Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 38 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 5. Nr. 38. Frankfurter Israelitisches Famllimblatt. sein alter Feind, der Wetterhahn, der sich aber mit < ihm ausgesöhnt zu haben schien — denn er rief nicht i mehr spöttisch: „Dummer Judenjunge", sondern piepte i recht sanft und zutraulich: „Wladimir, Wladimir, : ach, welch feinen Namen wir jetzt führen."- Und dann ging er eilig davon, int stillen sich wundernd, warum denn das Herz ihm so schwer sei und so gewaltig poche, warum ihm das S3Iut so heiss in den Kopf stieg —? Ja, warum? Warum auch mußte er jetzt beschämt seine Augen Niederschlagen,. da doch kein Mensch zugegen war, der ihm etwa Vorwürfe machen könnte? — Nach und nach wurde es ihm aber doch klar — er war jetzt alt genug, um die Gewissensbisse zu verstehen, die ihn peinigten. „Kehre uin, kehre zurück," hörte er eine innere Stimme flüstern; „kehre um zu Deiner Familie, zurück in den Schoß Deines angestammten Glaubens! Fliehe der Stätte, wo Du allein und verlassen dastehest, tvo man Dich, trotz aller Freundlichkeit, doch nur als einen Fremdling und Eindringling betrachtet! Fliehe den Genüssen, die Dir doch immer noch im Halse stecken bleiben, die Du doch nur mit innerer, heimlicher Qual herunterzuwürgen vermagst! Fliehe den Lehren, die nur Deine Lippen nachsprcchen, von denen aber Dein Herz nichts weiß, weit Du doch mit den Glaubenssatzungen Deiner Kindheit innig verwachsen bist, weil sie Dir bereits in Fleisch und Blut übergegangen sind! O, fliehe, fliehe bald einem Leben, das Deine Tage beunruhigt und bei Nacht den Schlaf von Deinen Augen scheucht! Kehre zurück, >vo die Vaterhand Dich leitet, das Mutterange Dich bewacht!" „Nein, ich will nicht!" schrie der Trotz, um die inahnende und warnende Stimme zu übertönen; „ich will nicht! Niininermehr! — Sie haben mich ja verstoßen — sie haben meiner längst vergessen —! Aber, ich will ihnen zeigen, daß auch ich ihrer garnicht mehr bedarf — und wenn sie mich jetzt auch noch so sehr verachten, so sollen sie sich später doch noch vor mir demütigen — ich habe ja das Mittel dazu in Händen — und ich werde mein Ziel ganz gewiß erreichen!" - ' Von jetzt ab lebte er nur noch, für die Schule, Ivo er wahre Wunder des Fleißes und der Aufinerksainkeit vollbrachte. Wie sehr auch seine Mitschüler sich abmühteu, ihm gleich zu kommen, sie blieben doch weit zurück, er überflügelte sie alle und blieb immer der Erste in seiner Klasse. Doch sein Eifer entsprang nicht der Liebe und Begeisterung für die Wissenschaft, sondern aus törichter Rache und Schadenfreude; weil er sich einbildete, daß jedes Körnchen Wissenschaft, das er sich aneigenc, einen Stein für die Mauer bedeute, die er bald ausrichtcn wollte, zwischen sich und der Vergangenheit, mit allein, was sie enthalte. — Absichtlich ließ er sein Herz zu cinenl Bleiklumpen verhärten, damit, wenn er je in Versuchung kommen sollte, die Scheidewand übersteigen zu wollen, dieses Bleigewicht ihn immer und immer wieder zurückziehen wird. — Nein, sie haben sich von ihm losgesagt — darum wollte auch er nichts mehr von ihnen wissen!- Mit Riesenschritten ging er dem Ziele entgegen, das verstockter, eisenharter Eigensinn ihm vorgezeichnet, und endlich gestaltete sich der Erfolg noch weit günstiger, als er je selbst zu hoffen gewagt; er stieg von Stufe zu Stufe, und jede, die er erklommen, diente ihm nur als Schwungbrett, um eine noch höhere zu erreichen. Endlich waren seine Studien beendet, und er wurde zum Richter ernannt, wo er, erschreckt über die gewaltige Höhe, in seinem ehrgeizigen Streben innohielt. Bei allem Wohlwollen und bei aller Freundlichkeit, die man ihm im Kloster erwiesen, hatte es auch an Momenten und Aeußerungen nicht gefehlt, die das bedrückende Gefühl des Ausgestoßenen in ihm wachriefen, und die schwere Zuchtrute der Klosterregeln erinnerte ihn fort und fort an den hergelaufenen „Jndenjungen", um