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Neue jüdische Presse · 1907-10-04 · Heft 38 (4.10.1907) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 38 (4.10.1907)
Date
1907-10-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage M Nr. 38 des Frankfurter Israelitischen FaumiMatles. Inhalt -er Beilage: Prolog. — Sprechsaal. — Bunte Chronik. — Kunst und Literatur. — BereinS-Kalender. — „Jüdische Jugend." Prolog z n r F e i er des 2 5 j ä h r i g e n I u b i l ä u m s eines isr. Frauenvereins. Ueber Wolken stand im Glanze Gott der Einzige und Eine, Rings umgaben ihn die Engel, Niederknieend vor dem Schöpfer Und sein hehres Wort erlauschend. — Und sie bebten vor der Allmacht, Deren Wort das Weltall lenket — Und in heiligen Schauern tönet Tönet laut ihr dreimal heilig. — Gottes Stimme ließ ersterben Jeden Laut auf Engelslippen. — * Andachtsvolles Schweigen herrschte Und die Gottheit also kündet! Hab' die Erde neu geschaffen, Alles zieht nach strengen Regeln Seine Bahnen unverrückbar. — Doch — wie ich den Menschen leite, Daß als Meisterwerk der Schöpfung Er mein weites Weltall kröne — Das sollt — Engel — Ihr mir künden. * Nahet sich der Rache Engel, Beugt das Knie vor Gottes Thron, Seine Lippen glühend flüstern: „Hättest nicht erschaffen sollen Dieses elend-bös Gezüchte, Das den Neid und Haß und Rache In dein schönes Weltall pflanzet. Treffe sie mit deiner Rache Und wo einer sich verfehlet. Laß ihn fühlen deine Allmacht, Strafe ihn mit deinem Blitze, Und laß sterbend ihn vergehen." — Wehmut sank auf Gottes Antlitz — Hieß den Engel sich entfernen. Und ein Blick voll tiefer Trauer Traf ihn noch, den Racheengel. * „Deinen Rat nun eilends künde," Sprach die Gottheit zu dem Engel, Dessen Stirne glanzumflossen Trug das Wort: Gerechtigkeit. — — Niederkniet der Götterbote Zaghaft vor dem Weltenkönig: „In Gerechtigkeit regiere. Teurer Vater du, die Menschen, Gib den Lohn dem Guten, Braven, Und den Bösen magst du strafen. Daß er deine Hand verspüre Und zum Guten sich noch rette. Schenk ihm nichts, dem Menschenkinde, Nur Gerechtigkeit regiere, Und der. Sünde folg' die Strafe, . Wie der guten Tat der Lohn." — * Beifall flüstern alle Engel, Die den Gottesthron umdrängten — Von der Stelle sich erhebend Wollten lautlos sich entfernen, . Wähnend, daß die Gottheit nunmehr Keines . Rates mehr begehre. * Wagte schüchtern sanft sich regend Noch ein Engel sich zum Worte, Stürzte nieder vor der Allmacht, Tränen in dem zarten Auge: „Gott, o Gott der Weltengeister, Nimni in Gnaden meine Worte, Laß Erhörung du mich finden. — Nicht in Rache — sie ertötet — Magst den Menschen je du richten. Nicht Gerechtigkeit — — sie drücket Schwer darnieder, wen sie trifft — Soll allein den Arm dir leiten. — Nimni die Liebe, Gott, sie lenke. Sie allein, den schwachen Menschen, Nur wo Lieb' sich edel paaret Mit Gerechtigkeit — da bleibet Gottes Werk von steter Dauer." — — Also sprach der Liebe Engel. * Und die hehre Gottheit neigte Sich voni goldnen Flügclthrone, Küßt den Engel auf die Stirne, Und erhob ihn aus dem Staube, Setzte ihn zu seiner Rechten, Wo er weilet — ewig — ewig. — * So berichtet uns die Sage. Und seit jener grauen Vorzeit Hat bei allem, was uns heilig, Liebe uns den Fuß geleitet, Liebe im Familienbande, Liebe iin Gemeindewesen Und ini Mitleid mit den Armen. — — — Manneskraft, das Gute wollend, Wirkt und webet oftmals herbe. Kann recht männlich Wunden schlagen, Kann Gesetzen Kraft verleihen. Wirkt und schafft im Kampf des Lebens, Rücksichtslos nach vorwärts strebend, Hilft des Hauses Wohlstand bauen, Ordnung haltend in dem Staate, Und der Starke der bleibt Sieger, Schwache bleiben auf der Strecke. — Das ist Mannesart im Leben. * Fraucnart hilft Tränen trocknen, Die das Leben rauh erpresset, Frauenart läßt Wunden hellen, Die des Mannes Kraft geschlagen, Und hilft stärken Müde, Schwache, Die des Lebens Bürde drücket. So gleicht der Mann. in seinem Drange Dem Walten der Gerechtigkeit. — Und der Schöpfung Ziel vollendet Die schwache Frau — der Liebe Engel. — * Dieser Liebe Raum zu geben Und von Edelsinn erfüllet. Gründete ein Bund von Frauen Heut vor 25 Jahren, Liebe spendend, Unglück heilend. Kranken helfend, Trauern tröstend. Unseren Verein der Frauen. Gottes Hand hat uns beschützet. Gab mls Kraft im Guten wirkend, Drum im Jubel und im Danke Feiern wir den Ehrentag, Unseres Bundes Jubiläum. — * Bleibe doch, o Gnade Gottes, Schirmend über unserem Bunde, Laß in Lieb' uns vor dir wandeln. Laß uns pflegen, laß uns wahren, — Als ein Vorbild unseren Kindern — Laß unä schützen, laß uns hegen, Dir und uns zum hohen Segen, Den hehrsten, reinsten aller Triebe, Die goldne, goldne Menschenliebe. