Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 35 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Vellage p Nr. 35 des Frankfurter Israelitischen FamÜienblattes. Inhalt -er Beilage: Artikel: vorotd barisebonini. — Das 25 jährige Jubiläum der Kolonie Rischön-le-Zion._ Boroth harischomm. Die früheren Geschlechter. Eine Geschichte der Juden, - von J'saakHalevy, Hamburg. VL Es sind im vorigen Artikel die Gründe auscinandergesetzt worden, warum ans ein Gebiet hinübcrgegriffen werden muh, über welches Halevy's Llrbciten noch nicht vorliegen, vielleicht noch nicht in Angriff genommen worden sind. Eine Geschichte der Juden beginnt nicht mit deir Gaonim, sondern um 14 Jahrhunderte früher. Aber Halevy hat eine Rumpswissenschast vorgcfunden, für welche unsere Geschichte ein Torso war, ohne Kopf und Füße, als uneingestandene Konzession an den Geist Apion's, dessen Gespenst in diesen Kreisen noch immer umgeht. Die ungeheuren Schwierigkeiten, sich nachdrückliches Gehör zu verschaffen, Ivarcn daher für seine Taktik maßgebend, den Gegner auf dessen Pfaden anzugreifen, und da die Fehler und Jrrtiimer desselben in den falschen Grnndlchren wurzeln, welche über das Alter der Tradition verbreitet worden sind, so Ivar es nicht anders möglich, es mußte öei. der Behandlung der Tanaiten, z. B. in den Uranfängen des Mittelalters, die Beleuchtung der um ein halbes Jahrtausend zurückliegenden Ecclesia magna eiugcschoben werden. Bei einem lebendiger: Organismus mit einer fast viertausendjährigen Geschichte geht es nun einmal nicht anders. Den Vorwurf, daß der Forscher dabei von Einem ins Hundertste, ja ins Tausendste gerät, kann pur derjenige erheben, dessen Gesichtskreis auf die Krümchen beschränkt ist, wie der des Hühnchens, das nur'bis 5 zählen kann, aber aus der Adlerperspektive Halevy's bietet sich ein so ausgedehnter Gesichtskreis dem Forscherauge dar, daß ein kombiniertes, konzentratives Denken geradezu unvermeidlich wird. Die moderne Zersplitterung der Disziplinen, in welcher der Augenarzt keine Ahnung von dem Ohre hat, muß in der Geschichtswissenschaft dem altmodischen System universeller Bildung vorläufig noch den Platz räumen. Um wie viel mehr noch in Thora und Talmud, in welchen kein einziges Feld menschlicher Wissenschaft unberührt gelassen erscheint. - Während ich dies schreibe, vernehme ich, daß der bekannte Gelehrte Wolf Jawitz — aus denselben Kreisen jüdischer Gelehrsamkeit stammend wie Halevy — dem brennenden Bedürfnisse nach einer Geschichte des antiken Judentums durch ein Werk „Tyldot bene Israel" zuvorgekommen ist, das bis zur Zerstörung des zweiten Tempels fertig gediehen ist. Es soll in einem kommenden Artikel untersucht werden, wie weit dasselbe den Anforderungen genügt. Namentlich ob die Hauptfragen der Chronologie, deren es — klipp und klar formuliert — nicht mehr als etwa zehn gibt, richtig und zufriedenstellend beantwortet sind. Das Werk ist als Abwehr gegen die Uebcrsetzung von Graetz's Geschichte entstanden, welche der unter dem Namen Schäfer schreibende (Pinkus Schlaume Rabinowitz) als Brandfackel in das polnische Ghetto zu schleudern für gut befunden hat. Diese Fragen sind: 1. Die Chronologie der Richterzeit, welche derart geordnet werden muß, daß das Plus der Perserzeit darin Platz findet. 2. Die der ersten Königsepoche bis Jehu im Einklänge mit den assyrischen Annalen, die in dieser Zeit auftauchen, einer- und der berühmten Stele des Königs Mesa von Moab über die Herrscherzeit Omri's und Achab's andrerseits und den ägyptischen Berichten über Rechabeam. - 3. : Die der zweiten Königsepoche bis ■ zur Zerstörung von! Samaria-Schomron im Vergleiche mit den assyrischen Berichten. 4. Di? der letzten Königsepoche bis zur Zerstörung Jerusalems durch Ätebudkadnezar im Vergleiche mit den assyrischen, babylonischen und ägyptischen zeitgenössischen Berichten. 5. Die Zeit des Exils vor Cyrus und die Chronologie des Buches Daniel. 6. Die Pcrserzeit der Achämeniden bis Alexander d. Gr. und die Chronologie zu Esra und Rehcmia. 7. Die Epoche der Lagidcn- und Syrerherrschaft bis zu den Makkabäern und die Chronologie der ersten Mischnahäupter. 