Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 33 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 33. Berlin. Aus dem Deutschen Bureau der Alliance Jsraelite Universell" erhalten wir folgende Mitteilungen: Aus Anlaß der jüngsten Vorkommnisse in Casablanca, wo das Judenviertel geplündert und teilweise verbrannt wurde, hat das Pariser Zentral- Komitee der Alliance Jsraelite Universelle zur Linderung der augenblicklichen Not den Betrag von 5000 Francs nach Casablanca telegraphisch übermittelt. . Ferner hat das Zentral-Komitce der Alliance Jsraelite Universelle für die zwei in Rußland abgebrannten Ortschaften Stolbozy und Smoliany eine Subvention von 800V Francs bewilligt. Berlin. In den letzten 4Jahren traten hier aus dem Judentum aus: 127, 135, 157, 151 i. Sa. 570 Personen. Berlin. Meyers Konversations-Lexikon Auch der soeben erschienene 17. Band liefert den Beweis, daß dieses scheinbar so objektive Nachschlagewerk tendenziöse Angriffe gegen die -Juden enthält. Unter dem Stichworte „Ruthenen" findet sich folgender Satz: „Doch verarmt das Volk mehr und mehr infolge der Ausbeutung der Juden und zunehmenden Trunksucht." Erinnert man sich daran, daß unter „Juden" unserem Volke Habgier, Verschlagenheit und Abneigung gegen körperliche Arbeit als nationale Charaktereigenschaften vorgcworfen werden, daß unter „Blutaberglaube" die Verübung einzelner Nitualmorde als immerhin möglich bezeichnet wird, so gelangt man zu der Ueberzeugung, daß es 'sich nicht nur um die zufällige Entgleisung eines Mitarbeiters, wie der Verlag glauben machen wollte, handelt. Berlin. Hilfsverein der Deutschen Juden. Herr Bezirksrabbiner Dr. Salvendi, der ein hervorragender Förderer der humanitären Bestrebungen des Hilfsvercins der Deutschen Juden ist, hat neuerdings wieder dem Hilfsverein eine Spende von 400 Fr. überwiesen, die für die russischen Zöglinge des Lehrerseminars in Jerusalem bestimmt ist. Der Hilfsverein hat in Gemeinschaft mit dem „Frankfurter Komitee für die osteuropäischen Juden" für die beiden abgebrannten Städte Smoliany und Stolozi JL 6000 überwiesen. Würzbnrg. Ueber den Fall.Hau" bringt die „Neue Würzburger Zeitung" bemerkenswerte Auslassungen, die insofern die Leser d. Bl. interessieren dürften, als darin auch jüdische Rechtsanschaunngen erörtert werden. Der Verfasser findet das Gerichtsverfahren „im alten Judäa" im gegebenen Falle als mustergiltig, so daß die Gegenwart etwas davon lernen könnte. Er schreibt: „Wie ein Warnungszeichen, wie eine Mahnung zur äußersten Vorsicht beim Aufbau eines Prozesses auf Indizien liegt der Prozeß „Hau" hinter uns! — Man fragt sich nicht mit Unrecht, woher mit einem Male die Polemik von Psychologen sowohl als auch Kriminalisten um einen cke iure abgeurtcilten Mörder kommt, nachdem zu öfteren Malen vorher Verbrecher auf Grund weit schwächerer Indizien zum Tode verurteilt wurden und diese Urteile auch vollstreckt wurden. Jst's vielleicht darin zu suchen, daß mit dem Fortschritte der Soziologie, der Menschenrechte heute das Menschenleben höher bewertet wird, oder vielleicht darin, daß das feministische Element, im letzten Akt des Dramas erscheinend, das Urteil, vielmehr die Kritik desselben etwas verwirrt hat? Jedenfalls ist es a priori als vorzügliches Zeichen dafür zu deuten, daß der Sinn für Gerechtigkeit sich in auffteigender Linie befindet, daß diese.Vorgänge den Anfang eines Kampfes gegen das Indizium, gegen aus Indizien geschöpfte Urteile darstellen, denen mcur mit demselben Rechte zu Gunsten des Angeklagten die Sphäre der unbegrenzten Möglichkeiten gegenüberstellen kann! Wie gut hierauf anwendbar sagt doch der Dichter: Seltsam klingt des Dichters