Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 38 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Wortes zu machend Die letzten Worte, welche Plchivc Ilrussow vor seiner Abfahrt nach Kischincw sagte, waren: „Handeln Sic, wie Sie es verstehen, die Hauptsache ist nur, daß Sie gute Resultate erziele». Eins aber sage ich Ihnen beim Abschied, bitte weniger Reden und weniger sentimentale Judensreundschast." — Plehwe dachte in ilrussow, wie in dem damaligen Direktor des Polizcidepartements, Lopnchin, typischrussische Beamte mit einer liberalen Färbung zu finden. Plehwe hat sich getäuscht. Fürst Ilrussow ist durch seine kurze Anwesenheit in Kischincw und durch seinen Verkehr unt den Juden ein „Judophil" geworden. Der Fürst erklärt: „Für mich selbst nahm die Judenfrage eine klare Gestalt au, seit der Zeit, als ich diese Frage vom. Standpunkte der moralischen Forderungen und Interessen des russische» Volkes betrachtete. Ich will versuchen, in kurzen Zügen meine Gedanken zu erläutern. Einer meiner nächsten Mitarbeiter in Bessarabien, der älteste Rat der Gouverncmentsverwaltung v. P., ein Mann von gutmütigem Charakter, liebte immer zu erzählen von seiner Gewandtheit, die er im polizeilichen Dienst bekundete. Vor 20 Jahren war ich genötigt, der Hinrichtung eines Inden beizuwohnen. Der Verurteilte hing die nötige Minutenzahl am Galgen und wurde dann heruntergenommeu, als der Arzt den Tod feststelltc. Es erwies sich, daß man vergessen hatte, den langen dichten Bart des Juden abzurasiercn. Infolgedessen hatte die Schlinge nur eine Ohnmacht, nicht aber den Tod verursacht. „Stellen Sie sich, nieine Lage vor," erzählte mir P., als der Arzt mir sagte, das, der Jude (Shid), nach fünf Minuten erwachte. Wie verfahren? Ein zweites Mal ihn anfhängen hielt ich für unbequem, andererseits mußte die Todesstrafe vollstreckt werden. „Was taten Sie?" fragte ich,' und erhielt die mir denkwürdige Antwort: „Ich befahl, ihn schnell zu begraben, ehe er erwachte". — P. gestand, das; er einen Christen nicht lebendig begraben hätte, während ein ähnlicher Fall mit einem Juden ihn nicht in Verlegenheit gesetzt hätte. Er war davon überzeugt, daß er gescheit und geschickt sei. Ein anderer charakteristischer Fall ereignete sich in Moskau. Eine junge Jüdin wollte Kurse besuchen, aber sie mußte die Stadt verlassen, weil sie kein Wohnrecht hatte. In ihrer Verzweiflung griff das junge Mädchen zu einer List und nahm den Schein für das Treiben desjenigen Gewerbes, durch welches junge Jüdinnen das Mohnrecht überall erlangen. Aber das Auge der Polizei wachte: .man imterwarf sie einer medizinischen Begutachtung, welche erwies, baß sie ihr Gewerbe nicht betrieb, und schickte sie dann endgültig nach ihrer Heimat zurück. — Bei diesen beiden Geschehnissen erschütterte mich weniger das Schicksal der Opfer, als jener geistige Prozeß, durch welchen unsere mittleren Beamten sich die Gewohnheit aneignen, für den rechtlosen Juden besondere nwralische Normen zu gcbranchen. Meiner Ansicht nach ist cs nicht sowohl für die Juden, wie für Rußland selbst die Abstumpfung des moralischen Gefühls von Schaden, welche sich bei dem Wollstrecken der Judengesetze ausgebildet hat, und welche unbedingt als Merkmal eines zuverlässigen und treuen Untertanen dient." Fürst Urnssow fragt dann zuletzt: ob die Haltung der russischen -Offiziere und Soldaten während der jüdischen Pogrome der Würde der russischen Armee entspreche? „Ist cs nicht eine Entartung christlichen Geistes, wenn die kirchliche Obrigkeit jene barbarische Predigt des Hasses gegen die Juden nur deswegen auf der Kanzel gestattet, weil die Zivilgewalt die Juden außerhalb des Gesetzes gestellt hat? Deshalb schrecke ich nicht im mindesten vor der Anerkennung der Gleichberechtigung der Juden zurück. Ich sehe darin nur ein Mittel, uns von den