Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 37 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zvNr. 37 des Frankfurter ZjmelWeu Familienblattes. Inhalt -er Beilage: Artikel: Aussichten die nicht erwünscht sind. — AuL den Vereinen. — Aus der zionist- Bewegung. — Letzte Berichte. — „Iüd- I u g e n d." Aussichten, die nicht erwünscht sind. Das neue Jahr 5668 jüdischer Zeitrechnung verspricht die Zahl der vorhandenen Judenfr.igen um mindestens zwei oder drei neue zu bereichern: der russischen, amerikanischen und abessynischen (Falascha) die marokkanische, y e m e n i s ch c und eventuell makedonische Indenfr a g e hinzuzusetzen. Die merkwürdige Lage der Juden in allen Weltteilen zwingt den Beobachter, so mangelhast ausgerüstet er sich für derartige Hochtouren auch fühlen mag, in die Region der hohen Politik hinauf. Das schwierigste Problem, dessen Lösung dieselbe seit einem Jahrhundert vergeblich beschäftigt hat: die orientalische Frage, sieht ihrer definitiven Lösung entgegen. Die Weltmacht, welche seit der französischen Revolution die Führerrolle übernommen hatte, England, dessen Stern während des Burenkrieges einen Augenblick im Erbleichen schien, hat seine dominierende Stellung durch die Ohnmacht Rußlands und die ostasiatische und romanische Allianz siegreich behauptet. Den Gruß, den unser Kaiser im Saale Sultan Saladins an 300 Millionen Moslims im Namen Deutschlands entboten hat, beantwortet England als erste islamitische Vormacht in Indien, Aegypten und Südafrika oder läßt ihn beantworten durch die französischen Kanonen in Marokko. Sofort taucht die m a r o k k a n i s ch e Judenfrage auf. Tausende Juden flüchten vor den fanatischen Kabylen, die den heiligen Krieg gegen alle Andersgläubigen proklamieren! Wohin? In Gibraltar herrscht die Alienbill, auf den üalcarischen Inseln der uralte, unausrottbare Judenhaß. In Fez und den Hafenstädten verbarrikadieren sich die Juden in ihren Ghettis (Mellahs). Marokko hat etwa 150000 Juden. Davon sind ein Drittel sogenannte Ureinwohner im Atlas, kriegerisch, seit undenklichen Zeiten an Kämpfe mit den Nachbarstämmen gewöhnt, nur zwei Drittel Nachkonimen der spanischen Kulanten von 1492, stolz auf ihren uralten Familienadel und von allen europäischen Reisenden als geistige und physische Elite der Judenheit geschildert. Zu dieser Judenfrage ain äußersten West ende des schwarzen Kontinents gesellt sich in dem vom äußersten Osten nur durch den schnialen Streifen des Roten Meeres getrennt, die Iemenische Judenfrage. Diese älteste Judenkolonie der Diaspora, deren Tradition bis in die Zeiten des Davidischen Königshauses hinaufreichend, durch Sitten- und Spracheigentümlichkeiten, wie sie Jbn Sapir anschaulich geschildert und Glaser mit anderen Arabienfvrschern als wahrheitsgetreu bestätigt — Beachtung verdient, steht seit Jahrtausenden unter einem Drucke des arabischen Fanatismus, dessen Unerträglichkeit die des marokkanischen Exils womöglich noch übertrifft. Ihr einziges und sehr beschränktes Asyl ist das englische Aden und ihr Schutz im Innern'die Herrschaft des Sultans über die Araberkönige. Die Eroberung Aegyptens, welche das englisch-französische Uebereinkommen zu einer dauernden gemacht hat, wofür Frankreich durch Marokko kompensiert werden soll, hat durch die bedrohlichen panislamitischen Bestrebungen England veranlaßt, seine frühere türkenfreundliche Politik zu verlassen und die Auflösung der Türkei auf sein Programm zu setzen. Der Suezkanal, diese Hauptlebensader des englischen Handels, der Milliarden gekostet hat, ist durch zwei Verkehrsadern bedroht, erstens durch die geplante Bagdadbahn, zweitens durch die zum Erstaunen aller Welt von der lethargischen Türkei gebaute Mekkapilgerbahn.. Gegen die erstere hat sich England durch die rücksichtslose Besetzung der türkisch-arabischen Insel Kairam an der Mündung des Euphrat in dem persischen Meerbusen gedeckt, gegen die zweite durch die Besetzung von Akabah, des alten Hafens Eziongeber, am Ostarm des Roten Meeres, das England als zu Aegypten gehörig unter Einwendung brüsker Gewalt für sich reklamiert und besetzt hat, so daß beiden Bahnen der Zutritt zum Stillen Ozean nur über englisches Gebiet möglich