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Neue jüdische Presse · 1907-08-30 · Heft 34 (30.8.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 34 (30.8.1907)
Date
1907-08-30
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 34. Seite 5. Worms.. Rabbiner Dr. Stein feiert am 1. September sein 40jähriges Jubiläum alZ Rabbiner der Wormser jüdischen Gemeinde. Filehne. Stiftsrabbiner Herrn. Bodanski, der letzte Gelehrte der hiesigen jüdischen Gemeinde, ist nach langem Leiden gestorben. Triest. Oberrabbiner Me Ui ist nach 52 jähriger Wirksamkeit abbernfcn worden. Der Verstorbene hat zahlreiche jüdische Schulbücher ins Italienische übersetzt. Eine gute Nummer. Aus dem Englischen übersetzt von M. Pulvermann. I. Wie jeder anständige Bürger und rechtschaffene Familienvater, wollte auch der alte Reb Jone Lotter um Punkt zehn Uhr sich zur Ruhe begeben. Er verrichtete das vorgeschriebenc Nachtgcbet, und nachdem er sich entkleidet und 'ins Bett gelegt, zog er die Nachtmütze über die Ohren herunter und das dicke Federbett über das Kinn herauf und war bald in einen tiefen Schlaf versunken. Schon nach kurzer Zeit stellte sich der Tranmgott bei ihm ein. Er führte ihn nach dem Markt- Platz und ließ ihn auf Sie grünangestrichcnc' Bank vor denk Gasthof niedersitzen, von wo aus Reb Jone alle ankommendcn und abfahrendcn Gaste bequem sehen konnte. Da saß er nun, mit der Tabakspfeife im Munde, behaglich und znfrieden und ließ sich von der Sonne ivärmen. Jetzt kam ein kleines Leiterwägclchen auf dem holprigen Straßenpflastcr angerasselt, dem viele, viele Menschen entstiegen. Reb Jone ivunderte sich, wie alle auf diesem Wägelchen hatten Platz finden können, und noch 'mehr mußte er sich wundern, wohin alle plötzlich verschwunden waren, ohne daß er sie hatte Weggehen sehen, bis auf einen einzigen alten Mann mit einem langen weißen Bart, der zurückgeblieben war und sich jetzt verlegen und suchend nach allen Seiten umblickte. In seiner Hilfsbereitschaft und Gutmütigkeit erhob sich Reb Jone von seinem bequemen Sitz, ging auf den Alten zu, streckte ihm die Hand mit dem üblichen „Scholaum-Alechein" entgegen und fragte ihn, ob er jeiuand suche. „Jawohl," antwortete der Greis; „ich suche einen gelvissen Reb Jone Lotter." Dieser sah U)h verwundert an, und mit einer Verbeugung sprach er: „Zn dienen, der bin ich selbst. Und tvas wünschen Sie von mir?" „Du wirst mich sofort zum kaiserlich-königlichen Lotterie-Einnehmer begleiten, wo ich Dir eine wichtige Mitteilung, eine himmlische Botschaft zu machen habe--." „Das soll mir sehr angenehm sein," erwiderte Reb Jone hocherfreut. „Und mit wem habe ich die Ehre zu sprechen?" „Ich bin Alje-Nowi, der Prophet Elias, und ich bringe Dir drei Nummern, die bei der nächsten Lotterie - Ziehung herauskommen werden." Reb Jone machte einen Freudensprung, daß der Porzellane Pfeifenkopf auf das Pflaster fiel und in tausend Stücke zerbrach. Zn jeder andern Zeit wäre dieses ein gar schmerzlicher Verlust für seinen schmalen Geldbeutel gewesen; doch in Anbetracht des großen Glückes, das ihm durch die Verkündigung des Propheten in Aussicht stand, wäre es ja die reinste Torheit, wegen der paar Groschen auch nur das geringste Bedauern zu empsinden. Er verbeugte sich daher sehr tief, und nach einem reichen Wortschwall der Dankbarkeit fügte er noch hinzu: „Ach, lieber, heiliger Alje-Nowi, wenn Ihr wissen möchtet, wie lange ich auf Euch gehofft und wie sehnsüchtig, ich Eure Ankunft erwartet, so iväret Ihr gewiß schon längst bei mir gewesen!" „Da irrst Du Dich ganz gewaltig, und Du hättest noch lange warten können. Um Dir die Wahrheit zu sagen. Du hast manches auf dem Kerbholz und bist im Himmel nicht besonders gut angcschricbcn. Also, ich komme nicht Deinetwegen, sondern wegen Deiner guten Tochter Rachel, um ihr zu der fehlenden Mitgift zil verhelfen, damit ihr langer Brautstand endlich, ein Ende nimmt und sie mit ihrem Abraham Kirschner unter die Chuppe geführt wird. