Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 36 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage p Nr. 36 des Frankfurter Israelitischen Familienblaltes. Inhalt der Beilage : Artikel: Mrsorgeheim deS Jüdischen Frauenbundes in NeuHsenburg bei Frankfurt a. Di. — Feuilleton: Am Tage der Erinnerung. — Sprechsaal. — „Jüdisch e Jugend". Fürsorgeheim des Jüdische» Frauenbundes in Reu-Usenburg bei Franlfurt a. M. Eine edle Krau: Krau Luise Golds ch m i d t geb. Portheim, Frankfurt a. M. hat jüdischen Frauen für jüdische Frauen, und Mädchen dieses Hans zu Eigen gegeben, doppelt rühmenswert in einer Zeit, in der wohl unsere Frauen stets eine offene Hand haben, um Institutionen zu fördern, die den Unseligen äs jure oder äs lacto verschlossen sind. Es ist von unendlicher Tragweite für den jüdischen Frauenbund, daß ihm gleich am Anfang seines Bestehens ein solches Arbeitsgebiet erwächst wie hier in dem neuen Fürsorgeheim für gefährdete jüdische Mädchen. Wie inan eine Frucht einer Freundin reicht, so voller Anmut, so voller Schönheit, so leicht, so nicht den Dank begehrend, hat Frau Luise Goldschmidt dieses Doppelhaus dem Bunde durch seine erste Vorsitzende überwiesen. Das Gebäude ist von einer Mauer eingefasst, hat Vor- und Hintergarten, die Fenster sind leicht geschützt, als ob inan ein Hineinstcigen verhindern, an ein Hinaussteigen nicht gedacht hätte. Das Ganze soll im Kottagesystem geführt werden, nicht mehr als 15 bis 20 Zöglinge aufnehme», denn sonst würden die Insassen das Gefühl verlieren, Glieder eines 'Fauiilicnheims zu sein. Im Parterre liegt das Bureau, die Räume der Hausmeisterin, Unterrichtszimmer, Arbeits- und Eßzimmer, die Küche mit' dem Herd für Fleisch und den: gesonderten für Mehlspeisen; im Souterrain befindet sich die Pessachküche, denn streng rituell soll die Anstalt geführt werden. In der ersten Etage Schlasränme zu 5—6 Betten, in der Mitte das Zimmer der Oberin, in das sämtliche Türe» der Schlafzimmer münden. Die designierte Leiterin ist eine Dame, die viele Jahre einem jüdischen Mädchenwaisenhause vorgestanden hat. Die Einrichtung soll höchst einfach nur zweckdienlich sein, im Schlafzimmer kein Schrank, kein Stuhl, nichts soll den Mädchen Veranlassung geben, sich am Tage darin anfzuhalten. Dienstboten werden nicht gehalten, Wäsche nicht in Vorrat angeschafft, die Insassen sollen Freude an der Arbeit gewinne», sollen ein Konto eingerichtet erhalten, die Entlohnung jeder ihrer Arbeiten ihnen gutgeschrieben werden. Von einer Uniformierung wird abgesehen, die äußerste Behaglichkeit, fern von jedem Luxus soll herrschen. Ein Arzt ist in der Nähe, ein Jsolierzinimer da. Was die Oberleitung anbetrifft, so rann der Frauenbund mit volleni Vertrauen in die Zukunft sehen; Fräulein Bertha Pappen hei nt wird mit Rat und Tat zur Stelle sein. Sie hat es bewiesen, daß sie imstande ist, ihre -Schutzbefohlenen so zu erziehen, daß sic als selbständige Menschen ihre» Platz im Leben ansfüllen. Ihr zur Seite steht ein vorläufig provisorisches Komitee. Die Ansehnlichen Spenden des Herrn Charles Hallgarten und der Damen Frau Adolf Stern, Frau Max Gold sch m idt-v. Rothschild, Frau R u d o l f'G o l d sch m i d tv. Rothschild, Frau Baronin Willy Rothschild und Frau Baronin Edmund v. Rothschild im Gesamtbeträge von 19000 JL ermöglichen cs, mit dem Betriebe des Hauses bald zu beginnen. Es sind jedoch noch weitere Spenden erforderlich. G Femllelüü. G