ist. Damit zusammen fällt der Ausstand der arabischen Fürsten in Jemen gegen die türkische Herrschaft, der mit Vertreibung derselben aus Mekka und Medina zu enden droht, nachdem die Türken bisher nur Niederlage auf Niederlage erlitten haben Wenn das -Notgeschrei der Juden Jemens bisher noch wenig an die Ohren ihrer Stammesbrüder gedrungen ist, so liegt das an den fehlenden Kommunikationen mit diesen: entlegenen Wcltwinkel. Als Merkwürdigkeit muß erwähnt werden, daß die Mekkabahn ihre Entstehung angeblich ebenfalls einer ganz eigentümlichen Judenfrage verdankt. In der syrisch-arabischen großen Wüste, welche die Mekkapilger durchqueren müssen, haust nämlich der im ersten Briefe Maimonidis (Jgrot Rambam) erwähnte jüdische Stamm Beni-Mussa, welcher die Karawanen brandschatzt. Die Türkei zahlt demselben eine Abfindungssumme von 5000 Theresientaler jährlich. Da sie aber gewohnheitshalber drei Jahresraten schuldig blieb, so nahmen die Mosessöhne eine Karawane gefangen, und zwei Bataillone, welche von Damaskus um Ostern vorigen Jahres ansgesandt wurden, niußten mit blutigen Köpfen heimkehren. DarauMu entschloß sich die Türkei angeblich zum Bau der Mekkabahn. Diesem Bericht, der s. Zt. die Runde durch europäische Zeitungen machte, steht ein Reisebericht der „Neuen Freien Presse" aus dem Jahre 1882 zur Seite, worin der Arabienforscher Prof. Löwenstein diese Juden schildert, ihren Fürsten Saltiel, der damals 45 Jahre alt war und in einem unzugänglichen Felsenneste, genannt Schobakh (Taubenschlag) residierte. Last not least für England ist das Balkanproblem und für uns die damit zusammenhängende macedonischeJudenfrage. Nachdem Rußlands Aspirationen auf Konstantinopel endgiltig lahmgelegt sind, fürchtet die Türkei nicht ohne Grund, daß England diesen wichtigsten Knotenpunkt zwischen Europa und Asien ächeval des Suezkanals besetzen will, als dominierenden Punkt der Verbindungslinie Berlin-Bagdad-Bombay. Selbstverständlich ist die Triebfeder aller dieser Pläne die Moral, die Mutter aller Politik und des allgemeinen Weltfriedensideal- Geld spielt keine Rolle. Oesterreich und Italien, die alten Todfeinde, liegen sich seit der Zusammenkunft in Desto so liebevoll in den Armen, daß das alte Sprüchwort vuobus licitantibus tertius gaudet (Wenn sich zwei zanken, freut sich der Dritte) verwandelt werden muß in vuobus amantibus tertius timet. Wenn sich zwei solche Todfeinde so lieb bekommen, dann zittert der Dritte, noch dazu wenn er sich erinnert, daß Oesterreich, um das Mandat zur Besetzung Bosniens zu erlangen, Italien Albanien angeboten hatte. Die harte Nuß wurde nicht angenommen, weil Italien Erythrea in Afrika im Auge hatte. Nach seinem dortigen Fiasko scheint es heute weniger spröde zu sein. Dafür soll Oesterreich sich bis zum aegäischen Meere vorschieben und seine alte Liebe Salonichi in die Arme schließen. Damit wäre die Besieiung der interessanten Nationalitäten der Balkanchristen vom türkischen Joche vollendet, das bisher die verschiedenen Bekenntnisse an ausgedehnterem Nasen-, Ohren- und Brüsteabschneiden behindert hat. Wenn man sich nun der Greueltaten erinnert, welche die befreiten Bulgaren unter den Augen des Zarbefreiers an den Juden begangen haben, so kann man nur mit Zittern daran denken, was derselben harrt, wenn diese Furien die Arme frei bekommen sollten. Die Aussichten auf Chewle Moschiach sind also für das neue Jahr nicht dürftig. Die einzige Hoffnung: Es schlummert nicht und schläft nicht der Hütqr Israels! Aus den Vereine«. Frankfurt a. M. Der hiesige Dikknr Cholim- Verein (Verein zur Pflege und Unterstützung israelitischer Kranker, xingetr. Verein, gegründet von Dr, Marens Hirsch s. A.) hat sich gezwungen gesehen, einen außergewöhnlichen kurzen Aufruf um Zuwendung von Gaben zu versenden. Infolge des dnrck die Ereignisse im Osten furchtbar gewachsenen Andranges armer Kranker mußte der Verein bis Ende August (also in 8 Monaten) schon über Jf. 10000 für die allcrdringendsten Fälle verausgaben. So geht die Verwaltung des Vereins dem Winter und seinen naturgeniäß noch viel größeren Anforderungen mit Betriebsmitteln für jetzt nur noch ca. 5 Wochen entgegen, wenn ihr nicht noch rasch durch außerordentliche Gaben