jede freie Regung zu vernichten, um seine Selbständigkeit zu unterbinden, um Gehorsam und Unterwürfigkeit zu erzwingen. Jetzt aber hat er den Gipfel erreicht, jetzt stand er auf der Höhe; Herr seines Willens, von nichts und keinem abhängig, und ein spöttisches Lächeln drängte sich ihm auf die Lippen bei dem Gedanken, daß er die Mönche, trotz ihrer Schlauheit, doch noch überlistet; — denn für seine jetzige hochangesehene Stellung, für seinen Reichtum, der ihm bereits zuzufließen begonnen, für die Fülle der Wissenschaften, die er durchs sie erlangt, hat er ja nur das bischen Kindespflicht geopfert — nur das bischen Väterreligion von sich geworfen — hat er ihnen nur herzlose, scheinheilige Lippengebete gegeben — wer hat da wohl das bessere Tauschgeschäft gemacht? — Aber eigentümlich war es doch, daß er diese Frage sich so oft vorlegen mußte — in stiller, einsamer Nacht und auch im hellen Glanze feiner täglichen, vornehmen Umgebung — ohne aber jemals eine richtige, befriedigende .Antwort zu erhalten. Ost und oft suchte er sich die Armseligkeit seiner Jugend, die Strenge des Vaters, das öde und stumpfe Dasein seiner Altersgenossen wieder in Erinnerung zu rufen, um sein späteres Tun zu rechtfertigen: — doch vergeblich. Immer und immer wieder tauchte die entsetzliche und peinigende Frage auf: „Hast du bei dem Tauschgeschäft wirklich so gut abgeschnitten?" — Eines Tages glaubte er aber doch die richtige Antwort erhalten zu haben. Sie kam zu ihm in Gestalt zweier Männer, unsauber gekleidet, borstenhaarig, durch den Geruch der Armut schon von großer Weite als Chettojuden kenntlich. — Er wußte sofort, daß er jetzt „Josef in Egypten" hätte aufführen können — er erkannte die Männer sogleich: es waren seine älteren Brüder. — „Warum wir geschmuggelt?" jammerten sie bei dem strcugen Verhör, dem er sie unterwarf, „weil unser Vater auf dem Totenbett lag und unsere Mutter darben nmßte; wir hatten nichts im Hause, um seine Schmerzen zu lindern, um ihren Hunger zu stillen. Wir riskierten Leib und Leben, um unsere Kindespslicht zn erfüllen, um unsernr Vater den Toteskampf zu erleichtern, uni unsere Mutter zu sättigen!" (Schluß folgt). Nachklang. „Und womit schließt die Reih' der Festestage? Merkt auf, Ihr Buben, und bedenkt die Frage." Schnell flogen hoch die Finger wie der Wind, Es reckt das Aermchen wohl ein jedes Kind. Und alle Kinderaugen sahen s o ulich an. Als flehten sie: „Nimm doch zuerst mich 'ran." Ich rief den tollsten aller Buben an: „Erzähl'Du mir des Festes Lauf!" „Simchas Tauroh, welch' ein Jubel, Im Gotteshanse, welcher Trubel; Mein kleiner Bruder konimt dann mit. Und nnt der Tora, halt' ich Schritt. Ein buntes Fähnlein ist in meiner Hand, Und auf dem Buch ich auch schon Süßes fand. Denn mns're Dora ist zn End gelesen, Und wir sind immer froh gewesen. Und — heut', da sie beginnt aufs neu Da rufen wir: „Wir halten Dir die Treu." Man sah befriedigt auf den kleinen Mann. Ich aber rief mir einen Knaben 'ran. Der so voll Ernst ins Leben sah hinein. Als wüßt' er's schon, daß, schwer ist, „Jude" sein. „Simchas Tauroh, dies ist ein Fest, Das für uns Knaben ist das best' Da ruft man uns zur Tora hin. Wir, die kaum kennen ihren Sinn, Die nur erst ahnen leis den Wert, Durch den das Volk ist hochgeehrt. Und alle Glocken, die dann klingen, Die rufen uns zn ernsten Dingen. Wir soll'n die Pflicht mit übernehmen. Zu bessern uns'res Volkes Leben." „Halt' ein. Dp bist ein Kind und siehst zu weit Für Dich bringt's Fest nur Freud', kein Leid, Von ganzem Herzen froh zn sein. Das Recht — noch Knabe, ist es Dein." Die Kinder waren längst im Haus, Da zog ich sinnend erst die Lehr' heraus: Daß wohl die höchste Pflicht mag' sein. Wenn man ins Kinderherz pflanzt ein. Die Jugendlust, die sonn'ge Heiterkeit, Die haften bleibt im Menschen allezeit. Sie wird erleichtern auch der Juden Pfad Der ach so dornenvoll und hart. H. L. Woback lWolger, Hof Juwelier, Kaiser str. 1, Frankfurt