ich habe selber gesehen, welche Verwirrung die neue Lehre in die Köpfe bringt, welch jubelnden Beifall sie bei ehrbaren, einfachen Mädchen aus dem Volke gefunden hat. Muß das nicht verwirrend wirken? Die Institution der Ehe kann durch nichts ersetzt und ilichts kann 'ihr an die Seite gestellt werden. Sie allein ist und bleibt der einzige Schutz für die Würde der Frau, sie allein gewährleistet den Schutz de§ Kindes und des Fainilienlebens. ES gibt keine Ethik, die dein einen gestattet, was sic dem anderen verbietet, sic hörte denn auf, eine Ethik zu sein; ihr Wesen besteht gerade darin, daß sie für alle und für alle in gleicher Weise verbindlich ist, und die wahre Ethik verlangt nicht, daß inan sich „auslebe", sondern, daß man sich beherrsche, daß man manches in sich zurückdränge, und daß der einzelne und gerade der Höherstehende Opfer bringe, zugunsten der Gesamtheit. Der Redner wendet sich sodann in eindringlichen Worten unter großer Erregung gegen die Behauptung von Fräulein Pappenheim, die Frau sei im Judentum mir Gcschlechtswcsen. Seine Ausführungen gipfeln in den Sätzen: Ich denke viel zu hoch von der sittlichen Würde der Frau, als daß ich nicht in dieser Behauptung eine Schmähung des Judentums erblicken müßte. Die Kette unberechtigter Vorurteile gegen unseren Glauben ist wahrlich groß genug, als .daß wir sic noch um einen neuen Ring verlängern brauchten. In den Häusern, in denen die jüdische Frau allsabbatlich das Licht entzündet und das Haus zu einem Heiligtume weiht, in den Häusern, in denen das- Lied von der Escheth Chajil gesungen wird, herrscht ciire andere Wertung des jüdischen Weibes. Daß das Ideal der jüdischen Frau, die verheiratete Frau, die Mutter ist, kann doch wahrhaftig kein Vorwurf für das Judentum sein. Die ganze Innigkeit, die ganze Heiligkeit des jüdischen Familienlebens hängt ja gerade daniit zusammen. Und wenn die Frau im Judentum von der Erfüllung so vieler Gebote befreit ist, so geschieht dies' keineswegs ans Geringschätzung für ihre Persönlichkeit, sondern gerade aus dem gegenteiligen Grunde, weil es nach der Ansicht des Judentums keinen heiligeren, größeren u. schöneren Gottesdienst gibt, als den, den das Weib im stillen Frieden des Hauses übt, in frommer Fürsorge für ihr Haus, in der Erziehung ihrer Kinder und weil dieser Gottesdienst durch nichts gestört werden soll. Wenn unter den veränderten Verhältnissen der Gegenwart immer mehr Frauen sich nicht verheiraten können oder aus diesem und jenem Grunde nicht heiraten wollen, so begrüßt niemand freudiger als das Judentum deren Akitarbeit an allen Werken der Liebe. Wozu negative und dazu unberechtigte Kritik üben, die nur Zerklüftung bringt, anstatt alle Kräfte znsammenznhalten, um iinmerinehr neue Wege zu finden für eine nutzbringende Betätigring der Frau, die herbeizuführen wir alle in gleicher Weise gewillt sind. Als Fräulein Pappenheim erregt erwidert, sie sei es dem Andenken ihrer Ahnen schuldig, den Vorwurf zurückzuweisen, daß sie das Judentum geschmäht habe, antwortete Herr Rabbiner Dr. Horovitz: Die warmen Worte, die Fräulein Pappenheim soeben gesprochen hat, haben mich ebenso ergriffen, wie Sie alle. Ich kenne Fräulein Pappenheim seit langem, und niemand schätzt mehr als ich ihre uneigennützige, selbstlose und edle Hingabe an alle Werke der Liebe. Ich glaube ihr gern, daß sie das