Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 33 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2692297-2692511-2692544--03401-2698100- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 33 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. Armendircktor nsw. feierte seinen 70. Geburtstag. Philadelphia. Marx B- Loeb, einer der angesehensten Geschäftsleute und bekannt als Wohltäter, ist im 71. Jahre gestorben. Loeb, der in Deutschland (in dem Orte Bechtheim) geboren wurde, kam in jungen Jahren nach ^Amerika. Er war während 27 Jahre» Präsident des Jüd. Hospital,- auch war er Präsident der Bereinigten jüd. Wohltätigkeitsgesellschasten und eine zeitlang Präsident der Rodef- Schalom-Gemeinde. — In T ann er s v ill e verschied der hebräische Schriftsteller Hirsch Bernstein. Als Bernstein 1870 nach Amerika kam, gab er „Die Post" heraus, die erste Jargon-Veröffentlichung in Amerika, womit er fehlschlug, und kurz darauf die Wochenschrift „Hazofeh be-Erez ha-Hadasha", welche vor 5 Jahren einging. Eine Jagd. (Aus dem Russischen, Deutsch von Jacob S chcand. ing.) I. . . . Ein trüber Morgen brach an. Es war noch so dämmerig, als wenn die Nacht noch nicht vorbei wäre und sich noch irgendwo in der Nähe versteckt hielte — In der Stadt war alles auf der Hut, jeder verhielt sich in einem beängstigenden Schweigen. — Mit jeder Stunde vergrößerte sich die Angst; aber nin zehn wuchs diese zu einem Schrecken ans! — Auf der Straße herrschte wüster Lärm: Es erschien das „Hundert" des gewaltätigeu Gesindels. — Dazwischen liefen eilig und geschäftig raubgierige Spitzel, mitunter auch uniformierte Gendarmen . . . . . . . Lia erinnert sich genau, wie es zuging. Zuerst läutete cs im Dom, dann in der Petrowskkirche, dann in einer dritten . . . fünften . . . Aus allen Kirchen klang das betäubende Alarmgeläute. — Durch die Straßen zogen lauge Prozessionen der „Pa trioten": Polizeileute, halbwüchsiges Volksgesindel, Spitzel und „Schwarze". Man konnte Bilder, Heiligenfiguren und Fahnen erblicken. — Die dreifarbigen Streifen wehten herausfordernd im grauen Nebel des Morgens. Das harte Rauschen des Leinens vermischte sich' unharmonisch mit dem dumpfen Ge tose der wilden Rotten, und das Gebetsingen der Betrunkenen klang roh und gotteslästerlich. — Die Prozession blieb stehen. — Ein Augenblick der Unentschlossenen Erwartung; dann erscholl von allen .Seiten knarrend ein schneidendes Getöse. Es schien, als wenn die Stadt sich in ein Riesenschlachthaus umwandelte und unzählige Mengen von Metzgern ihre Messer und Aexte schärften . . . Dann wurde cs wieder ruhig . . . Und von neuem erscholl ein Lärm, aber diesmal des Gejammers. — Krachendes Gewehr geknatter und unzählige Schüsse. — Das pfeifende Geräusch der Kugeln hörte sich Wik Zähneknirschen an — kurz, der Genius des Pogroms selbst erschien, ungeheuerlich und rot mit seinen widerlichen Kinnladen knirschend . . . Und die Kugeln sausten und sausten- II. Die Häuser stöhnen mit ihren eingeschlagencn Fenstern und durchbrochenen Dächern . . . Die Bürgersteige sind angefüllt von Flüchtenden. — Die Menschen laufen schweigend mit deutlichen Zeichen des Schreckens auf den blassen Gesichtern. Hinter den Flüchtenden schreitet beständig der Pogrom, anhaltend lachend und wild schreiend. — Diesem folgt wieder Gewehrkrachen, abgerissenes Knallen, schwere, stöhnende Schreie; Schreie der Erkenntnis der Gefahr, der Verzweiflung ... Lia beeilte sich, in kleinen Schritten laufend, furchtsam, wie'ein erschrockenes Mädchen. Ueber der Bluse aus dickem Tuch trägt sie eine lange Schwesternlutte, an einem Aermel das Band des „Roten Kreuzes" befestigt. — Unter dem Hütchen stehlen sich einige widerspenstige schwarze .Locken hervor, die Brillengläser