Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 33 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33. Seite 11. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. — Bunte Chronik. Rabbiner S. R. Hirsch s. A. and der Bezirkshauptmann. Der Bezirkshauptmann von Ungar.-Brod erließ am 30. Dezember 1850 folgenden Mas: „In der hiesigen israelitischen Schule habe rch die unliebsame Wahrnehmung gemacht, daß die Schüler des männlichen Geschlechtes mit bedecktem Haupte dem Unterrichte beiwohnen. Ich wünsche, daß diese unanständige und den Unterricht hinderliche Sitte, welche im mosaischen Gesetze nicht begründet ist, sogleich und für immer beseitigt werde. Sollte ich bei meinem unerwarteten Besuche in der Schule diese Unsitte noch antresfen, so wird der Herr Lehrer für diese fahrlässige Handhabung der Schuldisziplin bei jeder Betretung mit 5 Gulden unnachsichtlich gestraft." Der Rabbiner Moses Nirscher wandte sich zunächst um Instruktion an das Landesrabbinat in Nikolsburg. S. R. Hirsch, der damals die Landcsrabbinerstelle bekleidete, antwortete am 10. Januar 1851: „Der Herr Bezirkshaiiptmaiiii hat vierfach Unrecht. 1. Daß er, da ihm der Lehrer gesagt, cs geschehe auf Ihre (Rabbiners) Anordnung, nicht zuvor mit Ihnen darüber gesprochen und somit alles außer Augen gelassen, was der Autorität und dem Ansehen des Rabbiners gebührt. 2. Daß er sich befugt glauben konnte, zu beurteilen und auszusprcchen, was im mosaischen Gesetze erlaubt sei oder nicht. 3. Daß er eben das von Ihnen zitierte Gesetz (Traktat Kiduschim, Fol. 31, More Nebochim, 3.'Teil, Kap. 52) übersehen und 4. daß er die Sitte unanständig und als den Unterricht hinderlich bezeichnet. Unanständig ist nichts, was in dem Kreise, wo cs geschieht, Sitte ist. In einer jüdischen Schule ist daher das Kopsbedecken nicht unanständig, weil dasselbe jüdisch-religiöse Sitte ist. Wie cs den Unterricht hindern soll, ist nicht cinzusehen, vielmehr könnte das Nichtbcdeckeu in einer hebräisch-deutschen Schule hinderlich sein, wenn z. B. der Lehrer beim deutschen Unterrichte zur Erläuterung auf einen hebräischen Gegenstand und hebräische Bibclstellen eingingc und dabei die Kinder sich immer bedecken müßten. Ich kann nicht zusehen, derlei unbefugte Uebcrgriffe politischer Beamter sich gefallen zu lassen. Mein Rat wäre der: Würden Sie sich bei der Krcisrcgierung beschweren, der Herr Bezirkshauptmann würde unbezwcifelt einen ernsten Verweis erhalten und zur Zurücknahme seiner unbefugten Verfügung verhalten werden. Das tun Sic aber noch nicht. Sondern ich rate. Sie gehen persönlich zum Bezirkshauptmann, stellen ihm gerade und offen das Obige vor, sagen ihm auch, daß wenn es auch nicht mosaisches Gesetz sei, so sei es doch jüdisch-religiöse Sitte im jüdischen Kreise und die hohe Negierung wolle sicherlich hier nicht störend eingreifcn, werde überhaupt Nur dann Bildung unter den Juden befördern können, wenn sie unsere jüdisch-religiösen Sitten gebührend schont. Mancher fromme Vater wird sein Kind lieber ganz vom deutschen Unterrichte abhaltcn, wenn sein Kind gezwungen werden soll, das zu tun, was er für unreligiös erachtet, und auf keinen Fall stünde es aber irgend einer politischen Behörde zu, hier irgendwie auf diesem Gebiete einznwirken oder gar durch Strafverfügung einen Zwang ausüben zu wollen. Sie seien überzeugt, er werde es selbst als übercilig ausehen und kommen daher lieber persönlich zu ihm, als daß Sie Höherenorts Rekurs hätten