a. M. Inhaber: V/StllSLVL. Pepton, Juwelen, Golttwapen. Auf Wunsch Auswahlsendungen. > - Kaiser Friedrich Quelle —— Offenbach a. Ä. - Segen Siebt und Rheumatismus bewährt. Wocheu-Salerr-er. (Zeitangaben nach dem Luaeh.) Samstag, den 5. Oktober (= 27. Tiscbri): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 25 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 40 Min., in Berlin 6 Uhr 17 Min. Die dieswöchentliche Sidra ist Bereisches, womit wir wieder am Anfänge des Pentateuch stehen. Inhalt: Die Erschaffung der Welt in sechs Tagen. Der Sabbat am siebten Tage. Adam und Eva im Paradies. Ihre Sünde. Die Vertreibung aus dem Garten Eden. Kajin und Abel. Kajins Sünde als Brudermörder. Seine Bestrafung. Gottes Gnade nach der Reue und Besserung. Die ersten „Künstler" unter den Menschen: der erste Schmied, der erste Harfen- und Flötenspieler, der erste Zettenbewohner und Herdenbesitzer, Aufzählung der Menschengeschlechter bis zu Noahs Geburt. Riescngeschlechter und Götzendiener werden genannt. Im Schacharis Einschaltung voll Jozer, Auphan und Sulas. Inhalt: von der Weltschöpfung. Im Mussaf „Elohechem". Einsegnung des Neumondes Marcheschwan, auch einfach „Cheschwan" geheißen. Fällt auf Dienstag und Mittwoch (8. und 9. Okt.). Stets 2 Tage. Am Dienstag zugleich Tekusoh, d. h. die Quartalswende von Tischri. Donnerstag beginnt man wieder mit dem Tachanungebet. Nach Mincho des Schabbos Bereischis beginnt das Lesen voll Borachi-Nafschi, den ganzen Winter fortgesetzt bis zum Sabbat vor Pesach. Kunst und Literatur. Der Weg znnr Frieden von Albrecht Giersch. Posen 1907. Albrecht Giersch. Eine auf Gerechtigkeit aufgebaute Zukunft der Menschheit, Jerusalem wieder die Hatlptstadt der Juden, das Hebräische die einigende Sprache der Menschheit — das Bestreben, dieses Ziel zu erreichen, ist der Weg zum Frieden und zu diesem Wege ruft der Verfasser alle Nichtjuden zu einem Verbände auf. Handbuch der jüdischen Gemeindeverw a l t u n g (Statistisches Jahrbuch), 1907. 223Seiten (Jk 2.—). Herausgegeben vom Bureau des Deutsch-Israel. Gcmeindebundes, Berlin IV. 35, Steglitzerstr. 85. Der 18. Jahrgang ist wieder zn der früheren so überaus handlichen Forin zurückgckehrt und übertrifft an Exaktität seine Vorgänger. Man muß dem Bureau des Deutsch - Israel. Gemeiudebundes uneingeschränkte Anerkennung für seine Leistung zollen. Schabbos -Schmus. Schnioirzes Berjonz e s von C h a i m I o s s e l. Verlegt nebbich bei Hermann Seemann Nachfolger, Berlin MV. 87. Gedruckt 1907 nach Gozkischer Rechnung in der Roßberg'schen Buchdruckerei, Leipzig. 150 Seiten (Jk 1.—). Zum Unterschiede von dem Autor eines längst erschienenen, dem gleichen Genre Witze dienenden Buches» das wir an dieser Stelle besprochen haben, versteht es der Herausgeber von „Schabbos-Schmus", den sogenannten jüdischen Witz in seiner scharfen, wie ein Blitz wirkenden Pointe wiederzugeben. Hier einige Proben: „Was Jankef, du heiratst de reiche Rosenstiel? Haste doch gesagt, bei Prinzip ist, ohne Geld ze heiraten." „Nu, hob' ich Geld?" — „Wo gehst du hin?" fragt Tulpenthal seinen vorübereilenden Freund, dessen Frau plötzlich krank geworden. — „Ich gehe zum Arzt, mei Frau gefällt mer nischt!" — „Da geh ich mit," sagt Veilchendust» „meine gefällt mer auch nischt." Leider haut der Autor häufig über die Stränge. Der sogenannte jüdische Witz pflegt immer innerhalb gewisser Grenzen, die ihin die Moral und Ehrfurcht vor der Religion zieht, zn bleiben. In dieser Hinsicht vergehen sich die erzählten Witze zum Teil und haben deshalb keinen Anspruch darauf unter der Rubrik „jüdische Witze" zn rangieren. Für die angekündigte weitere Sammlung möchten wir den Antor um sorgfältige Ausscheidung aller Anekdoten und Witze unjüdischer Natur ersuchen. Diskr. Auskünfte! Grosse Deteeüw-Zentnle!!! über Vermögens-. Tfamtttenu. Gesohäftsverhältnisse, Beobachtungen, Ermittelungen an allen Plätzen der Welt. Salzhaus 6, I. Telephon 4351k