demoralisierenden Kampfcsmitteln gegen die Juden zu befreien. Wenn es auch nötig ist, dem jüdischen Einflüsse Widerstand zu leiste», so möge doch dieser Kampf bei einer friedlichen Entwickelung der Kräfte stattfinden. Ich bin überzeugt, daß das russische Volk dabei weder seiner materiellen Güter noch seines geistigen Reichtunis verlustig gehen wird." Richard Wagner und Hermann Levi. Anläßlich des Gedenktages der vor 25 Jahren stattgehabten Erstausführung des „Parsisal" war in der Presse an die durch einen antisemitischen Zwischenfall zeitweise getrübten Beziehungen zwischen dem großen Komponisten und seinem genialen Interpreten erinnert worden. Houston Stewart Chamberlain gibt in seiner Einführung zu den Briefen Richard Wagners folgende Darstellung dieses Zwischenfalls, die wohl im allgemeinen zutreffend sein wird, da sie sich auf Quellenmaterial stützt. Wagner hatte sehr wohl die offenbare Befähigung Levis erkannt und während der Vorbercitungszeit zu seiner lebhaften Freude und Genugtuung wahrgknonunen, wie schnell und tief sich der Künstler mit seinem Werke vertraut gemacht hatte. Bereits während der Proben war dies deutlich .hervorgetretcii. Hatte Wagner,doch früher schon, in langjähriger Korrespondenz mit dem Münchener Generalmusikdirektor, nicht nur dessen Auffassungsfähigkeit, sondern auch seine hohe Intelligenz und Bildung erkannt. Levi war aber nicht nur ein Mann von weitester und tiefster Bildung, sondern, was mehr ist, von hoher Kultur. Und solche Männer kommen ja in Bayreuth vor allem in Betracht. Hier spielten Stwnmesangehörigkeit oder gar „Konfession" gar keine Rolle. Frankfurter Israelitische- FamilkenVlatt. Kurz ehe die Frage des Parsifal-Dirigentcn brennend geworden war, ii» Beginn des Jahres 1881, hatte der Meister auf eine Mitteilung Angela Neniuanus diesem nach Berlin geschrieben: „Der gegenwärtigen „antiseinitischen"-Bewegung stehe ich vollständig fern; ein nächstens in den Bayrenther Blättern erscheinender Aufsatz von mir wird dies in einer Weise bekunden, daß Geistvollen es sogar unmöglich werden dürfte, mich mit jener Bewegung in Beziehung zu bringen." — Nach diesem Grundsätze verfuhr er mich bei Levi, als hier versteckte Böswilligkeit und Hinterlist einen Keil treiben wollte in die schöne Harinonic der Beziehungen. Es hängt dies zusammen mit dem zivcitcn Grunde, weshalb der Meister den Künstler unbedingt als Bayrenther Parsifal-Dirigentcn sehen wollte. König Ludwig der Zweite von Bayern hatte für die „Parsifal"-Anfführungen sein Münchener Hofopernorchester zur Verfügung gestellt. An dessen Spitze stand Hermann Levi. Damit war jeder Zweifel in Betreff der Dirigentenfrage für „Parsisal" beseitigt. Gewisse Dinge intimer Art, Ivie die eingangs erwähnten, wären vielleicht gar nicht erörtert worden zwischen Wagner und Levi, wenn nicht ein anonymer Brief eine Diskussion hcrvorgerufen hätte. Levi selbst berichtet darüber, er sei von Mitte Juni 1881 an Gast des Hauses Wahnfried gewesen. Eines Tages habe ihn Wagner gebeten, einen anonymen Brief zu lesen, den er soeben erhalten habe. In diesem Briefe sollen nach Levis Ausdruck sein Charakter und seine Beziehungen zu Wahnfried in der schmählichsten Weise verdächtigt worden sein; Wagner sei darin bcschlroren worden, „sein Werk rein zu erhalten, cs nicht von einem Juden dirigieren zu lassen" usw. Natürlich war der Künstler darüber aufs tiefste betroffen und fragte den Meister, warum er ihm den Brief überhaupt zu lesen gegeben habe. „Das will ich Ihnen sagen," habe Wagner geantwortet, „Hütte ich den Brief niemandem gezeigt, ihn vernichtet, so wäre vielleicht etwas von seinem Inhalt in mir haften geblieben; so aber kann ich Sie versichern, daß auch nicht die leiseste Erinnerung an ihn mir bleiben wird." Nach einer bei Levi nickst mehr ganz deutlichen Erinnerung soll Wagner sogar von einer