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Sehr geehrter Herr Redakteur! In der letzten Nummer Ihres gesch. Blattes berichten Sie, daß sich hier ein Komitee gebildet hat, um die Gründung eines jüdischen Turnvereins in die Wege zu leiten; auch in anderen deutschen Großstädten beständen bereits jüdische Turnvereine, die sich für jüdische Interessen sehr förderlich erwiesen hätten. Ich möchte mit diesen Zeilen von der Gründung eines jüdischen Turnvereins entschieden abraten und die Herren, die sich demselben anzuschließen beabsichtigen, bitten, es nicht zu tun. Es liegt nicht nur keine Veranlassung vor, den bestehenden deutschen Turn-Vereinen fernzublerben, unsere Ehre verlangt es sogar, in denselben zu verbleiben, rcsp. ihnen beizutreten. Alls vor einiger Zeit die antisemitischen österreichischen Turnvereine bei den deutschen den Antrag stellten, Juden ans den Turnvereinen auszuschließen, wiesen letztere dieses Unsinnen mit großer Majorität zurück, sodaß eine Spaltung eintrat und heute den 15 000 antisemitischen Turnern die „Deutsche Turnerschaft" mit 800000 Mitgliedern gegenübersteht. Wäre es nicht geradezu eine Undankbarkeit, jetzt aus der „Deutschen Turnerschaft" auszutreten und jüdische Turnvereine zu gründen? Und nun gar in Frankfurt! Der Antisemitismus, von dem der Einsender spricht, muß aber sehr latent sein.. Ich selbst gehöre einem Turnverein an, der unter seinen 100 Mitgliedern 3 Juden zählt, und von diesen Dreien — sitzt einer seit vielen Jahren im Vorstände, gewiß kein Zeichen von Antisemitismus. Ebenso sind mir die Leiter der anderen hiesigen Turnvereine bekannt, die alle judenfteundlich sind und keinen Antisemitisnius unter den Teilnehmern dulden. Daß jüdische Turnvereine jüdische Interessen fördern,, ist eine doch gar zu lächerliche Phrase. Weit eher kann das Judentum zu Ehren gelangen, wenn wir Juden uns unter Andersgläubigen durch Pflichterfüllung und Bescheidenheit auszeichnen. Ein orthod. Kind, das eine christliche Schule besucht, am Samstag nicht schreibt, an dem Essen bei gemeinschaftlichen Ausflügen nicht teilnimmt, sondern bescheiden seine mitgenommenen Speisen verzehrt, wird dem Judentum inehr nutzen, als eine ganze Schule mit jüdischen Kindern, in der der Geist desAlbfalls herrscht. Hochachtungsvoll A l b e r t H i r s ch b e r g, Lehrer. Warnung! Derselbe Schwindler, der im vorigen Winter in Westfalen und in Schlesien in meinem Namen verschiedene Literaturvereine und einzelne Herren telephonisch um Geldbeträge für angebliche Unterstützungszwecke angerufen, setzt gegenwärtig hier und in anderen Städten dieses Treiben fort. Derselbe nennt sich auch gelegentlich Franz Graetz. Ich warne hiermit noch einmal nachdrücklichst vor diesem Schwindler und bitte dringend, denselben vorkommenden Falles festhalten zu lassen. Berlin, 15. Spetember. Dr. Gustav Karpeles. Bunte Chronik. Die Memoiren des Fürsten Urnssow. Der frühere Gouverneur, der sich, wie erinnerlich, in der zweiten Duma nicht gescheut hat, die geheimen Berbindungsfäden zwischen der schwarzen „Hundert" und den einflußreichen Regierungskreisen und die aktive Mitschuld der Regierung an den blutigen Pogroms von Kischinew schonungslos aufzudecken, hat jetzt Erinnerungen aus seiner Gouverneurzeit herausgegeben, die das Jntriguenspiel der leitenden Kreise grell beleuchten. Nach dem Pogrome von Kischinew erdachte Plehwe ein geschicktes Mittel, um sich vor Europa reinznwaschen: Er ernannte Urussow, der von jeher als biederer und ehrlicher Charakter galt, zum Gouverneur von Kischinew. ■. Plehwe hoffte, aus diesem wahrheitsliebenden Edelmann, der bei dem Antritt seiner Amtstätigkeit, wie Urnssow selbst gesteht, über die Judenfrage wenig unterrichtet war, mit der Zeit einen russisch-tüchtigen Beamten im vollsten Sinne des

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