nehmen wollen. Ich bin überzeugt, wenn der Mann nur halbwegs vernünftig ist, wird er sein Unrecht einsehen und es wieder gut machen. Freundlichst H i r s ch." Hierauf schrieb der Bezirkshauptmann an den jüdischen Gemeindevorstand: „Bevor ich in der dem Gemeindevorstande bekannten Angelegenheit wegen der Kopfbedeckung von Seite der männlichen Schuljugend während des Unterrichtes weitere Schritte veranlasse, wünsche ich zu erfahren, wie cs die Gemeinde selbst in dieser Angelegenheit gehalten wissen will, und verordne dem Gemeindevorstande, den Gemeindeausschuß darüber einzuvernehmen und mir das über den diesfalls gefaßten Beschluß anfgenommene Protokoll baldigst vorzulegen." '' Der Gemeindevorstand erklärte, daß er die Kopfbedeckung für den allgemeinen Unterricht aufhebe, — und damit war die Angelegenheit erledigt. * * » Das tägliche Brot im Altertum. In einem interessanten Aufsatze über „Das tägliche Brot im Altertum", den ''Adolf Flachs in der „Bossischen Zeitung" veröffentlicht, heißt es: „lieber das Getreidewesen bei den Phönikiern und den Israeliten liegen gleichfalls Nachrichten vor, darunter viele, die vollen Glauben verdienen, Aus diesen geht hervor, daß die erstercn gezwungen waren, ihren Bedarf an Getreide vornehmlich in Egypten, Judäa und Cypern zu decken. Dies bereitete ihnen keine großen Schwierigkeiten, da sie ohnehin einen lebhaften Handel mit Naturprodukten und allerhand anderen Artikeln trieben. Der phönikische Getreidehandel lag fast ausschließlich in den Händen der Herrscher, welche eigene Flotten besaßen, und führte zu lebhaften Beziehungen mit dem benachbarten Jsraeliten-Reiche, welches bekanntlich jahrhundertelang ein ausgesprochener Ackerbanstaat war. In dieser .Hinsicht erwähnt der Prophet Hesekiel in seiner Schiloerung des syrischen Handels (Kap. 22 bis 28) unter den Hauptgegenständen des palästinisch-phönikischen Handelsverkehrs zuerst des Getreides ans Minnith, einer Stadt des an Weizen reichsten Landes der Ammoniter. In Palästina kannte man schon damals mehrere Sorten Weizen, und bei der sorgsamen Pflege, die die israelitischen Landwirte auf die Weizenkultur verwandten, wurde die Güte dieser Feldfrucht im Welthandel auch allgemein anerkannt, Als die Hauptplätze des Weizenhandels in Palästina erscheinen Liberias, Sepphoris und Ascalon; vor der Zerstörung Jerusalenis dürfte letzteres den anderen weit überlegen gewesen sein. Bon da aus gab es fünf große Straßen, die zum Teil gut erhalten wurden. Die wichtigsten waren die nach Haurün, der Hauptgetreidekammer des Orients, und die nach Akko, der Hafenstadt. Im alten Palästina wurden die Vorräte an Getreide, wie heute noch in jenen Gegenden, in Gruben oder in natürlichen Höhlen verwahrt; damit glaubte man es geschützt gegen Wurmfraß und Diebstahl oder Raub; die Grube, einer Flasche nachgebildct, hatte eine Tiefe von 2—2Ve Klaftern und einen Durchmesser von, 8 bis 10 Fuß; der Hals war 4—5 Fuß lang und 15—18 Zoll breit. Einige Tage vorher verbrannte man in der Grube reichlich Stroh. Dann wurde sie gereinigt, auf dem Boden und an den Seiten mit reinem Stroh bedeckt und hierauf fest mit Getreide gefüllt. Run verstopfte man den Hals mit Stroh, endlich wurde das Ganze mit einem Erdhügel bedeckt. Daneben gab es natürlich auch Scheunen und Speicher, doch' scheint man den Gruben den Vorzug gegeben zu haben. Sie ließen sich mit wenig Kosten Herstellen, waren vor Feuersgefahr und vor Angriffen seitens raublustiger