schwitzen und in den Augen wird es ihr düster. — Ohne stehen zu bleiben, nimmt sie ihre Brille ab, wischt die Gläser aus und läuft weiter. — Unhe"siich klingen die Herzensschreie, und lästig juckt ei im linken Ohr! — Die Angst bemächtigt sich ihrer, aber sie stößt aus Verwundete, und ihre Furcht weicht einer namenlosen Betretenheit. Einen alten Mann und sein zweijähriges Enkelchen, ein kleines Mädchen mit schmalem Gesichtchen und weichen Lippen, findet sie in einem Keller. Das Kind säugt an. kläglich zu wimmern und wendet sich von ihr ab; es will nicht auf ihren Arm. — Sie umwickelt beiden die Köpfe mit Bandagen, ruft dann Samariter herbei, die die „Verwundeten" hinaustragen. — Dann setzen sie sich eilig in den Krankenwagen. — Sic rollen die Fahne aus — cht weißes Feld mit einem roten Kreuz in der Mitte. — So bewegen sie sich weiter, langsam geht es voran, denn Eile könnte Verdacht erregen. — — Ei» wütender Lärm! — Man umzingelt sie! — Den Pferden fällt man in die Zügel, man hält sie an! — Ha—a—alt! — Ha—a—alt! „Na, wer ist denn da bei dir?" „Das . . . das sind . . . Verwundete . . . sehr kranke . . . Ein Greis . . . Kindchen : . — Sie bemüht sich, ruhig zu sprechen, aber in ihrem Ton klingt ein angstvolles Flehen hindurch. „Lasset sie . . . gute Männer!" Sie verschluckt sich und fängt an, trocken zu husten. Die Menge schweigt verdächtig, sieht wütend drein und droht, sie mit Blicken zu durchbohren. „Sollen wir sie lassen?" Ein junges Herrchen, dasdie Pferde hielt, ein schwarzäugiger und in einem neuen Anzuge, wendet beklommen seinen Kopf mit dunkeMondem weichen Haar um. — Aber er verstummt sofort; unbeholfen schweigt er nun. — „Schw . . . w . . . weig, du Dummkopf! — So ein Kickindiewelt! Redet auch schon mit — Geh, du Heuchler!" „Gicb ihnen" — „Feste!" — „Nein", „Ha—a—alt". „Ich will einmal selbst untersuchen, selbst Revision vornehmen" und rollt mit seinen halberblindeten Glotzaugen. Lia drückt unbewußt ihre zitternden Augenlider zu, ihre Lippen gehen fiebernd auf und verzerren sich krankhaft. „Rüh — ret— nicht — a — a — an!" Sie richtet sich auf, entrollt die Fahne der Barmherzigkeit und verdeckt damit die Juden. — Dann springt sie auf den Wagentritt und verstellt mit ihrem Körper den Eingang. „Ihr dürft nicht . . . ihr seid Christen! ... sie werden vom Kreuz verteidigt! . . . sogar Türken!" Sie wird unterbrochen. „Pst! — hinaus mit dir . . . du Judenhaut!" „Das ist ein Judenkreuz." „Was, die Juden? — Die muß man doch immer schlagen. — Die Behörden sagen es doch auch, daß es gestattet sei!" — „Fort, gemeines Frauenzimmer," und versetzt ihr einen derben Schlag ins Gesicht. —- „Hoho, da ist ja ein Jüdchen, und gesund! — Da soll mich Gott niederhauen, dick wie ein Schwein! Und die Brut auch gesund!"- „Sieh' da> die Diebin, die Feldscherin, sie lügt!" — „Her damit —• na, wirf sie doch! — nun?" „He, hierher!" „Halt, Brüder! — Abwarten! — Zuerst schlagen wir die Judenbrut tot!" „Wer wozu des großen Aufhebens? — Auch eine Art! — Unter die Räder — und Feierabend!" .... Lia erschauderte.—Das Gehirn scheint ihr zu gerinnen, eine Teilnahmslosigkeit hinterlafsend — weder Unruhe noch.Hoffnung. Die Gedanken gehen ihr wirr durcheinander; sie erinnert sich auf einmal, daß sie keine Gummischuhe angezogen hat. — Dann erstarren wieder ihre Gedanken. — Plötzlich erwacht fiebernd ihr Bewußtsein, sie erkennt alles und eine Furcht, eine unendliche Todesangst bedrückt ihre Seele. — Aus den Schläfen schlägt ihr deutlich das Blut nach dem Herzen zurück. „Was tut ihr? waS tut i — i — ihr? — Unge heuer! . . , Menschenfresser!"- „Ruhig, bist still, pst!" — Ein Schlag über den Kopf schleudert sie vom Wagentritt. „Schlagt mich hoch tot! — Schlagt mich doch tot! — Erst mich!"