Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1907-10-11 · Heft 39 (11.10.1907) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 39 (11.10.1907)
Date
1907-10-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692511-2692550--03498-2698199
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 Nr. 39. ci geworden wäre — hätte er nicht damals — die — Fensterscheibe zerschlagen! Na, cs war doch gut so; er hat wirklich keine Ursache, cs zu bereuen-■; er war doch anders, als diese beiden hier: da standen sie ja, unsauber, struppig, arm, die „Leben und Freiheit wagen mußten, um ein Stück 'Brot zu verdienen -; er hingegen reich, vornehm, gebildet, angesehen, als pflichttreuer Richter bekannt, dem das höchste Vertrauen eutgegengcbracht wird.- Es war doch besser so!-Aber, aber! Die „Frage" kam schon wieder leise herangeschlichcn; sie wuchs riesengroß; sie faßte ihn an der Kehle, so daß er zu ersticken glaubte.-Verdient er wirklich das Ansehen und Vertrauen? War er in der Tat ein Hüter des Gesetzes? Hat er auch 'das vornehmste Gesetz, welches Natur und Religion gegen die Erzeuger, gegen die Hüter und Pfleger der Jugend ausgestellt, getreulich beobachtet? — — Wer steht wohl höher im Ansehen aller rechtlich Denkenden, jene simplen Menschen, die Leib und Leben in die Schanze schlagen, um ihre Kindespflicht zu betätigen, oder er, der die geheiligten Bande des Blutes herzlos und grausam cntzweigerissen »nd auch jetzt noch sein eigenes Fleisch und Blut mit unauslöschlichem Haß verfolgt? Wer hat wohl seinen Lebenszweck redlicher und ehrlicher erfüllt? Jene, von der Not getrieben, wegen einer großen, heiligen Sache . eines geringfügigen Vergehens sich schuldig gemacht, das sie aber durch ihre Strafe abbüßen wollen- oder er, der sein ganzes Dasein auf Trug und Falschheit aufgebaut und bei einem geniißreichen Wohlleben scheinheilig als Tngendwächter sich gebärdet? — Doch, wozu all dieses? Wozu all diese Grübeleien? Dcuß er denn überhaupt auf diese unbequeme Frage durchaus eine Antwort geben? — Die Vergangenheit ist tot, und er will der Gegenwart leben. Hier steht "er, fest auf seinem Posten, unerschütterlich und pflichttreu, um die Rechte der Menschheit zu wahren, und Vergehen und Verbrechen nach Gebühr zu ahnden! — „Die Rechte der Menschheit!" Wirklich? Will er jede Verletzung derselben ahnden? Auch die „Rechte der Menschlichkeit" — —? Nun, Herr Richter, gilt dieser Grundsatz nur bei den Gesetzen des Staates und nicht auch bei den Gesetzen, die der All-Schöpfer jedem Menschen ins Herz geschrieben? — Ist nicht auch Elternliebe, Elternehrfurcht der grundlegende Gedanke auch der staatlichen Gesetzgebung?-Er vernahm jetzt das Zischen und Klatschen der Peitsche auf den nackten Rücken seiner Brüder, er hörte jetzt das Winseln und Jammern der Verurteilten nebenan in der Strafzelle — und jeder Schlag ging ihm durch die eigenen Nerven — ihm war es, als bedeckten die blutigen Striemen seinen eigenen Körper. Er versuchte zwar ein klein wenig „Josef in "Egypten" zu spielen, indem er jedem der Brüder für die ihnen zudiktierten fünfundzwanzig Knutenhicbe eben so viele Rubel in die Tasche stecken zu lassen wollte — er wollte dadurch sein Gebahren noch womöglich zu einer nobeln Tat steinpeln —; aber auch das gelang ihm nicht; in seinem Innern wußte er ganz genau, daß es nichts anderes war als ein armseliger Knochen, den man dem Hunde hinwirft, nachdem man ihm erst' kurz vorher einen Fußtritt versetzt; — nein, das''Zerren und Reißen in seiner Brust ließ deshalb doch nicht nach-; so leicht ließ sich das Gewissen doch nicht beschwichtigen-zumal er die Rubelscheine am nächsten Morgen auf seinem Tische wiederfand. — Und seit damals — es sind bereits Jahre her — konnte er diese Gedanken nickit mehr los werden —; die gellende und kreischende innere Stimme ließ sich nicht mehr betäuben und das Quälende »nd Peinigende nicht mehr vertreiben: Seine vornehme Frau wurde ihm zur Geißel, da er beständig an seine eigene niedere Herkunft denken mußte: die Geburt seines Kindes wurde ihm ein zweischneidiges Schwert, da sie ihm die Sünden seiner eigenen Jugend vor Augen führte; die Achtung seiner Mitmenschen wurde für ihn zu einer Quelle der Leiden, da er sich selbst als Heuchler und Betrüger