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Sie braucht fünftausend Gulden, und von heute über acht Tagen soll sie das Geld haben! Du, alter Esel, bist ja ein leidenschaftlicher Lotterie-Spieler und hast dem Spiel-Teufel schon manchen schönen Gulden geopfert, den Du ganz getviß weit besser und nützlicher hättest verwenden können! Doch um Deiner guten Tochter willen werde ich Dir eine Nummer ins Ohr flüstern, wie Du sie nach niemals zusammengesetzt hast. Also, höre. Bei einer Chassene hört man auf 'allen Seiten nur das schöne „Masel - Tow" sprechen; im Hebräischen sind es sechs Buchstaben, und die Zahl der ersten zwei beträgt siebcnundvicrzig, die der zweiten ncununddrcißig und die der letzten beiden beträgt acht; also merke Dir — siebenundvierzig — ncununddreißig — acht! Hast Du es verstanden?" Reb Jone antwortete nicht, sondern suchte in allen Taschen nach Papier und Bleistift, um sich die Zahlen aufzuschrciben. Mje-Nowi, der seine Absicht merkte, sah ihn spöttisch an und rief: „Schleniichl, vcrschwarzter! Wozu willst Du Tic erst aufschreibeu? Hast Du Furcht, daß Du bei der Hochzeit Deiner eigenen Tochter den schönen Wunsch „Masel-Tow" vergessen wirst? Du bist ja wirklich ein sehr netter Vater!"- '■ Reb Jone drehte verlegen das Pfeifenrohr in seinen Händen und sprach kleinlaut: „Nehmet cs mir nicht übel; aber besser ist besser . Am Ende könnte ich sie doch bis morgen früh vergessen haben." „Das laß nur meine Sorge sein. Ich habe ein gutes Mittel gegen Vergeßlichkeit. Schließe Deine Augen ganz fest zu, und bei Deinem Leben rate ich Dir, sie nicht eher wieder zu öffnen, bis ich „jetzt" gerufen habe, unddann wirst Du schon sehen, was passieren wird-—." Reb Jone tat, was der Prophet ihn geheißen, und kaum war dieses geschehen, so fühlte er einen heftigen Nasenstüber, daß er dreimal laut niesen mußte, dabei aber mit. dem Kopf auf den Bettrand aufschlug, und natürlich dadurch — erwachte. Das erste, was Reb Jone nun tat, war, hastig nach der Nase zu greifen, die aber merkwürdigerweise gar nicht wehtat; sodann befühlte er seinen Kopf, der zwar ein wenig schmerzte, aber. Dank der dicken Nachtmütze, auch noch hübsch ganz geblieben war; er rieb sich dann die Augen und erkannte, daß er alles mir gcträunit. Dennoch aber war sein Herz voller Wonne und Jubel; an jeden: Sonnabend- Abeno betet er ja: „Aschrc mi schcrooh Ponow bachelaum, Heil dem, der das Angesicht des Propheten, wenn auch nur im Traume^ sieht!" Ihm ist daher große? Heil widerfahren; bald hat es mit seiner Armut eiir Ende und er jst dann wieder reich, wie ehemals!- Eilig stieg er aus dein Bette, zündete ein Licht an, schrieb, entgegen dem ausdrücklichen Befehl des Propheten, die Zahlen-siebcnundvierzigncununddreißig-acht-mit Kreide auf den Tisch, und stellte ein kleines Reiscköfferchen darauf, das daneben gestanden. Jetzt suchte er wieder das warme Bett auf und überlegte: Alje Nowi hat ihm drei Nummern direkt voin Himmel gebracht, die zweifellos, totsicher heranskommen werden. Allerdings sprach er nur von den fünftausend Gulden, die er als Mitgift für Rachel braucht. Was aber dann? Was bleibt ihm dann übrig? Wäre es nicht ratsam und klug, die günstige Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen, den Einsatz verzehnfachen, um so auf einen Ruck ein reicher Mann zu werden?-Ja, aber woher den großen Einsatz herbcischaffen? Jemand das Geheimnis offenbaren und als Teilhaber nehmen? Das wäre jammerschade! So lag er da und zermarterte sein Gehirn, ohne einen Ausweg zu finden. Inzwischen schlief er wieder ein und ließ bald wieder ein tiefes Schnarchen vernehme». Etwa zwei Stunden später, als alle noch im tiefsten Schlafe lagen, wurde die Türe leise geöffnet und ein junger Mann, zur Reise gerüstet, mit einem Licht in der Hand, erschien auf der Schwelle. Um das würdige Fainilienoberhaupt nicht im Schlafe zu stören, schlich er aus den Fußspitzen zum Tische hin. nahm das Reiscköfferchen zur Hand, und, die drei Zahlen bemerkend, schrieb er sie schnell in sein Notizbuch und verließ eilig und geräuschlos das Zimmer, wie er gekommen war. Wie an jedem Morgen, war