Am Tage der Erinnerung. Bon Samuel Gordon. Frei übersetzt von M. P n l v e r m a n n. Der Richter befand sich jetzt in seinem behaglich und komfortabel eingerichteten Wohnzimmer - der heutige Tag war ja ein besonders anstrengender gewesen; Wilddiebe, Schmuggler, Bettler, politische Verbrecher waren heute vor seinen Richterstuhl gebracht worden. Gewissenhaft hatte er seine Pflicht als kaiserlich russischer Strafrichter erfüllt und jedem seine Strafe, dem Vergehen angemessen, zudiktiert; jetzt aber, wo des Tages Lasten und Mühen vorüber waren, konnte er, in den weichen Schlasrock gehüllt, im bequemen Polsterstuhle sich zurücklehnend und die Füße am offenen Herdfeuer wärmend, der wohlverdienten Ruhe mit vollem Behagen sich hingeben. Und Ruhe und Wärine taten ihm sehr not. Es war zwar erst der Anfang des Herbstes, wo die Sonne noch recht warm schien und die Erde noch mit 'tausenderlei buntfarbigen Mumen sich schmückte —; und er war auch noch gar nicht' so alt, der Herr kaiserlich russische Strafrichter-; allein es hatte sich seiner in der letzten Zeit ein merkliches Unbehagen bemächtigt; 'ein Blut fing bereits an, träge zu zirkulieren, als 'ei es des langjährigen Einerleis müde geworden. Eine ganze Weile saß er gedankenlos da, und kein Geräusch störte seine Ruhe; doch plötzlich blickte er auf; 'die große Lampe, die bisher, von einem grünen Schirm beschattet, ein sanftes, mildes Licht verbreitet, begann zu knistern und zu flackern, und der schwere Damastvorhang vor dem Fenster bewegte sich leise hin und her, als ob unsichtbare Geisterhände mit chm pielten; bald wurde das Knistern stärker, hörbarer, und der Vorhang bauchte sich weit in das Zimmer hinein. Verwundert und unangenehm berührt, ver- Pürte der Richter einen heftigen Windstoß, der eine Welle kalter Nachtlnft in das Zimmer blies und seinen Körper mit rinem Frösteln überschüttete. Jetzt fiel es ihm ein: heute Vormittag war eine Fensterscheibe zerschlagen worden; sein Söhnchcn hatte mit seiner Knallbüchse einen kleinen Bolzen hineingeschossen. Ein leises Lächeln umspielte die bleichen Lippen des Mannes, als er an den Tränenerguß des kleinen Missetäters dachte, der über das geschehene Unglück so tieftraurig sich zeigte und sich nicht eher beschwichtigen ließ, bis der Vater selbst, der gerade im Begriffe war, nach dem Gerichtsgebäudc zu gehen, ihn in die Arme genommen und recht herzhaft abgeküßt und noch als besonder» Beweis der Vergebung ihm einen blanken Silberrubel gechenkt. Er hatte Sebastian, dem Diener, besohlen, den Schaden noch imi Laufe des Vormittags beseitigen zu lassen; doch der alte Esel hat es sicherlich wieder vergessen. Mit einer zornigen! Bewegung griff er nach dem Glockenzuge, um den pflichtvergessenen Diener herbeizurufen und zur Rede zu stellen-doch, wie von einer unsichtbaren Macht festgchalten, blieb sein Arm steif und bewegungslos-ein plötzlicher Gedanke, eine unerwartete Erinnerung war in seinem Innern ausgetaucht! Seine Hand krampfte sich zur Faust, als habe sie etwas ergriffen, das sie nichr mehr loslassen wollte-!! Es war der bleiche, stilläuige, strengblickende, ernstmahnende Geist der Vergangenheit, der bei ihm Einkehr hielt und sich mit eisernen Banden an ihn klammerte. „Eine zerschlagene Fensterscheibe!" Hat es nicht damals auch mit einer solchen begonnen? Ja, richtig; und heute beginnt auch wieder das jüdische Neujahrsfest — — — darum hat ja der alte .Landstreicher