anklagen mußte. Die Schaffensfreudigkeit in seinem Berufe ging ihm ganz verloren, da jeder Angeklagte ihm zuzurufen schien: „Richter, richte dich selbst." Und jeder konnte für sein Vergehen irgend , einen Grund, eine Entschul- Frankfurter Israelitisches Fcmnlienblait. digung, irgend eine Veranlassung geltend machen; doch er-! Er hat seinen Gott verleugnet, das Glück seiner Familie vernichtet, Spott und Schande auf das Haupt seiner Eltern geladen-! Warum? Aus welcher Veranlassung? Aus Trotz, Eigensinn, aus verstocktem Herzen! Gewiß, vor den Ungen der Menschen war er ein weiser, strenger und gerechter Richter, der, wenn auch mit zerrissenem Herzen, »ach bestem Wissen und Können das Urteil fällte. Ja, vor den Menschen! Einst aber wird er selbst vor dem höchsten Richter im Himmel erscheinen müssen! Welches Urteil wird da über ihn gefällt werden? — Aber warum denn stürmen diese Gedanken und Bilder der Vergangenheit gerade heute mit solcher Macht auf ihn ein? — Warum erschüttern ihn diese Erinnerunngen gerade heute so besonders tief? — Ach, ja — heute sind es ja gerade dreißig Jahre, daß es begonnen — daß er sein Schicksal in seine eigene Hand genommen —; heute ist ja wiederum der „Jomhasikoraun" der Tag der Erinnerung, wo der Mensch sich seiner Taten erinnern soll, um sie zu bereuen, vor dem gerechten und allweisen Richter, der Herz und Nieren 'prüft, der heute das Lös seiner Erdenkinder bestimmt und jedem nach Verdienst vergilt . . .!!! Whizzzz-whizzz —! Wie das wieder schaurig kalt hineinbläst! Welch' scharfer Wind doch durch eine solche zerbrochene Scheibe eindringt — —! Hat er denn auch' gar die Lampe ausgeblasen?- Es ist doch alles so schivarz, so finster ringsherum. — Er wird lieber Sebastian rufen, daß er ihn zu Bett bringt.-Oder, nein; er wird lieber zu seinem Söhnchen gehen und es küssen; das wird »och eher die peinigenden Erinnerungen verscheuchen — —! Mühselig versucht er, sich äufzurichten; doch es gelang ihm nicht; seine Glieder waren steif, völlig gelähmt. Und wie das schmerzt — da tief innen — das sticht und schneidet, als ob ein ganzer Haufen Glassplitter und -Scherben in seinem Herzen wühlte -und überall so dunkel, so düster und so schwarz! -Ja, ja, die Glassplitter — — oder sind es spitze, haarscharf geschliffene Dolche?-Oder sind es gar giftige Schlangenbisse? '-Ach, nein, es ist nur der böse Wetterhahn mit seinem scharfen blechernen Schnabel, dort oben auf dem vergoldeten Kreuz-! Na, warte nur! Was? Wieder nicht getroffen? Du willst mich noch 'auslachen? — — Was? Ich ein Judenbengel? Das sollst du mit diesem schweren Stein büßen! — —Oder nein, mit diesen Vielen Silberrubeln.-Und jetzt beten sie schon „Sch'ma Jsroel"-; hier nur noch dieses einzige Mai — — paß auf; jetzt werde.... Aber, so wartet doch-ich muß doch auch beten! Vater, Brüder, wartet doch — ich komme ja schon! Ach, beinah hätte ich die Mutter getroffen!-Warum soll ich nicht beten können? Ich bin doch ein jüdisches Kind geblieben: ,jSch'ma Jsroel, Adonaj elohenu, Adonaj e—ch—o—d!" Kalter Schweiß 'bedeckte seine Stirn; ächzend und stöhnend zerrt er die große Bibel, die auf dem Tische lag, näher an sich heran — mit wahnsinniger Angst schlägt er die Blätter um — hier — nein — weiter — nein — da — da — endlich; hier ist es! „Gott, du bist gerecht, und dein Urteil jst gerecht!" Noch 'ein kurzes Röcheln — dann Totenstille. Die Sterne der Nacht schauen in das Zimmer hinein, wo ein Menschenkind nach schweren Kämpfen ausgerungen. Dann flüstern sie leise: „Wir sind auch Fensterscheiben — Fensterscheiben im Himmel — durch welche der ewige Vater, gnadenvoll und vergebend, auf seine irrenden Menschenkinder nicderblickt! Und wir brauchen keine Angst zu haben —. uns kann keiner zerschlagen — — und wenn man auch noch so viele Steine nach uns wirft!" Als Sebastian einige Stunden! später in das Zimmer trat, um seinen Herrn nach der Schlasstätte zu geleiten, erkannte er bald, daß seine Hilfe hier nicht mehr verlangt wird-sein Herr lag starr und steif da, vom ewigen Schlaf umfangen. Und als er sich von seinem Schrecken erholt hatte und weiter hinsah,, da bemerkte er, daß.der 'Entschlafene die Zeigefinger seiner beiden Hände auf eine Stelle der Bibel gepreßt hatte, die da lautet: „Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit deine Tage verlängert werden auf dem Erdenreiche, welches der Herr, dein Gott, dir gibt!" Ende. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Sehr geehrter Herr Redakteur! Die Gründung der jüdischen Turnvereine haben mit Antisemitismus oder Philoscmitismus nichts zu schaffen; sie entspringen vielmehr einem Selbsterhaltungstriebe, der heute auf den verschiedensten Gebieten des jüdischen Lebens seine Wirkungen zeigt. Man..spürt eben, daß weite Kreise der Zudenheit — wie einst Korach und seine Horde — von einem gähnenden Schlunde — hier Taufe und Mischehe — verschlungen werden, und instinktiv greift man zu Gegenmaßregeln. Mit der Gründung der Bue-Brith-Logen nahm die Sache ihren Anfang, und heute sind wir bereits so weit, daß Kreise, die sich weder zu den traditionellen noch zu den nationalen Juden zählen, j ü d i s ch e B o l k s s ch u l e n für unsre Großgemeinden verlangen, und die Agitation hierfür setzt grade in der letzten Zeit kräftig ein. Wer den Verhandlungen des Jüdischen Frauenbundes, der in den letzten Togen hier seinen Delegiertentag abhielt, gefolgt ist, der konnte gleichfalls konstatieren, daß der Bund für die jüdischen Frauen seine eigenen Wege einschlägt. Jüdische Turnvereine dienen unserem Zusammeuhält, und ich glaube, daß die Furcht, durch sie würden die jüdischen Mitglieder der allgemeinen Turnvereine in ihrem Verhältnisse zu ihren christlichen Turngenossen geschädigt werden, nicht stichhaltig ist. Die Bne-Brith-Logen haben die Situation der Juden in den andern Logen doch auch nicht verschlechtert! Und was die Hauptsache ist: ein jeder, von uns kommt in seinem Berufe fortwährend mit Christen zusammen; zeigen wir da, daß wir Menschen von reiner, vornehmer Gesinnung sind, erringen ivir uns da die Achtung unserer christlichen Mitbürger; — dann dürfen wir ruhig, weil es für unsere Erhaltung notwendig ist, in eigenen Vereinen wirken. H a k a u h e n. Kaiser Friedrich Quelle ■- Ottenbach a. M. —-—— Gegen Gicht und Bhenmatiamns bewährt. Wocheu-Kalenver. (Zeitangaben nach.dem Laach.) Samstag, den 12. Oktober (= 4. Chescbwan): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 10 Min Sabbat-Ausgang in Frunlfurt a M. 6 Uhr 2S Min., in Berlin 6 Uhr — Min. Die Sidra N o a ch erzählt von einem großen elementaren Ereignis, das Gott zur Strafe über ein sündhaftes Menschengeschlecht brachte. (Dieses historische Faktum bringen variiert auch die „Sagen" anderer Völker, jedoch ohne die religiös - sittliche Tendenz wie in unserer heiligen Thora!) Durch eine große Wasserflut, die fast ein Jahr dauerte, werden Menschen und Tiere vertilgt. Nur der fromme Noach mit seiner Fainilie, einer Frau, drei Söhnen und Schwiegertöchtern, blieb am Leben. Er wurde so derzweite Stammvater. des Menschengeschlechtes, indem von ihm die am Ende der Sidra aufgezählten Bölkerfamilien entstammen. Noach baute eine sogen. Arche, ein kastenartiges Schiff von gewaltigen Diinensionen, dreistöckig, mit vielen Kammern, um auch verschiedene Tiere zur Rettung aufnehmen zu können. 120 Jahre wartet Gott auf der Menschen Besserung vergebens. Alsdann kam die alles verschlingende Flut, ein halbes Jahr steigend, ebenso lang fallend. Noach schickt Vögel aus, den Wasserstand zu erkunden. Die Arche bleibt auf deni Berge Ararat stehen. Noach bringt Dankopfer beim Verlassen der Arche. Gott schließt einen Bund mit Noach und dem ganzen Menschengeschlecht. Nie mehr soll eine Wasserflut den Gang der Natur stören. Der Regenbogen als Zeichen des Bundes. Verbot des Mordes und Selbstmordes. Erlaubnis, Tiersleisch zu genießen, jedoch nicht von einem lebenden Tier abgenommen. (Ewer min Hachai.) Bölkertafel der nach-noachidischen Periode. Ein machtstolzes Menschengeschlecht baut den Turm zu Babel zur Selbstverherrlichung: Menschenmacht über Gottcsmacht! Zerstreuung aller ist die Strafe. Es entstehen die verschiedenen Sprachen. (Babel« Verwirrung.) Noach pflanzt einen Weinberg, -berauscht sich und liegt nackt im Zelte. Ham verspottet den Vater und wird verflucht. Sem und Japhet zeigen kindliche Ehrfurcht und werden gesegnet. Zum Schlüsse wird Abrahams Abstammung von Sem .gedacht. In Ur-Kasdim ^geboren als Sohn

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.