auch heute die brave Hinde, Reb Jone Lotters Frau, die erste ans den Beinen, um noch vor Sonnenaufgang ihr häusliches Tagewerk zu beginnen. Während die andern Familicn-Mitgliedcr, Reb Jone Lotter mitinbegriffen, noch des süßen Schlafes sich erfreuten, fing sie schon an, die Sachen an Ort und Stelle zu bringen, das Feuer anzuzünden, die Stube auszufegen und die Möbel, ein Stück nach dein andern, zu säubern und abznstäubcn. Jetzt kam der Tisch an die Reihe. Kaum aber erblickte sie die Zahlen, so glaubte sic nicht anders, als daß sie von dem „Franzesuß" herrühren, das Reb Jone gestern noch mit Nochem Teitelbauni stundenlang gespielt. Eine grimmige Wut bemächtigte sich ihrer, und sie überschüttete den Tisch darum mit einer wahren Flut von Seifeuwasser und wusch und rieb und scheuerte, so daß er bald wieder blitz und blank, wie nengehobelt, da stand. Ohne eine Ahnung zu haben, wie hochwichtig diese seien, hatte sic gerade die Zahlen besonders scharf aufs Korn genommen und bearbeitete sie, bis auch nicht mehr die geringste Spur zu erkennen tvar. (Fortsetzung folgt.) Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. I. - Gegen Gicht und UkeumatlBinns bewährt. Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Luach.) Samstag, den 31. August (= 21. Elul): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 45 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 8 Uhr — Min., in Berlin 7 Uhr 44 Min. Die Sidra dieser Woche heißt Ki-sowau. Ihre Einleitung ■ erzählt von der Pflicht, die Bikkurim, d. s. die Erstlingsfrüchte nach Jerusalem zu bringen. (Nur die 7 Arten, welche den „Ruhm" des Landes bilden, sind bikkurimpflichtig!) Es war ein freudiger Akt. Dankbar warf man einen historischen Rückblick auf Israels Leidenszeit, bevor cs das Land besaß, dessen erstgereifte Frucht man dem Priester übergibt. Man erwähnt Jakobs schwere Dienstjahre bei Laban, die Knechtschaft in Egypten, die Erlösung, den Besitz des schönen Landes Kanaan. (Das Hinausziehen mit Erstlingsfrüchten!var nicht an eine bestimmte Zeit gebunden. Es erstreckte sich bis in die Winterzeit. Man vereinigte sich meist zu ganzen Karawanen, unter Posaunenschall und frommen Liedern dahinziehend.) Der zweite Maaser, den der Eigentümer selbst in der Gottesstadt zu verzehren hatte. Auch hierbei wurde ein „Bekenntnis" (Widdui) abgelegt. Mindestens alle drei Jahre mußte man den Maaser-Scheini „aus dem Hause räumen", d. h. nach Jerusalem bringen. Es wird unsim Wochenabschnitt ferner berichtet von der Aufstellung von zwölf Steinen am Jordan, mit Kalk übertüncht, darauf man die Worte der Lehre schrieb. (Nach d. Tradition in vielen Sprachen, damit jedes Volk unsere Thora kennen zu lernen Gelegenheit habe.) Verkündigung von 12 Fluchformeln gegen den Berg Ebal hin, daun im entgegengesetzten Sinn gefaßt (als Segensformeln) gegen den Berg Gerisim. Auf beiden Bergen standen dabei je sechs Stämme, im Tale unten dazwischen die Priester und Leviteil mit der Bundeslade. Den Schluß der Sidra bildet die sogenannte Tanchocho^ d. i. die große Strafpredigt, alles Unglück prophezeihend, ivelches tatsächlich später Israel traf. (Eine ähnliche Ende des 3. B. M.) Man liest den Abschnitt mit gedämpfter Stimme, Stellen froher Verheißung mit lautem Tone. Sonntag (1. Sept.) betet man vor Tagesanbruch zum 1. Male S e l i ch a u s. Auch Pflegt man allgemein zu fasten, viele einen ganzen Tag. Nicht nur Selichans bete man, auch sonst ist jetzt Ernst, Andacht und 'Hebung frommer Werke in Büßfertigkeit am Platze. Offenbaeber Drticfcluft=Anlage Telefon 128. Offenbach a. H. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste Teppichreinigung. VARAVICM [ TTm-& JTaubau von Geschäftshäusern Bleiileostr.l.Tel. 1711 nin MOMDIMOT Rnm d‘ ^usföhrnngsstelle besorgen alle UHS IHKMKliyei UUja vorkommenden Kommissionen, fahren Kranke, tragen Kohlen, ersetzen Bediente, befördern Gepäck n. verteilen Zirkuläre u. Prospekte n.s.w. prompt n. billig. Näh. aufTelephonruf9401,9402 u. 2770.

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