Gesellen geschützt, nahmen kein sonst nutzbares Terrain in Anspruch und verhinderten das Schwinden des Getreides mindestens zwei Jahre lang. Dieser Vorteil setzt ein warmes Klima und vollkommene Trockenheit des Bodens und der Frucht voraus. Wie schon Johann David Michaelis in seinem Werke „Mosaisches Recht" (Reutlingen 1785) ausführlich erörtert hat, war der ganze mosaische Staat auf Landwirtschaft, in erster Linie auf Ackerbau gegründet. Jeder Mann sollte einen 'Acker besitzen, dessen er sich nie entünßern durfte. So konnte keiner geboren werden, der nicht ein Stück Acker erbte. Der Acker war der kapitalistischen Beeinflussung entzogen, konnte daher auch kein Spekulationsvbjekt bilden. Der Besitz gab bloß das Recht der Nutzung bis zum nächsten Sabbatjahr, in weiterer Folge bis zum nächsten Jobeljahr. In jedem siebenten Jahre mußte dem Boden Rast gegönnt werden. Weder Säen noch Ernten war gestattet. Was auf dem Felde ohne Aussaat ans ausgefallenen Körnern der Cerealien gewachsen war, durfte Jedermann genießen. Mit der Ruhe des Landes war zugleich die Einstellung wenigstens der schwersten Arbeiten, welche die Ausübung der Landwirtschaft forderte, mittelbar gegeben. Es durften Schulden von Gläubigern, die der Haupteinnahme aus der Landwirtschaft entbehrten, nicht eingetrieben werden. Nach Ablauf von sieben, solchen Sabbatjahre», die einen Zeitraum von 49 Jahren einschlossen, begann das Jobeljahr (von „Jobel" — Posaune), auch das.Freijahr genannt, welches das 50. war. Auch im Jobeljahr ruhte, wie im «abbatjahr, das Land. Es blieb demnach zwei Jahre lang brach liegen, nämlich' während des 7. Sabbatjahres und während des folgenden Jobeljahres. Wenn jemand ans Not seinen Besitz ganz oder teilweise hatte veräußern müssen — im Jobeljahr fiel er an ihn oder seine rechtmäßigen Erben ohne Zahlung zurück, wenn er nicht schon früher durch den Verkäufer oder seine Verwandten ausgelöst worden war. Nach der Zahl der bis zum Jobeljahr möglichen Ernten wurde der Preis des Besitzes bestimmt. Für eine so tief in das gesamte Wirtschaftsleben des Volkes eingreifende Agrargesetzgebung finden wir in der Gegenwart kein Analogon." Kirnst und Literatur. Bonaparte, Byron und die Briten von P. Holzhausen, Frankfurt a. M. Diesterweg. Spezialitätenliteratur nach deni Programm des Stimmungshistorikers. Dieses Programm ist leider nicht erreicht, trotz aller Zitate, aller historischen Details — teils wegen der mangelnden schriftstellerischen Begabung des Autors, die sich oft in monströsen Satzgebilden knndgibt, und ihn hindert, seinen Stoff zu formen, zu tönen und zu färben, bis ein plastisches Gebilde von Zeit- und Lokalarbeit daraus entsteht — teils von der unglaublich ungeschickten Anordnung der 798 Anmerkungen (zu einem Text von nur 276 Seiten) am Ende des Buches. Dieses ewige Ueberschlagen der Seiten läßt natürlich keine Stimmung aufkommen. Inwieweit die historische Genauigkeit geht, ließe sich nur bei detaillierter Nachprüfung konstatieren, doch dürfte trotz der aufgewendeten Emsigkeit die Spiegelung Napoleons im Geiste Byrons und der Engländer beim größeren Lesepublikum wenig Resonanz finden. Es hätte sich denn einer gefunden, der den an sich interessanten Stoff künstlerisch gestaltet hätte. Nebenbei sei noch die Geschmacklosigkeit vermerkt, mit der ein charakterloser Journalist besonders als Jude eingeführt wird, und dessen „verächtliche Persönlichkeit" als schlauer Jude charakterisiert ist. Das braucht