Ohrfeige gesprochen haben, die dem anonymen Briefschreiber von ihm zugedacht sei. Trotz dieser deuttich ausgesprochenen Genugtuung für Levi hielt es dieser doch.für besser, an jenem Tage gleich nach' Tisch seine Sachen zu packen und, ohne sich zu verabschieden, abzureisen. Er glaubte wohl, Wagner werde in der Folge durch die Wahl seiner Persönlichkeit zum Dirigenten noch allerlei unberechenbaren Aerger haben. Von Bamberg schrieb er dem Meister einen ausführliche» Pries, der in der Bitte gipfelte, ihn der Direktion des „Parsisal" zu entheben. Hier nun gab Wagner zwei noch deutlichere Beweise seiner Wertschätzung für Levi und seines unbedingten Willens, ihn nun gerade und trotz alledem als Dirigenten des Weihefestspicls zu erhalten. Er depeschierte zunächst: „Freund, Sie sind auf das ernstlichste ersucht, schnell zu uns zurückzukehren; es ist die Hauptsache schön in sichere Ordnung zu bringen." Levi bat darauf nochmals dringend, ihn zu entlassen, und erst der nachfolgende Brief deranlaßte ihn, zurückzukehrc». Dieser Brief kantet: „Liebster, bester Freund! Alle Ihre Empfindungen in Ehren, so machen Sie doch sich und uns nichts leicht! Gerade daß Sie so düster in sich blicken, ist es, was uns im Verkehr mit Ihnen etwa beklemmen könnte! Wir sind ganz einstimmig, aller Welt diese Sch ... zu erzählen, und hstzu gehört, das; Sie rncht einfach von uns fortlaufen und folgends Unsinn vermuten lassen. Um Gottes willen, kehren Sie sogleich um und lernen Sie uns endlich ordentlich kennen! Verlieren Sie nichts von Ihrem Glauben, aber gewinnen Sie auch einen starken Mut dazu! Vielleicht — gibt's eine große Wendung für Ihr Leben — für alle Fälle aber — sind Sie mein „Parsifall"-Dirigent! Nun herauf, herauf! Ihr R. W." Es ist begreiflich, daß Levi dieser Bitte nicht widerstehen konnte. Levi errang mit der wahrhaft genialen Leitung des Orchesters einen Weltruf als prädestinierter „Parsisal"-Dirigent. Er schuf in musikalischer Hinsicht die sogenannte Parsifaltradition für Bayreuth, die so lange Jahre bestanden hat und heute noch besteht. _ Ein jüdischer Selfmadema u. Die Nachricht, daß in Chicago Morris, der Besitzer einer der größten Schlächtereien, mit Hinterlassung eines Vermögens von 40 Millionen Dollars verstorben ist, ruft die Schilderung ins Gedächtnis, die der jetzige Staatssekretär des Rcichskolonialamtes Dernburg von seinem Zusammentreffen mit dieser originellen Persönlichkeit gegeben 'hat. Dernburg erzählte: „Als junger Bankkommis besuchte ich von New- Pork aus die industriellen Betriebe in Chicago und erhielt auch 'Zutritt zu der Großschlächterei von Morris. Ich hatte eine Empfehlung von Henry Billard mitgebracht, das war jedenfalls die Veranlassung, daß der große Mann einem unbedeutenden jungen Menschen sein riesiges Etablissement selbst vorwies. Nr. 38 Nach der Art von Selfmademan lenkte Morris die Rede alsbald auf seine eigenen Erlebnisse. Morris war damals, Ausgang der achtziger Jahre, ein kräftiger, untersetzter Mann mit klugen und jovialen Zügen. Er stainmte, wie er erzählte, ans Hechingen oder einem Orte in der Nähe davon; auch verriet seine Sprache noch deutlich seine Herkunft; es war eine Mischung von gntenr Schwäbisch und Nankeedentsch. Trotz ' seines langen Aufenthaltes in Amerika schien die ganze Figur wie aus einer Anerbachschen Dorfgeschichte ausgeschnitten, jedenfalls wäre sie ein unvergleichlicher Vorwurf für den schwäbischen Sittenschilderer gewesen. Sein Familienname, den er in Morris vmgeändert hatte, war Moses gewesen. Er erzählte, wie er ganz mittellos in Newyork an das Land gestiegen sei — nach jetzigen Grundsätzen hätte ihn die Einwanderungskommission nicht an das Land kommen lassen. Nach vergeblichen Versuchen, in Newyork in seinem Geschäft als gekernter Schlächtergeselle Arbeit 'zu bekommen, begab sich Morris auf die Wanderung