Lied, doppelt seltsam was geschieht! Alle Justizmorde, die seit einem Jahrhundert bekannt wurden und denen man die Bezeichnung „Justizirrtum" als Mäntelchen umzuhängen suchte, sind natürlich auf Indizienbeweise zurückzuführen, und das bekannte Wort Machiavellis „bringt mir eine geschriebene Zeile irgend eines Menschen nnd ich bring ihn an den Galgen," birgt gewiß in sich die schönste Verurteilung so manchen Urteils auf Indizien. Nicht zu allen Zeiten lebt ein Jean Jacques Rousseau, der sein Leben lang und endlich mit vollem Erfolg für die allerdings nachträgliche Rehabilitierung'eines unschuldig mit dem Schwerte Gerichteten kämpfte.*) Muß es nicht das allergrößte Bedenken erregen, wenn ein Staatsanwalt repliziert: .^Bejahen Sie ohne Bedenken die auf Mord gerichtete Frage, geköpft wird er doch nicht!" Ist dann die Garantie des Staatsanwalts so ganz zweifelsohne, ganz allgemein gesprochen, namentlich in dem Falle, wenn der gnadenspendende Regent oder auch Präsident selbst ein enragierter Anhänger der Todesstrafe ist, sein Urteil selbständig macht und den betreffenden Referenten einfach negiert! — Bedeutet die i— wenn auch nur theoretisch verhängte Todesstrafe mit Straffolgen nicht *) Wer denkt hier nicht an Drehffuß? Auch da gabs einen „Rechtsirrtum", der Dreyfutz an den Galgen — T^ufelsinsel — brachte. Nur seiner allen Torturen trotzenden Gesundheit dankt er die Rehabilitierung durch seinen Rousseau — Emile Zola! auch gleichzeitig den völlig moralischen Tod des Angeschuldigten? — Sollte cs dem menschlichen Geiste den» nicht möglich werden, hier angemessene Reformen zu schaffen? — Man beachte nur d as Gerichtsverfahren im alten Judäa! Nur auf Grund zweier Tatzeugen konnte ein Angeklagter gerichtet und zunr Tode verurteilt werden. (Pent. Deut. V.) Und wesentlich sicherer wurde das Urteil noch gemacht durch die prozessuale Vorschrift über Qualität der Zeugen. Ganze Berufs stände wurdenbeispielsweiscnichtzurZeugenschaftzugelassen. (Talmud S an heb rin.) Im Äolksmunde wurde, ein Besdin.(Gerichtshof), der innerhalb von 7 Jahren zwei Todesurteile fällte, für mörderisch gehalten! (Sanhedrin 240.) Da weiters im Gesetz weder Ankläger noch Verteidiger vorgesehen, so war — so paradox es etwa klingen Mag'— sofern der Schuldspruch c i n st i m m i g erfolgte., der Beschuldigte von der Schuld freizusprechen! Motiviert wird dieses Paradoxon durch den Endzweck: der Beseitigung jeglicher Voreingenommenheit und Oberflächlichkeit, so daß in jedem Gerichtshof dem todeswürdigen Verbrecher per uatura ein Verteidiger entstehen mußte! Es ist diese Rechtspraxis umsoniehr anzuerkcnnen, als doch bekanntermaßen die Vergeltungstheorie als Richtschnur für die Praxis in scharfer Weise oft vorgezeichnet war: Aug um Aug usw."- Soweit der Verfasser, der allerdings mit seinem letzten Satz von der „Vergeltungstheorie" entgleist. Denn jeder christliche Theologe wird bestätigen, was schon zum so und so vielsten Male gesagt wurde, daß hier nur an den „S ch a d e n e r s a tz" gedacht ist Im übrigen könnte man noch vieles für die Trefflichkeit des jüdischen Gerichtsverfahrens anführen, wie die Kostenlosigkeit desselben, den Mangel der eigentlichen Gefängnisstrafen mit all dem Elend für Weib und Kind des Dcliquenten, den Mangel eines Begnadigungsrechtes, die Fürsorgeerziehung Straffälliger u. s. f. Alles Dinge, die noch für die Gegenwart Porbleme bilden. Doch das war nicht des Verfassers Aufgabe. Uns genügt's, wenn man jüdische Rechtsanschauungrn heute noch als mustergiltig zitiert. Leipzig. Bon den fast 15000 Juden des Königreichs Sachsen wohnen 7700 in Leipzig, 3500 in Dresden und 1300 in Chemnitz. (k.) Posen. In der Stadtverordnetensitzung