nicht gleich auf antisemitische Tendenzen hinzuweiscn, sicher aber übersieht man derlei Defekte nur bei künstlerisch gehaltvollen Persönlichkeiten. Walter Pater. Gesammelte Aufsätze, Griechische Studien. Dietrichs, Leipzig. Interessante Spaziergänge in der Mythologie und dem damit zusammenhängenden Kunstleben der Griechen. Mch't alles neu, nicht alles selbständig und vielleicht sogar nicht alles interessant für den Leser, der Paters merkwürdige Persönlichkeit hinter diesen Studien nicht sieht. Doch immer voll Gefühl für das Schöne, das Beredte, das Psychologische in der „vergleichenden Religionswissenschaft". Dieses Gebiet und die Wiedergabe der seelischen Zusammenhänge und Werte in den Legenden sind das Bedeutende an dem Buch. Merkwürdig ist die Vorliebe für das Aufspüren der dunklen, schweren Mystik in den Gestalten des Dyonisos und der Persephone und das Verweben dieses Elements in die durchsichtig klare Gestalt des Hyppoliptos, der doch aufgeblüht war, wie eine Blume, um zu verblühen. Die Nebersetznng von Wilh. Nobbe ist wirklich gut, trotz des prätentiösen Zitats aus.Nietzsche'» Jenseits von Gut und Böse, wenn auch nicht ganz so klingend und rythmisch, wie dieser Appell an den Leser sie erwarten ließe. Kämpfende Geister im Judentum. Vier Biographien von Dr. S. Bernfeld. 150 S. 2,50 JL Berlin, Louis Lamm. < „Das Interesse für Männer unserer Geschichte bei gebildeten Lesern hervorzurufen", veranlaßte Bernfeld, das Lcbensschicksal Leon Modena's (1571—1648), Mose Halm Luzatto's (1707—1747), Salomo Maimon's (1754—1800) und Samuel David Luzatto's (1800—1865) vorzuführen und damit Ausschnitte aus der jüdischen Geschichte, die Licht über ganze Perioden derselben werfen, zu geben. 'Allen vier Männern war gemeinsam, daß sie gegen den Strom schwammen; Modena ünd'Maimon wurde es im Ghetto unerträglich, M. H. Luzattv träumte von einer Welt neuer religiöser Ideale und S. D. Luzattv hielt sich verpfichtet, gegen die infolge der Emanzipation eingetretene Nivellierung des Judentums Front zu machen. Bernfeld erzählt prägnant und klar, und das Lesen wird dadurch zu einem Genuß. Unlieb verspürt man mitunter den Diangel an Wärme. Es kommt das daher, daß Bernfeld zu jenen jüdischen Schriftstellern Osteuropas gehört, die, in einem jüdischen Milien aufgewachsen und mit reichem jüdischen Wissen ausgestattct, dennoch nicht mehr im traditionellem Judentum, das sie aus der Praxis ihres Lebens verdrängt haben, wurzeln. Hamburg-Amerika Linie. Die nächsten Abfahrten von Post- und Passagier-Dampfern finden statt: Rach Newyork: 22. 8. Postd. Kaiserin 'Auguste Victoria; 24. 8. Postd. .President Lincoln; 29. 8. Postd. Blücher; 31. 8. Postd. Graf Waldersee; 4. 9. Postd. -Oceana; 5. 9. Postd. Amerika; 7. 9. Postd. Pennsylvania; 11. 9. Postd. Batavia. Nach Boston: 31. 8. Postd. Bethania. Nach Baltimore: 31. 8. Postd. Bethania. Nach Philadelphia: 27. 8. Postd. Arcadia. M. Auskünfte! Grosse Detectiv-Zentrale I!! über Vermögens«. Familientu Geschäftsverhältnlsse, Beobachtungen, Ermittelungen an allen Plätzen der Welt. Salzhans 6, I. Telephon 4359. Trauringe, Uhren, Goldwaren von J. P. Mazzebach Nchf. jetzt direkt an der Markthalle, 60 Börnestrasse 60. JVauringß. Billigste Preise. Teleph. 5046, Grosse, schOne ÜDNN D'Ob'lb DM’nflK aus Palästina. Lager: Langestrasse 51, II. Weine und Cognacs ans den RoUtsebild’seben Kolonien InPalistina. Lager: Dominikanergasse 5. §, Babinowitz ans Jerusalem. En gros- En ieiall.