in das Innere. Eine Eisenbahn nach Chicago gab cs damals noch nicht. Morris verdingte sich auf ein Schiff, 'das den Hudson hinaussuhr, und kam so zuerst nach Buffalo und dann über die Seen nach Chicago. Chicago war damals noch ziemlich/unbedeutend, begann aber sich zu regen. Mit dieser Riesenstadt ist dann auch Morris in die Höhe, gewachsen. Er wußte den Betrieb der Viehzucht in großen Herden mit der Schlächterei zu verbinden, und hat auf diesem Weg sei» ungeheures Vermögen erworben. Mit Wohlgefallen erzählte er von den riesigen Farmen, die er in verschiedenen Teilen der Union, namentlich auch in Texas besaß, von wo regelmäßige Viehzügc bei ihm einlaugten. Bei dem Gegensatz seiner ersten Armut und seines jetzigen Besitzes verweilte pr besonders gern. Auch auf seine Stellung als freier amerikanischer Bürger sah er mit Stolz. Nichtsdestoweniger fühlte er sich durch den Besuch eines deutschen Prinzen, den er vor einigeil Tagen erhalten hatte, nicht wenig geehrt. Er zeigte mir den Platz ans der Gallerie im Schlachtraun,, wo der Prinz gestanden hatte. „Da stell'» Se sich awer net hin, sunst gehts Ihne gerade wie dem Prinz." Der Prinz war nämlich trotz seiner Warnung zu weit vorgetreten; mit einem Male spritzte der Blutstrom aus 'dem durchschnittenen Hals über den blendend weißen Anzug des Prinzen. Seinen alten Vater hätte er gern herüberkomnien lassen, dieser aber wollte die Heimat nicht verlassen. Er war gleichfalls Schlächter mit einem dorsmäßigen Betrieb. Als Morris' Geschäft in Schwung gekommen war, schrieb er im Triumph nach Hause, daß ers jetzt schon wöchentlich 1800 Rüster schlachte. Von dieser Nachricht erwartete er eine zündende Wirkung in seiner Heimat. Im Gegenteil aber erhielt er von seinem Vater einen Jammerbrief. Immer müsse er an die 1800 Rinder denken, das wäre ja der sichere Ruin, so viel könne man unmöglich verkaufen, oder wäre der arme Sohn vielleicht rappelig im Kopf geworden? Schließlich schlachtete Morris säst die gleiche Zahl pro Tag." T o l st o i über die A s s i m i l a t i o n s j u d e n. Tolstoi äußerte sich jüngst einem Journalisten, Gorodctzki, gegenüber, wie folgt: „Ich liebe jene Juden nicht, die sich bemühen, der Welt zu beweisen, daß sie keine Juden sind. Denil erstens glaube ich ihnen nicht, und zweitens kann ich sie deshalb nicht leiden, weil sie das ablengnen, was ihnen nahe und teuer sein sollte." Kunst und Literatur. M. P o p p e l a n e r' s Jüdischer P o r t e m o n - uaic -Kalender für das Jahr 5668. 20 Pfennig. M. Poppclauer, Berlin 6., Neiie Friedrichstraße 59. Das sich in dauerhaftem Umschlag nett repräsentierende Kalcnderchen ist sehr praktisch. Besonders hervorzuhcben ist, daß die Sabbat-Ausgang- Zeiten nicht nur für Berlin, sondern auch für Frankfurt angegebeu sind. Aus Israels Lehryalleu. Kleine Midraschim zur späteren legendarischen Literatur des Alten Testaments zum ersten Male übersetzt von A u g. W ü n s ch e. 1. Band, 188 Seiten, JL 4,80. 2. Band (1. Hälfte) JL 2,—. Leipzig, Eduard Pfeiffer. Die meisten der von Wünsche hier übersetzte» Midraschim sind in der von Jellinek herausgegebenen Sammlung „Bet ha-Midrasch" enthalten. Es sind das Midraschim, deren Abfassung erst in das spätere Mittelalter fällt. Wünsche schreibt darüber: „Vom volkskundlichen Standpunkte sollten die kleinen Midraschim schon insofern gebührende Würdigung erfahren, als ein gutes Stück Volksseele in diesen Erzeugnissen der jüdischen Literatur liegt. Tiefe Wehmut und starke Zuversicht spticht sich in ihnen aus. Die Devise aber ist immer: Mag die Gegenwart noch so düster und traurig sein, Gott verläßt die Seinen nicht, das Ende wird für alle Leiden und Qualen Entschädigung bieten. Aber auch von: dichterischen Gesichtspunkte verdienen die kleinen Midraschim Beachtung. Während unter den Händen moderner Dichter die biblischen