stand die Sonntagsruhe im Handels ge werbe auf der Tagesordnung. Stadtverordneter Kirschner rekapituliert zunächst im wesentlichen die von der Versammlung am 5. Juli gefaßten Beschlüsse über die Neuordnung der Sonntagsruhe und macht dann von einer Eingabe Mitteilung, die eine Anzahl jüdischer Firmen an die Versammlung gerichtet hat. In dieser wird hervorgehoben, daß diese Firmen ihren Angestellten eine ausreichende Ruhezeit dadurch gewähren, daß ihre Geschäfte von Freitag abend bis Sonnabend abends geschlossen bleiben. Mit Recht, so führte Referent aus, weisen diese Firmen, cs sind etwa 60 an der Zahl, darauf hin, daß sie bei der starken Konkurrenz nicht bestehen können, wenn sie nicht am «sonntag wenigstens die dringendsten Geschäfte, Besprechungen mit Reisenden usw. erledigen dürfen. Sie bitten daher, bei geschlossenen Türen, ohne die Möglichkeit des Verkaufs, ihr jüdisches Personal Sonntags auch von 7 bis 71/» und von 1 bis 2 Uhr beschäftigen zu dürfen. Stadtverordneter Jgnatowiez stimmt den Ausführungen des Vorredners zu. Er habe aus de» Unterschriften der Eingabe gesehen, daß es sich hier nicht um Engrosgeschäfte handle. Natürlich müßten diese Geschäfte für den öffentlichen Verkauf in dieser Zeit geschlossen bleiben. Er bittet ebenfalls um Zustimmung zur Vorlage. Hierauf wird der Zusatz zum Ortsstatut betreffend die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe, wonach jüdische Firmen, die ihre Geschäfte am Sonnabend geschlossen halten, ihre Angestellten auch Sonntags von 7—7Vr und von 1—2 Uhr beschäftigen dürfen, angenommen. Rußland. Petersburg. Die Tätigkeit des Verbandes des russischen Volkes. Wie berichtet wird, hat man dem Verband zu verstehen gegeben, daß in der Zukunft Angriffe auf die Behörden unter keinem Umstande werden geduldet werden. Ohne Zweifel muß sich der Verband, wenn auch zähneknirschend einer solchen kategorischen Weisung unterordnen. Das lehrt die Resolution, welche am 2/15. August der Hauptrat des Verbandes gefaßt hat. Auf der Tagesordnung stand die Frage der Abscndung einer Deputation an den Zaren. Die betreffende Resolution lautet: „In Anbetracht dessen, daß der letzte Versuch, an den Zaren eine Deputation zu senden von keinem Erfolge gekrönt war; daß dem Verbände des russischen Volkes die Bureaukratie feindlich gesinnt ist und den Zaren über die Tätigkeit des Verbandes falsch unterrichtet und in fernerem Anbetracht, daß eine Mtte um Erlaubnis bei deni Zaren sich zu melden, nur Spott und Hohn seitens der zuständigen Behörden Hervorrufen könnte, wurde beschlossen, von der Absendung einer Deputation abzusehen." Der Verband des russischen Volkes ^tvird deshalb andere Mittel suchen müssen, um seine Schimpf- und Hetztätigkeit fortzusetzen. Mit verdoppelter Anstrengung wird er jetzt seine Pogromtätigkeit gegen die Fremdgläubigen wieder aufnehmen. Das ist ein dankbares Thema und ist für den Verband vollkommen gefahrlos. Mit Eifer verbreiten die echt-russischen Leute jetzt die Resolution eines Kosakendorfes, in welcher der Zar angefleht wird, die Juden von der Teilnahme a n d e n Wahlen für die dritte Duma auszuschließen, damit diese nur echt-russisch 'sei. Der Zar hat an dem Rande dieser Resolution geschrieben: „Mit Vergnügen g e l e s e n." - Diese Bemerkung giebt ihnen neuen Agitationsstoff und verleiht ihrer unheilvollen Tätigkeit den Schein allerhöchster Billigung. „Nuss. Korresp." Nischui-Nowgorod. Auf der hiesigen Messe, der berühmtesten Rußlands, sind diesmal 847 Juden gegen 472 im Vorjahre und 346 im Jahre 1905 anwesend. Kertsch. Aul allerhöchsten Befehl ist das wegen seiner Beteiligung an dem seinerzeitigen Pogrom verurteilte Gesindel