Judentum nicht hat verunglimpfen wollen und es hat mir vollkomnien > ferngelegen, das zu behaitpten. Ich habe nicht leichten Herzens gesagt, Fräulein P. hat das Judentum geschmäht, und ich habe es nicht gesagt, ohne hinzuzufügen und klar und deutlich anzugeben, worin ich diese Schmähung erblicke. Aber müssen Sie nicht alle und muß nicht auch Fräulein P. schließlich zugeben, da'ß es für jede Religion eine Schmach wäre, wenn sie das Weib nur als Geschlechtsweserr auffaßte. Und das sollte für unser großes Judentum, das dem Weibe erst seine Stellung und Würde in der Menschheit gegeben, das es seit ältesten Zeiten auf allen Gebieten tätig gesehen hat, keine Schmälerung sein? Ich rufe Sie zu Zeugen au. Sie mögen selber urteilen. Ich wiederhole: Ich müßte anders denken von der sittlichen Würde der Frau, als ich denke, und ich müßte nicht die Liebe und Begeisterung für das Judentum haben, die ich im Herzen trage, wenn ich in einer solchen Behauptung nicht eine Schmähung des Judentums erblickte, auch wenn sie nicht beabsichtigt war. Nach einem Schlußwort der Reserentin, die noch manche Einzelheiten näher beleuchtet, wurde die erste Sitzung geschlossen. In der Nachmiitagssitzung hörten wir ein Referat der Frau B. Leiser- Köln und der Frau Uhlfelder -Frankfurt über Stellenvermittlung. Wir halten diese Frage für die jüdischen Frauenvereine von untergeordneter Bedeutung. Die Schomre-Schabbos-Vereine besorgen auch bisher schon für diejenigen jungen Mädchen, die aus Samstag frei reflektieren, gern Stellen, und so wie es keine Stellenvermittlungsvereine speziell für jüdische junge Leute gibt, fo erscheinen auch solche speziell für jüdische junge Mädchen wenig am Platze. Wenn Frau Sibonie Dann-Frankfurt sich in der Diskussion über das segensreiche Wirken der „Weiblichen Fürsorge" des hiesigen Israel. Hilfsvereins verbreitet hat, so ist bei dieser Organisation zu bedenken, daß es sich bei ihr doch wohl in der Hauptsache darum handelt, den aus dem Osten gekommenen weiblichen jüdischen Personen, da sie den hiesigen Verhältnissen fremd gcgenüberstchen, 'mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, ein Wirken, das mehr in das Gebiet der Wohltätigkeit, als in das einer geschäftsmäßigen Stellenvermittelung hinüberspielt. Am Abend wurde die erste öffentliche Versammlung abgehalten. Der Saal war übersüllt. Frau Henriette Matz -Berlin sprach über Jüdische B e r e i n s o r g a n i s a t i o n. Alliance Jsraelite, Jca, Hilssverein der Deutschen Juden, Deutsch-Israelitischer Gemeindebund usw. zogen an dem geistigen Auge des Zuhörers vorbei. Besonders bei dem Hilssverein, der unter der tatkräftigen, aufopferungsvollen Mithilfe Fräulein Bertha Pappcnheim's bei den galizischen Juden Industrien eingesührt, nach den Pogromen in Rußland dort die Hilfsaktion geleitet und 119 Waisenkinder in Deutschland untergebracht hat, verweilt Rednerin. Sie geht dann zu den Vereinen, die auf dem Gebiete der Erziehung bodenständig sind, über, verlangt Bahnhofsmissionen und schließt init der Forderung, daß die Frauen fortan auch iu den Organisationen, in denen bisher nur Männer ^:itz und Stimme hatten, mitraten und mittatcn sollen. Herr.Charles Hallgarten, der bekannte Philanthrop, ein Mann, dem die Milde ans den Augen spricht, ergreift nunmehr das Wort, um in seiner Eigenschaft als Mitglied des Verwaltungsrates