->. „Du kommst noch rechtzeittg an die Reihe!" Der Greis wirft sich nach' allen Seiten, reißt sich die Kleider auf, die Haare. — Plötzlich erblickt er den bkuttgen Leichnam feines Enkelchen und bleibt zitternd stehen. — Durch seine trockenen Lippen reißt sich ein röchelnder Schrei hindurch, hilflos und abgerissen, wie der eines Hühnchens beim Schlachten. — Der Mund bleibt ihm offen stehen, die Augen erweitern sich, und in den starren Pupillen erglänzt der Schrecken des Wahnsinns.-:- in. „Rann, was ist denn das? Du! — Eine „Schwester", oder was sonst?" — „Schnell mach dich fort, sch —nell!" Sie kanr zu sich und eilte davon. Tr — r — r — rach! Es riß ihr am Aermel ein Stück ab und das Kinn wurde gesengt; das weiße Band um den rechten Arm wurde von dicken klebrigen Tropfen befleckt. — Lia blieb stehen; sie fürchtete, sich umzuwenden, die Fingerspitzen froren ihr! — Es fröstelte sie, fröstelte sic sehr! — Beklommen sah sie um sich . . . Da öffnete sich gerade gegenüber ein Seitenpförtchen. — Erregt lief sie hin, sprang auf die Treppe und versteckte sich,-Ein Suchen und Jagen! — Man lief vor und zurück. — Sic blieben am Treppenabsatz stehen. „He, hörst du? — Komm heraus! — Sonst zünden wir an, lebendig verbrennst du! — Alle verbrennen wir deinetwegen!" Es stach ihr schärf ins Herz, es zog sich krampfhaft zusammen . . . Eines schnellen soforttgen Todes sterben . . . Hier gleich verenden . . . Nur nicht durch ' die Hände dieser . . . Und vor Lia flimmerten anSgestreckte Zungen, rote und schwarze Rauchsäulen . . . Flammen! . . . Geruch! ... ein scharfer, schrecklicher Geruch von brennenden Menschen . . . Ihretwegen? . . . Sic ttat hinaus. Man schleppte sie bis zur Straße. „Waritm fürchtest du uns denn? — Wer find wir denn etiva?" „Wir spaßen! ja mit dir. — Darum sprich auch die Wahrheit. . . daß du uns nicht belügst!" „Hörst du, nun ist es gut. — Nun maf dich fort!" „Warum seid ihr denn so mit mir? . . . Erschlaget mich doch lieber gleich!"- „Wcitergehen! — Weitergehen, sagt man dir! — Wir tun dir nichts, du sollst unsere Güte kennen lernen!" „Du, küsse mich doch... da hierher!"-^ Irgend so ein hochwüchsiger Barbar in Polizeiuniform umfaßte sie rauh . . . Sie riß sich los und lief weg. „Nikita, kriegst du sie wohl wieder her?" Ein Herrchen mit weichen Flachshaaren verbeugte sich kriechend und demüttg. „Ja, ich versuche es." „Auch ich!" „Auch ich!" Sie legten an und zielten . . . Das junge Mädchen siel hin mit durchschossenem Bein und zwei Kugeln im Rücken. — Sie liefen heran, zogen ihr die Kleider und die Strümpfe aus. „So, nun Feierabend! — Angelernt, nun warte! — Giatt sei mit dir!" Sie traten zurück. — Das Entsetzen schwand und wich einer eigentümlichen Vergessenhett, nur das Knie schmerzte dumpf. — Sie blieb einige Zeit liegen, dann bewegte sie sich hinkend und kriechend weiter. — Wieder eine Salve, und wieder wandten sie sich z» ihr. Um die Ecke zeigte sich ein Offizier. Ihn erblickend, kroch sie an ihn heran. Mit Blut überströmt umklammerte sie seine Beine und bat: „Retten Sie. . . Bor Schande, retten Sie!",. „Hinweg mit dir, Judenweib! — Meine Stiefel beschmutzest du mir!" Und stieß ihr mit der Stiefelspitze ins Gesicht. — Erst am Abend erschlugen sie Lia.;— Ueber die Tote machten sie Scherze. Und auf einen Haufen Leichen setzte sich der Genius Pogrom und lachte sein „schwarzes Gelächter". — Und in den dunklen Kellern versteckten sich vor Angst sinnlos gewordene erwachsene Männer, Frauen, große und kleine Kinder. — Sie lagen aus der Erde aneinandergeschmiegt und flüsterten Gebete. — Die Menschen baten den Himmel um Errettung. — Aber zwischen dem Himmel und der Erde herrschte Nacht; eine dunkle, schwarze Nacht . . . Und der Himmel schwieg . . .