reichliche Hülfe zu Teil wird. — Das.dieser Verein, der durch seine überaus segensvolle Wirksamkeit sich die allgemeinen und reichlich wohlverdienten Sympathieen erworben hat, diese Unterstützung finden möge, wünschen wir von Herzen und hoffe» es zuversichtlich. In seiner Tätigkeit macht in fortwährend steigendem Maße die Verköstigung armer kranker Glaubensgenossen, welche wegen Ueberfüllung der jüdischen Spitäler oder aus sonstigen Ursachen in die städtischen Krankenhäuser verbracht werden müssen, einen sehr großen Ausgabeposten aus. Diese Gelegenheit soll gerne dazu benützt werden, rühmend und dankend hervorzuheben, welches freundliche Entgegenkommen er gerade bei Ausübung dieses so sehr großen Cemitus Chesed bei den Verwaltungsorganen und den Herren Aerzten der städtischen Spitäler findet. Als warme Freunde des Vereins möchten wir diesen Bericht nicht schließen, ohne uns eine Anregung, die uns wichtig erscheint, zu erlauben: Würde es nicht vielleicht die Bereinszwecke noch besser fördern, wenn anstatt eines solchen Aufrufs um Gaben eine Bitte cur unsere jungen Männer, an unsere Jungfrauen und Jünglinge, versandt würde, in einem Propaganda-Komitee dem allverehrten, ehrwürdigen, aber bis zum Nachteile seiner Allen teuren Gesundheit überlasteten Herrn Hermann Lehmann zu Hülse zu eilen, um dem Verein die so notwendigen Mittel zu verschaffen? Oder, wie wäre es, wenn wackere Leute einen solchen Aufrrrf gar nicht abwarten und aus eigener Initiative derartiges unternehmen würden? Eine bessere Gelegenheit, sich großen S'chus zu erwerben, läßt sich sicherrlich nicht so leicht wieder finden! —o.— Frankfurt a. M. Um die Gründung eines jüdischen Turnvereins in die Wege zu leiten, hat sich ein Komitee gebildet. Die jüdischen Turnvereine, die bereits in einer Reihe deutscher Großstädte bestehen und florieren, haben sich sür die Hebung des Solidaritütsgefühls und des jüdischen Interesse überaus förderlich erwiesen. Hierzu kommt, daß viele jüdische Herren bei dem wenn auch nicht immer offenen, so doch latent verbreiteten Antisemitismus sich nicht entschließen können, einem allgemeinen Turnverein berzutrcten und so verhindert werden, sich körperlich auszubilden. Herren, die sich dem Turnverein an* zuschließen bend sichte gen, werden gebeten, ihre Adresse schnellstens der Geschäftsstelle des Franks. Israel. Familienblattes einzusenden. Berlin. Israelitischer Fortbrldungsverein „Montefiore" (Vorsitzender: Edmund Lewy, Auguststr. 84). Das herannahende Winterhalbjahr, das wie stets zahlreiche jüdische junge Leute nach Berlin zieht, bietet eine dankenswerte Gelegenheit, von neuem ans den israelitischen Fortbildungsverein „Montefrore" und auf seine Bestrebungen hinznweisen. Seit mehr als 20 Fahren ist der Verein bestrebt, der jüdischen Jugend Berlin'» einen Mittelpunkt und ein Heim zu bieten. Und wiederum hat er nach dieser Richtung einen bedeutsamen Schritt vorwärts getan! Die bedeutend vergrößerten, aus einem Vortragssaal und zwei geräumigen Bibliotheks- und Lesezimmern bestehenden neuen Bereinsräume werden am 10. Oktober im Hause Gipsstr. 12 a eröffnet. Damit hat der Vereist eines seiner vornehmsten Ziele, seinen Mitgliedern ein in jeder Beziehung gemütliches Heim zum Lernen und für die Geselligkeit zu bieten, erreicht. Die bedeutendsten jüdischen Gelehrten Berlin's haben, sich dem Verein in hochheiligster Weise für seine Sehinrim zur Verfügung gestellt. Und so war es denn möglich, den Lehrplan für das Wintersemester bedeutend zu erweitern und einem jeden, der lernen will, Gelegenheit zu bieten, sein Wissen aus jedem Gebiet des jüdischen Schrifttums zu ergänzen und zu vertiefen. Durch die neue Einrichtung eines wöchentlichen Vereinsabends und dadurch, daß die Vereinsräume jeden Abend in der Woche und am Sabbat den ganzen Tag geöffnet sind, erhält die Geselligkeit und der Zusammenschluß unter den Mitgliedern die weitgehendste Förderung. Einem jeden alleinstehenden jungen Mann wird hier ein denkbarst guter Ersatz des heimatlichen Hauses geboten. ' Berlin. Im verflossenen Semester veranstaltete die hiesige Vereinigung jüdischer Akademiker, deren Aufgabe es ist, den Zusammenschluß der gefetzestreiien Akademiker zu fördern, außer