der Alliance und des Zentralkomitees des Hilfsvereins auf die Ausführungen der Rednerin einzugehen. Er verspricht, für den Wunsch der Rednerin, den Frauen in de» Verwaltungen der Organisationen, in denen sie bisher noch nicht vertreten find, Sitz und Stimme zu gewähren, bei der Alliance eintreten zu wollen. Hierauf schließt Fräulein Pappenheim mit den Worten, daß der 7. Oktober 1907 ein Markstein im jüdischen Frauenleben bedeuten werde, unter lebhaftem Beifall die Versammlung. * Dienstag, früh 9 Uhr, sind die Damen schon wieder zur rastlosen Arbeit versammelt. Frau Henriette Fürth berichtigt ihre gestrige Behauptung, im Judentnme sei die Ehebrecherin und nicht der Ehebrecher gesteinigt worden. Das Referat der Sitzung hat Fräulein 2 i d o n i e Werner- Hamburg. Sie spricht über das Thema „Mädchenhandel". Sie will ihre 'Ausführungen als ihre Privatansicht und nicht als die offizielle Ansicht des Jüdischen Frauenbundes angesehen wissen und glaubt, daß auch die anderen Referentinnen für ihre Referate denselben Standpunkt einnehmen. Darüber, daß es bei uns Juden heute einen Mädchenhandel gebe, sei kein Zweifel, aktiv und passiv sind wir an diesem schmählichen Gewerbe beteiligt. Besonders in Galizien ist es damit schlimm bestellt. Die Opfer sind tief beklagenswert, denn nur die furchtbare wirtschaftliche Rot, in der sich die 800 000 Juden Galiziens befinden, habe in die jüdische Sittenreinheit eine Bresche schlagen können. Dieser Not zu steuern und auch das Bildungsniveau der dortigen Juden zu heben, sind die zur Verminderung des Mädchenhandels gangbaren Wege. In Galizien könne man auch auf die Unterstützung der Negierung hoffen, was in Rußland und Rumänien ausgeschlossen ist. Die Referentin schlägt vor, Frl. Pappenheim, Frl. Werner und Frau May, in das jüdische Zweigkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels zu delegieren, seiner: den Beitritt des Frauenbundes zum deutschen Nationalkomitee zur Bekäinpfung des Mädchenhandels, Uebernahme der Bahnhofs- und Schiffsanssichten in den großen Städten und den Grenzstädten Bearbeitung der galizischen Frauentage durch eine besondere Sektion. Die Anträge, die eine rege Diskussion veranlaßten, wurden angenommen. Frau Rabbiner Dr. Seligmann referiert darauf •„rt überaus ansprechender, gemütvoller Weise über die Jugendgruppen der Frankfurter Frauenloge. Aus der nun folgenden Diskussion seien die Worte des Herrn Rabb. Dr. I. Horovitz hervorgehoben. Herr Rabb. .Dr. I. Horovitz führte aus: In dem schönen, uns allen so sehr zu Herzen gehenden Referat von Frl. Werner scheint mir nicht genügend hervorgehoben die Wichtigkeit einer durchgreifenden Hebung des Bildungswesens in Galizien. Alle gewiß notwendigen kleinen Augenblicksnnttel treten hinter diesem Punkte zurück, von dem aus die sittlichen Gefahren von der Wurzel aus am besten und nachhaltigsten bekämpft werden können. Und wenn mit vollem Recht, in den heutigen Debatten immer wieder betont wurde, daß die Frau für alle Gebiete der Frauenhilfe herangezogen werden müsse, daß nur das Weib die Not des Weibes und die Seele des Weibes ganz verstehen könne, so gilt dies auf keinem Gebiet mlehr als auf dem Gebiet der Erziehung. Ich möchte darum anregen, daß der Frauenbund in Verbindung trete mit den großen Organisationen behufs Gründung eines Lehrerinnenseminars in Galizien. Ich