8. Herodcs und die Hilleliden, deren Chronologie bis R. Juda Hanassi und die der Tanaim — Dann gilt es 9. Die bei Halevy unterlassene chronologische Reihenfolge der Patriarchenlinie von R. Juda Hanassi bis zu dem letzten Patriarchen R. Gamaliel zusammen mit den Amoräern des Talmud Jeruschalmi — und 10. Die Chronologie der babylonischen Amoräer fcstzustellen, worüber in Halevy's Werk die Tabellen fehlen, die er für die spätere Folge der Gaonim so kunstgerecht angelegt hat. Sind diese Aufgaben richtig gelöst oder, wenn dies nicht der Fall sein sollte, richtig zn stellen, dann muß es die erste Aufgabe der hierzu Berufenen sein, an die - Schaffung eines jüdischen Geschichtswerkes zu schreiten, das als Koder für das orthodoxe und gesetzestreue Judentum des Westens endlich einnial mit den Lehren des Halbrenegatentums aufräumt. Die Forschungen und Leistungen Halevy's und eventuell Jawitz's müssen aus der unzugänglichen Sphäre der spezifisch ebräischen Fachwissenschaft populär gemacht und ins Deutsche übertragen, praktische Verwertung finden, um den unerträglichen Zuständen ein Ende zu machen, unter welchen die studierende Jugend für die jüdische Seelsorge herangebildet wird. Man muß dieselben, da die vernunftwidrigen Verhältnisse nun einmal nicht zu ändern sind, gegen die Irrlehren, die sie an der atheistisch-klerikal-pietistischen Universität aufzunehmen sich gezwungen glauben, um das vr. vor ihren Namen setzen zn können, immunisieren. Der Pastorisierung eine Pasteurisierung entgegensetzen durch eine Methode, die sich gegen die Wellhausen'sche Bibelkritik gerade so bewährt, wie in der Medizin das Verfahren gegen Hundswut, und dazu bietet uns der Stand der modernsten Forschung die Mittel in vollstem Maße.*) *) Auf die Ausführungen der obigen Artikel- Serie werden von geschätzter Seite folgende Einwendungen gemacht: Zu den Ausführungen in Nr. 22: „Im ganzen Dor.-Har. findet sich kein Wort darüber, daß die Stelle in Abot V 23 auf den Stifter der christlichen Religion zn beziehen sei. Wer überhaupt Halevys Forschungsart und seine energische Fernhaltung alles Hypothesenhaften kennt, dem ist von vornherein eine solche Bezugnahme undenkbar.'— Ebenso verhält es sich mit den „hochinteressanten Boraitas" und dem Talmud jeruschalmi, welche Halevy inbetresf 'des Christentums herbcibringen soll und die den „selbstständigen Forschern ein zu verarbeitendes Material liefern." -' Jeder Kenner des Dor. - Har. weiß, daß Halevy alles, was er erwähnt, zur Genüge beleuchtet und er nicht erst auf den „selbständigen Forscher" zu warten braucht. Mlein weder erwähnt Halevy Boraitas und den Talm. jer. in Bezug auf das Christentum, noch spricht er überhaupt über die Entstehung des Christentums." Zu den Ausführungen in Nr. 31: „Wer nur einen flüchtigen Blick in das Riesenwerk Halevys geworfen hat, erkennt sofort; daß Halevy der Chronologie im Besonderen seine Aufmerksamkeit schenkt und daß es gerade der Mangel au exakter, chronologischer Forschung ist, welcher ihn oft bittere und berechtigte Anklagen gegen.frühere Forscher erheben läßt. Nun aber kommt'der Artikelschreiber und bemerkt: „Würde hier die von ihm leider gänzlich, beinahe absichtlich vernachlässigte Chronologie die elfte Rolle spielen. Eine Geschichte ohne Chronologie ist ein Schiff ohne Kompaß auf dem stürmischen Meere." Wie kann man nur angesichts der gewiß auch jenem Verfasser bekannten Talmudstelle „Milso deawido liglugo, lau meschakre insche" solche Worte schreiben. Es tritt im Gegenteil die Größe Halevys in der Richtigstellung der Chronologie überall, wo es der Gegenstand erfordert, hervor. Des Weiteren findet sich in jenem Artikel: „Eine Sentenz in seinem Werke, welche lautet: „Man mag die Zeit der Pcrserlönige auch noch so weit ausdehnen wollen," deutet an, daß er an die Möglichkeit eines Kompromisses zwischen den divergierenden Ansichten glaubt, der Frage selbst also überhaupt nicht ernstlich 'näher getreten ist." — In dem vorliegenden Bande des Doroth - Harischomm spricht Halevy überhaupt nicht über die Perserzeit. Das gehört ' zu dem früheren Teil, der noch der Beurteilung harrt, an der angegebenen Stelle erörtert Halevy die Wirren während des zweiten Tempels und kommt dabei in einigen Worten ans die trüben Verhältnisse zur Zeit des Ptolemäus Lagt zu sprechen, der mehr als ' 100 000 Juden in die Gefängnisse schleppte. Um die Grausamkeit jener Tat noch mehr hervorzuhebeu, bemerkt er dabei, daß unmöglich damals die Einwohnerzahl Palästinas viele Millionen betragen haben könne; denn wie weit man auch die Perserzeit ausdehne, jedenfalls war von Esra bis dahin noch kein so großer Zeitraum verflossen, daß die Tausende der anfänglichen Zeit sich zu Millionen vermehrt haben könnten. Welchen Platz hätte an dieser Stelle eine Forschung über die Chronologie zur Perserzeit?" Hierauf erwidert der Artikelschreiber: „Ich habe das Werk Halevys auf der Reise nicht bei mir. Halevy spricht von den Christen wiederholt unter dem Namen Hajeduim. Er zitiert den sonst ganz unbekannten Ausspruch des R. Chija bar Ma aus Jerusalem über die Entstehung des Sonntags." „Wenn Halevy im Teile Amoräer die Jrrtümer Rapaports über die Zeit R. Jochanans nachweist und man von Seite 3 bis Seite 192 nachsuchen muß, um en xassaat erwähnt zu finden, wann denn R. Jochanan eigentlich gelebt haben soll, — soll das dann Chronologie genannt werden? Wenn H. allen grobe chronologische Fehler nachweist, so kann man doch füglich von ihm eine chronologische Tabelle der Amoräer verlangen. Warum fehlt ^diese gänzlich, während er sie doch für die Gaonim beigefügt hat?" Das 2»jährige*) Jubiläum öer Kolonie Rischon-le-Zio». „Spät kommst du, doch du kommst." Zwar sind schon seit der auch in diesen Blättern angekündeten Feier der Kolonie Rischon-el-Zion einige Wochen verstrichen, da sie jedoch in der hiesigen Gesellschaft noch immer den Mittelpunkt des Gespräches bildet, von manchen gerühmt, von vielen getadelt wird, so glaube ich, es wird auch den Lesern dieses Blattes nicht ganz uninteressant sein, etwas über diese Feier zu erfahren. Wenn ich dadurch auch nichts anderes erreiche, als daß ich einen Augenblick ihre Gedanken auf Erez Jisroel, das Land der Väter, lenke, so lohnt es sich schon der Mühe. — Ein Bierteljahrhundert ist ein genügender Zeitraum, um zu erkennen, ob ein Unternehmen von nationaler Bedeutung gelingen wird oder nicht; denn in 25 Jahren begegnen sich zwei Generationen, eine scheidende und eine werdende, und wenn diese in den Fußtapfen der ersteren wandelt und auf den von ihr gelegte» Grundstein weiter baut, so sind wir zn den besten Hoffnungen berechtigt. Vor 25 Jahren gerade gründeten etwa zehn russische Juden den Verein „Chalup Jcßod hamahla" mit dem Ziele, jüdische Kolonien zwecks Heranziehung der Juden zum Ackerbau ins Leben zu rufen. Dieser Verein kaufte mehrere Strecken Land an auf dem Boden des in der Bibel schon erwähnten „Ein hakoreh" und legte dort den Grundstein zu Rischonle-Zion. Trotz der vielen Hindernisse, die in dem anläßlich der Feier erschienenen Jubiläumsbuch aufgezählt werden, sehen wir die Kolonie im Laufe der Jahre in rapide» Schritten sich entwickeln. Immer größere Terrains weiden angekaust, immer mehr nehmen die Häuser in der Kolonie zu, denn auch die Zahl der Kolonisten wird jährlich größer,'bis Rischonle-Zion die heutige Gestalt erhält. Schon jetzt ist Rischon kein Dorf mehr, sondern ein kleines hübsches Städtchen mit vielen Bequemlichkeiten. Und nun zur Feier selbst. Sie fand an einem Donnerstag statt, aber schon am Sonntag derselben Woche begann der rege Wagenverkehr zwischen Jaffa und Rischon, ebenso waren die Waggons des Zuges Jerusalem-Jaffa in den letzten Tagen fortgesetzt überfüllt. Man schätzt die Zähl der Festgäste aus 3000; außerdem kamen die Schulen aus den Kolonien Pesach-Tikwa und Rechobot. Die Schülerinnen hatten eine Uniformtracht: iveiße Kleidchen mit hellblauen Bändern, was einen großen Effekt machte. — Am Festtage selbst verließ ich Jerusalem in Gesellschaft deS Herrn Rabbiner Dr. Grünhut und des Sohnes des hiesigen Chacham-Baschi, der seinen Vater vertrat. In Ramleh stiegen wir aus und warteten auf den uns telegraphisch versprochenen Wagen, allein dieser blieb aus, und wir mußten nach Art unseres Erzvaters Jakob, als er zu Laban ging, den Weg antreten. Etwa Mitte des Weges kam der ersehnte Wagen und nahm uns auf, — und nach Verlauf einer Stunde erblickten wir von der Ferne das schön beflaggte Rischon. *) Irrtümlicherweise stand in einer der vorigen Nummern dieses Blattes 50jähriges Jubiläum.