begnadigt worden. Odessa. Der Geneidehandel in Odessa ist ein ganz gewaltiger und liegt meistens in den Händen der Juden. Für das Füllen des Getreides in die Säcke werden die zuverlässigeren jüdischen und für das Tragen der Säcke von den Eisenbahnwaggons in die Schiffe die kräftigeren christlichen Arbeiter genommen. Nun haben die christlichen Arbeiter verlangt, daß nicht in e h r wie 50»/o der Arbeiter Juden sein dürfen und sofort am nächsten Tage eine Anzahl jüdischer Arbeiter verjagt und Christen auf deren Posten gestellt. Ueber die Maßnahmen seitens der jüdischen Getrcidehändler liegen noch keine bestimmten Nachrichten vor. Palästina. Jerusalem. Großeisrael.Vergnügungsreise nach Palästina, Syrien, Aegypten, Griechenland und Konstantinopel: Die vom Rcisebureau „Tabor", A. Grajevsky L Co. in Jerusalem, im Herbst l. I. zu veranstaltende Vergnügungsreise nach dem Orient findet starken Anklang unter allen Schichten des Judentums. Es sind bereits aus Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Holland, Dänemark und Rußland eine solche Anzahl von Anmeldungen zur Reise eingetroffen, daß das Statst »den der Reise gesichert ist. Herr A. Grajevsky, Direktor des Reisebureaus „Tabor", fährt am 16. September von Jerusalem nach Konstantinopel ab, um dort die letzten Arrangements auf dem ihn dort erwartenden Dampfer zu treffen. Von dort aus begibt er sichl nach Budapest, Hotel Royal, wo er die Teilnehmer erwartet. Diejenigen, welche die Absicht haben, sich an dieser Reise zu beteiligen, werden gut tun, ihre Anmeldungen zur Reise derart einzuschicken, daß dieselbe in Jerusalem noch vor der Abfahrt des Herrn Grajevsky eintresfen. Die Reise nimmt 'ab Wien und Budapest am 15. Oktober ihren Anfang, und dauert 28 Tagevon welchen 2 Tage in Konstantinopel, 1 Tag in Smyrna und Rhodos, 15 Tage in Syrien und Palästina, 2 Tage in Aegypten und! 1 Tag in Piräus (Athen) zugebracht werden. Prospekte und nähere Auskünfte durch das Reisebureau „Tabor" A. Gro jevskh L Co. in Jerusalem, Palästina. Personalien. Frankfurt a. M. Gegenwärtig weilt in Frankfurt der bekannte jüdische Volksdichter und Schauspieler Goldfaden. Er beabsichtigt, in den nächsten Tagen einen deklamatorischen national-jüdischen Abend Lu veranstalten. Darmstadt. Otto Wolfskehl, ehemaliger Vizepräsident der Zweiten Kammer und eines der hervorragendsten und tüchtigsten Mitglieder der nationalliberalen Partei Hessens, ist g e st o r b e n. Als die antisemitischen Banernbündler ihm 1897 die Wahl zum Präsidenten streitig machten und er bei dieser Gelegenheit auch bei seiner Partei nicht den nötigen Rückhalt fand, zog er sich unter Berzichtleistung auf sein Mandat vom parlamentarischen Leben zurück. Gießen. Hier verschied im 64. Lebensjahre Frau Pauline Cohn, Witwe des 1898 verstorbenen bekannten Botanikers und Ehrenbürgers der Stadt Breslau Geh Regierungsrat Professor Ferdinand Cohn. ' Berlin. Die Rechtsanwälte Dr. S. Meyer- Hannover, Goldberg -Bochum, S. Meyer-Stargardt, Kantorowicz-Koschmin und Blaß und Dr. Moll-Breslau erhielten den Charakter eines Justizrats. Köln a. Rh. Rentier Leonhard Emanuel, seit Anfang. dieses Jahres in Solle bei München wohnhaft, erhielt den Roten Adlerordcn 4. Klasse. — Herr Emanuel fungierte lange Jahre bei den königlichen und städtischen Behörden als Berater in Jmmobilien-Abfchätzungen, ihm ist auch hauptsächlich die glückliche Erledigung der schwierigen Verhandlungen zwischen der Stadt und dem Reichsmarinefiskus bezüglich Auflassung der rechts- und linksrheinischen Umwallungen zu verdanken. Breslau. Rentier Hermann Hamburger, Mitinhaber der angesehenen Firma I. Z. Hamburger, Repräsentant der Israel. Gemeinde, städtischer