so flehentlich gebeten, freigelassen zu werden, „um am heiligen Gottesdienste in der Synagoge teilnehmen zu können, wo die ganze Gemeinde ihr Gebet für ein glückliches Jahr zum Schöpfer des Weltalls emporsendet." Ja, ja; ein eigentümliches Zusammentreffen -! Wiederum das Neujahrsfest und eine zerbrochene Scheibe!! Ein schwerer Seufzer entrang sich ' seiner Brust.. Bald aber lachte er wieder wildtrotzig auf — —; wie lächerlich sich das anhört! Wenn wenigstens eine heroische Tat, ein himmelstürmendes Ereignis den Wendepunkt seines Lebens gebildet. Aber eine zerschlagene Fensterscheibewie abgeschmackt, wie kindisch. Eine feine Vorsehung, die sich hinter Glassplitter versteckt und eine Scheibe zum Sendboten ninnnt!! Es ist gar kein Wunder, daß die Menschen vor einer solchen kleinlichen Vorsehung keinen allzugroßen Respekt bekunden.- Sein Geist schweift in die Vergangenheit zurück, und er sieht sich wieder als zehnjährigen Knaben im Elternhause. Es war am Abend vor dem Neujahrsfeste. Sein Vater und seine Brüder feiertagsmäßig und sauber gekleidet, kommen aus dem Hause, um sich nach dem Tempel zu begeben. „Wirst Du gleich mitkommen. Du Taugenichts, Du," sprach damals 'der strenge Vater; „oder Du wirst das neue Jahr mit zerschlagenen Knochen beginnen." „Ich werde eher dort sein als Du," gab der Bengel frech zur Antwort, indem er sich ganz beschäftigt stellte, einige Holzspäne für die Küche zusammenzulesen. Kaum aber war der Vater aus seiner Gesichtsweite, als er auch -schon zu seiner eigentlichen Beschäftigung zurückkehrte, die darin bestand, den Wetterhahn auf dem Dache-zü-steinigen, und die für den!kleinen Jakob — so hieß der Junge — weit anziehender war, als der Besuch des Gorteshauses. — ' Dieser verhängnisvolle Wetterhahn hatte seinen luftigen Standort auf dem Giebel des Hauses, in welchem Jakob und seine Leute eine armselige Stube bewohnten. Seit der Junge zurückdenken konnte, war der Wetterhahn ein Gegenstand seiner besondern Aufmerksamkeit; dieser blecherne Vogel flößte ihm einen gewissen Neid ein, der sich bald zu einem regelrechten Haß ausgewachsen-der Hahn stand da oben, so aufregend kühl-so vornehm gleichgültig, alles überschauend, den ganzen Tag auf der Straße; er durfte sich drehen und wenden, dahin, dorthin, ohne befürchten zu müssen, jemals zurechtgewiesen zu werden;' er wurde nicht fortwährend mit Beten und Lernen gepeinigt, und sein Lebe» war nicht zwischen Schule und Tempel eiugezwängtden ganzen lieben langen Tag konnte der sich da oben inr Kreise herumtummeln und nach Herzenslust Karussel fahren.-/Das einzige, was Jakob seinem Feinde antun konnte, um ihm wenigstens ein klein wenig das Dasein zu verkümmern und unerträglich zu gestalten, war, Steine und Kohlcnstücke nach ihm zu werfen, um ihn auch zu einem unfreiwilligen, wahnsinnigen Kreisen zu veranlassen. Neunmal von zehn Würfen verfehlte Jakob zwar sein Ziel, und selbst wenn er traf, fühlteer sich auch nicht ganz befriedigt; denn der Hahn drehte sich unbekümmert lustig weiter, krächzend und kreischend, und Jakob glaubte immer den höhnischlächelnden Ruf heranszuhören: „Du triffst mich doch nicht, du kleiner Judenjunge! Dazu bist du-zu dumm und ungeschickt!" (Fortsetzung folgt.) Künstlerisch hervorragende Syuagogeu- Gegeustimde. Der von der Firma Felix Horovitz, Frankfurt a. M., für die neue Synagoge der Franksnrter Israelitische» Religionsgesellschaft gelieferte Brismilohlenchter.